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Wenn syrische Apotheker hier arbeiten möchten

Ist die Ausbildung zum Apotheker in Syrien vergleichbar mit der in Deutschland?

Der lang andauernde Konflikt in Syrien hat auch das Apothekenwesen des Landes stark getroffen. So wurden zwischen 2011 und 2016 ca. 4000 Apotheken teilweise oder komplett zerstört. Dies ist ein Grund, warum auch Apotheker das Land verlassen und ein Auskommen z. B. in Deutschland suchen. Hier stellt sich dann die Frage, ob syrische Apotheker für den deutschen Arbeitsmarkt ausreichend gut ausgebildet sind. Um diese Frage zu beantworten, wurde im folgenden Beitrag das Pharmaziestudium in Syrien mit dem in Deutschland verglichen.

Die Pharmazieausbildung in Syrien findet seit Langem an vier staatlichen Universitäten (Damaskus, Aleppo, Tishreen und Albaath) statt. Die älteste Fakultät für Pharmazie ist die an der Universität Damaskus. Sie wurde im Jahr 1919 als Abteilung der Medizinischen Fakultät gegründet und ist seit 1962 eigenständig. Die Medizinische Fakultät selbst war bis 1903 eine Zweigstelle der Medizinischen Schule Istanbul [1]. In den letzten zehn Jahren wurden neun private und zwei weitere staatliche Fakultäten der Pharmazie etabliert. Die neuen privaten Ausbildungsstätten nutzen das Credit-hour-System und unterrichten auf Englisch, während alle staatlichen Universitäten ein traditionelles fünfjähriges Programm verfolgen mit Arabisch als Unterrichtssprache. Es ist wichtig zu erwähnen, dass die große und wachsende Zahl von Studierenden, die die Pharmaziefakultäten in Syrien jährlich besuchen, eine große Herausforderung für das Lehrpersonal und die Infrastruktur darstellt. Rund tausend Pharmaziestudierende wurden allein im vergangenen Jahr an der Universität Damaskus aufgenommen.

Die pharmazeutische Ausbildung in Syrien ist naturwissenschaftlich und nicht klinisch strukturiert. Bei den meisten Fakultäten in Syrien heißt der Abschluss „Bachelor in Pharmazie und Pharmazeutischer Chemie“. Nach Angaben der syrischen Apothekerkammer [2] arbeiten mehr als 80 Prozent der syrischen Apotheker nach ihrer Ausbildung in der Apotheke, der Rest verteilt sich auf Industrie (Produktion von Generika), Krankenhäuser, Lehre und Forschung [3, 4].

Ausbildung in Syrien …

Es gibt keine genauen statistischen Daten über die Zahl der syrischen Apotheker, die im Ausland arbeiten oder dort Arbeitsstellen suchen. Nach Angaben der syrischen Apothekerkammer haben 1200 von 20.000 Apothekern zwischen 2011 und 2014 das Land verlassen [2]. Es ist verständlich, dass das ein großer Verlust für Syrien ist, da die Ausbildung eines Apothekers einen enormen finanziellen Aufwand für den Staat bedeutet. Beliebtestes Ziel für die syrischen Absolventen waren früher die Golfstaaten wie Saudi-Arabien und die Emirate, wo das Studium schnell anerkannt wurde. Heutzutage sind die Chancen für Syrer, dort einen Job zu finden, jedoch sehr gering. Ein weiterer Anlaufpunkt ist Nordamerika. Hier müssen syrische Apotheker noch drei pharmazeutische Prüfungen bestehen [5] und 1500 Stunden Praktikum in einer Apotheke ableisten, bevor sie arbeiten dürfen. Seit Kurzem ist Europa und hier vor allem Deutschland ein bevorzugtes Ziel für syrische Apotheker, was die Frage aufwirft: Sind die syrischen Apotheker für die Arbeit in Europa ausreichend gut ausgebildet? Um das beantworten zu können, ist es wichtig, ­einen vergleichenden Blick auf die pharmazeutischen Ausbildungen in Syrien und in Deutschland zu werfen.

