Die Evidenz-Sprechstunde 

Schadet Früherkennung mehr als sie nützt?

Halle (Saale) - 05.07.2016, 14:30 Uhr

Nützen Früherkennungsuntersuchungen nur der Apotheke bzw. dem Labor oder auch dem Patienten? (Foto: science photo / Fotolia)

Nützen Früherkennungsuntersuchungen nur der Apotheke bzw. dem Labor oder auch dem Patienten? (Foto: science photo / Fotolia)


Nicht nur Theorie

Die Diskussion um fehlenden Nutzen und möglichen Schaden von Früherkennung ist alles andere als eine akademische Debatte. Wer „präventive“ Maßnahmen propagiert, deren Nutzen für den Patienten nicht gesichert ist, befeuert damit Überdiagnosen und Überbehandlung. Diese Probleme haben inzwischen ein so großes Ausmaß angenommen, dass beispielsweise das British Medical Journal eine eigene Kampagne „Too much medicine“ gestartet hat und es inzwischen eine eigene medizinische Konferenz gibt, die sich nur diesem Thema widmet: „Preventing overdiagnosis“. Der kanadische Pharmazie-Professor James McCormack hat zur Problematik von Überdiagnosen ein Musik-Video erstellt .  


Wer Früherkennungsuntersuchungen ohne gesicherten Nutzen empfiehlt, verliert auch seine Glaubwürdigkeit. So boten österreichische Apotheken Mitte Mai Aktionswochen „10 Minuten für meine Lunge“ mit Messungen der Lungenfunktion zur Früherkennung von COPD an – wenige Wochen vorher hatte das US-amerikanische Komitee für Präventionsfragen (USPSTF) ein umfangreiches Gutachten veröffentlicht, das von solchen Screening-Untersuchungen an symptomfreien Patienten wegen der schlechten Studienlage deutlich abrät. Es fehlen Belege, dass eine Behandlung bei symptomfreien Patienten den Krankheitsverlauf verlangsamt. Auch konnte die Messung der Lungenfunktion in Studien Patienten nicht häufiger dazu animieren, das Rauchen aufzugeben. 

Fazit

Wer Früherkennungsuntersuchungen in der Apotheke für beschwerdefreie Menschen anbietet oder empfiehlt, sollte sich vorher kritisch mit der Evidenz dafür auseinandersetzen. Dazu gehört nicht nur die Testgenauigkeit. Der Patient profitiert nur von einem Test, wenn das Testergebnis die Behandlung oder Empfehlungen zum Lebensstil verändern würde und sich diese dann in einer geringeren Erkrankungsrate oder einem besseren Krankheitsverlauf niederschlagen. Schließlich sind auch die Risiken der Tests zu bedenken – direkt durch mögliche Nebenwirkungen der Untersuchung, indirekt dann, wenn sich durch ein falschpositives Ergebnis weitere Tests zur Abklärung oder unnötige Behandlungen anschließen würden. Und bei Selbstzahlerleistungen sind auch die finanziellen Aufwendungen für einen nutzlosen Test ein Schaden für den Patienten.



Iris Hinneburg, freie Medizinjournalistin und Pharmazeutin
redaktion@daz.online


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