Arzneimittelinteraktionen

Ginseng-Interaktionen

Wechselwirkungen mit konventionellen Arzneimitteln

Von Oliver von Richter und Robert Hermann | Die im Chinesischen als „rén shēn“ bezeichnete Ginseng-Wurzel, was übersetzt etwa „Menschenwurzel“ oder „menschenähnliche Wurzel“ heißt, wird seit Jahrtausenden in Asien als pflanzliches Arzneimittel verwendet. Pharmazeutische Ginseng-Produkte gehören heute weltweit zu den populärsten und am meisten verwendeten Phytopharmaka und enthalten in Europa in der Regel ein Trockenextrakt der getrockneten Wurzel (Radix Ginseng).

Radix Ginseng ist in den Arzneibüchern vieler Länder einschließlich China, Korea, Japan, USA und Europa aufgeführt. In den USA steht Ginseng auf Platz 5 der meistverkauften Phytopharmaka. Die verschiedene Ginseng-Spezies (Familie der Arialiaceae) die als Ausgangsmaterial zur Herstellung von Phytopharmaka weltweit verwendet wird sind:

  • Panax ginseng (Asiatischer Ginseng),
  • Panax quinquefolius (Amerikanischer Ginseng) und
  • Eleutherococcus senticosus (Sibirischer Ginseng).

Der Trockenextrakt aus Radix Ginseng wird mit einem alkoholischen Lösungsmittel hergestellt und enthält Triterpensaponine, Polysaccharide und Polyacetylene. Die Triterpensaponine werden als Ginsenoside bezeichnet. Mehr als 200 Ginsenoside sind aus verschiedenen Ginseng-Spezies isoliert worden. Ginseng-Trockenextrakte enthalten je nach Arzneibuch einen Mindestanteil der Ginsenoside Rb1, Rb2, Rc, Rd, Re, Rf, Rg1 und Rg2 (als Rb1 zusammengefasst). Die Kommission E spezifiziert den Trockenextrakt Ginsengwurzel von Panax ginseng mit einem Ginsenosid-Gehalt von mindestens 1,5%, das Committee on Herbal Medicinal Products der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) von mindestens 4% [1]. In Deutschland sind 59 Ginseng-Produkte zugelassen und werden je nach Ginsenosid-Gehalt üblicherweise in Tagesdosen von 140 bis 1800 mg über einen Behandlungszeitraum von drei Monaten verwendet. Gemäß Kommission E und der European Scientific Cooperation of Phytotherapy (ESCOP) werden Ginseng-Zubereitungen als Tonikum zur Stärkung und Kräftigung bei Müdigkeits- und Schwächegefühl sowie nachlassender Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit eingesetzt. Ginseng-Extrakte werden darüber hinaus zur Behandlung von leichten Depressionen, zur Verbesserung der Immunantwort und aufgrund ihrer antioxidativen und antineoplastischen Effekte verwendet.

Im Gegensatz zur weltweit häufigen Verwendung von Ginseng-Produkten sind klinische Studien zu Interaktionen von Ginseng mit anderen Arzneistoffen rar. Eine zusammenfassende Übersicht der wesentlichen Studien findet sich in Tabelle 1 (CYP-basierte Interaktionsstudien) und Tabelle 2 (Transporter-basierte Interaktionsstudien/Interaktionsstudien mit anderen Arzneistoffen). Insgesamt konnten wir lediglich elf publizierte klinische Studien identifizieren, die im Folgenden zusammengefasst sind.

Effekte von Ginseng-Produkten auf die Aktivität von Cytochrom-P450-Enzymen

„Phänotypisierung“ der Aktivitäten mehrerer Cytochrom-P450(CYP)-Isoenzyme durch die simultane Gabe von Marker-Substrat-Kombinationen – „Cocktail Studien“

