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Illegaler Arzneimittelhandel: Ministerium will für Aufklärung sorgen

Vertrauen in die Arzneimittelaufsicht schwindet – Ministerin bringt Maßnahmenbündel auf den Weg

BERLIN (ks) | Der Skandal um in griechischen Kliniken gestohlene teure Arzneimittel, die über verschiedene Zwischenlager unter anderem zum brandenburgischen Pharmahändler Lunapharm gelangt sind, zieht Kreise. Seit dem 20. Juli ist die Liste der nun zurückgerufenen Arzneimittel veröffentlicht. Sie zeigt: Die meist gegen Krebserkrankungen eingesetzten Präparate wurden in die verschiedensten Ecken der Republik geliefert. Die unter Druck geratene Landesgesundheitsministerin Diana Golze (Linke) zog mittlerweile weitere Konsequenzen.
Foto: Bildhaus. Karoline Wolf
Diana Golze

Nachdem das ARD-Magazin Kontraste vor zwei Wochen über den griechisch-deutschen Arzneimittelschmuggel berichtet hatte, in den mutmaßlich auch der in Mahlow ansässige Pharmahändler Lunapharm verwickelt ist, überschlugen sich in Potsdam die Ereignisse. Zunächst hatten das Brandenburger Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie (MASGF) und die ihm unterstellte Überwachungsbehörde – das Landesamt für Arbeitsschutz, Verbraucherschutz und Gesundheit (LAVG) – noch erklärt, es bestehe kein Risiko für Patienten. Aber am Dienstag vergangener Woche initiierte das Ministerium dann doch einen Rückruf der Lunapharm-Präparate. Golze trat einen Tag später vor die Presse und räumte Versäumnisse ein. Am Freitagnachmittag vergangener Woche veröffentlichte das Ministerium dann auf seiner Webseite die Liste der zurückgerufenen Präparate. Es handelt sich um rund 600 Arzneimittel, deren Verfallsdatum noch nicht erreicht ist. Betroffen sind elf Präparate: Adcetris®, Afinitor®, Alimta®, Herceptin®, Mabthera®, Neulasta®, Tracleer®, Vectibix®, Velcade®, Xgeva® und Xtandi® – in der Regel als Lunapharm-Import. Golze weiß es mittlerweile selbst: Dieser Rückruf hätte eigentlich schon im März 2017 erfolgen müssen. Denn da wusste das LAVG einem Akten­vermerk zufolge, dass die Staats­anwaltschaft gegen die Lunapharm-Geschäftsführerin ermittelt – und das nicht nur wegen des Verdachts eines Verstoßes gegen das Arzneimittel­gesetz, sondern auch wegen des Verdachts auf Hehlerei. Mittlerweile dürften die Produkte, die Lunapharm von 2015 bis April 2017 ausgeliefert hat, verbraucht sein.

Info-Telefon und Task Force

Ebenfalls am 20. Juli entschuldigte sich Ministerin Golze zudem ausdrücklich bei den betroffenen Patienten: „Es liegt mir am Herzen, dass wir schnell aufklären und vor allem sämtliche Maßnahmen ergreifen, damit so etwas nie wieder passieren kann.“ Möglicherweise betroffenen Patienten empfahl sie, sich an ihren behandelnden Arzt zu wenden, „denn nur dieser kann eine Aussage darüber treffen, welche Medikamente tatsächlich verabreicht worden sind“.

Zugleich präsentierte Golze ein Maßnahmenbündel. So gibt es seit vergangenem Freitag ein Infotelefon: Unter der Rufnummer 0331 866-5020 geben medizinische und pharmazeutische Experten täglich zwischen 10 und 16 Uhr Auskunft – auch Apotheken. Bis Montagabend dieser Woche gingen bereits 535 Anrufe ein – 85 der Anrufer fragten allerdings nach Valsartan.

Zudem wurde eine Task Force unter Leitung von Staatssekretärin Almuth Hartwig-Tiedt (Linke) berufen. Diese soll die Vorwürfe nun aufklären. Neben Verwaltungsexperten und Juristen gehören Prof. Dr. Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) und Prof. Dr. Martin Schulz, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Apotheker (AMK) der Task Force an. Ferner wurde Lunapharm die Betriebserlaubnis ebenso wie die Herstellungs- und Großhandelserlaubnis entzogen.

