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Pharmaziestudium in Florida

Der Patient steht im Mittelpunkt

Von Michaela Wimmer und Maurice El Talia | Der Weg zum Apotheker in den USA ist lang: Um ein „Registered Pharmacist“ zu werden, muss man nach einem zwei- bis vierjährigen College-Studium ein vierjähriges Pharmaziestudium erfolgreich abschließen, ein Praktikum bei einem Apotheker absolvieren und vor der Apothekerkammer ein „Board Exam“ inklusive einer Rechtsprüfung ablegen [1]. Nach dem Studium kann man sich während einer ein- bis zweijährigen „Residency“ spezialisieren, z.B. in einer öffentlichen Apotheke oder bei einem Stationsapotheker im Krankenhaus. Ferner besteht die Möglichkeit, ein „Fellowship“ bei einem Forschungsunternehmen zu erhalten [2].

Voraussetzungen für die Zulassung zum Studium

Das amerikanische Pharmaziestudium (Pharm.D. Program) ist ein „Professional Program“, d.h. die Studierenden müssen bereits ein College-Studium („Undergraduate Program“) mit naturwissenschaftlichem Schwerpunkt als Bachelor oder mit einem Associate of Arts Degree (AA) abgeschlossen haben [3]. Ein Bachelor-Studium, z.B. Ernährungswissenschaften oder Chemie, dauert vier Jahre, ein Associate of Arts-Studium dagegen nur zwei Jahre. An der University of Florida (UF) ist das Verhältnis der Pharmaziestudierenden mit Bachelor bzw. AA Degree etwa ausgeglichen (47% zu 53% [4]), aber der Bachelor-Anteil nimmt zu. Zudem verlangen immer mehr amerikanische Universitäten einen Bachelor als Voraussetzung für die Immatrikulation.

Neben einem Undergraduate Degree müssen die Bewerber für das Pharmaziestudium an der UF noch weitere Qualifikationen oder Unterlagen vorweisen [3]:

  • Kurse in allgemeiner Chemie, Biologie, Physik, Anatomie und Physiologie, Mathematik und „Public Speaking“ (meist Teil des College-Studiums),
  • Pharmacy College Admission Test (PCAT),
  • eine Fremdsprache,
  • zwei Empfehlungsschreiben, möglichst von einem Apotheker und einem Hochschuldozenten,
  • ausführlicher Essay über persönliche Stärken, Interessen, Ziele und Erfahrungen,
  • Auskunft über persönliche Freizeitaktivitäten und soziales Engagement.

Die Bewerbung erfolgt am Pharmacy College Application Service (PharmCAS), dem zentralen Bewerbungsservice der Colleges of Pharmacy in den USA. In den letzten Jahren stiegen die Bewerberzahlen, allein um 10% von 2012 bis 2013. Im Durchschnitt bewerben sich die Studierenden für 4,8 Colleges [6].

Der Pharmacy College Admission Test (PCAT) [5] umfasst mehrere Teile: Zuerst werden sprachliche Ausdrucksfähigkeit, Mathematik und Physik, Biologie, Chemie und Textverständnis in Multiple Choice Tests abgefragt, dann folgen zwei schriftliche Arbeiten zu einer wissenschaftlichen Fragestellung. Der PCAT und die Noten in den vorausgesetzten Kursen aus dem College-Studium sind die Hauptkriterien zur Bewertung der Bewerbungen. Daneben spielen auch persönliche Interviews und die Motivation der Bewerber eine Rolle [4].

An der UF beginnen jeden Herbst ungefähr 300 Personen ihr Pharmaziestudium, eine Auswahl aus 1300 bis 1400 Bewerbern [4]. 98% von ihnen kommen aus Florida, da die UF als staatliche Hochschule die „Landeskinder“ bevorzugt.

Hohe Erfolgsquote

Das College of Pharmacy der University of Florida legt viel Wert darauf, dass die Studierenden sich wohlfühlen, sie fordert aber auch Fleiß und Engagement. Dieses Konzept zahlt sich aus: Unglaubliche 95% beenden ihr Pharmaziestudium an der UF erfolgreich, 90% sogar ohne Verzögerung innerhalb von vier Jahren. Das anschließende „Board Exam“ bestehen 97% der Absolventen der UF schon beim ersten Versuch [4].