Die meisten syrischen Pharmazie­fakultäten bestehen aus sechs Abteilungen:

  • Pharmazie und Pharmazeutische Technologie,
  • Pharmazeutische Chemie und ­Arzneimittelkontrolle,
  • Biochemie und Mikrobiologie,
  • Analytische und Physikalische Chemie,
  • Pharmakologie und Toxikologie und
  • Phytochemie.

Die Lehrinhalte sind an den verschiedenen Universitäten in Syrien weitgehend ähnlich [1, 6]. Der Schwerpunkt der Ausbildung liegt im Bereich der Chemie bzw. Pharmazeutischen Chemie. Alle anderen Gebiete, die für eine international akzeptierbare Pharmazieausbildung notwendig sind, werden jedoch auch umfassend abgedeckt. Neben den theoretischen und praktischen Stunden müssen die Studierenden in Syrien nach dem zweiten, dritten und vierten Studienjahr in den Sommerferien jeweils ein Praktikum in einer Apotheke ableisten.

… und in Deutschland

Das deutsche Pharmaziestudium wird an 22 Universitäten angeboten, in den meisten Fällen innerhalb der Chemie-Fakultäten mit einer stark begrenzten Anzahl an Studierenden. Die pharmazeutische Ausbildung umfasst gemäß der Approbationsordnung für Apotheker (AAppO) [7] ein vierjähriges Pharmaziestudium, eine Famulatur von acht Wochen sowie eine praktische Ausbildung von zwölf Monaten, davon sechs Monate in einer öffentlichen Apotheke und sechs Monate wahlweise in einer Apotheke, einer Krankenhaus- oder Bundeswehrapotheke, der pharmazeutischen Industrie, einem Universitätsinstitut oder einer Arzneimitteluntersuchungsstelle. Das achtsemestrige Studium wird mit dem „Zweiten Abschnitt der Pharmazeutischen Prüfung“ abgeschlossen, in dem die fünf Fächer Pharmazeutische/Medizinische Chemie, Pharmazeutische Biologie, Pharmazeutische Technologie/Biopharmazie, Pharmakologie und Toxikologie und Klinische Pharmazie geprüft werden.

Als Pharmazeut in Deutschland arbeiten, ja …

Der Vergleich beider universitärer Lehrpläne [1, 8] macht klar, dass sich die syrischen Pharmaziestudierenden mit den gleichen Lehrinhalten beschäftigen wie die deutschen. Auch entsprechen sich die Pharmaziestudien in ­Syrien und Deutschland in ihrem Umfang (siehe Tabelle). Deshalb sollten mit einem Pharmaziestudium in Syrien alle erforderlichen Kenntnisse und Fähigkeiten erlangt werden können, die es ermöglichen, als Pharmazeut in Deutschland zu arbeiten, z. B. in der pharmazeutischen Industrie.

Tab.: Vergleich des Umfangs der Pharmaziestudien sowie der Anteile der einzelnen Fächer an der Universität Münster und der Universität Damaskus
Universität Münster
Universität Damaskus
Dauer
8 Semester
10 Semester
Unterrichtsstunden
 Vorlesungen und Seminare
1450
2100
 Praktika
1770
1500
Anteile der Fächer
Chemie (inkl. Biochemie)
47%
41%
Biologie (inkl. Mikrobiologie und Physiologie)
19%
20%
Technologie (inkl. Physik und Mathematik)
21%
20%
Pharmakologie und Klinische Pharmazie
13%
19%

