Stellungnahme zum Rx-Versandverbot

Kassen wollen mit Versandapotheken die Landversorgung retten

Berlin - 10.03.2017, 11:45 Uhr

Lieber Versandapotheken als Präsenzapotheken: Der GKV-Spitzenverband schreibt in seiner Stellungnahme zum Rx-Versandverbot, dass die Versandapotheken Versorgungslücken auf dem Land schließen können, wenn die Apotheken wegfallen. (Foto: Sket)

Lieber Versandapotheken als Präsenzapotheken: Der GKV-Spitzenverband schreibt in seiner Stellungnahme zum Rx-Versandverbot, dass die Versandapotheken Versorgungslücken auf dem Land schließen können, wenn die Apotheken wegfallen. (Foto: Sket)


Die Krankenkassen laufen Sturm gegen das vom Bundesgesundheitsministerium geplante Rx-Versandverbot. In seiner Stellungnahme zum Referentenentwurf des Ministeriums erklärt der GKV-Spitzenverband, dass die Kassen nicht auf Versandapotheken verzichten wollen. Es sei zu erwarten, dass die Apothekenzahl auf dem Land weiter zurückgehe – dann würden die Versender benötigt.

Das Bundesgesundheitsministerium (BMG) hatte den Referentenentwurf zum Rx-Versandverbot vor etwa drei Wochen in die Abstimmung mit den anderen Ministerien gegeben. Unüblicherweise hatte das Ministerium zeitgleich die betroffenen Fachverbände zur Stellungnahme aufgerufen. Bis zum 15. März haben alle Marktbeteiligten Zeit, sich zu dem Gesetz schriftlich zu äußern. Als eine der ersten Stellungnahmen ist nun das Papier des GKV-Spitzenverbandes an das BMG verschickt worden.

In der Positionierung, die DAZ.online vorliegt, lassen die Krankenkassen kein gutes Haar an den Plänen von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) und fordern die komplette Streichung aller im Entwurf vorgesehenen Neuregelungen. Im Zeitalter der Digitalisierung sei das Verbot „unzeitgemäß“. Jegliche Sicherheitsbedenken am Versandhandel lässt der Kassenverband nicht gelten. „Die seit mehr als einer Dekade gemachte Erfahrung mit diesem Vertriebsweg zeigt, dass auch im Rahmen des Versandhandels die Sicherheit der Versorgung gewährleistet ist“, heißt es in der Stellungnahme.

Wenn die Apotheken schließen, ist der Versandhandel zur Stelle

Das Hauptargument der Kassen für den Erhalt des Rx-Versandes ist aber, dass die Patienten den Versandhandel aus Kassensicht schlichtweg benötigen. Es bestehe ein „Bedarf“. Und weiter: „Andernfalls würde das Geschäftsmodell des Versandhandels nicht über einen so langen Zeitraum bestehen. Bei einem pauschalen Verbot könnte dieser Bedarf nicht mehr befriedigt werden.“

Doch die Kassen wollen den Versand auch aus versorgungstechnischer Sicht erhalten. In seiner Stellungnahme geht der GKV-Spitzenverband beim Thema „flächendeckende Versorgung“ auf die zurückgehende Apothekenzahl ein. Aus Sicht des Kassenverbandes gewinnen städtische Räume zunehmend an Attraktivität, während es immer unattraktiver für Ärzte und Apotheker werde, eine Apotheke auf dem Land zu eröffnen.

