Arzneimittel und Therapie

Zwei Jahre SLIT reichen nicht

Wird die empfohlene Therapiedauer verkürzt, ist Immuntherapie nicht ausreichend wirksam

Die spezifische Immuntherapie (SIT) ist die einzige kausale Behandlungsform der saisonalen allergischen Rhinitis. Die Leitlinien empfehlen sowohl für die subkutane (SCIT) als auch die sublinguale Immuntherapie (SLIT), mindestens drei Jahre lang zu therapieren. Eine kürzlich publizierte Studie in der Fachzeitschrift JAMA hat die Sinnhaftigkeit der Empfehlung für die SLIT gestützt. Denn bei nur zweijähriger Behandlung lag die Wirksamkeit dieser Therapieform lediglich auf Placeboniveau.

Eine spezifische Immuntherapie ist nicht nur kostenintensiv, sie stellt auch hohe Anforderungen an die Adhärenz. So ist es erforderlich, dass Patienten bei der subkutanen Therapieform (SCIT) mit Allergenextrakten (z. B. Purethal®, ALK-depot® SQ) je nach Behandlungsschema zunächst in wöchentlichen, später in zwei- bis sechswöchigen Abständen ihren Arzt aufsuchen. Die Behandlung wird entweder außerhalb der Pollenflugsaison oder ganzjährig durchgeführt. Bei der SLIT (Grazax®, Oralair®) beginnt die Behandlung in der Regel mindestens vier Monate vor Start des Pollenflugs und dauert bis zu dessen Ende an, wobei täglich eine Tablette einzunehmen ist. Es wird empfohlen, die Behandlung über einen Zeitraum von mindestens drei Jahren durchzuführen. Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass die Therapie sehr wirkungsvoll sein kann. Im Vergleich mit einer symptomatischen Pharmakotherapie kam es bei der SLIT zu einer mindestens ebenso starken Reduktion der Symptome der allergischen Rhinitis. In einigen Studien zeigte sich darüber hinaus, dass die klinische Wirksamkeit auch noch ein bzw. zwei Jahre nach Ende des dreijährigen Therapiezyklus anhielt.

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Sie fliegen wieder: Aktuell machen Hasel- und Erlenpollen Allergikern zu schaffen. Eine spezifische Immuntherapie kann Linderung bringen, allerdings nur, wenn sie lange genug durchgeführt wurde.

Effektiv auch bei kürzerer Therapiedauer?

Aus Patientensicht wäre die Verkürzung der Behandlungsdauer von drei auf beispielsweise zwei Jahre zweifellos wünschenswert, wenn damit vergleichbare Erfolge erzielt werden. Nicht zuletzt kann dies auch Gesundheitskosten sparen. Derzeit gibt es jedoch keine randomisierten klinischen Studien, die bei der SIT verschiedene Behandlungszeiträume direkt miteinander verglichen haben – wohl aber Hinweise darauf, dass kürzere Therapien mit einer höheren Rückfallrate assoziiert sein können.

Eine britisch-amerikanische Forschergruppe hat kürzlich die Ergebnisse einer Studie publiziert, in der die Effektivität einer zweijährigen SLIT untersucht worden war. An der randomisierten, doppelblinden, placebokontrollierten dreiarmigen Parallelgruppenstudie hatten 106 erwachsene Patienten zwischen 18 und 65 Jahren (durchschnittliches Alter 33 Jahre) mit mittelschwerer bis schwerer saisonaler allergischer Rhinitis teilgenommen, die seit mindestens zwei Jahren an einer Gräserpollenallergie litten. Sie wurden entsprechend den empfohlenen Applikationsschemata mit einer SLIT (Grazax®, n = 36) plus subkutanen Placebo-Injektionen, einer SCIT (Alutard® SQ, n = 36) und Placebo-Tabletten oder Doppel-Placebo (Tabletten und s.c.-Injektionen, n = 34) therapiert. Die subkutane Immuntherapie diente lediglich als Positivkontrolle; für einen Vergleich von SLIT und SCIT war die Studie nicht gepowert. Primärer Endpunkt war der Unterschied zwischen der SLIT und Placebo im zwölfstufigen Symptom­score TNSS (Total Nasal Symptom Score, 0 = bester, 12 = schlechtester Wert) nach einer nasalen Allergenexposition nach drei Jahren, das heißt ein Jahr nach Beendigung der Therapie.

Wirksamkeit auf Placeboniveau

92 Patienten beendeten die Studie. Vor Studienbeginn, nach ein und zwei Jahren Behandlung sowie ein Jahr nach Therapieende hatten sie sich einer Allergenprovokation unterzogen. Für die nasale Exposition in der SLIT-Gruppe wurde die Nasenschleimhaut zunächst mittels einer Spüllösung von Sekreten gereinigt. Danach applizierte man den Patienten in jedes Nasenloch 100 Mikroliter eines verdünnten Gräserpollen-Allergenextrakts. Anschließend wurden sie zehn Stunden lang überwacht. Systemische allergische Reaktionen traten in der SLIT-Gruppe nicht auf. Bei etwa 10% der Teilnehmer kam es zu milden Lokalreaktionen.

Die nach der Allergenexposition aufgetretenen Symptome wurden mithilfe des TNSS beurteilt. In der SLIT-Gruppe betrug er vor der Behandlung 6,36, nach drei Jahren 4,73. In der Placebogruppe lagen die mittleren Baseline-Werte bei 6,06, der Scorewert nach drei Jahren bei 4,81. Der Unterschied zwischen beiden Gruppen betrug 0,18 und war nicht statistisch signifikant (p = 0,75). Damit hatte sich trotz zweijähriger SLIT die Reaktion auf eine Allergenexposition nach Ende des dritten, therapiefreien Untersuchungsjahres nicht verbessert.

Leitlinienempfehlung bestätigt

Die Studienautoren verweisen darauf, dass Zwischenauswertungen nach zwei Jahren Behandlung für beide SIT-Formen signifikante Symptomverbesserungen im Vergleich mit Placebo gezeigt hatten. Außerdem hatten die Patienten der SLIT-Gruppe im ersten und zweiten Behandlungsjahr weniger antiallergische Medikamente (Desloratadin-Tabletten, Fluticason-Nasenspray und Olopatadin-Augentropfen) benötigt. Dennoch war es nicht gelungen, mit der zweijährigen sublingualen Immuntherapie eine Langzeiteffektivität zu erzielen. Damit stützt die Studie indirekt die derzeitigen Leit­linienempfehlungen für eine mindestens dreijährige Behandlung, resümierte Professor Linda S. Cox von der Miller School of Medicine der Universität Miami im Editorial der Fachzeitschrift. |

Quelle

Scadding GW et al. Effect of 2 years of treatment with sublingual grass pollen immunotherapy on nasal response to allergen challenge at 3 years among patients with moderate to severe seasonal allergic rhinitis. The GRASS randomized clinical trial. JAMA 2017;317(6):615-25, doi: 10.1001/jama.2016.21040

Cox LS. Sublingual Immunotherapy for Allergic Rhinitis. Is 2-year treatment sufficient for long-term benefit? JAMA 2017;317(6):591-3

Pfaar O et al. Leitlinie zur (allergen-) spezifischen Immuntherapie bei IgE-vermittelten allergischen Erkrankungen. Allergo J Int 2014; 23:282-319

Apothekerin Dr. Claudia Bruhn

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