Arzneimittel und Therapie

Sublinguale Immuntherapie ist sicher und effektiv

In einem Update eines schon 2003 erschienenen Cochrane Reviews zur sublingualen Immuntherapie bei allergischer Rhinitis bestätigt die Cochrane Collaboration jetzt die Sicherheit und Effektivität dieser Therapieform. Subgruppenanalysen zufolge profitieren Kinder gleichermaßen von einer SLIT wie Erwachsene. Möglicherweise ist eine über 12 Monate andauernde Therapie einer Kurzzeittherapie überlegen.

Weltweit leiden 10 bis 40% der Menschen unter einer allergischen Rhinitis, also unter häufigem Niesen, laufender und verstopfter Nase vergesellschaftet mit tränenden und juckenden Augen und Kratzen im Hals. Lassen sich die auslösenden Allergene nicht meiden, besteht die Möglichkeit, die Symptome mir Hilfe von Antihistaminika oder topischen nasalen Steroiden zu lindern. Sind die Erfolge einer symptomatischen Therapie unbefriedigend, wird eine spezifische Immuntherapie empfohlen, bei der auslösende Allergene in steigender Dosierung zur Desensibilisierung eingesetzt werden. Die Allergene können entweder subkutan oder sublingual verabreicht werden.

Sublingual zur Vermeidung von Nebenwirkungen

Die subkutane Injektion wird seit Jahrzehnten angewendet. Sie ist zeitaufwendig und gilt als wenig komfortabel. Lokale Reaktionen an der Injektionsstelle sind häufig, mit schweren systemischen Reaktionen bis hin zum anaphylaktischen Schock muss gerechnet werden. Daher richtete sich der Focus auf die Entwicklung alternativer Strategien und hier auf die sublinguale Immuntherapie (SLIT). Sie wird seit zwei Jahrzehnten eingesetzt. Im Jahre 2003 hatte die Cochrane Collaboration diese Therapieform erstmals anhand von 22 randomisierten und placebokontrollierten Studien (979 Patienten) bewertet. Damals kam man zu dem Schluss, dass es sich um eine effektive Therapie handelt, bei der nur mit lokalen Nebenwirkungen, nicht dagegen mit systemischen Reaktionen gerechnet werden muss.

Nun hat die Cochrane Collaboration ein Update des Reviews von 2003 veröffentlicht. Die Effektivität wurde anhand der Symptomreduktion und der Reduktion des Medikamentenverbrauchs im Vergleich zu Placebo ermittelt, die Sicherheit anhand der registrierten Nebenwirkungen. Für die Bewertung konnte auf 60 randomisierte klinische Studien zurückgegriffen werden, die Daten von 49 Studien (SLIT = 2333 Teilnehmer; Placebo = 2256 Teilnehmer) konnten für eine Metaanalyse gepoolt werden.

Weniger Symptome, weniger Medikamente

Dabei ließ sich sowohl eine signifikante Reduktion der Symptome (SMD -0,49; 95% confidence interval (CI) -0,64 bis -0,34, p < 0,00001) und des Medikamentverbrauchs (SMD -0,32; 95% CI -0,43 bis -0,21, p < 0,00001) durch die SLIT im Vergleich zu Placebo feststellen. In keiner der ausgewerteten Studien hatte die SLIT zu schweren systemischen Reaktionen oder zu einem anaphylaktischen Schock geführt, keine der registrierten systemischen Nebenwirkungen erforderte den Einsatz von Adrenalin. Damit bestätigt das Update die Ergebnisse des Reviews aus dem Jahr 2003.

Auch Kinder profitieren von SLIT

Aufgrund der größeren Patientenzahl konnten jetzt erstmals auch Subgruppenanalysen durchgeführt werden. So lagen 15 Studien vor, die nur mit Kindern durchgeführt worden waren. Danach ist bei Kindern mit einem ähnlichen Therapieerfolg wie bei Erwachsenen zu rechnen, die SLIT wird als eine attraktive Alternative zur subkutanen Immuntherapie bei Kindern gewertet.

Besser wirksam bei Hausstauballergie?

Weitere Subgruppenanalysen beschäftigten sich mit dem Einfluss der sublingualen Immuntherapie auf die saisonale allergische Rhinitis ("Heuschnupfen") und ganzjährig auftretende Formen, hauptsächlich Hausstauballergien. Hier ergab sich ein Trend für einen größeren Erfolg bei perennialer Rhinitis im Vergleich zur saisonalen allergischen Rhinitis. Doch das Ergebnis basiert nur auf wenigen Studien bei perennialer Rhinitis. Weitere Studien vor allem zur perennialen Rhinitis sind notwendig, um eine sichere Aussage treffen zu können.

Je länger, je besser?