Doch anstatt sich dafür einzusetzen, die Apotheke vor Ort in strukturschwachen Regionen zu erhalten, setzen die Kassen eher auf den Versandhandel. So heißt es in der Stellungnahme:  „Der Versandhandel kann in bestimmten Regionen Patientinnen und Patienten helfen, Wege zu vermeiden und besitzt damit Vorteile gegenüber Präsenzapotheken.“ Statt den Internethandel einzugrenzen, solle die Vertriebsstruktur von Arzneimitteln so flexibilisiert werden, „dass in allen Regionen Deutschlands – unabhängig von der Bevölkerungsdichte – eine sichere und bedarfsgerechte Versorgung mit Arzneimitteln erreicht werden kann. Dabei ist der Versandhandel mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln ein geeignetes Mittel.“

Kassen argumentieren mit Versender-Argumenten

Der Kassenverband liefert auch eine eigene Erklärung für die rückgängige Apothekenzahl. Diese Entwicklung habe nichts mit dem Versandhandel oder gewährten Rx-Boni zu tun. Vielmehr sei eine „Konsolidierung des Apothekenmarktes“ zu beobachten, wobei der Trend zu immer größeren Apotheken mit größeren Umsätzen geht. Und woher kommt diese Konsolidierung? Laut GKV-Spitzenverband ist die Ursache dafür „technischer Natur in Form von Skaleneffekten“. Und weiter: „Aufgrund eines großen Anteils von Fixkosten bei Apotheken wie Mieten oder Personalkosten führt steigender Absatz zu einer Degression der Kosten pro abgegebenem Arzneimittel. Apotheken mit hohem Umsatz sind entsprechend wirtschaftlich attraktiver. Diese Entwicklung kann auch in anderen Branchen wie dem Lebensmitteleinzelhandel beobachtet werden.“

Auffällig ist auch, dass der Kassenverband in Teilen seiner Argumentation exakt mit der Positionierung der inländischen und ausländischen Versandapotheken übereinstimmt. Die Versender argumentieren gegenüber der Politik derzeit, dass die Apothekenzahl ihren Höhepunkt erreichte, als die Rx-Boni noch zugelassen waren. Insofern würde auch die flächendeckende Wiedereinführung der Boni keinen negativen Effekt auf die Apothekenstruktur haben, meinen die Versender.

Kassen: Boni und Versand schaden der Apothekenstruktur nicht

Dieses Argument greift nun auch der GKV-Spitzenverband auf. In der Stellungnahme heißt es: „Im Jahr 2008 erreichte die Anzahl der Apotheken in Deutschland nach Angaben der ABDA ihren Höhepunkt. Der vorherige kontinuierliche Anstieg der Apothekenzahl geschah parallel zur Einführung des Versandhandels. Zu diesem Zeitpunkt wurden ebenfalls von ausländischen Versandapotheken Boni für Patientinnen und Patienten gewährt. Einen kausalen Zusammenhang des Apothekenrückgangs mit der Zunahme des Versandhandels kann es also nicht geben.“

Kassenverband lehnt neue Regeln zum Botendienst ab

Außerdem lehnen die Krankenkassen die im Referentenentwurf vorgesehenen Neuregelungen zum Botendienst ab. Das BMG hatte im Entwurf vorgesehen, den Botendienst erstmals gesetzlich zu definieren. Unter anderem würde dies bei einem Versandverbot nötig werden, um die Auslieferungen der Apotheker vom dann verbotenen Rx-Versand abzugrenzen.

Aber auch mit Blick auf diese Neuregelung macht der Kassenverband deutlich, dass er den Versandhandel dem Botendienst vorzieht. Wörtlich heißt es in dem Papier: „Insgesamt befürwortet der GKV-Spitzenverband es grundsätzlich, alternative Versorgungsformen neben der klassischen stationären Apotheke zu schaffen.“ Allerdings werde der Botendienst nicht den Versandhandel ersetzen können, wenn Patienten schon heute nicht im Einzugsbereich einer Apotheke leben und online bestellen. Und weiter: „Zudem ist die Wirtschaftlichkeit einer Versorgung durch den Botendienst gegenüber dem Versandhandel grundsätzlich infrage zu stellen.“

Rahmenvertrag soll so bleiben

Es ist nicht das erste Mal, dass sich die Krankenkassen so drastisch in die Debatte um den Versandhandel einmischen. Erst vor wenigen Wochen hatte der GKV-Spitzenverband in einem Schreiben an mehrere Apotheker mitgeteilt, dass die Krankenkassen DocMorris nicht aus dem Rahmenvertrag schmeißen oder sanktionieren möchten. Hintergrund: Viele Apotheker hatten die Kassen angeschrieben und sie dazu aufgefordert, den Rahmenvertrag gemeinsam mit dem Deutschen Apothekerverband (DAV) zu überarbeiten, weil DocMorris und Co. wieder Rx-Boni gewährten, diese aber laut Rahmenvertrag verboten sind. Der Kassenverband lehnte das aber ab.