Das Studium im Überblick

Wie sieht nun das Pharmaziestudium an der UF aus? Tabelle 1 verschafft einen Überblick. Dabei zeigen die Credits für die jeweiligen Kurse die starke Gewichtung der einzelnen Fächer und Kurse [1]. Die Studierenden sind ab dem ersten Jahr eng mit ihrem späteren Beruf verbunden: In den meisten Kursen wird neben den fachlichen Hintergründen besonders die Kommunikation mit Patienten, Ärzten und Pflegepersonal trainiert, damit theoretische Inhalte von Anfang an gefestigt werden und ihre Relevanz für die Studierenden erkennbar ist [7].

Tab. 1: Curriculum des Pharmaziestudiums (Pharm.D. Program) an der University of Florida [1]
IPPE = Introductory Pharmacy Practice Experience; APPE = Advanced Pharmacy Practice Experience

Auffälligster Kontrast zum deutschen Pharmaziestudium: Es gibt keinen einzigen Chemiekurs mit Laborpraktikum. Titrationen, instrumentelle Analytik und organische Synthesen sucht man vergeblich! Stattdessen werden 66 der insgesamt 146 Credit Points, die zum Abschluss des Studiums nötig sind, im Bereich Klinische Pharmazie erworben [4], das heißt in Kursen wie „Pharmaceutical Skills Laboratory“ und „Pharmacotherapy“.

Das Curriculum wird – auch aufgrund der Evaluation der Studierenden – ständig angepasst, mit der Tendenz: weg von den Naturwissenschaften hin zu patientenorientierten Inhalten [7]. In den nächsten Jahren wird zum Beispiel der Chemieunterricht im 1. und 2. Jahr reduziert, weil ausreichende Chemiekenntnisse schon aus dem College-Studium gefordert werden. Dafür soll es dann sechs (statt zwei) „Pharmaceutical Skills Laboratory“ Kurse geben [4].

1. Studienjahr: Allgemeine Grundlagen

Das erste Studienjahr besteht aus Unterricht in Pathophysiologie, Medizinischer Chemie, Biochemie, Mikrobiologie, Pharmakologie und Arzneiformenlehre. Im Kurs „Introduction to Pharmacy and the Healthcare System” werden die Zugänglichkeit, die Kosten und die Qualität der Pharmakotherapie bewertet, sodass die Studierenden bereits Einblicke in das Gesundheitssystem gewinnen.

„Introductory Pharmacy Practice Experience“ (IPPE) ist eine Mischung aus Vorlesung und praktischem Kurs und übt den Kontakt mit Patienten, auch mit bestimmten Ängsten oder belastenden Diagnosen. Die Studierenden lernen, wie man Informationen über die Krankheitsgeschichte sammelt (Anamnese) oder wie man den Blutdruck und die Körpertemperatur misst [8]. Im Praktikum „Interdisciplinary Family Health“ besuchen sie in kleinen Gruppen zusammen mit ihren Kommilitonen aus dem College of Medicine und dem College of Nursing Familien in der Gegend, um deren Lebenssituation und Gesundheitsstatus vor dem Hintergrund ihrer sozialen und kulturellen Lage zu bewerten und auch die Zusammenarbeit mit den anderen zukünftigen Heilberuflern zu üben [7, 9].

2. Studienjahr: Spezielle Grundlagen

Im zweiten Jahr werden schwerpunktmäßig Pharmakologie und Pharmakotherapie unterrichtet. Die Kurse IPPE III und IV beinhalten auch Interviews mit Patienten zu Medikation und Therapie. Außerdem wird den Studierenden beigebracht, wie man das Therapieschema eines Patienten in einem speziellen Medikationsplan notiert [7].

Aus dem Hauptstudium im dritten und vierten Studienjahr werden im Folgenden einige Fächer näher vorgestellt.

