UniDAZ

Pharmazie studieren – in Deutschland und anderswo

Ein internationaler Vergleich der Lehrpläne*

Vergleicht man das Pharmaziestudium in Deutschland mit dem Pharmaziestudium in anderen Ländern Europas, in den USA, Kanada und Australien, fallen große Unterschiede ins Auge.


* Eine ausführliche Fassung dieses Beitrags erscheint in der Zeitschrift UniDAZ.


In Deutschland wird im Grundstudium vor allem Pharmazeutische Chemie, Pharmazeutische Biologie und Pharmazeutische Technologie unterrichtet, und diese Fächer werden auch im Hauptstudium weiter gelehrt – neben der Pharmakologie und der Klinischen Pharmazie. Im Ausland dagegen sind die Naturwissenschaften nur im ersten Studienjahr vorherrschend, schon ab dem zweiten Studienjahr liegt der Fokus auf den Fächern Klinische Pharmazie, Pharmakologie und Pharmakotherapie, wobei die praktische Ausbildung einen hohen Anteil hat. Die großen Unterschiede zeigen sich auch, wenn man die Summe der Lehrveranstaltungen während des gesamten Pharmaziestudiums vergleicht (Abb. 1).

Abb. 1: Prozentuale Anteile der einzelnen Fächer am Pharmaziestudium in sieben Ländern.
Grundlagen der Statistik: Deutschland und Frankreich: Semesterwochenstunden; Großbritannien: Anzahl der Lehrveranstaltungen; USA, Kanada, Niederlande, Australien: Credits.
Die Fächer schließen folgende Bereiche ein:
Chemie: Pharmazeutische Chemie, (Instrumentelle) Analytik, Physikalische Chemie.
Technologie: Arzneiformenlehre, Pharmazeutische Technologie, Biopharmazie.
Biologie: Pharmazeutische Biologie, Humanbiologie, Mikrobiologie, Biochemie, Bioanalyse, Biogene Arzneistoffe.
Pharmakologie: Physiologie, Pharmakologie und Toxikologie, Immunologie, Anatomie des Menschen.
Klinische Pharmazie: Klinische Pharmazie und Pharmakotherapie.
Recht: Recht, Ethik, Management, Gesundheitssystem.
Grundlagen: Physik, Mathematik, Statistische Methoden, Kommunikation, Englisch-Unterricht (in Frankreich).

Die Summe der Fächer Klinische Pharmazie, Pharmakologie und Pharmakotherapie nimmt in Großbritannien über 70%. des gesamten Studiums ein, in den USA und Kanada über 50%.

Die Pharmazeutische Chemie (mit Analytik) hat in Deutschland mit rund 45% den größten Anteil, während ihr Anteil in den anderen Ländern um 10% oder deutlich darunter liegt (Großbritannien, Kanada).

Die Gestaltung des Pharmaziestudiums hängt natürlich auch mit dem jeweiligen Berufsbild des Apothekers zusammen. Beispielsweise sieht die Arbeit der Krankenhausapotheker in den USA und in England etwas anders aus als bei uns. Sie nehmen an den Visiten teil und sind für das Medikationsmanagement der Patienten verantwortlich, wofür sie durch die intensive Ausbildung in Klinischer Pharmazie qualifiziert sind.

Beispiel Klinische Pharmazie

Das im Jahr 2001 in das deutsche Pharmaziestudium eingeführte Fach Klinische Pharmazie wird überwiegend noch im Hörsaal vermittelt; daneben finden Blockseminare statt, in denen u.a. Fallbeispiele besprochen werden und die Beratung in der Apotheke geübt wird.

Im Ausland wird die Klinische Pharmazie auch im Krankenhaus gelehrt. Die Studenten haben Kontakt mit den behandelnden Ärzten, Krankenschwestern und den Patienten, nehmen Einsicht in deren Patientenakten, befragen sie zur Arzneimittelanamnese und führen Entlassungsgespräche.

Die Niederlande

An der Universität Groningen ist die praktische Ausbildung von sechs Monaten in das Masterstudium integriert. Im „Pillendorf“ arbeiten die Studierenden in kleinen Gruppen vier Wochen lang als Apothekenteams zusammen und beraten die „Kunden“ (Schauspieler). Auch die Zusammenarbeit mit den Medizinern wird geübt, indem alle zusammen an der Optimierung der Arzneimitteltherapie eines Patientenfalles arbeiten [1].

Frankreich

An der Universität Toulouse entscheiden sich die Studierenden im vierten Studienjahr, welche berufliche Laufbahn sie einschlagen möchten: Offizinapotheke, Krankenhaus, Industrie oder Forschung. Demgemäß unterscheidet sich der Lehrplan. Das Curriculum für das Pharmaziestudium wird derzeit reformiert [2].

Kanada

An der Universität von Alberta werden die Pharmazeuten im zweiten Studienjahr mit Studenten aus 14 anderen Studiengängen im Fach „Interprofessional Health Team Development“ unterrichtet. Es umfasst Themen wie Gesundheitswesen, Palliativversorgung und auch Flüchtlingsversorgung [3]. So wird früh die Voraussetzung für eine professionelle und vorurteilsfreie Zusammenarbeit aller Beteiligten des Gesundheitswesens geschaffen.