… aber nicht in der Apotheke

Die Ausbildung in Syrien ist jedoch nicht ausreichend für die Arbeit als Apotheker in einer deutschen Apotheke. Gemäß der AAppO endet die Ausbildung zum Apotheker in Deutschland nach dem praktischen Jahr mit dem „Dritten Abschnitt der Pharmazeutischen Prüfung“. Dieser erstreckt sich auf die Fächer Pharmazeutische Praxis und spezielle Rechtsgebiete für Apotheker. Die Prüfungsfragen müssen auf den in der Anlage 15 der AAppO festgelegten Prüfungsstoff abgestellt sein. In der Prüfung ist festzustellen, ob der Prüfling die zur Ausübung des Apothekerberufs in Deutschland erforderlichen Kenntnisse besitzt, wie Kenntnisse des deutschen Arzneimittel-, Betäubungsmittel-, Gefahrstoff- und Apothekenrechtes, der in Deutschland üblichen Wege zur Beschaffung, Dokumentation, Auswertung, Bewertung und Weitergabe von Informationen über Arzneimittel und Medizinprodukte, der in Deutschland verwendete Terminologie ärztlicher Verschreibungen sowie insbesondere der deutschen Arzneispezialitäten. Diese Lehrinhalte werden in Syrien nicht vermittelt. Vor Erteilung der deutschen Approbation müssen syrische Apotheker deshalb unseres Erachtens eine praktische Ausbildung in der Weise, wie sie in der AAppO vorgeschrieben wird, absolvieren. Außerdem müssen sie an den begleitenden Unterrichtsveranstaltungen teilnehmen und durch Ablegen des „Dritten Abschnitts der Pharmazeutischen Prüfung“ bzw. einer entsprechenden Kenntnisstandsprüfung nachweisen, dass sie über ausreichende Kenntnisse der in Deutschland üblichen Pharmazeutischen Praxis sowie der speziellen Rechtsgebiete, die für den Beruf des Apothekers in Deutschland relevant sind, verfügen. Außerdem muss der syrische Apotheker natürlich die deutsche Sprache sehr gut beherrschen, um mit den Kunden in der Apotheke kommunizieren zu können.

Letztlich kann festgestellt werden, dass das syrische Pharmaziebildungssystem wettbewerbsfähig ist und seinen Absolventen die Möglichkeit eröffnet, in verschiedenen Ländern als Pharmazeut zu arbeiten. Für die Erteilung der Approbation als Apotheker in Deutschland ist jedoch die oben beschriebene zusätz­liche Ausbildung erforderlich. In unserem Umfeld sind uns Fälle bekannt, wo syrische Apotheker diese mit Erfolg abgeschlossen haben und nun in einer Apotheke in Deutschland als Apotheker tätig sind. |

Literatur

[1] www.damascusuniversity.edu.sy

[2] www.syrpharmass.com

[3] El-Hammadi, M. Syrian pharmacy students‘ intentions and attitudes toward postgraduate education. Am. J. Pharm. Educ. 2012,76,147

[4] Sholy, L.; Zeenny ,R. A career exploration assignment for first-year pharmacy students. Am. J. Pharm. Educ. 2013,77,195

[5] www.nabp.net

[6] www.aiu.edu.sy

[7] www.gesetze-im-internet.de/aappo/

[8] http://www.uni-muenster.de/ZSB/material/m513_2.htm?mdatei=m513_2

Autoren

Prof. Dr. Samer Haidar, Professor für Pharmazeutische Chemie, Universität Damaskus, derzeit Gast an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (Arbeitskreis Prof. Jose)

Prof. Dr. Matthias Lehr, Professor für Pharmazeutische Chemie, Westfälische Wilhelms-Universität Münster

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1 Kommentar

Anerkennung

von kl am 19.10.2019 um 20:04 Uhr

Ein syrischer Gastprofessor bescheinigt also in Zusammenarbeit mit einem deutschen Kollegen dem syrischen Pharmaziebildungssystem Wettbewerbsfaehigkeit.

Sorry, aber das ist einfach zu duenn.

Nachdem mittlerweile hinlänglich bekannt ist das "die Politik" hier unbedingt eine Kompatibiliät sehen möchte braucht es für mich schon das Wort von kritischeren Zeitgenossen um dieser Information auch zu vertrauen.

Zu oft hat sich die "qualifizierteste Zuwanderung aller Zeiten" als alles andere als das herausgestellt.

Die Berichte in internationalen Foren über die Arbeitsweise in (unter anderem) Syrien lässt auf nichts Gutes hoffen. Hier evt. Standards aufzuweichen hilft auf lange Sicht niemandem.

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