APPE

„Advanced Pharmacy Practice Experience“ (APPE) im dritten und vierten Studienjahr umfasst Praktika auf mehreren Stationen von einem bis zwei Monaten Dauer, die auch „Rotations“ genannt werden und insgesamt elf Monate dauern. Jeder Studierende hat einen individuellen Betreuer an jeder Station, meist einen Klinischen Pharmazeuten oder einen Offizinapotheker. Pflichtstationen sind Allgemeinmedizin, Ambulante Versorgung, öffentliche Apotheke und eins der drei Fächer Pädiatrie, Geriatrie, Onkologie. Für die restliche Zeit kann man aus einem breiten Angebot wählen, z.B. Kardiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin oder Toxikologie. Grundsätzlich können die Rotationen in ganz Florida abgeleistet werden; auch Praktika in von der UF evaluierten pharmazeutischen Unternehmen sind möglich [7].

Übungsapotheke

Im „Pharmaceutical Skills Laboratory“ (3. Studienjahr) gibt es einen Handverkaufstisch, an dem die Studierenden in die Rollen von „Patient und Apotheker“ schlüpfen. Im Hintergrund befinden sich Medikamentenschachteln in der Sichtwahl und in Schieberegalen. Zur Ausstattung gehören auch Blutzucker- und Blutdruckmessgeräte sowie Inhalatoren.

Die Übungen im „Skills Lab“ werden in der Vorlesung theoretisch vorbereitet. Anschließend betreut ein Assistent jeweils eine kleine Gruppe von ungefähr sieben Studierenden im „Skills Lab“. Er überwacht die richtige Durchführung der praktischen Aufgaben und steht den Studierenden mit Tipps zur Seite.

Eine typische Übung ist die simulierte Patientenbefragung. Dabei spielt der Assistent z.B. einen Patienten mit (trotz Medikation) erhöhtem Blutdruck, und die Studierenden stellen ihm Fragen, um eine SOAP-Untersuchung durchzuführen. Das Kürzel SOAP bezeichnet die Schritte auf dem Wege zur geeigneten Therapie (in diesem Fall: Arzneitherapie) eines Patienten:

S = Subjective (subjektive Beschwerden des Patienten),

O = Objective (Befunde von Untersuchungen),

A = Assessment (abschließende Beurteilung,

P = Plan (Therapieplan).

Foto: Wimmer/El Talia
Abb. 1: Zwei Studierende machen sich mit dem Umgang von Blutzuckermessgeräten vertraut.
Foto: Wimmer/El Talia
Abb. 2: Die Prüferin spielt eine Patientin und befragt den angehenden Apotheker zum Thema „Fieber“. Professionelles Argumentieren und Auftreten sind sehr wichtig.

Pharmakotherapie anhand von realen Fällen

Im dritten Studienjahr gibt es den Kurs „Pharmacotherapy IV“, der die Inhalte der vorangegangenen Kurse zusammenfasst und die Studierenden auf die Rotationen vorbereitet [10]. Die Studierenden bilden kleine Gruppen, die sich jeweils mit einem realen Patientenfall befassen. Sie haben zwei Tage Zeit, um sich mit dem Patienten, den behandelnden Ärzten und Klinikpharmazeuten zu unterhalten, Literatur zu recherchieren und einen Behandlungsplan aufzustellen. Dieser muss bei den Prüfern, die meist Klinikapotheker sind, eingereicht werden und im Rahmen eines „Verbal Defense“ verteidigt werden.

In den ersten 45 Minuten des „Verbal Defense“ werden die Studierenden zufällig aufgerufen, um dann zwei Minuten lang Fragen zum Behandlungsschema, zu unerwünschten Wirkungen, Wechselwirkungen, zum Wirkmechanismus der Arzneistoffe, zur Dosisanpassung, zu den Therapiekosten, den Guidelines und zum Monitoring zu beantworten. Somit wird geprüft, ob die Studierenden ihre Entscheidungen begründen können und ob sie die themenrelevante aktuelle Studienlage kennen. Die Prüfer kommentieren während dieser Zeit die Antworten der Studierenden nicht. Erst in der zweiten Stunde gibt es ein allgemeines Feedback zu eingereichten Behandlungsplänen und zur mündlichen Prüfung.

