Darmflora

Ballaststoffarme Ernährung lässt Bakterienvielfalt dauerhaft verkümmern

Berlin - 14.01.2016, 07:30 Uhr

Ballaststoffe könnten auch für nachfolgende Generationen hilfreich sein. (Quelle: Zerbor/Fotolia)

Ballaststoffe könnten auch für nachfolgende Generationen hilfreich sein. (Quelle: Zerbor/Fotolia)


Wie der Vater, so der Sohn: Zumindest bei Mäusen beeinträchtigt der Entzug von Ballaststoffen auch die Darmflora ihrer Nachkommen. US-amerikanische Wissenschaftler denken, dass dies die Zunahme von Allergien und Nahrungsunverträglichkeiten mit erklären kann.

Die für westliche Gesellschaften typische ballaststoffarme Ernährung beeinträchtigt die Bakteriengemeinschaft im Darm wohl über Generationen hinweg. In Versuchen mit Mäusen zeigten US-Forscher, dass Vielfalt und Zahl der Mikroben bei ballaststoffarmer Ernährung von Generation zu Generation abnehmen. Mit einer Rückkehr zu ballaststoffreicher Ernährung allein ließ sich die Bakteriengemeinschaft auch nicht komplett wieder herstellen, berichten die Forscher heute im Fachblatt „Nature“. Diese Erkenntnis sei möglicherweise wichtig für die Behandlung von Erkrankungen, die mit einer beeinträchtigten Darmflora in Verbindung gebracht werden.

Im Darm eines gesunden Menschen leben Tausende verschiedene Bakterienarten, die eine wesentliche Rolle bei der Verdauung unserer Nahrung spielen. Dieses Mikrobiom beeinflusst darüber hinaus auch zahlreiche andere Vorgänge im Körper, etwa die Immunabwehr. Es ist bekannt, dass sich das Mikrobiom von Menschen der heutigen westlichen Welt erheblich von dem ursprünglicher Jäger-und-Sammler-Gemeinschaften oder noch traditionell ländlich lebender Menschen unterscheidet.

Zusammenhang mit Antibiotika und Allergien

Vor allem der Einsatz von Antibiotika, aber auch die Zunahme an Kaiserschnitt-Geburten und das weniger häufige Stillen in der westlichen Welt werden als Gründe dafür genannt. Viele Experten nehmen an, dass etliche Zivilisationskrankheiten wie Allergien oder Nahrungsunverträglichkeiten mit einem gestörten Mikrobiom im Darm zusammenhängen.

Die Forscher um Erica Sonnenburg von der Stanford University School of Medicine in Kalifornien untersuchten nun, inwieweit auch der westliche Ernährungsstil mit vielen hochverarbeiteten und ballaststoffarmen Lebensmitteln die Bakterienvielfalt im Darm beeinflusst. Ballaststoffe sind unverdauliche Bestandteile der Nahrung und bestehen vor allem aus Kohlenhydraten. Sie werden von den Darmbakterien aufgeschlossen.

Auswirkungen einseitiger Ernährung

Die Wissenschaftler fütterten Mäuse mit einem vermenschlichten Darm-Mikrobiom zunächst sechs Wochen lang mit ballaststoffreicher Nahrung. Dann teilten sie die Tiere in zwei Gruppen: Eine bekam weiterhin ballaststoffreiche Kost, die andere ballaststoffarme. In den folgenden Wochen analysierten die Forscher die Zahl und Vielfalt der Bakterien im Kot der Tiere.

Das Ergebnis: Innerhalb weniger Wochen nahm die Vielfalt der Bakterien bei den ballaststoffarm ernährten Mäusen erheblich ab. Auch die Anzahl von Bakterien einzelner Arten sank. Stellten die Forscher die Ernährung der Mäuse anschließend auf eine ballaststoffreiche Kost um, normalisierte sich das Mikrobiom wieder, wenn auch nicht vollständig: Bei einem Drittel der ursprünglichen Bakterienarten blieben die Populationen deutlich kleiner.

Überraschungen und Übertragungen

Die eigentliche Überraschung kam aber, als die Mäuse beider Gruppen Nachwuchs hatten: Von Generation zu Generation verkümmerte das Mikrobiom im Darm der ballaststoffarm ernährten Tiere immer mehr – und diese Veränderung war mit einer Rückkehr zu ballaststoffreicher Ernährung nicht rückgängig zu machen. Mehr als zwei Drittel der ursprünglichen Bakterien blieben jeweils verschwunden. Erst eine Stuhltransplantation – also die Übertragung von Fäkalien mit ursprünglichem Darm-Mikrobiom – und eine gleichzeitige Rückkehr zu ballaststoffreicher Nahrung stellte die Bakterienvielfalt wieder her.

Die Ergebnisse hätten auch für den Menschen Bedeutung, schreiben die Forscher. „Es gibt nur sehr wenige Ökosysteme, in denen eine geringe Artenvielfalt eine gute Sache ist. Und es gibt keine Grund zu der Annahme, dass unser Darm da eine Ausnahme ist“, wird Erica Sonnenburg in einer Mitteilung ihres Instituts zitiert.

Rückkehr zur bakteriellen Vielfalt

„Die extrem ballaststoffarme Ernährung der Industrienationen ist eine recht junge Erscheinung“, ergänzt Studienleiter und Ehemann Justin Sonnenburg. Außer einer Reduktion des Antibiotika-Gebrauchs könne womöglich schon die bloße Änderung bestimmter Gewohnheiten helfen, die Verarmung der Bakteriengemeinschaft zu stoppen – etwa, nach der Gartenarbeit oder dem Spielen mit dem Hund auf das Händewaschen zu verzichten.

Die Entwicklung des Menschen sei eng gekoppelt an die seiner Bakterien, schreibt Eric Martens von der University of Michigan Medical School in Ann Arbor (US-Staat Michigan) in einem Kommentar zur Studie. Diese mikrobiellen Partner übernähmen einen Großteil der Arbeit bei der Verdauung komplexer Kohlenhydrate. „Es bleibt abzuwarten, ob ein Teil dieser Funktionalität in einigen Menschen schon verlorengegangen ist und wenn ja, in welchem Ausmaß.“ In der Zukunft könnten diese Funktionen möglicherweise über die Einnahme probiotischer Zubereitungen wieder hergestellt werden.


Deutsche Presse-Agentur


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