Akne

„Milch ist kein Nahrungsmittel, sondern ein Signalsystem!“

Konsum von Milch auf ein Minimum reduzieren

Morgens ein Cappuccino, Latte macchiato im Büro, abends Käse zum Rotwein und im Sommer Frozen Yoghurt oder ein leckeres Milcheis zur Erfrischung – Milchprodukte sind für viele Menschen ein fester Bestandteil ihrer täglichen Ernährung und Ausdruck ihres Lifestyles. Ob Milch zur Verschlimmerung einer Akne beiträgt oder sie gar erst entstehen lässt, wird seit Jahrzehnten kontrovers diskutiert. Prof. Dr. med. Bodo Melnik ist vom negativen Effekt der Milch und weiterer Nahrungsmittel fest überzeugt. Er kennt eine ganze Reihe von Belegen aus Studien, die seine bereits 2005 entwickelte Hypothese stützen.
Foto: Privat
Prof. Dr. med. Bodo Melnik, Geschäftsführer und Mitinhaber einer Hautarztpraxis in Gütersloh ­sowie Lehrbeauftragter der Univer­sität Osnabrück für Dermatologie, Umweltmedizin und Gesundheitstheorie.

DAZ: Herr Professor Melnik, wie hat sich die Studienlage zum Thema Akne und Ernährung und speziell zur Milch in den vergangenen Jahren entwickelt?

Melnik: Die ersten Hinweise auf Assoziationen zwischen Akne und Milch stammen bereits aus den 1940er und 1960er Jahren. Doch diese Studien waren entweder nur Fallberichte oder wiesen ein ungeeignetes Design auf. Deshalb waren die gezogenen Schlüsse nicht dazu geeignet, die Hypothese zu stützen, dass Milchkonsum die Akneentstehung und -verschlimmerung fördert. Erst eine retrospektive Auswertung der Nurse Health Study mit 40.000 Probandinnen sowie epidemiologische und kontrollierte Untersuchungen der letzten Jahre lieferten ernst zu nehmende Belege. So zeigte beispielsweise 2012 eine kontrollierte Fallstudie in Italien, dass vermehrter Milchkonsum mit einem signifikant erhöhten Aknerisiko assoziiert ist.

DAZ: Hat man denn die biochemischen Prozesse, die dabei ablaufen, schon komplett verstanden?

Melnik: Meiner Ansicht nach – die auch andere teilen – ist Milch kein reines Nahrungsmittel, sondern zusätzlich ein Signalsystem. Postnatal ist es für die Aufzucht von Säuglingen vorgesehen und hat dort eine Doppelfunktion: Lieferant für Fette, Eiweiße und Kohlenhydrate und Signalgeber. Einen Hauptschalter kennen wir inzwischen, das ist IGF-1, der insulinartige Wachstumsfaktor 1. Durch Milchkonsum werden die Leberzellen angeregt, ihn zu sezernieren, was einige Tage dauert. Dagegen wird Insulin, das Schwesterhormon von IGF-1, sofort nach der Milchaufnahme sezerniert. Und zwar nicht durch den Milchzucker, wie man annehmen könnte, sondern durch das Molkeprotein, das reichlich essenzielle Aminosäuren, insbesondere Valin und Leucin, enthält. Bei Jugendlichen, die Milchprodukte verzehren, addiert sich also zur pubertären Wachstumsphase die Säuglingsphase noch dazu.

DAZ: Sind es aber nicht in erster Linie die Androgene, die die Talgdrüse in der Pubertät zur verstärkten Sebumproduktion anregen?

Melnik: Bezüglich der Androgene war die gängige Lehrmeinung bisher: ohne Androgene keine Akne. Das ist auch nicht ganz falsch, doch ist das Androgen-System dem Wachstumshormon-System nachgeordnet, was ja auch Sinn macht. Denn wir wissen, dass sexuelle Differenzierung ein Wachstum und ein bestimmtes Körpergewicht voraussetzt. Der entscheidende Punkt ist: IGF-1 stimuliert auch die Androgen­synthese und aktiviert zudem Enzyme wie die 5α-Reduktase, die Testosteron zum wesentlich wirksameren Dihydrotestosteron umwandelt. Damit schärft IGF-1 dieses Systems, und die Menge an Androgenen, die den Androgen-Rezeptor besetzt und daraufhin die Sebum-Produktion anregt, steigt. Außerdem kontrolliert IGF-1 den genrepressiven Transkriptionsfaktor FoxO1 im Zellkern (siehe Abb. 1). FoxO1 blockiert Genabschnitte, die für metabolische Prozesse relevant sind. Bei hohen Insulin- und IGF-1-Spiegeln, wie sie nach Milchkonsum wie eben erläutert entstehen können, wird ein Signalweg aktiviert, der die Phosphorylierung und den Abtransport von FoxO1 aus dem Zellkern ins Zytoplasma bewirkt. Damit ist diese „Genbremse“ gelöst und metabolische Prozesse einschließlich der Talg­drüsenproduktion können intensiviert, die Komedonenbildung begünstigt werden.

