Arzneimittel und Therapie

Stillen erlaubt

Mütter unter antikonvulsiver Therapie

Beeinträchtigt eine antikonvulsive Therapie der Schwangeren die feinmotorische Entwicklung des Säuglings und macht sich Stillen unter der Einnahme von Antiepileptika beim Kind bemerkbar? Mit diesen Fragen befasste sich eine Auswertung der norwegischen Mutter-und-Kind-Studie.

Erst seit Kurzem wird der Einfluss einer intrauterinen Antiepileptika-Exposition auf die Entwicklung des Säuglings systematisch untersucht. Schwangere Epileptikerinnen sollten ihre antikonvulsive Therapie nicht absetzen, um dem Risiko möglicher Anfälle vorzubeugen. Da Antiepileptika – je nach Stoffgruppe in unterschiedlichem Ausmaß – die kognitive Entwicklung und das Verhalten des Säuglings beeinflussen können, wird den Müttern häufig empfohlen, das Kind nicht zu stillen, um eine verlängerte Exposition des Säuglings mit Antikonvulsiva zu vermeiden. Dieser Rat entbehrt indes einer fundierten Grundlage, da systematische Untersuchungen hierzu fehlen. Diese Wissenslücke wurde nun mithilfe der norwegischen Mutter-und-Kind-Studie geschlossen. Die erforderlichen Daten wurden einer prospektiven Kohortenstudie (Mother and Child Cohort Study) entnommen. In dieser zwischen 1999 und 2009 durchgeführten Studie wurden die Daten von knapp 80.000 Müttern und ihrer Kinder erfasst. Festgehalten wurden unter anderem medizinische und sozioökonomische Daten der Eltern sowie motorische und soziale Fähigkeiten, Sprachverhalten und Entwicklung der Kinder im Alter von 6, 18 und 36 Monaten.

223 Frauen hatten während ihrer Schwangerschaft Antiepileptika (meist Lamotrigen, Valproinsäure oder Carbamazepin) eingenommen. Ein Vergleich mit der Kontrollgruppe führte unter Berücksichtigung möglicher Einflussfaktoren zu folgenden Ergebnissen:

  • Im Alter von sechs Monaten war bei Säuglingen, deren Mütter Antiepileptika eingenommen hatten, häufiger eine Beeinträchtigung der feinmotorischen Fähigkeiten aufgetreten als bei Kindern der Kontrolle (12% vs. 5%; odds ratio [OR] 2,1; 95% Konfidenzintervall [KI] 1,3 bis 3,2).
  • Die Einnahme mehrerer Antiepileptika erhöhte die motorischen Defizite in noch größerem Ausmaß (25% vs. 5%; OR 4,3; 95% KI 2,0 bis 9,1) und hatte zudem eine Beeinträchtigung der sozialen Fähigkeiten des Säuglings zur Folge (22% vs. 10%; OR 2,6; 95% KI 1,2 bis 5,5).
  • Das Stillen unter der antiepileptischen Therapie der Mutter wirkte sich hingegen günstig aus: So war die Entwicklung des gestillten Säuglings weniger beeinträchtigt als die des nicht gestillten Säuglings. Dies war für das Alter von sechs und 18 Monaten nachweisbar.
  • Im Alter von 36 Monaten zeigte sich der günstige Einfluss des Stillens nicht mehr. Zu diesem Zeitpunkt war sowohl bei den gestillten als auch bei den nicht gestillten Kindern eine beeinträchtigte Entwicklung nachzuweisen, wenn die Mütter während der Schwangerschaft Antiepileptika eingenommen hatten. Diese zeigte sich in einem schlechteren Abschneiden bei Grobmotorik und Satzbildung sowie in einer Verstärkung der autistischen Eigenschaften.
  • Kinder von Frauen, die an Epilepsie erkrankt waren, aber während der Schwangerschaft keine antikonvulsive Therapie erhalten hatten, wiesen im Alter von sechs Monaten eine normale Entwicklung auf.

Fazit: Stillen ist erlaubt

Eine mögliche Beeinträchtigung der motorischen und sozialen Fähigkeiten des Säuglings durch eine pränatale Exposition mit Antiepileptika wurde auch in dieser Studie bestätigt. Das Stillen unter einer antikonvulsiven Therapie hatte hingegen keine negativen Auswirkungen auf das Kind.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kam eine 2010 publizierte prospektive, multizentrische Studie mit 194 Frauen, die während der Schwangerschaft Antiepileptika eingenommen hatten. Im Alter von drei Jahren wurde die Kognition der Kinder untersucht und in Beziehung zum Stillverhalten der Mutter gesetzt. Der durchschnittliche Intelligenzquotient der gestillten Kinder lag bei 99, derjenige der nicht-gestillten Kinder bei 98. Die Befürchtung, Stillen unter einer antikonvulsiven Therapie könnte sich negativ auf den Säugling auswirken, wurde somit in beiden Studien nicht bestätigt. 

Quelle

Veiby G et al. Early child development and exposure to antiepileptic drugs prenatally and through breastfeeding: A prospective cohort study on children of women with epilepsy. JAMA Neurol 2013;70(11):1367–1374.

Meador KJ et al. NEAD study group. Effects of breastfeeding in children of women taking antiepileptic drugs. Neurology 2010; 75(22):1954–1960.

Meador KJ. Breastfeeding and antiepileptic drugs. JAMA 2014;311(17):1797–1798.

 

Apothekerin Dr. Petra Jungmayr

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