Schwerpunkt Schilddrüse

Kleines Organ mit großen Aufgaben

Funktionsstörungen der Schilddrüse bringen den ganzen Organismus durcheinander

Von Gabriele Klingner | Sie ist beim gesunden Menschen nur einige Zentimeter groß und doch die größte endokrine Drüse des Menschen, die Schilddrüse. Ist ihre Funktion gestört, geraten wichtige Abläufe aus dem Gleichgewicht. Rund ein Drittel der Deutschen ist von einer Schilddrüsenerkrankung betroffen. Deren Symptome sind oft unspezifisch und zunächst schwer einzuordnen. Ist die Diagnose jedoch gestellt, stehen den Patienten hochwirksame Therapiemöglichkeiten zur Verfügung. Sie reichen von der Pharmakotherapie bis zum chirurgischen Eingriff.

Die Hauptaufgabe der Schilddrüse (Thyreoidea) ist die ­Produktion der iodhaltigen Hormone Thyroxin (Tetraiod­thyronin, T4) und Triiodthyronin (T3) (Abb. 1). Diese Schilddrüsenhormone regulieren den Energieverbrauch und den Stoffwechsel, das Herz-Kreislauf-System und viele Prozesse in verschiedenen Organen und Geweben. Zudem beeinflussen sie entscheidend die Wachstums- und Differenzierungsvorgänge bei Ungeborenen und Kindern – vor allem des Gehirns. Daher ist die ausreichende Aufnahme von Iod für die körperliche und geistige Entwicklung besonders wichtig. Eine Schilddrüsenüberfunktion oder -unterfunktion hat also vielfältige Auswirkungen.

Auch morphologische Veränderungen der Schilddrüse kommen häufig vor. Die sogenannten Knoten sind meistens gutartig; maligne Knoten und Karzinome sind selten und haben eine gute Prognose.

Abb. 1: Die Schilddrüsenhormone Tri- und Tetraiod­thyronin (T3 und T4).

Das Schmetterlingsorgan

Die Schilddrüse befindet sich unterhalb des Larynx (Kehlkopf) vor der Trachea (Luftröhre) und besteht aus den beiden Seitenlappen Lobus dexter und Lobus sinister. Diese sind zwischen dem zweiten und vierten Trachealring über einen schmalen Isthmus miteinander verbunden und umgreifen die Luftröhre in Form eines Schmetterlings. Bei Erwachsenen wiegt die Schilddrüse durchschnittlich 20 bis 30 Gramm, mit einem Volumen von 18 bis 25 ml; sie ist beim gesunden Menschen kaum tastbar. Allerdings variiert die Größe der Schilddrüse intraindividuell, auch ohne dass eine Erkrankung vorliegen muss. Obwohl das Gewicht der Schilddrüse nur etwa 0,2 Promille des Gesamtkörpergewichtes ausmacht, zieht sie 2 Prozent des Blutflusses auf sich. Um diese Durchblutung zu gewährleisten, ist die Schilddrüse von zwei Kapseln umhüllt, die eine Verbindung mit den versorgenden Blutgefäßen ermöglichen.

Die Follikelepithelzellen (Thyreozyten) synthetisieren die Hormone T3 und T4 (Abb. 1, 2). Die parafollikulären oder C-Zellen produzieren das für die Calciumhomöostase wichtige Peptidhormon Calcitonin. Im Unterschied zu anderen Drüsen speichert die Schilddrüse ihre Produkte extrazellulär in zahlreichen kleinen Follikeln. T3 und T4 sind im Blut an drei Transportproteine gebunden. Der freie Anteil (fT3 und fT4) beträgt nur 0,3 Prozent. Er wird neben der TSH-Bestimmung zur Schilddrüsenfunktionskontrolle herangezogen.

Schilddrüsenhormone – Normwerte

fT3: 5,4 bis 8,8 pmol/l

fT4: 10 bis 23 pmol/l

TSH: 0,3 bis 2,5 mU/l

TSH nach Op mit Hormonersatz: 0,3 bis 1,0 mU/l

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Streng kontrolliertes Zusammenspiel

Thyroxin (T4) und Triiodthyronin (T3) werden je nach Bedarf in den Blutkreislauf sezerniert. Ihre Produktion und Abgabe werden durch den thyreotropen Regelkreis gesteuert, an dem Hypothalamus, Hypophyse und Schilddrüse beteiligt sind. Über Rückkopplungsmechanismen sichert er eine kontrollierte Ausschüttung der Schilddrüsenhormone:

  • Sinken die Blutplasmaspiegel von T3 und T4, sezerniert die Adenohypophyse Thyreotropin (Thyreoidea-stimulierendes Hormon, TSH), welches die Funktion der Schilddrüse wie auch ihr Wachstum anregt.
  • Die Hypophyse ihrerseits unterliegt der Kontrolle durch den Hypothalamus. Ist der Sollwert an TSH zu niedrig, produziert und sezerniert der Hypothalamus das Thyreotropin-Releasing Hormon (TRH), welches die Produktion und Sekretion des TSH stimuliert.
  • Hohe Blutplasmaspiegel von T3 und T4 hemmen die Produktion und Sekretion von TSH und TRH.