Auch die Dauer der SLIT war Gegenstand von Subgruppenanalysen. Es lagen 17 Studien mit einer Therapie-Dauer von weniger als sechs Monaten vor, 16 Studien mit einer Dauer zwischen sechs und zwölf Monaten und 16 Studien mit einer Therapiedauer über zwölf Monate. Hier ließ sich ein Trend hin zu besseren Ergebnissen im Symptomen-Score erkennen, wenn die Therapie länger als zwölf Monate durchgeführt worden war. Dieser Trend ist auch in neueren Studien zu sehen, doch auch hier sind zur Bestätigung weitere kontrollierte Studien notwendig.

Tropfen oder Tabletten?

Für eine sublinguale Immuntherapie stehen sowohl Tropfen als auch Tabletten zur Verfügung. Ob einer der beiden Applikationsarten der anderen überlegen ist, lässt sich anhand der ausgewerteten Studien nicht sicher beantworten. Es gibt lediglich Hinweise darauf, dass beide Formen ähnlich wirksam und sicher sind.


Quelle

Radulovic S, Calderon MA, Wilson D, Durham S. Sublingual immunotherapy for allergic rhinitis. Cochrane Database of Systematic Reviews 2010, Issue 12. Art. No.: CD002893. DOI: 10.1002/ 14651858. CD002893.pub2.

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Cochrane Collaboration


Die Cochrane Collaboration wurde 1993 gegründet und nach dem britischen Epidemiologen Sir Archibald Leman Cochrane benannt.

Aufgaben

Die Cochrane Collaboration ist eine internationale gemeinnützige Organisation mit dem Ziel, aktuelle medizinische Informationen und Evidenz zu therapeutischen Fragen allgemein verfügbar zu machen. Dies geschieht durch die Erstellung, Aktualisierung und Verbreitung systematischer Übersichtsarbeiten ("systematic reviews"). Sie werden in einer Datenbank, der "Cochrane Database of Systematic Reviews" gesammelt und vierteljährlich als Teil der Cochrane Library publiziert.

Die systematischen Übersichtsarbeiten werden von derzeit 52 international besetzten Cochrane Review Groups (CRG) erstellt und aktualisiert. Die Mitglieder dieser Gruppen – Forscher, Mitarbeiter im Gesundheitswesen, Ärzte, Patienten und andere – haben ein gemeinsames Interesse daran, verlässliche und aktuelle Erkenntnisse zusammenzufassen, die relevant sind im Hinblick auf Prävention, Behandlung und Rehabilitation bestimmter Gesundheitsprobleme. Editorial Teams (Redaktionsteams) der Cochrane Review Groups koordinieren die Erstellung und Aktualisierung der Reviews und achten darauf, dass alle Arbeiten nach den hohen Qualitätsstandards der Cochrane Collaboration durchgeführt werden. Experten verbessern die Methodik, nach denen Cochrane Reviews erstellt werden; andere Mitarbeiter ergänzen wichtige Aspekte und Perspektiven für Verbraucher (Patienten).

Die Aktivitäten der Collaboration werden von einer demokratisch gewählten Steering Group geleitet und von den Mitarbeitern der weltweit vertretenen Cochrane Entitäten (Zentren, Review Groups, Methods Groups, Fields/Networks) unterstützt.

Finanzierung

Die Cochrane Collaboration ist nicht kommerzielle Organisation und in Großbritannien unter englischem Recht als ‚charity’ (Wohltätigkeitsorganisation) registriert.

Die Einnahmen, die aus den Lizenzen für die Cochrane Library fließen, werden für die zentralen Strukturen und Funktionen der Collaboration verwendet. Die Finanzierung der Entitäten (Zentren, Review-Gruppen) und der Review-Autoren obliegt deren eigener Initiative. Dabei hat die Unabhängigkeit und die Vermeidung von Interessenkonflikten in allen Finanzierungsvereinbarungen höchste Priorität. Gefördert werden die Entitäten unter anderem durch nationale Regierungen, internationale staatliche und nicht-staatliche Organisationen, Universitäten, Krankenhäuer, private Stiftungen oder persönliche Spenden.

Das Deutsche Cochrane Zentrum

Das Deutsche Cochrane Zentrum (DCZ) am Universitätsklinikum Freiburg ist seit März 1999 eine Entität der Cochrane Collaboration (CC). Eine wichtige Aufgabe des Deutsche Cochrane Zentrums ist die Bekanntmachung der Cochrane Collaboration und ihrer Bedeutung für den deutschsprachigen Raum in der Öffentlichkeit, mit dem Ziel, den Transfer von Forschungsergebnissen in die Gesundheitsversorgung und damit die Patienteninformation zu verbessern.

Weiterhin ist das Deutsche Cochrane Zentrum als eines von weltweit 14 Cochrane Zentren international für die Unterstützung und Koordination aller Gruppen (Entitäten wie z. B. Centres, Review Groups, Methods Groups) der Cochrane Collaboration verantwortlich.

Derzeit wird das Deutsche Cochrane Zentrum vom Bundesministerium für Gesundheit sowie von der Medizinischen Fakultät der Universität Freiburg und dem Universitätsklinikum Freiburg gefördert.


Quelle

www.cochrane.de



DAZ 2011, Nr. 1, S. 40

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