Arzneimittel und Therapie

Tabletten und Kapseln einfach schlucken

Was man bei Problemen tun kann

Von Sarah Katzemich | Bei der Einnahme von Kapseln oder Tabletten haben viele Menschen Probleme. Die richtige Auswahl des Arzneimittels kann oft weiterhelfen. Teilbare oder dispergierbare Präparate können die Lösung sein, müssen aber korrekt gehandhabt werden. Stehen solche Möglichkeiten nicht zur Verfügung, können viele Medikamente auch mit Apfelmus oder Joghurt eingenommen werden. Hierbei ist auf Interaktionen zu achten. Vor Kurzem stellte die Universität Heidelberg fest, dass es auch auf die richtige Technik ankommt. Die „Pop-Bottle-“ und die „Vorwärts-Neige-Technik vereinfachen die Einnahme von großen Tabletten und Kapseln für den Großteil der Probanden.

Viele Menschen haben Schwierigkeiten, größere Tabletten oder Kapseln zu schlucken. Bei einer Umfrage in Baden-Württemberg aus dem Jahre 2011 gaben 37,4 Prozent der befragten Patienten an, Probleme wie das Hängenbleiben von Tabletten oder Auslösen von Würge- oder Brechreiz zu kennen. Dies verschlechtert oft die Compliance.

Besonders bei älteren Menschen kann es Probleme geben. Verminderte Flüssigkeitsaufnahme durch geringeres Durstempfinden im Alter und viele Medikamente, wie Anticholinergika oder Opioide, können zu Mundtrockenheit und damit Schwierigkeiten bei der Tabletteneinnahme führen. Glücklicherweise gibt es verschiedene Möglichkeiten, betroffenen Patienten weiterzuhelfen.

Grundsätzliche Hinweise

Tabletten und Kapseln sollten mit sauberen, trockenen Händen aus der Primärverpackung entnommen werden. Sie sollten mit einem ganzen Glas (200 ml) Flüssigkeit eingenommen werden. Hier eignet sich Leitungswasser am besten, da andere Getränke wie Milch oder Saft die Freisetzung oder Aufnahme des Arzneistoffes beeinflussen können. Aufgrund der Aspirationsgefahr sollte die Einnahme im Sitzen oder Stehen bzw. bei bettlägerigen Patienten mit aufgerichtetem Oberkörper erfolgen.

Auswahl des Arzneimittels

Bei Rabattarzneimitteln kann es vorkommen, dass sie sich in der Formulierung stark von dem ursprünglich verordneten Medikament unterscheiden. Hier hat natürlich die Möglichkeit, pharmazeutische Bedenken geltend zu machen. Bei der Wahl des Arzneimittels sind flüssige und nicht orale Darreichungsformen (wie Pflaster oder Zäpfchen) sowie suspendierbare oder teilbare Präparate vorzuziehen. Auch Filmtabletten oder Dragees sind oft einfacher zu schlucken als nicht überzogene Tabletten. Des Weiteren gibt es eventuell die Möglichkeit, auf Schmelz- oder Buccaltabletten auszuweichen, die sich im Mund auflösen.

Tabletten teilen oder mörsern

Da beim Teilen oder Mörsern von Tabletten das Medikament verändert wird, sollte dies grundsätzlich nur getan werden, wenn keine andere Darreichungsform zur Verfügung steht. Die Freisetzung und Aufnahme des Arzneistoffes werden verändert und können zu einer Überdosis oder Inaktivierung des Medikamentes führen. Deshalb sollten Tabletten mit retardierenden oder schützenden (z.B. magensaftresistenten) Überzügen nicht geteilt oder gemörsert werden. Auch eine Teilung von Tabletten ohne Bruchkerbe ist aufgrund des möglichen Zerbrechens in viele kleine Einzelteile unzulässig. Hier fällt jedoch die Unterscheidung zwischen echten Bruchkerben und „Schmuckkerben“ oft schwer. Genauere Auskunft geben oft der Beipackzettel, die Gelbe Liste oder ein Anruf beim Hersteller selbst. Ist das Präparat teilbar, sollte es mit bloßen Händen oder mithilfe eines Tablettenteilers geteilt werden. Die Zuhilfenahme von scharfen Gegenständen, wie Messern, kann zu einer ungleichen Teilung oder dem Verlust von Bruchstücken führen.

Beim Mörsern von Tabletten ist ein geeigneter, robuster Mörser zu verwenden, der zudem sauber und trocken sein muss. Spezielle Tablettenmörser sind von verschiedenen Herstellern erhältlich. Beim Mörsern müssen das Expositionsrisiko durch feine Arzneistoffpartikel (besonders bei zytotoxischen und cancerogenen Stoffen) und entsprechende Schutzmaßnahmen (z.B. Mundschutz und Handschuhe) beachtet werden. Die Einnahme sollte direkt nach der Zubereitung erfolgen.