Über die sensible Steuerung des thyreotropen Regelkreises bleibt beim gesunden Menschen der Schilddrüsenhormonhaushalt im Gleichgewicht (Abb. 2).

Abb. 2: Biosynthese, Speicherung und Freisetzung der Schilddrüsenhormone werden durch das Thyreoidea-stimulierende Hormon (TSH, Thyreotropin) vermittelt und gefördert. Iodid wird aus dem Blut in die Epithelzellen der Schilddrüse aufgenommen und mithilfe der Peroxidase zu Iod oxidiert. Im Bereich der Mikrovilli werden Tyrosylreste des Thyreoglobulins (TG) iodiert. Es entsteht zunächst Monoiod-, dann Diiodtyrosin (MIT, DIT). Durch intramolekulare Kopplung wird dann Thyroxin (T4) gebildet, durch Deiodierung Triiodthyronin (T3). T3 und T4 werden durch Proteolyse von Thyreoglobulin abgespalten und in die Blutbahn abgegeben. Dort werden sie an Transportproteine gebunden. [Nach Vaupel, Schaible, Mutschler: Anatomie, Physiologie, Pathophysiologie des Menschen. 7. Auflage 2015, WVG Stuttgart]

Struma durch Iod-Mangel

Die häufigste Erkrankung der Schilddrüse ist die Struma (Kropf); diese Vergrößerung der Schilddrüse ist zu 90 Prozent auf einen alimentären Iod-Mangel zurückzuführen. Die Schilddrüse benötigt für die Synthese der Schilddrüsenhormone ausreichend Iod, ein essenzielles Spurenelement, das als Iodid aus dem Blut in die Schilddrüse gelangt und dort zu elementarem Iod oxidiert und gespeichert wird. Auch wenn die WHO Deutschland nicht mehr als Iod-Mangelgebiet listet, ist die Iod-Versorgung hierzulande nicht überall optimal (s. auch Artikel "Stoffwechsel fein justiert - wie Mikronährstoffe die Schilddrüsenfunktion beeinflussen" in dieser DAZ). Wenn die Iod-Zufuhr mangelhaft ist, sinkt die T3-Sekretion und steigt die TSH-Sekretion. Zusätzlich sezernieren die Thyreozyten verstärkt Wachstumsfaktoren wie IGF-1 und EGF, was schließlich zur Hyperplasie des Organs führt. Mittels Palpation, Sonografie, Szintigrafie und Bestimmung von Laborparametern kann eine Struma sicher diagnostiziert und festgestellt werden, ob die Funktion der Schilddrüse beeinträchtigt ist. Die Szintigrafie eignet sich als funktionsmorphologische Untersuchung besonders zur Differenzierung von (inaktiven) kalten Knoten und (überaktiven) heißen Knoten.

Welche Beschwerden eine Struma verursacht, hängt von der Größe der Schilddrüse und der Stoffwechsellage ab. Eine stark vergrößerte Schilddrüse kann auf die Luftröhre drücken und Schluck- oder Atembeschwerden hervorrufen. Als Therapie bei Kindern und Jugendlichen ist die alleinige Gabe von Iod meist ausreichend. Bei Erwachsenen ist die Kombinationstherapie aus Iod und Levothyroxin (L-Thyroxin) am effektivsten. Haben sich bereits Knoten gebildet oder führt die Größe der Schilddrüse zu mechanischen Komplikationen, kann eine Operation oder Radioiodtherapie indiziert sein.

Hyperthyreose: Hormone überschwemmen Körper

Die Schilddrüsenhormone wirken auf zahlreiche Organe des menschlichen Körpers ein. Dementsprechend betrifft eine Funktionsstörung der Schilddrüse den gesamten Organismus. Nicht immer sind die Symptome eindeutig; vor allem im Anfangsstadium treten eher unspezifische Beschwerden auf.

Bei einer Hyperthyreose kurbeln die Schilddrüsenhormone den Stoffwechsel übermäßig an. Die Betroffenen leiden unter verstärktem Schwitzen, erhöhtem Blutdruck, Nervosität, Gewichtsverlust, Konzentrationsschwäche oder Schlafstörungen. Die funktionelle thyreoidale Autonomie und der Morbus Basedow sind die häufigsten Ursachen für eine solche Überfunktion der Schilddrüse.

