Arzneimittel und Therapie

Erhöhen Statine das ALS-Risiko?

Auswertung von Spontanberichten wirft Fragen auf

cst | Dass sich Statine negativ auf die Muskeln auswirken können, ist bekannt. Doch was ist mit dem motorischen Nervensystem, das die Muskelbewegungen steuert? Eine Auswertung von Pharmakovigilanzdaten liefert Hinweise auf einen möglichen Zusammenhang zwischen der Anwendung von Statinen und der Entwicklung einer amyotrophen Lateralsklerose (ALS).

Bereits vor über zehn Jahren wurde der Verdacht geäußert, dass der Einsatz von Statinen mit ALS-ähnlichen Krankheitsbildern assoziiert sein könnte. Diese Vermutung basierte in erster Linie auf Signalen, die sich aus europäischen und US-amerikanischen Pharmakovigilanzdaten ergaben. Die Anzahl der berichteten Fälle war jedoch begrenzt, über eventuelle Unterschiede zwischen einzelnen Statinen war nichts bekannt. Zellkulturexperimente lieferten zudem Hinweise darauf, dass bestimmte Statine den Verlust spinaler Motorneurone begünstigen könnten. Bei Patienten, die bereits an ALS erkrankt waren, zeigten einzelne Studien, dass Statine den Krankheitsverlauf negativ beeinflussen könnten. Demgegenüber stehen Stu­dien, in denen keine Assoziation zwischen einer Statin-Therapie und einem erhöhten ALS-Risiko gefunden wurde.

Foto: Nejron Photo – stock.adobe.com
Die Amyotrophe Lateralsklerose ist eine neurodegenerative Erkrankung, bei der zentrale und periphere motorische Nervenzellen ihre Funktion verlieren. Im fort­geschrittenen Stadium kommt es zur vollständigen Lähmung der Skelettmuskulatur. Die Ursachen sind – außer bei den seltenen erblich bedingten Formen – unklar.

Auswertung von FAERS-Daten

Um zu untersuchen, ob Fälle von ALS oder ALS-ähnlichen Krankheitsbildern im Zusammenhang mit einer Statin-Therapie im Vergleich zu einer Therapie mit anderen Arzneimitteln in den USA überproportional häufig berichtet werden, wertete eine Arbeitsgruppe um Beatrice Golomb von der University of California in San Diego Rohdaten aus, die bis September 2015 in der Pharmakovigilanzdatenbank FAERS erfasst wurden (s. Kasten). Dazu ermittelten die Autoren die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten von ALS oder ALS-ähnlichen Krankheitsbildern unter Statinen und setzten diese zu den zu erwartenden Werten ins Verhältnis (Reporting Odds Ratio [ROR]). Die Erwartungswerte basierten auf allen in der Datenbank enthaltenen Arzneistoffen und sämtlichen unerwünschten Arzneimittelwirkungen. Untersucht wurden Simvastatin, Pravastatin, Atorvastatin, Rosuva­statin, Lovastatin, Pitavastatin, Fluvastatin sowie Simvastatin in Kombi­nation mit Ezetimib oder Niacin und Atorvastatin in Kombination mit Amlodipinbesilat.

FAERS: Pharmakovigilanzdatenbank der FDA

Das Adverse Event Reporting System der US-amerikanischen Arzneimittelagentur FDA (FAERS) ist eine Datenbank, in der Meldungen über unerwünschte Arzneimittelwirkungen, Medikationsfehler und Qualitäts­mängel erfasst werden. Das System dient der Überwachung der Arzneimittelsicherheit nach Markteinführung. Es werden Spontanmeldungen von Angehörigen der Gesundheits­berufe, Herstellern sowie von An­wendern erfasst. Die Datenbank hat jedoch einige Limitationen. So lassen die Daten keinen Schluss zu, ob eine bestimmte Nebenwirkung tatsächlich auf die Anwendung eines bestimmten Arzneimittels zurückzuführen ist. Bei der Übermittlung der Meldung müssen keine Angaben zur Bewertung eines möglichen Kausalzusammenhangs gemacht werden. Auch sind die Berichte zum Teil zu wenig detailliert, um eine solche Bewertung vorzunehmen. Die Meldung von Ereignissen hängt außerdem von zahlreichen Faktoren ab: Beispielsweise werden unerwünschte Arzneimittelwirkungen bei neueren Substanzen eher gemeldet als bei älteren, oder es gehen mehr Meldungen aufgrund von Medienberichten zu einer bestimmten Nebenwirkung ein. Es ist daher nicht möglich, auf Grundlage der FAERS-Daten die Inzidenz einer unerwünschten Arzneimittelwirkung in der Bevölkerung zu berechnen.