Kapseln öffnen

Hat die Kapselhülle keine freisetzungsverändernden Eigenschaften, können viele Präparate auch geöffnet und der Inhalt in Wasser oder Apfelmus dispergiert eingenommen werden. Pellets sollten dabei nicht zerkleinert werden. Auch hier finden sich Angaben zur Teilbarkeit in der Gelben Liste oder im Beipackzettel. Hartgelatinekapseln lassen sich durch langsames Auseinanderziehen öffnen. Weichgelatinekapseln sollten wegen des flüssigen Inhalts nicht geöffnet werden.

Gleitfähigkeit verbessern

Wie in der Pflege oft praktiziert, können Tabletten und Kapseln auch mit einem Löffel Apfelmus eingenommen werden. Die enthaltene Säure kann jedoch Kapselhüllen oder Überzuge angreifen und so die Freisetzungseigenschaften verändern. Als Alternativen werden oft Pudding oder Joghurt benutzt. Dies ist aber nur möglich, wenn der Arzneistoff nicht mit Milchprodukten interagiert. Tetracycline, Gyrasehemmer und Bisphosphonate können mit Calcium schwer resorbierbare Komplexe bilden. Um solche Wechselwirkungen zu vermeiden, hat eine niederländische Firma ein Gel namens Gloup auf den Markt gebracht, das mit dem Medikament auf einen Löffel gegeben wird und das Schlucken durch bessere Gleitfähigkeit erleichtern soll. Bei allen diesen Methoden sollte zusätzlich ein Glas Wasser nachgetrunken werden.

Die richtige Technik

Eine aktuelle Studie der Universität Heidelberg hat festgestellt, dass die richtige Technik das Schlucken von großen Tabletten und Kapseln generell erleichtern kann. So brachte die „Pop-Bottle-Technik“ oder auch „Tabletten-Flaschen-Trick“ (Abb. 1) eine Verbesserung für knapp 60% der Probanden. Dabei wird die Tablette auf die Zunge gelegt, die Öffnung einer Wasserflasche fest mit den Lippen umschlossen und ein kräftiger Schluck Wasser eingesaugt, der in einem Zug mit der Tablette geschluckt wird. Hierfür sollte eine flexible Plastikflasche mit nicht zu kleiner Öffnung verwendet werden.

Abb. 1: Die Pop-Bottle-Technik half 60% der Probanden beim Tablettenschlucken

Beim Schlucken von Kapseln half 86% die „Vorwärts-Neige-Technik“, auch „Kapsel-Nick-Trick“ genannt (siehe Abb. 2). Auch hierbei wird die Kapsel zunächst auf die Zunge gelegt und ein Schluck Wasser genommen, der aber zunächst im Mund behalten wird. Das Kinn wird Richtung Brust geneigt, wobei die Kapsel nach oben zum Rachen schwimmt und einfach geschluckt werden kann. Da Tabletten eine höhere Dichte haben, ist diese Technik nur für Kapseln geeignet.

Abb. 2: Die Vorwärts-Neige-Technik

Fazit

Wenn Patienten Probleme bei der Tabletteneinnahme haben, gibt es viele Möglichkeiten, ihnen zur Seite zu stehen. Besonders die zuletzt genannten Techniken sind einfach und allgemein zu empfehlen. Da dieses Thema in Arztpraxen meist nicht angesprochen wird, ist es wichtig, dass Apotheker Patienten darauf ansprechen und umfassend informieren. 

Quellen:

Schiele JT, Two Techniques to Make Swallowing Pills Easier, Annals of Family Medicine, November 2014

Willkomm M, Praktische Geriatrie, Thieme, 2013

Haefeli WE, Arzneimittel richtig anwenden, Thieme, 2013

Fachinformation zu Gloup

Pressemitteilung des Universitätsklinikums Heidelberg 2014/160, 13. November 2014

Autorin

Apothekerin Sarah Katzemich war nach dem Pharmaziestudium in Tübingen während des praktischen Jahres sechs Monate an der Otago Universität in Neuseeland tätig und ist jetzt als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Bonn angestellt.

Literaturtipp

Tabletten schlucken, Schmerzpflaster kleben, Asthmaspray inhalieren, Insulinpatrone wechseln – Tag für Tag wenden Patienten Arzneimittel an, doch häufig fehlerhaft oder sie haben Probleme dabei!

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Wolfgang Kircher

Arzneiformen richtig anwenden Sachgerechte Anwendung und Aufbewahrung der Arzneiformen.

3., überarbeitete Auflage 2007.
Deutscher Apotheker Verlag, Stuttgart.
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... und für die Patienten:

Walter E. Haefeli, Renate Quinzler, Hanna Seidling (Hrsg.)

Arzneimittel richtig anwenden

1. Auflage 2013.
Thieme, Stuttgart.
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