Die USA und England

In den USA gibt es das „Pharmaceutical Skills Lab“, eine Übungsapotheke, in der die Studierenden die Aufgaben im Apothekenalltag kennenlernen [4].

„Learning by doing“ findet auch im Pharmaziestudium an der Kingston University in London statt. In den Fächern Apothekenpraxis und Klinische Pharmazie werden die angehenden Apotheker von praktizierenden Offizinapothekern, Klinikapothekern und Ärzten unterrichtet. In einer Art „Übungslabor“ üben sie das Bearbeiten von Rezepten und die Abgabe von Arzneimitteln. Ab dem sechsten Semester erwerben sie im Fach „Medicine & Therapy“ gründliche medizinische Kenntnisse und lernen, mit Ärzten zusammenzuarbeiten [5].

Deutschland

Im achten Semester meines Studiums in Bonn habe ich an einem freiwilligen OSCE(objective structured clinical examination)-Training teilgenommen: an zehn Stationen hatten wir die Gelegenheit, in simulierten Praxisfällen die Beratung bei der Abgabe von Arzneimitteln zu üben, arzneimittelbezogene Probleme zu erkennen sowie zu lösen und Fachgespräche mit Ärzten zu führen. Dabei habe ich zum ersten Mal erlebt, wie die Realität nach dem Studium aussehen kann. Und es war nicht nur realistisch, sondern auch einprägsam und hat nebenbei noch Spaß gemacht. Ich habe mich im Praktischen Jahr in der Apotheke oft an im OSCE-Training erinnert und das Gelernte anwenden können. In der Regel muss der Pharmazeut im Praktikum in kurzer Zeit durch „Learning by doing“ lernen, was in anderen Ländern schon im Studium geübt wird.

Wollte man regelmäßige Praxisübungen zur Vorbereitung auf den Apothekenalltag in das deutsche Pharmaziestudium einführen, müsste man das Curriculum umstellen. Eine Universität in Kanada hat gezeigt, wie das funktionieren kann.

Neue Lehrpläne

Universität von Quebec

Die Universität von Quebec hat 2007 als erste kanadische Universität das Pharmaziestudium reformiert und den akademischen Grad Pharm D (Docteur en pharmacie) eingeführt. Der Schwerpunkt liegt jetzt bei der Pharmazeutischen Betreuung, weshalb die Studenten mehrere Praktika absolvieren, auch im Krankenhaus. Interdisziplinäre Veranstaltungen bereiten sie auf die Zusammenarbeit mit Ärzten im Berufsleben vor [6].

Universität von North Carolina

Auch die Universität von North Carolina in Chapel Hill hat das Curriculum des Pharmaziestudiums reformiert. Zu diesem Zweck fand im Dezember 2012 eine Konferenz statt. Außer den Fakultätsmitgliedern haben Studenten und Vertreter anderer Berufe, z.B. aus der Medizin, daran mitgewirkt. Entscheidend für den neuen Lehrplan ist, dass er die Studierenden auf ihre späteren Tätigkeiten in der Offizin- oder Krankenhausapotheke vorbereitet. Die Universität bietet nun auch die Ausbildung zum Fachapotheker an, z.B. in den Bereichen Onkologie, Pädiatrie, Geriatrie und Palliativpharmazie [7].

Fazit

Für das Verständnis der Struktur und der Wirkmechanismen der einzelnen Arzneistoffe benötigt man Kenntnisse in Pharmazeutischer Chemie und Analytik. Dieses Wissen haben die deutschen Pharmazeuten und Apotheker denen der anderen Länder voraus. Allerdings sind diese uns im medizinischen Wissen und auch im Umgang mit den Patienten deutlich überlegen.

Um die Studierenden besser auf die Praxis vorzubereiten, wäre es sinnvoll, die Fächer Klinische Pharmazie und Pharmakologie im Hauptstudium weiter auszubauen und dabei auch mehr Pharmakotherapie zu lehren. Die Patienten und das Gesundheitssystem insgesamt würden davon profitieren, z.B. durch mehr Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS). 

Literatur

[1] Taxis K. Kleiner Nachbar ganz groß. Dtsch Apoth Ztg 2013;153(36):66-70

[2] http://pharmacie.ups-tlse.fr/etudes/2pharmacie.php; Interview mit Laurie Campaner and Claire Bigot in Toulouse

[3] www.hserc.ualberta.ca/en/TeachingandLearning/Curriculum/IntD410-InterprofessionalHealthTeamDevelopment.aspx

[4] Wimmer M, El Talia M. Pharmaziestudium in Florida. Dtsch Apoth Ztg 2014;154(5):74-77

[5] Scharpf FMT. Mein Studium in London. Dtsch Apoth Ztg 2013;153(42):72-75

[6] Stöckel F, Bussières JF. Modernes Pharmaziestudium in Kanada. Dtsch Apoth Ztg 2013;153(48):54-56

[7] Roth MT, et al. A Renaissance in Pharmacy Education at the University of North Carolina at Chapel Hill. N C Med J 2014;75(1):48-52

 

Danksagung

Ich bedanke mich herzlich bei Prof. Dr. Derendorf, in dessen Arbeitsgruppe ich in der zweiten Hälfte meines Praktischen Jahres arbeiten durfte.

 

Autorin

Dorothee Ressing, dororessing@aol.com

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