Bei der funktionellen Autonomie produzieren die Thyreo­zyten in den heißen Knoten unabhängig von der Kontrolle durch die Hypophyse zu viele Schilddrüsenhormone. Morbus Basedow hingegen ist eine Autoimmunerkrankung, bei der Autoantikörper die TSH-Rezeptoren stimulieren. Die Krankheit, an der insbesondere Frauen leiden, äußert sich meist in der Merseburger Trias:

  • vergrößerte Schilddrüse,
  • hervortretende Augäpfel (endokrine Orbitopathie) und
  • Herzrasen.

Der Nachweis der Autoantikörper unterstützt die Diagnose.

Je nach Form und Ausprägung der Hyperthyreose stehen unterschiedliche Therapien zur Verfügung. Die medikamentöse Behandlung mit Thyreostatika wie Carbimazol, Thi­amazol und Propylthiouracil blockiert die Synthese der Schilddrüsenhormone. Eine Gabe von Betablockern kann diesen Ansatz begleiten. Beim Morbus Basedow reicht die Therapie mit Thyreostatika in der Hälfte der Fälle aus, um eine Euthyreose (normale Schilddrüsenfunktion) zu erreichen. Gelingt dies nicht oder handelt es sich um eine funk­tionelle Autonomie, ist eine Operation oder eine Radioiod­therapie notwendig, um das aktive Schilddrüsen­gewebe zu verkleinern und die Überschwemmung des Organismus mit Schilddrüsenhormonen zu stoppen.

Abb. 3: Die Schilddrüsenhormone T3 und T4 steuern viele Funktionen im Körper. Zudem regulieren sie über eine Rückkopplung an den Hypothalamus und die Adeno­hypophyse ihre Syntheserate in der Schilddrüse, sodass die Konzentrationen von T3 und T4 im Blut im optimalen Bereich bleiben. Ein Iod-Mangel und Erkrankungen der beteiligten Drüsen können zu Fehlfunktionen der Schilddrüse führen.

Hypothyreose: Der Stoffwechsel fährt runter

Wie Morbus Basedow ist auch die Hashimoto-Thyreoiditis eine Autoimmunerkrankung. Sie ist die häufigste Ursache für eine Hypothyreose und betrifft Frauen ebenfalls häufiger als Männer. Im Fall der Hashimoto-Thyreoiditis greifen Autoantikörper das Schilddrüsengewebe an. Die Thyreozyten können die Hormone T3 und T4 nur noch in ungenügender Menge an den Organismus abgeben, welcher mit typischen Symptomen reagiert wie

  • Antriebsschwäche, Müdigkeit,
  • nachlassende Leistungsfähigkeit,
  • Heiserkeit und
  • Kälteempfindlichkeit.

Anfänglich kann eine Hashimoto-Thyreoiditis mild und unerkannt verlaufen. Daher ist ein Nachweis der Autoantikörper im Blut sinnvoll. Um die Unterfunktion der Schilddrüse zu kompensieren, wird T4 in Form von Levothyroxin medikamentös substituiert. Die Einnahme muss lebenslang er­folgen (s. auch den Artikel "Störanfällige Levothyroxin-Therapie - was bei einer Hormonsubstitution zu beachten ist" in dieser DAZ). |

Quellen

Heinrich P, Müller M, Graeve L. Biochemie und Pathobiochemie, 9. Aufl. Springer, Berlin 2014

Grünwald F, Derwahl K-M. Diagnostik und Therapie von Schilddrüsenerkrankungen: Ein Leitfaden für Klinik und Praxis, 2. Aufl. Lehmanns Media, Berlin 2014

Ziegler R. Erkrankungen der Schilddrüse. In: Bob A, Bob K (Hrsg). Innere Medizin, Thieme, Stuttgart 2001, S. 784-810

Schicha H, Schober O. Nuklearmedizin: Basiswissen und klinische Anwendung, 7. Aufl. Schattauer, Stuttgart 2013

Hörmann R. Schilddrüsenkrankheiten: Leitfaden für Praxis und Klinik, 4. Aufl. ABW Wissenschaftsverlag, Berlin 2005

de Benoist B et al (eds). Iodine status worldwide, WHO Global Database on Iodine Deficiency; http://apps.who.int/iris/bitstream/10665/43010/1/9241592001.pdf

Speer C, Gahr M (Hrsg). Pädiatrie, 4. Aufl. Springer, Berlin 2013

Krebs in Deutschland; www.krebsdaten.de/Krebs/DE/Content/Krebsarten/Schilddruesenkrebs/schilddruesenkrebs_node.html

Luster M (Hrsg). Schilddrüse 2013: Die Schilddrüse in allen Lebenslagen – vom klinischen Standard zur individuellen Medizin. Lehmanns Media, Berlin 2013

Deutsche Gesellschaft für Ernährung. Referenzwerte Jod; www.dge.de/wissenschaft/referenzwerte/jod

Autorin

Gabriele Klingner ist Diplom-Biologin und arbeitet als freie Autorin für Themen aus den Bereichen Wissenschaft und Gesundheit.

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