Infektiologen und Klinikapotheker warnen

Antibiotika-Engpässe gefährden Patientensicherheit

Berlin - 31.08.2015, 11:25 Uhr

Vor Engpässen wird gewarnt! (Bild: B. Wylezich/Fotolia)

Vor Engpässen wird gewarnt! (Bild: B. Wylezich/Fotolia)


Nach wie vor beklagen Apotheken, dass bestimmte Arzneimittel nicht lieferbar sind – und nicht immer sind sie gleichwertig zu ersetzen. Das betrifft insbesondere patentfreie Injektions- und Infusionslösungen, doch ebenso bewährte und hochwirksame Antibiotika. Darauf weisen jetzt der Bundesverband Deutscher Krankenhausapotheker (ADKA) und die Deutsche Gesellschaft für Infektiologie (DGI) hin. Sie befürchten, dass Ersatzpräparate die Bildung resistenter Bakterien begünstigen und Patienten gefährdet werden könnten. Sie fordern daher eine umfassende und frühzeitige Information und Strategien im Falle bevorstehender Engpässe.

Erst letzte Woche hatte sich die ADKA angesichts der Lieferunterbrechungen beim Krebsmedikament Alkeran® (Melphalan/Aspen Pharma Trading Ltd.) gemeinsam mit der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) und der Deutschen Gesellschaft für Onkologische Pharmazie (DGOP) zu Wort gemeldet und gesetzgeberische Maßnahmen gefordert.

Nun geht die ADKA mit der DGI in die Öffentlichkeit und zeigt sich alarmiert über den Lieferengpass bei dem intravenösen Antibiotikum Ampicillin sowie dem Kombinationswirkstoff Ampicillin/Sulbactam. Die Lieferengpassliste des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), in der Hersteller Engpässe freiwillig melden können, nennt derzeit nur das ratiopharm-Kombipräparat als „voraussichtlich bis Ende 2015 nur eingeschränkt verfügbar“. Als Grund werden „Probleme bei der Herstellung genannt“. ADKA und DGI verweisen ihrerseits auf vielfältige Ursachen für Engpässe: die globale Ausrichtung des Arzneimittelmarktes, Produktionsverlagerung, Produktionsausfälle, Erkrankungsausbrüche, Ausschreibungen von Krankenkassen sowie fehlende Importgenehmigungen.

Die Knappheit betreffe auch die klinisch gleichwertigen, im Ausland häufiger verwendeten Alternativpräparate des Antibiotikums Amoxicillin und Amoxicillin/Clavulansäure. „Manche Klinikapotheken müssen vorhandene Reserven streng rationieren, während andere noch ausliefern, aber nur noch sehr kurze Zeit lieferfähig sind“, erläutert Dr. Matthias Fellhauer vom ADKA die aktuelle Lage. Währemd Ampicillin nur bei ausgewählten Erkrankungen zum Einsatz kommt, wird die Wirkstoffkombination Ampicillin/Sulbactam häufig verwendet. 

WHO-Klassifikation „dringend benötigter Wirkstoff“

Die Substanzklasse der Aminopenicilline ist seitens der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als „dringend benötigter Wirkstoff“ in der höchsten Kategorie eingestuft und durch andere Präparate schwer zu ersetzen. Ist ein Wirkstoff dieser Klasse nicht verfügbar, müssen oft breiter wirksame Präparate eingesetzt werden. „Hierdurch wird aber die Wahrscheinlichkeit einer Resistenzbildung der Bakterien gegen sogenannte Reserveantibiotika, also solche mit breitem Spektrum, erhöht“, so Professor DGI-Präsident Dr. Gerd Fätkenheuer. Viele Ärzte griffen ersatzweise auf Antibiotika der Gruppe der Cephalosporine zurück. Gerade diese Medikamente stehen aber im Verdacht, die Ausbreitung von multiresistenten Bakterien und Clostridium difficile, einem gefährlichen Durchfallerreger, zu fördern.

Eine rationale Antibiotikaverschreibung und die Eindämmung resistenter Bakterien drohten an dem Lieferengpass zu scheitern, warnen DGI und ADKA gemeinsam. „In der Konsequenz entstehen Nachteile für den Patienten bis hin zur Gefährdung der Patientensicherheit“, warnt Fätkenheuer. Zudem ergeben sich für das Gesundheitssystem erhebliche Folgekosten: durch die aufwändige Suche nach Ersatz sowie durch die negativen Auswirkungen auf die Behandlung.

DGI und die ADKA beklagten, dass die Hersteller nicht verpflichtet sind, Versorgungsengpässe frühzeitig zu melden. Daher würden Krankenhausapotheker und die behandelnden Ärzte oft erst informiert, wenn keine Ware mehr vorhanden ist.

Die DGI und die ADKA haben daher gemeinsame Forderungen aufgestellt:

  • Die unverzügliche Information von Ärzten und Apothekern über aktuelle Produktions- und Lieferschwierigkeiten.
  • Eine umfassende Strategie, welche die Produktions- und Lieferfähigkeit der pharmazeutischen Industrie in Deutschland bezüglich dringlich benötigter Arzneimittel verbessert, auch wenn deren Patentschutz abgelaufen ist.
  • Eine mit Experten abgestimmte Information der Fachkreise zum Verhalten bei Lieferengpässen dringlich benötigter Antibiotika. 

Kirsten Sucker-Sket (ks), Redakteurin Hauptstadtbüro
ksucker@daz.online


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