Benjamin Rohrer, Chefredakteur DAZ.online
brohrer@daz.online


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6 Kommentare

WiWo Titel 11/17 - GKV & Co. etc.

von Christian Timme am 11.03.2017 um 11:36 Uhr

Für den Anfang nicht schlecht. Hätte jemand vom Handelblatt schreiben können, mit mehr "Spitzen" und nicht so "wattig und beschreibend". Da ist noch jede Menge (Druck-)Luft, für pointierte Steigerungen, vorhanden ... eine Serie könnte hier auch mal am Ball bleiben ... jede Woche nach neuen Themen suchen, um nicht anzuecken, ist doch keine Herauforderung ... Frau Me(r)ckel, sorry ... Ihr USP verträgt weniger (r) ...

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Kühlartikel + BtM

von Dr. Arnulf Diesel am 11.03.2017 um 10:14 Uhr

Da die Versorgung "auf dem Lande" schon gut per Versand klappt, wie sieht es denn mit Kühlartikeln, BtM etc. aus? Wir deutschen Apotheken unterliegen dem Kontrahierungszwang, aber einen verpflichtenden Botendienst oder Vorbestellservice gibt es nicht. Wer weniger mobil aber durch ausländische Versandapotheken gut versorgt ist und darüberhinaus spart, hat dann genug Geld, sich seine Fentanylpflaster in der 30 km entfernten Apotheke durch Rezeptvorlage zu bestellen und später abzuholen...
Der Kunde hat es in der Hand, seine Versorgung bewußt zu gestalten. In anderen Branchen sind wir schon deutlich weiter: Wer seine Glotze online bestellt, erwartet überhaupt nicht mehr, daß es 1. noch einen Händler um die Ecke gibt, der 2. für ein paar Euro ein Kleinteil 3. zeitnah austauscht damit die Kiste wieder läuft und 4. für lau die Sender umsortiert (Branchenwissen durch Schüler/ Studentenjob).

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Steigerungsform von kranken Kassen = GesunderKrankenVerband

von Christian Timme am 10.03.2017 um 16:11 Uhr

Das ist der blanke Hohn. Versandhandel ja oder nein haben die Patienten und nicht die Kassen zu entscheiden. RxVV ist eine ganz andere Schublade ... Hier geht es nur darum eine neue Kuh zu finden und was macht man mit Kühen?. Ach, jetzt auch noch Amnesie ... - So und jetzt mal so unter uns. Als persönlicher Kassensklave, heißt ja politisch korrekt Patient, sogar Kunde genannt aber nur bis zum Eintritt, danach kommen dann die "Sklavendekaden" bis natürlich der allseits bedauerte Tod eintritt, nicht wegen dem Tod, nein wegen dem Zahlungsausfall. Und das empfinde ich nicht nur gefühlt so, wie eben als Sklave des Systems. Dieses Fass kann man ja auch noch aufmachen ... weil diese Kassenarroganz zum Fall des gesamten, vor sich hin marodierenden, Systems führen wird ... Fäulnis kann man nicht nur sehen ... wann schafft endlich mal einer die Kassen ab, damit auch mal wieder ein paar gesund werden können ... nicht nur so halbgesund ... sondern so richtig ... Vorschläge der GKV erbeten ... bitte gleich an Herrn Gröhe ... und zwar Zack, Zack ... meine Dame, mein Herr ...

