Arzneimittel und Therapie

Gräserpollenallergie: Hyposensibilisierung jetzt auch mit einer Tablette

Soeben ist mit Grasax® in Deutschland erstmals eine Tablette zur sublingualen Immuntherapie der Gräserpollenallergie eingeführt worden. Sie wird unter der Zunge platziert und zerfällt dort umgehend. Ob sie, wie der Hersteller verkündet, die spezifische Immuntherapie revolutionieren wird, bleibt abzuwarten.

Eine ursächliche Behandlung von Allergien ist, sieht man einmal von der Allergenkarenz ab, nur mit einer spezifischen Immuntherapie (SIT, Hyposensibilisierung) möglich.

Goldstandard subkutane Hyposensibilisierung Goldstandard der SIT ist bislang die subkutane Injektion zunehmender Konzentrationen der für die überschießenden Immunreaktionen verantwortlichen Allergene. Bei Gräserpollenallergien, die sich bei den Betroffenen von Jahr zu Jahr immer wieder in Form von Heuschnupfen und tränenden Augen quälend bemerkbar machen und zu allergischem Asthma führen können, wird die Behandlung in der Regel in der pollenfreien Zeit im Herbst begonnen und zu Beginn des Pollenflugs unterbrochen. Bei Beschwerdefreiheit kann sie ganzjährig ohne Reduktion fortgeführt werden. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit einer Kurzzeittherapie wenige Wochen vor Beginn der Pollenflugsaison. Als Alternative stehen schon seit längerem Präparate zur sublingualen Therapie (SLIT) in Tropfenform für die Patienten zur Verfügung (s. Kasten Indikationen).

SLIT mit innovativer Tablette Mit Spannung wurde die schon vor einiger Zeit angekündigte Einführung von Grasax® erwartet, der ersten Impftablette gegen Gräserpollenallergie. Grasax® ist ein standardisiertes Allergenpräparat aus Gräserpollen von Wiesenlieschgras (Phleum pratense). Unter Verwendung der Zydis®-Technologie, einem Gefriertrocknungsverfahren zur Herstellung schnell zerfallender Arzneiformen (Fast Dissolving Drug Forms), wurde eine Tablette entwickelt, die die Allergene sofort freisetzt. Die therapeutische Wirksamkeit von Grasax® wurde in dem bisher größten SIT-Studienprogramm an über 1700 Patienten unter Beweis gestellt. In einer Placebo-kontrollierten Studie mit 634 Patienten konnten schon im ersten Jahr durch Grasax® die Symptom- und Medikamentenscores um 30 bzw. 38% reduziert werden. Allerdings war die Symptomatik bei den Studienteilnehmern nicht sehr ausgeprägt, der Medikamentenverbrauch war entsprechend niedrig.

Einfache Handhabung Hervorgehoben wird die einfache Handhabung: Die Tablette wird unter die Zunge gelegt. Dort zerfällt sie und die Allergene werden über die Mundschleimhaut aufgenommen. Schlucken ist für eine Minute zu vermeiden, in den fünf folgenden Minuten darf nichts gegessen oder getrunken werden. Die einmal tägliche Einnahme reicht. Mit der Einnahme sollte mindestens acht Wochen vor Beginn der Pollensaison begonnen werden.

Nicht ohne Nebenwirkungen 70% der in Studien mit Grasax® behandelten Patienten berichteten über Nebenwirkungen, bei denen es sich meist um leichte bis mittelschwere lokale allergische Reaktionen im Mund-Rachenbereich handelte. Bei mehr als einem von zehn behandelten Patienten und damit sehr häufig traten nach Angaben in der Fachinformation Halsreizungen, Niesreiz, Mundödem, oraler Juckreiz und Juckreiz in den Ohren auf (siehe Tab. 1). Für Grasax® gelten die allgemeinen Kontraindikationen zur sublingualen Immuntherapie (siehe Kasten "Kontraindikationen"). Darüber hinaus sprechen schwere Entzündungen in der Mundhöhle gegen den Einsatz der Tablette. du

Wie wirkt die spezifische Immuntherapie?

Im Rahmen einer allergischen Reaktion spielt die Aktivierung von T-Helfer-Zellen vom Typ 2 eine entscheidende Rolle. Sie induzieren mit Hilfe von Interleukinen (IL-4 und IL-13) die Synthese von Immunglobulin-E. Zudem produzieren sie Interleukin 5, das wiederum die von eosinophilen Granulozyten geprägte allergische Entzündung in Gang setzt. Im Rahmen der Hyposensibilisierung, also der spezifischen Immuntherapie mit hohen Allergenkonzentrationen, werden dagegen vor allem regulatorische T-Zellen (Treg) aktiviert, die Aktivität der Typ-2-T-Helferzellen und die allergische Entzündung wird gehemmt. Dieser Wirkmechanismus gilt für die subkutane Hyposensibilisierung als gesichert. Ob auch die sublinguale Gabe den gleichen immunmodulatorischen Effekt hat, ist nicht nachgewiesen. Vermutlich wird die lokale Immunantwort verändert.

Sublinguale Immuntherapie – Indikationen

  • Nachweis einer IgE-vermittelten Sensibilisierung (mit Hauttest und*/oder** In-vitro-Diagnostik) und eindeutiger Zusammenhang mit klinischen Symptomen einer allergischen Rhinokonjunktivitis durch Pollenallergene (gegebenenfalls Provokationstestung), deren Behandlung mit einer SCIT nicht in Frage kommt
  • Verfügbarkeit von standardisierten und qualitativ hochwertigen Allergenextrakten
  • Wirksamkeitsnachweis der geplanten SLIT für die jeweilige Indikation
  • Alter der Patienten vorzugsweise über 18 Jahre***

* "Und" bezieht sich auf seltene Allergene bzw. diagnostisch unsichere Ergebnisse.
** "Oder" bezieht sich auf Bedingungen, die keinen Hauttest zulassen.
*** Bessere Studienlage für Erwachsene als für Kinder und Jugendliche

Sublinguale Immuntherapie – Kontraindikationen

  • unzureichend behandeltes Asthma und/oder irreversible Atemwegsobstruktion, das heißt FEV1 trotz adäquater Pharmakotherapie unter 70% des Sollwerts
  • schwere Autoimmunerkrankungen, Immundefizienzen
  • Maligne neoplastische Erkrankung mit aktuellem Krankheitswert
  • unzureichende Compliance

In begründeten Einzelfällen ist auch bei Vorliegen der genannten Kontraindikationen eine spezifische Immuntherapie möglich.

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