Aus den Ländern

Ob Phyto oder PPI – was Magen und Darm hilft

Praxisnahe Themen aus der Gastroenterologie in Heidelberg

dm | Am 20. und 21. November 2021 brachte – wieder im Online-Format – der 44. Heidelberger Herbstkongress ein wenig Licht in die herbstlichen Wohnzimmer der Apothekerinnen und Apotheker. Die Teilnehmerzahl (rund 965) war wie gewohnt hoch und der Austausch rege. Wer Fragen zu Erkrankungen des Magen-Darm-Traktes hatte, fand an diesem Wochenende viele Antworten.

Unter der wissenschaftlichen Leitung von Silke Laubscher (Fachapothekerin für Offizinpharmazie), Andrea Litzinger (Fachapothekerin für Klinische Pharmazie) und Dr. Bianca Scholz (Fachapothekerin für Arzneimittel­information und Offizinpharmazie) standen Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts im Mittelpunkt.

Eröffnet wurde der Kongress erstmals von Industrieapotheker Dr. Martin Braun, dem neuen Präsidenten der Landesapothekerkammer Baden-Württemberg. Er bedauerte, dass der Präsenzkongress mit kollegialem Austausch Corona-bedingt leider wieder ausfallen musste, bezeichnete es aber als großen Vorteil, mittlerweile technisch gut aufgestellt zu sein. Er selbst habe vor der Corona-Pandemie eigentlich keine Videokonferenzen genutzt.

Beste Projektarbeit 2020

Brauns Vorgänger Dr. Günther Hanke stand zwar noch als Unterzeichner auf der Urkunde zur besten Projekt­arbeit 2020, an Dr. Nils Buchholz durfte sie aber Braun „digital über­reichen“. Den mit 750 Euro dotierten Preis erhielt Buchholz für seine Projektarbeit, die er im Rahmen der Weiterbildung zum Fachapotheker für Allgemeinpharmazie verfasst hatte – eine Umfrage „über die psychische Belastung während der Corona-Pandemie bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern einer öffentlichen Apotheke“. Das Ergebnis: Die psychische Belastung war zu Beginn der Pandemie unter den Kolleginnen und Kollegen am größten, hat seitdem aber abgenommen.

Foto: LAK BW

Phytotherapie gehört evidenzbasiert zur Schulmedizin

Der erste Vortrag befasste sich mit der rationalen Phytotherapie bei Magen-Darm-Erkrankungen. Prof. Dr. Robert Fürst (Institut für Pharmazeutische Biologie der Goethe-Universität Frankfurt) betonte zu Beginn seiner Präsentation, dass die evidenzbasierte Phytotherapie zur Schulmedizin zähle, man aber bedenken muss, dass man es stets mit Vielstoffgemischen zu tun hat. Zudem würden Phytotherapeutika selten über eigene klinische Studien zugelassen. Er zog eine „Evidenz­grenze“ zwischen dem von der Euro­pä­ischen Arzneimittel-Agentur (EMA) anerkannten Well-Established-Use und einer Traditional-Use-Registrierung. Eine Zulassung über den Well-Established-Use erfolge zwar auch nur bibliografisch, müsse aber dazu wenigstens eine gut publizierte randomisierte, kontrollierte Studie (RCT, randomized controlled trial) vorweisen können. In der traditionellen Anwendung stütze man sich lediglich auf Plausibilität. Doch egal welche Art der Zulassung, die Nachweise müssten immer produktspezifisch erbracht werden, betonte Fürst: Vergleichbar seien randomisierte, kontrollierte Studien nur, wenn auch derselbe Extrakt verwendet wurde. Auch Leit­linien seien in diesem Bereich oft „schlampig“ in der Argumentation.

Ingwer bei Reiseübelkeit – darf’s ein bisschen mehr sein?

Beispielsweise wurde der Ingwer­wurzelstock in mehreren Anwendungsgebieten untersucht, jedoch mit sehr heterogenen Ergebnissen. Ob postoperativ, arzneimittelinduziert (Chemotherapie) oder bei Schwangerschaft, stets ging es um Übelkeit und Erbrechen. Doch nur bei der Reisekrankheit (Kinetose) hat sich die EMA für den Well-Established-Use zur Prävention von Übelkeit und Erbrechen entschieden. Allerdings nur bei rich­tiger Anwendung: Vom pulverisierten Pflanzenteil sollen Erwachsene vor Reisebeginn 1 g bis 2 g einnehmen. Unter den Traditional Use fällt hingegen die symptomatische Linderung der Reisekrankheit. Dabei nehmen Erwachsene 750 mg Ingwerwurzelstock-Pulver 30 Minuten vor der Reise, Kinder und Jugendliche (6 bis 18 Jahre) sollen 250 mg bis 500 mg 30 Minuten vor der Reise einnehmen. Letztere Dosierung wird übrigens auch Erwachsenen empfohlen (z. B. Zintona).