Die simultane Quantifizierung der Aktivitäten mehrerer Cytochrom P450 (CYP) Isoenzyme (sog. „Phänotypisierung“) durch die gleichzeitige Gabe einer Kombination von Arzneistoffen, die selektiv durch verschiedene Cytochrom-P450-Isoenzyme verstoffwechselt werden, wird als „Cocktail“-Studie bezeichnet. Derartige „Cocktails“ sind validiert und bieten einen kostengünstigen und effizienten Ansatz, Signale für Wechselwirkungen von Phytopharmaka und mehreren Arzneistoffen in einer einzigen Studie zu entdecken. Die ersten Studien zur Untersuchung des Interaktionspotenzials von Ginseng-Produkten waren derartige Studien, die auf der Messung eines einzelnen Zeitpunkts, des sogenannten metabolischen Quotienten zur Bestimmung der Enzym-Aktivitäten beruhen. Unter dem Begriff „metabolischer Quotient“ versteht man den Quotient aus ursprünglicher, nicht verstoffwechselter Substanz (das heißt die Muttersubstanz) und deren Metabolit, der spezifisch durch ein einziges Cytochrom-P450-Isoenzym gebildet wird. Der metabolische Quotient kann auf Messungen in Blut oder Urin beruhen. In diesen zwei Studien wurde der Effekt eines Panax-ginseng-Produkts (500 mg, 3 x täglich, entsprechend 1500 mg Tagesdosis eines auf 5% Ginsenoside standardisierten Produkts, Wild Oats Markets Inc, USA), eingenommen über 28 Tage, auf die Aktivität von CYP1A2, CYP2E1, CYP2D6 und CYP3A4 untersucht. Als prototypische Substrate wurden die metabolischen Quotienten von Coffein (CYP1A2, Serum), Chlorzoxazon (CYP2E1, Serum), Debrisoquin (CYP2D6, Urin) und Midazolam (CYP3A4, Serum) bestimmt. In keiner der beiden Studien mit zwölf älteren (67 ± 5,2 Jahre) und zwölf jungen Probanden (25 ± 3,9 Jahre) konnte ein Effekt von Ginseng auf die Aktivität von CYP1A2, CYP2E1 und CYP3A4 festgestellt werden [2, 3]. Die CYP2D6-Aktivität wurde geringfügig um 7% verringert, eine Effektgröße die als nicht klinisch relevant einzuschätzen ist.

Das Ausbleiben eines Effekts von Ginseng auf CYP3A4 wurde in einer anderen Studie mit einer geringeren Dosis bestätigt in der 20 gesunde Probanden Tagesdosen von 200 mg eines standardisierten Panax-ginseng-Produkts (Ginsana, standardisiert auf 4% Ginsenoside) über 14 Tage verabreicht wurde. Die Messung der CYP3A4-Aktivität erfolgte hier mittels des metabolischen Quotienten von 6-β-Hydroxycortisol/Cortisol im Urin. Ein Effekt von Ginseng auf diesen metabolischen Quotienten und damit auf die CYP3A4-Aktivität konnte nicht festgestellt werden [4].

Eine weitere Studie mit zwölf gesunden Probanden bestätigt das Ausbleiben eines Effekts von Ginseng auf die CYP2D6-Aktivität. Ein Produkt mit einem Extrakt aus Sibirischem Ginseng (485 mg standardisierter Eleutherococcus-senticosus-Extrakt, Tagesdosis 970 mg, Nature’s Way, USA), welches über 14 Tage verabreicht wurde, ergab keine nachweisbare Veränderung der CYP2D6-Aktivität, gemessen als metabolischer Quotient von Dextrometorphan/Dextrorphan im Urin, vor und nach Gabe des pflanzlichen Produkts [5]. Bei der Interpretation von Daten aus „Cocktail“-Studien ist darauf hinzuweisen, dass die verwendeten 1-Punkt-Messungen in Plasma oder Urin nur als Signal für etwaige Interaktionen oder deren Fehlen anzusehen sind und nicht die genaue Quantifizierung des Ausmaßes von Interaktionen ermöglichen.

Klassische pharmakokinetische Interaktionsstudien – Einfluss von Ginseng auf CYP3A4

Insgesamt sind zwei Studien verfügbar, die den Effekt von Ginseng-Produkten auf die Aktivität von CYP3A4 nicht nur anhand von 1-Punkt-Messungen, sondern mittels der Erfassung vollständiger Plasmakonzentrations-Zeit-Profile untersucht haben. Donovan et al. haben in zwölf gesunden Probanden den Effekt eines sibirischen Ginseng-Produkts (485 mg standardisierter Eleutherococcus-senticosus-Extrakt, Tagesdosis 970 mg, Nature’s Way, USA), welches über 14 Tage verabreicht wurde, untersucht. Es konnten dabei keine Unterschiede in der Alprazolam-Pharmakokinetik (Cmax, tmax, AUC, t1/2), einem sensitiven CYP3A4-Substrat, vor und nach Einnahme des Ginseng-Produkts festgestellt werden [5].

