Rezension

Was den „Mutschler“ so besonders macht

Ein Muss für eine umfassende pharmakologische Ausbildung

Arzneistoffe und deren therapeutischer Stellenwert unterliegen einem ständigen Wandel. Bereits seit Langem und mit Spannung erwartet wurde daher die Neuauflage des „Mutschlers“, der für viele Studierende der Pharmazie, der Medizin und anderer, medizinisch-naturwissenschaftlich orientierter Studiengänge das Standardwerk unter den pharmakologischen Lehrbüchern ist. Nun endlich ist es so weit! Vergleicht man die neue 11. Auflage mit der mehr als sieben Jahre zurückliegenden Version, hat sich einiges verändert.

An erster Stelle ist das neu zusammengesetzte Autorenteam zu nennen, das neben den bereits zuvor mit­wirkenden Autoren Prof. Dr. Gerd Geisslinger, Dr. Sabine Menzel und Prof. Dr. Peter Ruth nun durch Prof. Dr. Burkhard Hinz und Prof. Dr. ­Thomas Gudermann komplettiert wird. Die fünf Autoren haben mit viel Umsicht und didaktischem Verständnis an der Aktualisierung und Neustrukturierung dieses umfassenden Lehrbuchs gearbeitet und dafür gesorgt, dass ein Werk entstanden ist, das auch weiterhin ganz im Sinne des Begründers, Prof. Dr. Dr. Drs. h. c. Ernst Mutschler, sein dürfte.

Neu gegliedert

Die alte Aufteilung in drei große Unterkapitel – allgemeiner, spezieller und toxikologischer Teil – wurde zugunsten einer neuen Gliederung aufgegeben: die Reise durch die Pharmakologie führt nun von A bis Q durchs Alphabet und beinhaltet 17 Bereiche. Diese Neuerung ist zu begrüßen, da sie die gleichberechtigte Gewichtung aller Inhalte adäquat abbildet. Einleitend findet sich wie gehabt Grundlegendes: anhand vieler Beispiele werden die Grundsätze von Pharmakokinetik und Pharmakodynamik erklärt, es wird ein Verständnis für das Zustandekommen von Neben- und Wechselwirkungen vermittelt und auch der Einfluss von Arzneistoffen auf besondere Situationen, wie z. B. auf die Entwicklungsstufen des ungeborenen Kindes, wird diskutiert. Ebenso finden sich in diesem Kapitel für den Metabolismus relevante Aspekte der Genetik, Grundsätzliches zur Gen­therapie und ein kurzer Abriss der Arzneimittelentwicklung.

Die anschließenden Teilbereiche sind den Arzneistoffwirkungen im Kontext der jeweiligen Krankheitsbilder gewidmet. Die Abfolge ist, wie bisher, ­organ- beziehungsweise systembezogen und wurde an einigen Stellen so verändert, dass pathologische Bezüge noch besser hervortreten. Den Themenfeldern Mikronährstoffe, Diagnostika und Vergiftungen sind jeweils eigene Bereiche zugeteilt. Vom zentralen Nervensystem über Herz/Kreislauf, Atmung, Verdauungstrakt, hormonell regulierte Systeme bis hin zu Infektions- und Tumorerkrankungen geht der spannende Weg durch die Pharmakotherapie von Erkrankungen, welche die Funktion des Körpers mehr oder weniger schwer beeinträchtigen können. Für Studierende sehr hilfreich ist das neu eingeführte Inhaltsverzeichnis auf dem Deckblatt zu Beginn jedes „großen“ Themas. Ganz im Sinne eines pharmakologischen Lehrbuches wird vorrangig nach den therapeutisch relevanten Pharmaka-Gruppen unterteilt.

Der zukunftsweisende Klassiker

Die große Stärke dieses Buches war und ist, dass man – natürlich – viel über Arzneistoffe und deren Wirkungen lernt. Darüber hinaus werden ­jedoch auch die zum Verständnis der pharmakologischen Effekte notwendigen Grundlagen der Physiologie und Pathophysiologie in einer sehr gut aufbereiteten Form geliefert. Dies erspart es einem Studierenden natürlich nicht, sich anhand entsprechender Fachliteratur in die Humanbiologie einzuarbeiten, aber das, was man an Grundwissen „zum Verstehen“ braucht, lässt sich mit dem „Mutschler“ bereits in weiten Teilen abdecken. Ein noch größerer Schwerpunkt als bisher wurde auf die klinische Relevanz der Arzneistoffe gelegt. So findet sich nach der Besprechung der einzelnen Wirkstoffe in jedem Bereich abschließend ein Kapitel über den aktuellen Stellenwert des jeweiligen Therapeutikums im Rahmen der leitlinienkonformen Therapie. Dieses Wissen ist für Pharmazeuten und Mediziner gleichermaßen essenziell. Der Leser profitiert zudem von vielen tabellarischen Zusammenfassungen. Neben der bereits bewährten Listung von Strukturformel, Halbwertszeit, Dosisbereich, INN- und Handelsnamen bieten z. B. der „Steckbrief Antibiotika“ oder die Übersicht über monoklonale Antikörper (ganz am Ende des Buches) einen schnellen Überblick. Letztere wäre ­sicherlich auch einen Verweis im ­Inhaltsverzeichnis wert gewesen.

Mutschler Arzneimittel­wirkungen
Pharmakologie – Klinische Pharmakologie – Toxikologie
Begründet von Ernst Mutschler
Von Gerd Geisslinger, Sabine Menzel, Thomas Gudermann, Burkhard Hinz und Peter Ruth

11., völlig neu bearbeitete Auflage, XXVI, 1296 S., 654 farb. Abb., 316 farb. Tab., ca. 1400 Strukturformeln, 19,3 × 27,0 cm, gebunden, 78,00 Euro, ISBN 978-3-8047-3663-4
Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart 2020

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Auf dem aktuellen Stand

Selbstredend ist, dass Bereiche, in ­denen sich in den letzten Jahren viel getan hat, auf den aktuellen Stand gebracht wurden. Stellvertretend seien die Therapie von Krebserkrankungen, bei denen insbesondere die Gruppe der Kinasehemmer stark zugenommen hat, sowie Antikörper-basierte Behandlungsregime bei immunologisch-entzündlichen Erkrankungen genannt. Insgesamt ist die neue, 11. Auflage äußerst gelungen und für alle Lehrenden und Lernenden sehr zu empfehlen, die Wert auf eine umfassende pharmakologische Ausbildung mit fundiertem Praxisbezug legen. |

Prof. Dr. Martina Düfer, Institut für Pharmazeutische und Medizinische Chemie der Universität Münster

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