Mehr ALS-Fälle als zu erwarten wären

Insgesamt wurden 283 ALS-Fälle berichtet, bei denen eine Statin-Einnahme als Ursache der Beschwerden vermutet wurde. Signifikant erhöhte Reporting Odds Ratios wurden für Rosuvastatin, Atorvastatin, Simvastatin, Lovastatin und Pravastatin ermittelt. Das lipophile Lovastatin, der zuerst eingeführte Vertreter der Substanzklasse, wies den höchsten ROR-Wert auf (ROR 107; 95%-Konfidenzintervall [KI] 68,5 bis 167). Der geringste Wert wurde für das hydrophile Rosuvastatin errechnet, welches zuletzt auf den Markt kam (ROR 9,1; 95%-KI 6,6 bis 12,6). Die Werte für Pravastatin (ROR 16,2; 95%-KI 9,6 bis 27,5), Atorvastatin (ROR 17,0; 95%-KI 14,1 bis 20,4) und Simva­statin (ROR 23,1; 95%-KI 18,3 bis 29,1) lagen dazwischen. Insgesamt waren die Reporting Odds Ratios für lipophile Statine etwas höher als für hydrophile Substanzen. Pitavastatin und Fluvastatin wurden vergleichsweise selten ver­ordnet; die Zahl der berichteten Fälle war zu gering, um aussagekräftige ROR-Werte zu generieren. Im Zusammenhang mit den Kombinationspräparaten wurden ebenfalls keine oder nur sehr wenige ALS-Fälle berichtet, was die Studienautoren auf die vergleichsweise geringe Verordnungszahl der Präparate zurückführen. Da die Reporting Odds Ratios aller Statin-Monopräparate erhöht waren, sehen die Studienautoren insgesamt Anhaltspunkte für ein erhöhtes ALS-Risiko der Substanzklasse im Vergleich zu anderen Arzneistoffen. Als möglichen Mechanismus postulieren sie eine Verstärkung der negativen Auswirkungen von oxidativem Stress durch Statine, die einer gegenregulatorischen Erhöhung der Konzentration an Low-Density-Lipoprotein (LDL) entgegenwirken.

Nur Hypothesen, keine Beweise

Wie bei Auswertungen von Pharmakovigilanzdaten üblich, kann auch diese Analyse lediglich zur Generierung von Hypothesen dienen. So ist die FAERS-­Datenbank anfällig für Ver­zerrungen und die Qualität der Daten uneinheitlich (s. Kasten). Zudem war die Zahl der berichteten ALS-Fälle im Zusammenhang mit einzelnen Statinen teilweise sehr gering. Auch lagen keine Angaben zu Dosierungen der einzelnen Statine vor. Dennoch können Pharmakovigilanzdaten helfen, mögliche Signale zu erkennen, die in randomisierten kontrollierten Studien nicht entdeckt wurden – insbeson­dere, wenn es sich um sehr seltene Nebenwirkungen handelt.

Doch welche Bedeutung haben diese Analysedaten? Muss man den Einsatz von Statinen im Hinblick auf ein mögliches ALS-Risiko kritisch hinterfragen und sollte man Statine bei Patienten mit ALS-Symptomen absetzen, wie die Studienautoren nahelegen? Wie die Deutsche Gesellschaft für Neurologie die Ergebnisse bewertet, erfahren Sie im Kommentar von Professor Ludolph und Privatdozent Dorst. |

Quelle

Golomb BA et al. Amyotrophic Lateral Sclerosis Associated with Statin Use: A Disproportionality Analysis of the FDA‘s Adverse Event Reporting System. Drug Saf 2018;41(4):403-413

Food and drug administration (FDA). Questions and Answers on FDA‘s Adverse Event Reporting System (FAERS). www.fda.gov; Abruf am 17. September 2018

Das könnte Sie auch interessieren

Muskuläre Komplikationen treten unter Atorvastatin und Rosuvastatin früher auf

Stärkere Wirkung, schnellere Nebenwirkung

AHA warnt vor Wechselwirkungen unter Statin-Therapie – und gibt Tipps, wie man sie umgeht

Statine in Interaktion

Auswirkungen auf Osteoporose-Risiko sind wahrscheinlich dosisabhängig

Wann Statine die Knochen schwinden lassen

Nutzen-Risiko-Verhältnis ist nicht endgültig geklärt

Das Risiko der Statine

Arzneimitteltherapie-Sicherheit bei Hyperlipidämie

Statin-induzierte Myopathie

Statine sind nicht alle gleich

Von kleinen Unterschieden

Statine trotzdem nicht absetzen

Kataraktrisiko erhöht

FDA verfügt neue Sicherheitshinweise

Update für Statine

Aktuelle Analysen geben Entwarnung

Grauer Star unter Statinen seltener

0 Kommentare

Kommentar abgeben

 

Ich akzeptiere die allgemeinen Verhaltensregeln (Netiquette).

Ich möchte über Antworten auf diesen Kommentar per E-Mail benachrichtigt werden.

Sie müssen alle Felder ausfüllen und die allgemeinen Verhaltensregeln akzeptieren, um fortfahren zu können.