Rezension

Vom Gen zum Wirkstoff

Von der Faszination biotechnologisch hergestellter Arzneistoffe

Die neue und dritte Auflage des Buches „Gentechnik Biotechnik – Grundlagen und Wirkstoffe“ stellt nicht einfach eine aktualisierte Version des hoch­geschätzten Gentechnik-Lehrbuches dar, das erstmals 1999 erschien und Pioniercharakter hatte. Das neu erschienene Buch erhebt noch mehr als die beiden letzten Auflagen den Anspruch, das sehr komplexe Feld der Gentechnik/Biotechnik aus dem Blickwinkel der pharmazeutischen Wissenschaften zu betrachten. Es ist in hervorragender Weise gelungen, alle wichtigen Aspekte von gentechnisch bzw. biotechnisch hergestellten Arzneistoffen anzusprechen und prägnant darzustellen.

Der erste Teil, der zehn Kapitel umfasst, widmet sich generell den Methoden der Gentechnik und Biotechnik. Hier konzentrieren sich die Autoren sehr bewusst nur noch auf die Methoden, die für die Herstellung von Bio­logicals wichtig sind, um dem Leser eine Vorstellung zu vermitteln, welche Wege vom „Gen“ bis hin zum „Wirkstoff“ beschritten werden. Allerdings werden nicht nur die rein technischen Vorgehensweisen betrachtet. In den Kapiteln 7 und 8 werden beispielsweise wichtige Informationen über die besonderen Anforderungen der Arzneibücher gegeben. Hier kommen bedeutsame Themen wie Stabilität und Formulierung von Biopharmazeutika zur Sprache, ebenso wie die Rolle von Biosimilars. Es schließen sich die hoch­aktuellen Themenbereiche der Gentherapie mit Aspekten wie die des Gentransfers, des Genom-Editings mittels CRIPSR-Cas9-Technologie oder der Stammzelltherapie an. Prägnant dargestellt ist weiterhin die Genomik und Genfunktionsanalyse, die einer stratifizierten Pharmakotherapie zugrunde liegt.

Gentechnik Biotechnik - Grundlagen und Wirkstoffe
Von Theodor Dingermann, Thomas Winckler und Ilse Zündorf, unter Mitarbeit von Hanns-Christian Mahler

3., völlig neu bearbeitete Auflage XVIII, 725 S., 514 farb. Abb., 56 farb. Tab., 19,3 × 27,0 cm, gebunden, 96,80 Euro

ISBN 978-3-8047-3708-2

Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart 2019

Einfach und schnell bestellen:
Deutscher Apotheker Verlag, Postfach 10 10 61, 70009 Stuttgart
Tel. 0711 – 25 82-341 Fax: 0711 – 25 82-290
E-Mail: service@deutscher-apotheker-verlag.de
oder unter www.deutscher-apotheker-verlag.de

Biopharmazeutika für mehr als 30 Indikationen

Der zweite Teil, der die Kapitel 11 bis 21 einschließt, beschäftigt sich mit dem Herzstück des Lehrbuches, nämlich den Wirkstoffen, den Biopharmazeutika. Dieser Teil wurde im Vergleich zu den ursprünglichen Auflagen ebenfalls signifikant angepasst und verändert. Die besprochenen Wirkstoffe sind elf wichtigen Indikationsgebieten zugeordnet. Obgleich die Autoren explizit nicht den Anspruch erheben, ein pharmakologisches Lehrbuch verfasst zu haben, geben die jeweiligen Kapitel hinreichende und gut strukturierte Informationen zur Pathophysiologie von wichtigen Erkrankungen und deren Therapie mit Biopharmazeutika. Eine kurze, aber hinreichende Beschreibung der Rezeptoren und entsprechender weiterführender Signalwege (z. B. Interferonrezeptoren und JAK/STAT-Signalweg) tragen sehr gut zum Verständnis der Wirkweise der entsprechenden Biopharmazeutika bei. Der Einsatz der besprochenen Arzneistoffe erstreckt sich über die folgenden Indikationen: Anämie und Blutgerinnungsstörungen, allergische Entzündungsreaktionen, Augenerkrankungen, den umfangreichen Kapiteln Autoimmunerkrankungen, Erbkrankheiten, Infektionskrankheiten, Stoffwechselstörungen und Tumorerkrankungen bis hin zu Fertilisationsstörungen, Organtransplantationen und Wachstumsstörungen. Dabei gelingt es in didaktisch hervorragender Art und Weise, physiologisches/pharmakologisches Basiswissen über die jeweiligen Stoffe (Proteine) mit einer Darstellung der industriellen Konzepte ihrer Weiterentwicklung zu potenten Arzneistoffen zu verknüpfen.

Blick zurück und in die Zukunft

Als Beispiel sei hier das Kapitel Stoffwechselerkrankung genannt, ins­besondere die Therapie des Diabetes mellitus mit rekombinantem Insulin und Insulin-Analoga. Ein historischer Abriss über die Entwicklung von menschlichem Insulin bis hin zu modernen lang oder schnell wirkenden Insulin-Analoga gibt einen tiefen Einblick in die Fortschritte der Biotechnik/Gentechnik und fördert das Verständnis der Materie. Als weiteres Beispiel sei die große Gruppe von therapeutischen Antikörpern genannt, die insbesondere im Kapitel „Tumorerkrankungen“ eine große Rolle spielen. Die Einteilung der Antikörper nach ihren Zielstrukturen ist wiederum didaktisch sehr klug gewählt, da diese einen guten Einblick und nachhaltiges Verständnis in bzw. für die Tumorbiologie vermitteln.

Neue Entwicklungen in der Tumor­therapie wie beispielsweise bi­spezifische Antikörper oder auch Immuntherapie mit Checkpoint-Inhibitoren oder autologen CAR-T-Zellen sowie Ansätze der viralen Onkolyse werden ebenfalls hervor­ragend beschrieben.

Ein wahrer Segen

Zusammenfassend kann man den Autoren nur gratulieren. Mit dieser Neuauflage ist es ihnen wieder einmal in hervorragender Weise gelungen, das Thema Gentechnik/Biotechnik aus pharmazeutischer Sicht didaktisch herausragend zu bearbeiten und darzustellen. Nicht unerwähnt sei der überaus klare und aussagekräftige Stil der zahlreichen Grafiken des Werkes, der viel Freude bereitet, nimmt man das Buch in die Hand. Der Fokus auf Wirkstoffe (Biopharmazeutika) ist ein wahres Alleinstellungsmerkmal dieses Lehrbuches.

Das Erscheinen dieser dritten Auflage stellt nicht nur einen wahren Segen für Studenten und vor allem auch für Hochschullehrer im Bereich der pharmazeutischen Wissenschaften dar, sondern wird für Apotheker und andere Berufssparten im Bereich Arzneimittelentwicklung von sehr großem Nutzen sein. |

Prof. Dr. Angelika M. Vollmar

Professorin für Pharmazeutische Biologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München

0 Kommentare

Das Kommentieren ist aktuell nicht möglich.