Arzneimittel und Therapie

Die Kunden nicht im Stich lassen

Welche Maßnahmen wirklich gegen Mücken schützen und von welchen abgeraten werden kann

Sie stören uns nachts beim Einschlafen und verursachen juckende Hautstellen: Mücken haben weltweit ein äußerst schlechtes Image. In einigen Klimazonen können ihre Stiche ernsthafte Folgen wie Infektionen mit Malaria, Gelbfieber oder Zika haben. Einheimische und Reisende sollten daher vor allem auf physikalische und chemische Abwehrstrategien setzen.

Mücken sind im Gegensatz zu Motten und Faltern in der Helligkeit eher orientierungslos und meiden daher die meisten Lichtquellen. Sie machen ihre potenziellen „Opfer“ nämlich am CO2-Gehalt in der Atemluft, Wärme, feuchte Haut und Geruch des „süßen Blutes“ aus. Doch damit ist weniger der Blutzuckerspiegel gemeint als die individuelle Zusammensetzung der Körperflüssigkeiten aus Cholesterol, Hormonen (vor allem Estrogen), Milchsäure und weiteren Stoffwechselprodukten. Körperhygiene und Ernährungsgewohnheiten haben einen gewissen Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit, gestochen zu werden. Doch in­wiefern der Verzehr bestimmter Lebens­mittel jemanden komplett vor Mückenangriffen schützt, konnte bisher nicht abschließend geklärt werden.

Foto: corlaffra – Fotolia.com
Weibliche Mücken müssen nach der Befruchtung eine Blutmahlzeit zu sich nehmen, um Eier zu bilden. Die allergische Reaktion wird ausgelöst durch Proteine im Speichel der Mücke, die eine Gerinnung des Blutes verhindern sollen.

Und ob nun eher Frauen oder Männer das bevorzugte Ziel sind, bleibt ebenfalls umstritten. Schwangere können durch ihre etwas höhere Körpertemperatur und Estrogen-Konzentration durchaus häufiger betroffen sein. Auch die Tatsache, dass Frauen über dünnere Hautschichten verfügen, andere Parfums verwenden und im Sommer mehr freie Körperstellen zeigen als Männer, spielt womöglich eine Rolle.

Barrieren schaffen

Von den mehr als 3500 Mückenarten kommen in Europa rund 100 vor, und jede hat ihr eigenes Stechverhalten. Allen gemeinsam ist, dass jeweils nur die weiblichen Exemplare Blut saugen, um damit ihren Nachwuchs zu versorgen. Der effektivste Schutz ist also am besten unspezifisch gegen alle Mücken gerichtet. Mechanische Barrieren sind die grundlegende Abwehrstrategie:

  • Tragen von heller, dicht abschließender aber locker sitzender Kleidung sowie festem Schuhwerk
  • gegebenenfalls Kopfbedeckung mit Moskitonetz
  • Aufenthalt in geschlossenen, klimatisierten Räumen
  • Mückenschutzgitter vor Eingängen und Fenstern
  • Schlafen unter Moskitonetzen
  • Inspektion der Umgebung und Entfernung von potenziellen Brutstätten in Wohnungsnähe (wie Regentonnen, Dachrinnen und alte Autoreifen)
  • Einsatz der Fliegenklatsche

Unsichtbarer Schutzmantel

Um das Risiko, gestochen zu werden, noch weiter zu senken, werden Repellenzien und Insektizide zur Mückenabwehr eingesetzt. Bei den Insektiziden handelt es sich meist um Raumsprays und -verdampfer mit neurotoxischen Inhaltsstoffen, die Insekten töten. Unsachgemäß angewendet können sie auch bei Menschen zu einer Reizung von Atemwegen und (Schleim-)häuten führen. Repellenzien sind dagegen dermal zu applizierende Präparate mit Pflanzenextrakten oder synthetischen Verbindungen, die schon bei Raumtemperatur einen hohen Dampfdruck sowie eine niedrige Verdampfungsrate aufweisen. Entweder maskieren sie den Eigengeruch des potenziellen Wirts und/oder interagieren mit den Sinnesorganen der Insekten (odorant receptor neurones [ORN] bei Mücken und Haller’sches Organ bei Zecken), sodass diese abgeschreckt und in die Flucht getrieben werden (siehe Tab.).

