Arzneimittel und Therapie

„Pille“ als Teenie, Depression als Erwachsene?

Orale Kontrazeptiva können weitreichende Folgen haben

Dass das Verhütungsmittel Nummer 1 auf die Stimmung schlagen kann, ist keine Neuigkeit. Eine aktu­elle Studie lässt dennoch aufhorchen: Die Einnahme der Anti­babypille im jugendlichen Alter soll auch langfristig das Risiko für Depres­sionen im Erwachsenenalter erhöhen.

Das Risiko, eine depressive Störung zu entwickeln, ist für Frauen ab dem pubertären Lebensalter generell doppelt so hoch wie für Männer. Ergebnisse aus Tierversuchen deuten darauf hin, dass die Sexualhormone Östrogen, Progesteron und Testosteron eine bedeutende Rolle für diesen Unterschied zwischen den Geschlechtern spielen.

Millionen von Frauen weltweit nehmen orale Kontrazeptiva ein, die synthetische Formen von Östrogenen und Gestagenen enthalten. Vor allem unter jungen Frauen sind sie als zuverlässige Verhütungsmittel beliebt. Depressive Verstimmungen sind bekannte Neben­wirkungen, die sich auch in den Beipackzetteln der Präparate finden. Während das kurzfristig erhöhte Depres­sionsrisiko durch die Einnahme der Antibabypille in verschiedenen Assoziationsstudien belegt wurde (s. auch Kasten), sind die langfristigen Folgen weniger gut erforscht.

Akute Effekte

Die Einnahme oraler Kontrazeptiva geht bei 16-jährigen Frauen mit einem erhöhten Risiko für depressive Symptome einher. Das ist das Ergebnis einer prospektiven Kohortenstudie, in der 1010 junge Frauen über neun Jahre beobachtet wurden. Unter der Antibabypille klagten die Probandinnen vor allem über vermehrtes Weinen, ein sehr starkes Schlafbedürfnis und Essprobleme. Bei gemeinsamer Betrachtung aller Altersgruppen – erfasst wurde die Anwendung oraler Kontrazeptiva im Alter von 16, 19, 22 und 25 Jahren – zeigte sich jedoch keine signifikante Assoziation mit depressiven Symptomen während der Einnahme der hormonellen Verhütungsmittel.

[Quelle: de Wit AE et al. JAMA Psychiatry 2019; doi:10.1001/jamapsychiatry.2019.2838]

Wissenschaftler der British Columbia Universität in Vancouver, Kanada, haben nun untersucht, ob die Einnahme oraler Kontrazeptiva im Jugendalter eine erhöhte Prävalenz von Depressionen im Erwachsenenalter mit sich bringt. Hierfür wurden Daten von 1236 Frauen im Alter von 20 bis 39 Jahren aus dem US-amerikanischen United States National Health and Nutrition Examination Survey (NHANES) analysiert – einer statistischen Erhebung zur Ermittlung des Gesundheitsstatus der Bevölkerung. Die Frauen waren zwischen 1999 und 2004 in die NHANES-Studie aufgenommen worden. Verglichen wurden 561 Frauen, die erstmals im jugendlichen Alter (≤ 19 Jahre) orale Kontrazeptiva eingenommen hatten, mit 353 Frauen, die erst im Erwachsenenalter (> 19 Jahre) mit der Einnahme begannen, sowie mit 322 Frauen, die niemals mit der Antibabypille verhütet hatten. Wie eine standardisierte Befragung ergab, lag bei insgesamt 11% der Teilnehmerinnen in den letzten zwölf Monaten vor der Erhebung eine Depression vor.

Erhöhte Prävalenz bei erstmaliger Einnahme unter 19 Jahren

Die Ergebnisse zeigten eine signifikant erhöhte Einjahresprävalenz schwerer depressiver Episoden bei Frauen, die bei der erstmaligen Einnahme der Antibabypille nicht älter als 19 Jahre waren, verglichen mit Frauen, die später mit der Einnahme begannen (16,1% vs. 9,3%; Odds Ratio [OR] 0,54; 95%-Konfidenzintervall [KI] 0,30 bis 0,95), und Frauen, die nie orale Kontrazeptiva eingenommen hatten (16,1% vs. 5,7%; OR 0,31; 95%-KI 0,16 bis 0,60). Die Berücksichtigung mög­licher Verzerrungsfaktoren wie das Alter, in dem die Frauen sexuell aktiv wurden, oder die Einnahme oraler Kontrazeptiva zum Zeitpunkt der Befragung änderten nichts am Ergebnis.

Foto: Rawpixel.com – stock.adobe.com

Depressive Verstimmung und Depression während der Anwendung sind als allgemein bekannte Nebenwirkungen in den Produktinformationen hormoneller Kontrazeptiva genannt.

Pubertät als vulnerable Phase

Diese Beobachtung lässt vermuten, dass die Pubertät eine sensible Phase darstellt, in der hormonell bedingte Veränderungen im Gehirn noch Jahre nach der Exposition Auswirkungen haben können. Ein Erklärungsansatz könnte die starke soziale, kognitive, reproduktive und physische Entwicklung in diesem Lebensabschnitt sein. Sexualhormone tragen in dieser Entwicklungsphase einen wichtigen Teil zur Veränderung und Reorganisation synaptischer Strukturen im Gehirn bei. Die körpereigene Hormonproduktion wird durch die Einnahme oraler Kontrazeptiva jedoch unterdrückt. Dies könnte bleibende Veränderungen in hormonellen Systemen bewirken, die bei depressiven Patienten häufig dysreguliert sind: die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenachse und das limbische System.

Frauen aller Altersgruppen den Zugang zu effektiven Verhütungsmethoden zu ermöglichen, sollte selbstverständlich weiterhin eine weltweite gesund­heitliche Priorität darstellen. Die vorliegenden Ergebnisse zeigen ­jedoch, dass weitere Studien erforderlich sind, um die Langzeitrisiken der beliebten oralen Kontrazeptiva besser abschätzen zu können. |

Literatur

Anderl C et al. Oral contraceptive use in adolescence predicts lasting vulnerability to depression in adulthood. J Child Psychol Psychiatry 2019; doi: 10.1111/jcpp.13115

Apothekerin Leonie Naßwetter

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