Teilweise werden die Studierenden während des „Verbal Defense“ gefilmt und können sich ihr Verhalten hinterher zusammen mit einem Betreuer ansehen.

Zusammenfassung

Die Verknüpfung von Theorie und Praxis, die Kontakte zwischen Hochschule und Beruf sowie der deutliche Schwerpunkt auf dem therapeutisch-klinischen Bereich im amerikanischen Pharmaziestudium führen zu einem gänzlich anderen „Produkt“, als es beim Pharmaziestudium in Deutschland der Fall ist. Die Pharmakotherapie hat einen großen Stellenwert im Lehrplan – sowohl in der Theorie als auch in der (teilweise simulierten und damit realitätsnahen) Praxis – und wird auf einem sehr hohen Niveau vermittelt. Die Apothekerschaft versteht sich damit umso mehr als integralen Bestandteil in der Therapie der Patienten, die wiederum ein großes Vertrauen zu den Apothekern besitzen.

Auch das amerikanische Pharmaziestudium ermöglicht eine Forschungskarriere: Die Studierenden können ihre naturwissenschaftlichen Grundkenntnisse z.B. durch freiwillige Praktika in den Laboren des Instituts ausbauen. Wer nach dem Studium eine wissenschaftliche Laufbahn einschlagen möchte, dem stehen Promotionsstudiengänge zur Auswahl (mit Erstellung einer Dissertation und Abschluss als Doctor of Philosophy, Ph.D.).

Der Berufsstand der Apotheker profitiert von der patientenorientierten Ausrichtung der Ausbildung: Der Beruf ist erfolgreich und attraktiv, wie auch die steigenden Bewerberzahlen zeigen. Aus den Veränderungen, die das Studium in den USA in den letzten Jahrzehnten durchgemacht hat, wird auch ersichtlich: Die ständige Hinterfragung des Lehrplans und der Didaktik ist unabdingbar. Der Studiengang wird regelmäßig in kleinerem Ausmaß angepasst und verbessert, wobei auch die Stimme der Studierenden gehört wird. 

Quellen

 [1] http://pharmacy.ufl.edu/education/student-affairs > Doctor of Pharmacy Curriculum.

 [2] School of Pharmacy – Boston, Residencies & Fellowships; www.mcphs.edu/academics/schools/school-of-pharmacy-boston/residencies-and-fellowships-school-of-pharmacy-boston.

 [3] http://pharmacy.ufl.edu/education/student-affairs > Admissions > Admission Requirements.

 [4] Interview mit Prof. Michael McKenzie, Senior Associate Dean for Professional Affairs der University of Florida, 23.09.2013.

 [5] Specialized test that helps identify qualified applicants to pharmacy colleges. Pearson Education, Inc., 2013; www.pcatweb.info.

 [6] PharmCAS; www.pharmcas.org.

 [7] Interview mit Prof. Diane Beck, Associate Dean for Curricular Affairs & Accreditation der University of Florida, 02.10.2013.

 [8] IPPE 1 und 2; http://file.cop.ufl.edu/studaff/syllabi > PHA 5941C Syllabus.pdf bzw. PHA 5942C Syllabus.pdf.

 [9] Interdisciplinary Family Health, 2013; http://education.health.ufl.edu > IFH.

[10] Pharmacotherapy IV; http://file.cop.ufl.edu/studaff/syllabi > PHA 5784 Syllabus.pdf.

 

Danksagung

Wir bedanken uns bei Prof. Derendorf, in dessen Arbeitsgruppe wir während unserer Zeit in Florida arbeiten durften, sowie bei Prof. McKenzie und Prof. Beck, die uns ausführlich über das Studium informiert haben.

 

Autoren

Michaela Wimmer studierte Pharmazie an der LMU München. michaela.wimmer89@gmx.de

Maurice El Talia hat Pharmazie an der Freien Universität Berlin studiert. maurice.el.talia@gmail.com

Beide Autoren absolvierten die erste Hälfte des praktischen Jahres an der University of Florida in Gainesville am Department of Pharmaceutics unter Anleitung von Prof. Derendorf. Derzeit arbeiten sie in München bzw. Berlin als Pharmazeuten im Praktikum in öffentlichen Apotheken.

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