Tab.: Auswahl an Präparaten zum Mückenschutz [Informationen vom Hersteller]
Wirkstoff
Präparat (Auswahl)
Wirkdauer und -spektrum
Anwendungs­empfehlung
Nebenwirkungen und sonstige Hinweise
Diethyltoluamid (DEET)
50%: NOBITE Hautspray
34%: NOBITE Hautcreme
30%: Anti Brumm Forte
25%: Autan Tropical Dry Spray
15%: Autan Family Care Dry Spray
  • Bremsen, Fliegen und Stechmücken (bis zu 8 h)
  • Zecken (bis zu 5 h)
Mittel der Wahl für die Tropen, nach Biozidverordnung ab zwölf Jahren zugelassen, produktspezifisch schon ab zwei Jahren, zum Teil keine Anwendungsbeschränkung in Schwangerschaft und Stillzeit
  • Längste praktische Erfahrung (seit fast 70 Jahren)
  • Nebenwirkungen möglich, nachdem DEET eingeatmet, verschluckt oder über Schleimhäute aufgenommen wurde
  • Keine gleichzeitige Kombination mit anderen Medikamenten und Pflegeprodukten auf der Haut
  • Greift Kunstfasern und -stoffe an
Icaridin (Saltidin, Bayrepel®)
30%: NOBITE Haut Sensitive
20%: Anti Brumm Classic und Night, Autan Protection Plus Pumpspray, Autan Protection Plus Zeckenschutz Pumpspray, Autan Tropical Pumpspray
16%: Autan Protection Plus Spray
10%: Autan Family Care Pumpspray, Autan Junior Gel
  • Stechmücken (bis zu 8 h)
  • Zecken (bis zu 4 h)
Mittel der Wahl für nichttropische Gebiete, ab zwei Jahren und zum Teil bei Schwangeren empfohlen
Angenehmerer Geruch und besseres Haut­gefühl als bei DEET
para-Menthan-3,8-diol (PMD, Citronellol)
12,5%: Soventol Protect Intensivschutzspray zur Zeckenabwehr
11%: Soventol Protect Intensivschutzspray zur Mückenabwehr
  • Stechmücken (bis zu 7 h)
  • Zecken (bis zu 6 h)
Ab einem Jahr zugelassen
  • Kürzere Wirkung als Icaridin
  • allergenes Potenzial
Citriodiol® (Extrakt einer chinesischen Eukalyptusart)
50%: NOBITE Botanic
31%: Anti Brumm Naturel
  • Stechmücken (bis zu 6 h)
  • Zecken (bis zu 6 h)
Ab drei Jahren, geringe Dosierungen schon ab einem Jahr zugelassen
Gute Hautverträglichkeit

Die effektive Wirkdauer des Repellents ist sehr individuell und hängt von der jeweiligen Zusammensetzung und Menge des gebildeten Schweißes ab.Außerdem spielen der Abrieb sowie die Umgebungstemperatur und Luftfeuchtigkeit eine Rolle bei der Wirksamkeit. Wichtig ist, dass sie flächendeckend jedoch nicht großflächig aufgetragen werden. In Kontakt mit offenen Wunden, Schleimhäuten oder Augen sollten sie nicht kommen. Harnstoff- und salicylathaltige Hautpflegeprodukte sind während der Anwendung eines Repellents zu meiden. Sonnencremes sollten ca. 20 min vor den Repellents angewendet werden.

Das juckt Mücken nur wenig

Bis zur Einführung von DEET Mitte des 20. Jahrhunderts wurden überwiegend stark riechende Pflanzen und deren Extrakte zur Insektenabwehr genutzt. Doch Zitronenmelisse, Lavendel, Tomaten- oder Basilikumpflanzen bieten nur wenig bis gar keinen Schutz vor Mücken. Auch das Verbrennen der Pflanzenteile oder Verdampfen ätherischer Öle (Citronella, Rosmarin oder Teebaum) können nur sehr eingeschränkt und kurzzeitig helfen. Deren topische Anwendung kann zudem allergische Hautreaktionen und Atemwegsbeschwerden verursachen. Einzig die in Kokosöl und -fett enthaltenen Caprin- und Laurinsäuren haben eine nachgewiesene abwehrende Wirkung gegenüber Stechmücken und Zecken.

Mückenarmbänder mit synthetischen und natürlichen Duftstoffen, UV-Lichtfallen oder Ultraschallgeräte können höchstens in einem äußerst begrenzten Umkreis wirken und fallen bei Untersuchungen (z. B. Stiftung Warentest) regelmäßig durch. Die prophylaktische Einnahme von Präparaten mit Knoblauch- oder Petersilienöl sowie hoch­dosiertem Thiamin (Vitamin B1) stellt keine zuverlässige Methode dar, da eine vermeintliche Mückenabwehr bei jedem Menschen anders ausgeprägt sein kann. Im Rahmen einer alternativmedizinischen Mesotherapie werden geringe Mengen von Vitamin B1 in das Subkutangewebe von Armen, Beinen und Nacken gespritzt und sollen so eine mehrwöchige Schutzwirkung entfalten („Mückenimpfung“).