Im Gegensatz zu diesen Ergebnissen kommt eine andere Studie mit einem Panax-ginseng-Produkt (500 mg eines nicht näher spezifizierten Ginseng-Extrakts, Vitamer Laboratories, USA) und dem sensitiven CYP3A4-Substrat Midazolam zu anderen Ergebnissen: eine 28-tägige Behandlung mit diesem Ginseng-Präparat führte zu einer signifikanten, im Mittel um 51% erhöhten apparenten oralen Clearance, einhergehend mit einer Reduktion der Midazolam-Exposition (AUC) um 34%, einer Erniedrigung der maximalen Midazolam-Plasmakonzentration (Cmax) um 26% und einer 29%-gen Verringerung der Eliminationshalbwertszeit (t1/2) [6]. Die Ergebnisse deuten auf eine Induktion der Midazolam-Elimination (t1/2 und CL/F) sowie eine Verringerung der oralen Bioverfügbarkeit aufgrund eines verstärkten präsystemischen Metabolismus (First-pass-Effekt) von Midazolam (Cmax und CL/F) hin. Leider wurde in dieser Studie nicht der Einfluss von Ginseng auf die Pharmakokinetik von intravenös verabreichtem Midazolam untersucht, welches den Effekt auf die CYP3A4-Aktivität in der Leber widerspiegelt. Somit kann nicht quantifiziert werden, welchen Anteil der beobachteten Interaktion auf die Induktion von intestinalem und welcher auf die Induktion von hepatischem CYP3A4 zurückzuführen ist. Dies wäre für die klinische Bewertung jedoch relevant, da viele Arzneistoffe durch CYP3A4 in der Leber abgebaut werden, jedoch weitaus weniger durch einen CYP3A4-katalysierten Stoffwechsel im Darm.

Achtung bei CYP3A4-Substraten

Der Unterschied zwischen dem Effekt von Ginseng auf den intestinalen und den hepatischen CYP3A4-Metabolismus ist auch für die augenscheinlichen Unterschiede der beiden Studien von Bedeutung: Alprazolam gehört wie Midazolam zu der Arzneistoffklasse der kurzwirksamen Benzodiazepine und ist ebenso wie Midazolam eine Substanz, die in hohem Ausmaß durch CYP3A4 verstoffwechselt wird. Daher werden beide Arzneimittel als „sensitive“ CYP3A4-Substrate bezeichnet. Allerdings ist der Anteil des Dünndarmmetabolismus zum First-pass-Effekt für Alprazolam nicht so stark ausgeprägt wie für Midazolam. Daher kann der stärker ausgeprägte intestinale Stoffwechsel von Midazolam und die damit verbundene erhöhte Sensitivität der Detektion von Veränderungen der intestinalen CYP3A4-Aktivität, neben der Verwendung von zwei unterschiedlichen Ginseng-Produkten, ein weiterer Grund für die unterschiedlichen Ergebnisse der beiden Studien sein. Dies ist insbesondere für schwache Induktoren wie für Ginseng von Bedeutung, da deren Konzentrationen nach oraler Applikation in Enterozyten naturgemäß grundsätzlich höher ist als in Hepatozyten und somit eine Induktion der CYP3A4-Aktivität primär in der Darmwand stattfindet. Weitere Interaktionsstudien, welche den Einfluss von Ginseng-Produkten auf andere Cytochrom-P450-Enzyme (CYPs) oder die Aktivität von UDP-Glucuronosyltransferasen (UGTs) untersuchen, liegen derzeit nicht vor.

Effekte von Ginseng-Produkten auf die Pharmakokinetik anderer Arzneistoffe

Antiretrovirale (HIV) Medikamente: Indinavir und Zidovudin

Ginseng-Produkte werden zur Verbesserung der Immunantwort angewendet. Daher findet Ginseng eine verbreitete Verwendung bei HIV-Patienten, was eine gezielte Untersuchung der Effekte von Ginseng auf antiretrovirale Arzneimittel in den Fokus von klinischen Interaktionsstudien stellt. Die ersten beiden Ginseng-Interaktionsstudien untersuchen daher den HIV-Proteaseinhibitor Indinavir und den nukleosidischen HIV-Transkriptaseinhibitor Zidovudin.

Der Effekt eines Produkts aus Amerikanischem Ginseng (Panax quinquefolius) auf die Pharmakokinetik von Indinavir wurde in 14 gesunden Probanden untersucht. Panax quinquefolius (500 mg getrocknete Panax-quinquefolius-Wurzel, Tagesdosis 1000 mg, Wisconsin Ginseng Board, USA) wurde 14 Tage eingenommen und die Pharmakokinetik von 800 mg Indinavir (3 x täglich) vor und nach Ginseng-Gabe getestet. Es konnten keine Effekte des Amerikanischen-Ginseng-Produkts auf die Pharmakokinetik von Indinavir festgestellt werden, welches ebenfalls ein sensitives CYP3A4-Substrat ist [7].