DAZ: Man findet in der Literatur auch, dass genetische Faktoren bei der Akne eine entscheidende Rolle spielen …

Melnik: Genetische Faktoren können eine Rolle spielen, doch damit allein ließe sich nicht erklären, dass die Akne-Inzidenz so stark ansteigt – bei den Teenagern liegt sie mittlerweile bei 90%. Schon bei Achtjährigen sehen wir heute die ersten Komedonen, und bei den über 30-Jährigen persistiert ja die Akne noch zu 50%, wie Studien gezeigt haben. Untersuchungen mit speziellen ethnischen Gruppen stützen dies. So sehen wir bei Eskimos Akne erst dann, wenn sie die Möglichkeit haben, in Supermärkten einzukaufen – und vorher nicht, obwohl sie reichlich fetten Fisch verzehren. Bei Einheimischen in Papua-Neuguinea hat man bei Pubertierenden keinen einzigen Pickel gefunden. Sie leben noch paläolithisch, das heißt Milch und Getreide sind nicht Bestandteil ihrer Ernährung. Und wir wissen, dass nicht nur die Milch, sondern auch die hyperglykämischen Kohlenhydrate, Akne fördern.

(GH: Wachstumshormon, GI: glykämischer Index, IGF-1: insulinartiger Wachstumsfaktor-1, PAH: polyaromatische Kohlenwasserstoffe, AR: Androgenrezeptor)

DAZ: Gibt es denn Unterschiede bei den verschiedenen Milchprodukten oder auch Milcharten wie H-Milch, fett­armer Milch …

Melnik: Dazu erwarten wir in nächster Zeit noch viele spannende Erkenntnisse. Was wir beispielsweise noch nicht so richtig erklären können: fettarme Milch scheint noch akne­igener zu sein als Vollmilch. Der Eiweiß-Gehalt ist ja bei beiden Arten gleich und es erscheint paradox, dass weniger Milchfett nicht gut sein soll. Es gibt Überlegungen, dass in der Milch enthaltene kleine Partikel, sogenannte Exosomen, eine Rolle spielen könnten. Sie sind so groß wie Viren, ca. 50 nm, besitzen eine Lipidmembran und sind beladen mit microRNA. Mithilfe dieser microRNA kann die Milch bestimmte Gene abschalten. Damit ist die Milch ein genregulatorisches System. Durch Entfetten sowie auch durch Ultrahocherhitzen bei der H-Milch gehen die microRNAs verloren. Man entfernt also einen Bremseffekt und erzeugt damit eine proliferationsstärkende Milch. Dies zeigt uns, dass die Milch ein hochkomplexes System ist, und wenn wir drauf einwirken, erleben wir Überraschungen. Ich sage immer: die Milch hat eine Hard- und eine Software. Die Hardware sind die Aminosäuren, die Software sind die microRNA. Wir manipulieren an einem System, das die Säugetierevolution für eine umschriebene Zeit nach der Geburt geschaffen hat. Nach dieser Wachstumsphase hört jedes Säugetier mit dem Milchkonsum auf – nur wir Menschen „hängen“ danach an der Milchdrüse des Rindes. Dabei ist Milch nicht geeignet, uns dauerhaft zu ernähren.

DAZ: Was empfehlen Sie Ihren Aknepatienten, und welche Ernährungsratschläge sollten wir unseren Kunden in der Apotheke geben? Sollten wir anstelle von Latte macchiato und Cappuccino lieber Espresso und Tee trinken? Und woher bekommen wir dann das wichtige Calcium?

Melnik: Wir empfehlen unseren Aknepatienten, den Konsum von Milchprodukten möglichst auf ein Minimum zu reduzieren. Es geht aber nicht darum, die Milch komplett aus unserem Leben zu verbannen. Aber wir sollten uns mehr in Richtung paläolithische Ernährung orientieren. Denn die „schnellen“ Kohlenhydrate, also Weißbrot, Reis, Kartoffeln, Nudeln, Fastfood und zuckerhaltiges Obst sind genauso ein Problem wie die Milch. Ich empfehle reichlich Gemüse, Sojaprodukte, Tomaten, Vollkornbrot und viel Seefisch sowie wenig Fleisch und auch wenig Käse, der ja auch die genannten Aminosäuren reichlich enthält. Ganz wichtig und für die Knochenfestigkeit essenziell ist regelmäßige Bewegung, dazu ausreichend Vitamin D. Als Calcium-Quelle können Gemüsearten wie Brokkoli und Kohl und calciumreiche Mineralwässer dienen. Auch wenn unser Lifestyle den größten Anteil an der Zunahme der Akne-Inzidenz besitzt – bei Akne im Erwachsenenalter muss man außerdem beispielsweise an Kosmetik- und Medikamentenakne und bei Frauen an hormonelle Imbalancen denken.

DAZ: Professor Melnik, herzlichen Dank für das Gespräch! |


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