Pfefferminzöl und Iberogast – eine gute Wahl

Auch bei Reizmagen (funktionelle Dyspepsie) können laut Fürst pflanz­liche Mittel eingesetzt werden, zumindest bei moderaten Beschwerden und längerer Anwendungsdauer. Daten gibt es zu Präparaten, die 90 mg Pfefferminzöl und 50 mg Kümmelöl enthalten (Carmenthin, früher Entero­plant) und außerdem zu dem Vielstoffgemisch Iberogast, das mittlerweile in zwei Varianten erhältlich ist (Iberogast/STW5 und Iberogast Advance/STW5-II). Beide Iberogast-Präparate sind laut Fürst in der Wirkung gleichwertig, obwohl sie unterschiedlich zusammengesetzt sind. In einer placebokontrollierten Studie zeigte sich jedoch, dass für STW5 erst nach 28 Tagen ein signifikanter Vorteil gegenüber Placebo nachweisbar ist, entsprechend moderat ist auch ins­gesamt der Effekt. Magen-Darm-Erkrankungen würden alle recht stark auf Placebo ansprechen.

Auch bei Reizdarm ist Pfefferminzöl (z. B. Buscomint) sehr wichtig. Immerhin liegen dafür neun randomisierte, kontrollierte Studien vor. Es hat sich laut Leitlinie bei den Symptomen Schmerz und Blähungen als wirksam erwiesen. In einer Studie wurde sogar gezeigt, dass die Wirkung gegenüber Placebo nach einer vierwöchigen Washout-Phase anhält, der Wirkmechanismus dahinter ist ungeklärt. Das Pfefferminzöl soll in festen magen­saftresistenten Arzneiformen eingenommen werden. Zudem sei Iberogast noch eine Option.

Downgrade für PPI in kommender Reflux-Leitlinie

Anschließend ging es am Samstag jenseits der Phytotherapie weiter mit Vorträgen zu Morbus Crohn und Colitis ulcerosa von Prof. Dr. med. Thomas Weinke, Chefarzt der Klinik für Gastroenterologie und Infektiologie (Ernst von Bergmann Klinikum Potsdam), sowie zu „Zuverlässige Hilfe bei Obstipation und Diarrhö“ von Dr. rer. med. Katja Renner, Apotheke am Medizinzentrum Heinsberg. Am Sonntag wurden im ersten Vortrag „häufige Krankheiten von Speiseröhre und Magen“ und ihre aktuellen Therapieempfehlungen von Prof. Dr. med. Joachim Labenz (Diakonie Klinikum GmbH, Jung-Stilling Krankenhaus, Abteilung Innere Medizin Siegen) beleuchtet.

Die S2k-Leitlinie zur gastroösophagealen Refluxkrankheit (GERD) war bis Mai 2019 gültig und befindet sich derzeit in Überarbeitung. Laut Prof. Dr. med. Joachim Labenz darf bald mit einer Veröffentlichung der neuen Leitlinie gerechnet werden. Dann soll sie auch Empfehlungen zur eosinophilen Ösophagitis enthalten. Die geplante Leitlinie sieht vor, dass bei typischen Refluxbeschwerden ohne Alarm­symptome, ohne positive Familien­anam­nese für Malignome des oberen Verdauungstrakts und ohne Risiko­faktoren für Komplikationen ein PPI (Protonenpumpeninhibitor) in Standarddosis verordnet werden „sollte“. Damit werde ihr Stellenwert ein wenig herabgestuft, weil es unter denselben Bedingungen in der Leitlinie zudem heißen werde, dass probatorisch auch andere Antirefluxpräparate (z. B. H2-Rezeptorantagonisten, Alginate, Antazida) bei aus Patientensicht genügender Sym­ptomkontrolle eingesetzt werden „können“. Labenz sei ein Fan der Alginate. Diese würden im Gegensatz zu PPI (physikalisch) auch gegen die sogenannte Acid Pocket (Säuretasche) wirken, die nach Nahrungsaufnahme physiologisch entstehe. Zudem bilden sie einen Schutzfilm im Ösophagus. Außerdem sprach Labenz neben der eosinophilen Ösophagitis in seinem Vortrag über die Therapie von Reiz­magen/Gastritis, die Ulkuskrankheit sowie über einen Paradigmenwechsel in der kommenden Leitlinie zu Helicobacter pylori.

Ebenfalls am Sonntag referierte gesondert über das Reizdarmsyndrom Prof. Dr. med. Stefan Müller-Lissner, Gastroenterologe aus Berlin. Im Schluss­vortrag von Prof. Dr. med Stephan C. Bischoff vom Institut für Ernährungsmedizin, Universität Hohenheim Stuttgart, wurde die Frage gestellt: „Nahrungsmittelunverträglichkeiten – was ist fake, was ist Fakt?“ |

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