Fortbildungskongress

Behandlung von Überund Unterfunktion

Zwischen 25 und 40% der Bundesbürger haben eine vergrößerte Schilddrüse, Knoten oder Zysten. Nicht alle Veränderungen haben Krankheitswert, wie Prof. Dr. Joachim Feldkamp aus Bielefeld darlegte.
Prof. Dr. Joachim Feldkamp Foto: DAZ/ck

Der wichtigste Bestandteil der Schilddrüsenhormone ist das Spurenelement Iod. Das Schilddrüsenhormon Thyroxin (T4) enthält vier Iodatome und wird in den Zielzellen durch Abspaltung eines Iodatoms zur Wirkform Trijodthyronin (T3) abgebaut.

Hormonelle Rückkopplung

Gesteuert wird die Bildung von Thyroxin durch Thyreotropin (Thyreoidea-stimulierendes Hormon, TSH), das von der Hypophyse freigesetzt wird. Dieses Zusammenspiel ist durch eine negative Rückkopplung gesichert: Bei einem hohen Spiegel der Schilddrüsenhormone wird wenig TSH ausgeschüttet und umgekehrt. Deshalb kann die TSH-Messung auch zur Bestimmung der Schilddrüsenfunktion verwendet werden.

Schilddrüsenhormone beeinflussen die Funktion fast aller Organe: Sie erhöhen den Grundumsatz und steigern die Körpertemperatur. Außerdem erweitern sie die Blutgefäße, beschleunigen den Herzschlag und erhöhen den Blutdruck.

Unterfunktion durch Iodmangel

In Deutschland ist die Hauptursache für Schilddrüsenvergrößerungen ein Iodmangel. Hier wird oft die von der Weltgesundheitsorganisation WHO empfohlene tägliche Iodaufnahme von 150 bis 200 µg nicht immer erreicht. Weil jedoch auch in der industriellen Nahrungsmittelverarbeitung zunehmend mehr Iodsalz verwendet wird, konnte Deutschland im Jahr 2007 von der WHO-Liste der Iodmangelländer gestrichen werden.

Wird zu wenig Iod mit der Nahrung aufgenommen, vergrößert sich die Schilddrüse, bis ein Kropf oder eine Struma sichtbar wird. Im weiteren Verlauf kommt es zur Schilddrüsenunterfunktion, einer Hypothyreose. Als Folge läuft der gesamte Stoffwechsel auf Sparflamme. Der Puls verlangsamt sich, der Blutdruck sinkt. Die Betroffenen frieren leicht, sind rasch müde und erschöpft oder werden depressiv.

Eine vergrößerte Schilddrüse wird nach heutigem Wissensstand am besten mit Iod in Kombination mit Schilddrüsenhormonen behandelt. Die Hormone werden eine halbe Stunde nüchtern vor dem Frühstück eingenommen. Wenn sich eine Schilddrüse durch die Arzneimitteltherapie nicht ausreichend verkleinert, kann eine Operation notwendig werden.

Zu viele Schilddrüsenoperationen

In manchen Fällen bilden sich in der vergrößerten Schilddrüse autonome Knoten, die ohne Stimulation durch TSH große Mengen an Thyroxin bilden. Die Bildung kann durch große Iodmengen, zum Beispiel in Röntgenkontrastmitteln, angeregt werden. Iodreicher Seefisch oder iodiertes Speisesalz können diese Wirkung im normalen Alltag jedoch nicht auslösen. Die heißen Knoten lassen sich durch eine Radioiodtherapie zerstören. Bei starken Vergrößerungen kann eine Operation notwendig werden.

Eine Operation ist ebenfalls nötig, wenn die Zellen entartet sind und sich ein Karzinom entwickelt hat. Das ist aber nur bei 2 bis 4% der kalten Knoten der Fall. "In Deutschland werden zu viele Schilddrüsen operiert", sagte Feldkamp. Eine solche Operation beinhalte immer ein hohes Risiko für Schäden an der Nebenschilddrüse und den Stimmbändern.

Morbus Basedow

Auch bei der Basedow-Erkrankung kommt es zu einer Überfunktion der Schilddrüse. Auslöser sind Autoantikörper, die an den Rezeptor für TSH binden und die Schilddrüsenfunktion stimulieren. Als Folge wird die Iodaufnahme in die Schilddrüse gesteigert und das Wachstum der Schilddrüse angeregt, oft entsteht ein Kropf. Die vermehrt produzierten Schilddrüsenhormone führen zu Schlaflosigkeit, Heißhunger, übermäßigem Schwitzen, Durchfall, Zittern und Herzklopfen. Ein weiteres Symptom sind hervorquellende Augen (Exophthalmus).

Die Erkrankung wird mit Thyreostatika wie Thiamazol, Carbimazol und Propylthiouracil behandelt. In der Schwangerschaft wird Prophythiouracil bevorzugt, da hier die teratogene Gefahr am niedrigsten ist. Bei Kindern kann diese Substanz dagegen zu Leberschäden führen und sollte nicht verwendet werden.

Hashimoto-Thyreoiditis

Eine weitere Autoimmunerkrankung der Schilddrüse ist die Hashimoto-Thyreoiditis, eine Entzündung des Schilddrüsengewebes ohne Vergrößerung. Hiervon sind vor allem Erwachsene zwischen dem 40. und 50. Lebensjahr betroffen, Frauen zehnmal häufiger als Männer. Nach der Geburt entwickelt jede zehnte Frau eine derartige Störung.

Bei dieser Autoimmunerkrankung werden Antikörper gegen körpereigenes Schilddrüsengewebe gebildet, die zu Entzündungen und Zerstörungen führen. Die Folge ist eine Unterfunktion der Schilddrüse.

Mit Natrium-Selenit in Tagesdosen von 100 bis 200 µg kann der Immunprozess aufgehalten werden. Zur Behandlung der Symptome wird das Hormondefizit mit Schilddrüsenhormonen ausgeglichen.


Dr. Nina Griese Foto: DAZ/hel

Bei Hormontherapie Blutgerinnung überprüfen

Schilddrüsenhormone beschleunigen wahrscheinlich die Metabolisierung von Gerinnungsfaktoren und hemmen so die Blutgerinnung. Daher steigt bei einer Hyperthyreose oder bei der Überdosierung von Schilddrüsenhormonen die Blutungsgefahr.

Jede Veränderung bei der natürlichen Hormonproduktion oder der künstlichen Hormonersatztherapie kann die Wirkung von Phenprocoumon und anderen Antikoagulanzien verändern, weshalb engmaschige Kontrollen der Blutgerinnung erforderlich werden. Eventuell muss die Dosierung der Antikoagulanzien angepasst werden. Beim abrupten Absetzen von Schilddrüsenpräparaten kann sich dagegen das Thromboserisiko erhöhen, wie Dr. Nina Griese von der ABDA aus Berlin ausführte.


hel


Zum Weiterlesen


T3, TSH, TPO, TAK & TRAK: Was steckt eigentlich hinter Schilddrüsenwerten?

DAZ 2009, Nr. 34, S. 62 – 63



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DAZ 2011, Nr. 7, S. 86