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Welch

von Peter Lahr am 10.03.2017 um 14:27 Uhr

hehre Ziele LOL
Liebe Krankenkassen, damit ihr dieses auch in Kooperation mit den Versendern effektiv durchsetzen könnt müsstet ihr ebenfalls die Online Ärzte fordern. Denn wie ist es heute?
Kein Arzt auf dem Land, Patient geht in die nächst grössere Ortschaft. Dort ist in der Regel dann auch eine Apotheke die im Falle des Nichtvorhandenseins eines Medikaments dieses am gleichen Tag an den Patienten liefert. 1:0 für die Vor Ort Kombi Arzt/Apotheke.
Mit einem Online Arzt wäre die Sache einfacher, Patient wohnt weit entfernt der Zivilisation, geht zum Online Doc und bekommt sein Päckchen mit der Post. 1:1 aber es geht in die Verlängerung DENN das Landvolk fernab jedweder Zivilisation ist sicher dankbar für die vorstellbare Kombination, aber es ist absehbar, dass die Menschen die dort NOCH wohnen wahrscheinlich irgendwann in ihrem Kaff das Licht ausschalten. Denn unter uns Gebetsschwestern, welcher junge Mensch will denn heute noch fernab jeglicher Zivilisation und Infrastruktur leben ausser ein paar Aussteigern? Also auf lange Sicht 2:1 für uns. Ich denke aber diese Umstände sind euch bewusst, darum unterstelle ich einfach mal, dass ihr zwar im Leben nicht gegen die Ärzte aufbegehren und anfangen Online Ärzte aus dem Ausland in euren Mitgliederzeitschriften zu bewerben wie ihr es mit uns Apotheken bekanntermaßen ja macht. Nein ich sage mal, es liegt euch mitnichten am Patienten, ihr werdet die Ärzte mit ins Boot holen, sei es durch extra Honorare oder durch Drohungen das Honorar nicht mehr jedes Jahr zu erhöhen um die Rezepte an die Versender weiterzuleiten. Die heutigen Boni streicht natürlich ihr dann ein. Dieses Szenario kann man nun nur noch insoweit mit Fussballergebnissen vergleichen als dass die Apothekermannschaft komplett vom Platz gestellt würde. Also, sprecht eure wirklichen Absichten doch bitte aus anstatt auf das Robin Hood Geseiere aus Holland aufzuspringen. Das widerspricht nicht nur eurem normalen Verhalten sondern ist einfach nur hochnotpeinlich.

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wo ist die Wahrheit?

von Karl Friedrich Müller am 10.03.2017 um 14:10 Uhr

die KK wollen den Versandhandel. Das ist die einzige Wahrheit in dem Artikel.
Der Rest ist Lüge und Verschleierung.
Es gibt kein Problem mit der Belieferung auf dem Land. Außer der Versandhandel schafft es erst.
Die Versicherten sind den KK vollkommen egal. Sonst würden denen keine untauglichen Windeln, Hilfsmittel und Rabattverträge zugemutet, nur weil es billig ist.
Und: Service, Belieferung und Logistik brauchen Sie uns nicht erklären. Apotheken haben das erfunden.
Zuwendung und Erklärung funktionieren nur analog. Das kann kein Postbote.
Also, liebe Kassen, was haben Sie WIRKLICH im Sinn?
Die Apotheken zerstören ohne Sinn und Verstand kann es alleine nicht sein.
Was ist es? Erklären Sie es allen, vor allem Ihren Versicherten. Weil für die werden Ihre Pläne ganz böse enden.
So jedenfalls lügen Sie nur alle an.

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Der Markt wird erst geschaffen

von Erik Modrack am 10.03.2017 um 12:27 Uhr

Die flächendeckende Versorgung ist der Feind des Versandes. Erst durch die Zerstörung der flächendeckenden Versorgung wird ein Markt geschaffen, der dann bedient werden kann - das ist Kapitalismus und nicht Robin Hood!

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