INTERPHARM 2014 - Hormone

„Keinen Laborwert, sondern den Patienten behandeln“

Die Schaltzentrale Schilddrüse

pj | Dieses Dogma der Medizin ist Prof. Dr. Burkhard Herrmann, Bochum, zufolge auch auf Erkrankungen der Schilddrüse anzuwenden. Abweichungen von Referenzwerten sind per se nicht als Zeichen einer Erkrankung zu deuten und müssen diagnostisch geklärt werden. Auffallende Werte können auf eine Funktionsstörung oder Erkrankung hinweisen, spiegeln aber auch biologische Veränderungen wie etwa eine Schwangerschaft wider.
Foto: DAZ / A. Schelbert / C. Hartlmaier
Prof. Dr. Burkhard Herrmann

Bei der Labordiagnostik von Schilddrüsenerkrankungen spielt der TSH-Wert (TSH = Thyreoideastimulierendes Hormon; Referenzbereich zwischen 0,3 bis 4,0 mU/l mit altersabhängigen Varianten) eine wichtige Rolle. Dieser gibt erste Hinweise auf eine mögliche Funktionsstörung, muss jedoch stets im Kontext mit bestimmten Lebensphasen (Kindheit, Schwangerschaft) oder genetischen Dispositionen gesehen werden. Zusätzliche Hinweise geben Symptomatik und Sonographie und im Bedarfsfall weitere Untersuchungen wie Szintigramme oder Punktionen. Klinische Zeichen einer Unterfunktion sind Müdigkeit, verlangsamter Puls, Verstopfung, Gewichtszunahme, brüchige Nägel und Frieren; gegenteilige Symptome wie Schwitzen, Durchfall, Gewichtsabnahme, Herzrhythmusstörungen und Psychosen deuten auf eine Überfunktion.

Die häufigsten Erkrankungen der Schilddrüse sind Vergrößerungen (Struma), Knoten, Zysten, Hypothyreose und Hyperthyreose, Entzündungen, Morbus Basedow und Tumore. Am häufigsten tritt das euthyreote Struma auf, das durch normale Levothyroxin-(T4) und Triiodthyronin-(T3)-Werte charakterisiert ist. Zur Therapie des euthyreoten Strumas wird eine einjährige Iodid-/Thyroxin-Kombinationstherapie empfohlen, mit der eine bis zu 20%ige Volumenreduktion der vergrößerten Schilddrüse erzielt werden kann. Knotige Veränderungen der Schilddrüse treten sehr häufig auf und können in seltenen Fällen bösartig sein. Wird ein Knoten festgestellt, sollte der Calcitonin-Spiegel bestimmt werden, der bei medullären Schilddrüsenkarzinomen erhöht ist. Der Calcitonin-Spiegel dient also in diesem Fall als Tumormarker.

Eine Hyperthyreose mit einer vermehrten Ausscheidung von Levothyroxin und Triiodthyronin kann nicht-immunogen oder immunogen bedingt sein. Bei der nicht-immonogenen Form („warme Knoten“) liegt eine funktionelle Autonomie der Schilddrüse vor. Sie wird mit Thyreostatika (Propylthiouracil, Thiamazol, Carbimazol) behandelt, im Bedarfsfall kommen eine Radioiodtherapie oder – bei Vorliegen eines starken Engegefühls – eine operative Entfernung des Knotens in Betracht. Die bekannteste immonogene Form ist der M. Basedow, dem eine Autoimmunreaktion zugrunde liegt. Zu den typischen Symptomen einer Hyperthyreose kann sich beim Morbus Basedow eine endokrine Orbitopathie gesellen. Zur Therapie eines M. Basedow werden während 15 bis 18 Monaten Thyreostatika gegeben. Dann erfolgt ein Auslassversuch. Bei fehlender Remission sind eine Radioiodtherapie oder die chirurgische Entfernung des betroffenen Areals die nächsten Schritte. Zur Therapie der endokrinen Orbitopathie kommen hoch dosierte Corticoide zum Einsatz. Ferner ist der Patient angehalten, nicht zu rauchen. Als weitere, off-label-praktizierte Therapieoption kann die Gabe von Rituximab erwogen werden. Die Einnahme von Selen verbessert ebenfalls die Augensymptomatik.

Jede Schwangere braucht Jod

Während der Schwangerschaft treten Veränderungen beim TSH-Wert auf. Durch das Schwangerschaftshormon Beta-HCG kommt es zu einer Senkung der TSH-Werte und einem Anstieg von T3 und T4, was aber keine Überfunktion der Schilddrüse widerspiegelt. Der Jodbedarf ist während der Schwangerschaft erhöht und muss gegebenenfalls durch Supplemente (100 bis 200 µg täglich) gedeckt werden, da eine ausreichende Jod-Zufuhr und eine euthyreoide Stoffwechsellage für die körperliche und geistige Entwicklung des Feten unbedingt erforderlich sind. Der Fetus ist während der ganzen Schwangerschaft auf die Versorgung mit Jodid durch die Mutter angewiesen. Die Empfehlung zur Jodidgabe gilt auch für Frauen, die an einer Hashimoto-Thyreoiditis erkrankt sind. Bei Vorliegen eines mütterlichen M. Basedow muss die Therapie mit Thyreostatika (im ersten Trimenon Propylthiouracil, ab dem zweiten Trimenon Thiamazol) fortgeführt werden, um fetale Schilddrüsenstörungen zu verhindern.

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