All diese Verfahren wurden entweder nur unzureichend wissenschaftlich untersucht oder konnten sich bei Tests gegen die klassischen Repellenzien nicht durchsetzen. Es sind also eher persönliche Erfahrungen und die Suche nach Alternativen, die zur Nachfrage bei Apothekenkunden führen. Gerade bei Reisen in tropische Gebiete sollten aber grundsätzlich bewährte Mückenabwehrstrategien empfohlen werden. |

Quelle

Rahlenbeck S et al. Wie man das Stichrisiko senkt. Dtsch Ärztebl 2013;110(29-30)

Apotheker Dr. Armin Edalat



Der Elefant in der Apotheke

Ein Kommentar von Rika Rausch

Rika Rausch, DAZ-Redakteurin

Wenn hierzulande aufgrund des feuchtwarmen Wetters in diesem Sommer eine Mückenplage droht, sind wir dank der bunten Repellenzien-Palette bestens ausgestattet: Es gibt familienfreundlichen, kindgerechten, sporttauglichen, hautpflegenden, wundheilungsfördernden, kühlenden und trocknenden Mückenschutz – und das alles im praktischen Format für die Handtasche. Neu auf dem Markt: ein Mückenschutz extra für die Nacht.

Dem ahnungslosen Kunden, der sich einfach nur gegen Stiche schützen möchte, fällt die Auswahl schwer. Irgendwie möchte man ja alles haben – und Zeckenschutz obendrauf. Auch Apothekenmitarbeiter kann das aufgeblähte Angebot erschlagen. Blendet man die Werbung aus, sieht man die Dinge wesentlich klarer.

Die auf dem deutschen Markt bekanntesten Produkte basieren auf den Wirkstoffen Diethyltoluamid (DEET), Icaridin und para-Menthan-3,8-diol (PMD), das unter anderem im Extrakt einer chinesischen Eukalyptusart enthalten ist. Alle drei bieten einen Schutz sowohl gegen Mücken als auch gegen Zecken, was die Angabe „plus Zeckenschutz“ bei ansonsten gleichen Inhaltsstoffen überflüssig macht. Die Konzentration der Wirkstoffe hat Einfluss auf die Wirkdauer, nicht auf die Wirkstärke. Die Uhr sollte man sich dennoch nicht nach der versprochenen Schutzwirkung stellen, da sie individuell stark variieren kann. Ob Dexpanthenol „zur Hautpflege und Wundheilung“ in Repellenzien sinnvoll ist, sei dahingestellt. Ein Präparat, das gegen nachtaktive Mücken wirkt, erfüllt seinen Zweck mit Sicherheit auch am Tag. Dass Gleiches auch umgekehrt gilt, entlockt nicht einmal einen müden Aha-Effekt. Besonders nachdenklich wird man bei Produkten, die in höherer Dosierung besser gegen Zecken wirken sollen, dafür schlechter gegen Mücken.

Gefährlich werden derart verwirrende Angaben bei Anwendungsempfehlungen. DEET, das als Lösungsmittel immerhin Brillen zum Schmelzen bringt, sollte nach EU-Biozidverordnung erst ab zwölf Jahren eingesetzt werden. Dennoch werden die meisten Produkte mit DEET schon ab dem Kleinkind­alter empfohlen, nachdem sie eine produktspezifische Bewertung durchlaufen haben. Uneinigkeit herrscht auch zu Empfehlungen in Schwangerschaft und Stillzeit. Während die Hersteller von Autan® und Nobite® keine Bedenken haben, reichen die bisherigen Erkenntnisse für eine Empfehlung von Anti Brumm® forte offenbar nicht aus.

Die grünen Varianten mit klangvollen Zusätzen wie „Botanic“ und „Naturel“ bieten aufgrund des allergenen Potenzials auch keinen Ausweg. Nur dicht abschließende Kleidung, Moskitonetze und Fliegenklatschen sind wirklich „öko“ – und kindgerecht.

Schlussendlich: Bei Kindern unter zwei Jahren sollten gar keine Repellenzien zum Einsatz kommen. In der Schwangerschaft gilt wie immer: Was an Maßnahmen nicht unbedingt nötig ist – besser weglassen. Zum Schutz vor tropischen Mücken sollten zwar bevorzugt Präparate mit DEET oder Icaridin verwendet werden – die wirken aber auch, wenn nicht explizit „Tropical“ auf der Packung steht. Aus dem Elefanten-Sortiment sollte man endlich wieder eine Mücke machen.

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