Aufsicht wechselt in andere Abteilung

Und auch im eigenen Haus hat die Ministerin aufgeräumt. Golze: „Es wurde nach allem, was wir jetzt wissen, eindeutig gegen bestehende Regeln verstoßen, die zu diesem Behördenversagen geführt haben.“ Daher hat sie die komplette Aufgabe der Arzneimittelaufsicht der bisherigen Abteilungs­leitung entzogen und einer anderen Abteilung zugewiesen. Gegen zwei Mitarbeiter des LAVG wurde zudem Strafanzeige erstattet – die Staats­anwaltschaft ermittelt wegen des Anfangsverdachts der Korruption.

Auf der MASGF-Webseite finden sich zudem weitere Informationen und Antworten auf verschiedene Fragen rund um den Fall, die laut Ministerium laufend aktualisiert werden. So ist dort zu lesen, dass das MASGF, das Bundesgesundheitsministerium und die Europäische Arzneimittelagentur die griechischen Behörden gebeten ­haben, anhand der Liste mit den von Lunapharm aus Griechenland bezo­genen Mittel eindeutig zum Diebstahlsverdacht Stellung zu beziehen. Eine offizielle Rückmeldung stand bis DAZ-Redaktionsschluss am Dienstagmittag noch aus.

Weitere Informationen

Die Liste der zurückgerufenen Arzneimittel samt ihrer Empfänger sowie eine FAQ-Aufstellung finden Sie auf der Webseite des MASGF. Sie erreichen die Seite auch, wenn Sie auf DAZ.online den Webcode H5KR6 in die Suchmaske eingeben.

Rückstellmuster werden geprüft

Zudem informiert das brandenburgische Ministerium, dass nun die Rückstellmuster betroffener Arzneimittel laboranalytisch überprüft werden. Denn noch ist unklar, ob der Transport durchgehend gekühlt erfolgte. Bei bisherigen behördlichen Kontrollen von Lunapharm konnte laut MASGF nachvollzogen werden, dass Ware aus Griechenland, falls erforderlich, gekühlt angeliefert wurde.

Auch die AMK informiert über den Handel mit den potenziell in Griechenland gestohlenen Arzneimitteln. Zudem hat sie mittlerweile diverse Chargenrückrufe veröffentlicht. Sie finden diese hier im Heft ab Seite 94. Die AMK verweist zudem darauf, dass derzeit eine Liste der Kunden, die die betroffenen Arzneimittel bezogen haben, zusammengestellt wird – bis DAZ-Redaktionsschluss war sie allerdings noch nicht veröffentlicht.

Für Golze wird indessen auch diese Woche sicherlich nicht einfach. Diesen Mittwoch stand für sie noch ein Termin vor dem Gesundheitsausschuss des Landtages an, wo sie ausführlich über den Fall berichten wollte.

Der Brandenburger Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) stützte ihr insoweit den Rücken, als dass er die vergangene Woche veranlassten Maßnahmen als „wichtige Schritte in die richtige Richtung“ bezeichnete. Woidke räumte ein: „Das Vertrauen in unsere Arzneimittelaufsicht und in unser Gesundheitssystem hat durch diesen Vorfall erheblichen Schaden er­litten. Eine umfassende Aufklärung hat deswegen oberste Priorität.“ Er erwarte nun von Golze, die Versäumnisse durch das LAVG offenzu­legen und sicherzustellen, dass die Arzneimittelaufsicht ihre Aufgaben ordnungsgemäß wahrnimmt. „Der Schutz der Gesundheit unserer Bürgerinnen und Bürger steht für die gesamte Landesregierung an oberster Stelle.“

Unter anderem Gehe und CC-Pharma kauften bei Lunapharm

Klar ist: Die potenziell geschmuggelten Arzneimittel sind über Lunapharm deutschlandweit sowie nach Litauen und Polen vertrieben worden. In diverse Apotheken, aber auch an den Großhändler Gehe und Importeure wie CC-Pharma ging die Ware. Bei CC-Pharma waren bereits im Jahr 2014 in italienischen Kliniken gestohlene Arzneimittel gelandet. Auch onkologische Großhändler wie CK Pharma sowie Omnicare waren Kunden von Lunapharm. |

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