Lee et al. haben den Effekt von Amerikanischem Ginseng in zehn gesunden Probanden auf die Pharmakokinetik von Zidovudin getestet. Zidovudin wird im Gegensatz zu den meisten HIV-Proteaseinhibitoren nicht durch oxidativen Stoffwechsel durch Cytochrom-P450-Enzyme abgebaut, sondern wird vorwiegend durch sogenannten Phase-II-Stoffwechsel, das heißt durch UDP-Glucuronosyltransferasen (UGTs) katalysierte Konjugationen eliminiert. Eine 14-tägige Gabe von 200 mg (400 mg Tagesdosis eines auf Ginsenoside standardisierten Panax-quinquefolius-Produkts, HT-1001) hatten weder einen Effekt auf die Zidovudin-Exposition (AUC0-8 h) noch einen Effekt auf die Bildungsrate des Zidovudin-Glucuronids [8].

Arzneimittel mit enger therapeutischer Breite: Warfarin

Warfarin ist aufgrund seiner engen therapeutischen Breite, seiner verbreiteten Anwendung in Verbindung mit der guten Messbarkeit seiner Pharmakokinetik und Pharmakodynamik eines der am häufigsten verwendeten Arzneimittel für Interaktionsstudien, so auch im Fall von Ginseng. Bis heute sind drei klinische Studien publiziert, die eine Interaktion von Ginseng-Produkten auf die Pharmakokinetik und Pharmakodynamik von Warfarin untersucht haben.

Die erste Studie von Jiang et al. prüfte den Effekt von Panax ginseng (2 x 3 Kapseln zu je 500 mg, entsprechend 3000 mg Tagesdosis von zerriebenem Ginseng-Rhizom, Golden Glow, Koreanischer Ginseng) mit einer Behandlungsdauer von einer Woche auf die Pharmakokinetik und Pharmakodynamik einer 25 mg Einmaldosis von Warfarin in zwölf gesunden männlichen Probanden. Es konnten weder ein Effekt der wöchentlichen Gabe von Panax ginseng auf die Pharmakokinetik von S- und R- Warfarin (AUC0-∞, tmax, Cmax, t1/2, CL/F, V/F, Plasmaproteinbindung) noch auf die Pharmakodynamik von Warfarin (INR-Thromboplastinzeit) festgestellt werden [9]. Bemerkenswert an dieser Studie ist, dass neben Ginseng ein Johanneskraut-Präparat getestet wurde, welches aufgrund der signifikanten Effekte auf Warfarin quasi als Positiv-Kontrolle diente. Abschließend sind die Ergebnisse dieser Studie in ein Populations-PK/PD-Modell zur Interaktion von Ginseng mit Warfarin eingeflossen. Die Ergebnisse dieser Populationsstudie weisen auf eine geringe Erhöhung der apparenten oralen Clearance von S-Warfarin durch Ginseng um 14 ± 4% hin, einer Veränderung, die jedoch zu keiner messbaren Reduktion der Wirkung von Warfarin, das heißt einem Absinken der INR führt [10].

Warfarin und andere Coumarine greifen in die Blutgerinnungskaskade über die Inhibition von Vitamin-K-abhängigen Blutgerinnungsfaktoren ein. Warfarin weist daher einen indirekten Effekt auf, der erst dann maximale Werte annimmt, nachdem die bestehenden Blutgerinnungsfaktoren abgebaut sind. Dies ist nach ca. drei bis fünf Tagen der Fall. Somit kann die Ginseng-Behandlungsdauer der oben angeführten Studien mit einer Woche zu kurz sein, um den vollständigen Effekt von Ginseng auf die Warfarin-vermittelten Gerinnungseffekte zu detektieren.

Dieses Studienelement ist in einer weiteren randomisierten, doppeltblinden, placebokontrollierten Parallelgruppen-Studie, welche den Effekt von Amerikanischem Ginseng auf die Pharmakokinetik und Pharmakodynamik (INR-Veränderung) von Warfarin untersucht, ebenfalls nicht geändert worden, da in dieser Studie zwar eine längere Ginseng-Behandlungsdauer (zwei Wochen) festgelegt wurde, Warfarin allerdings vor und nach Ginseng-Einnahme nur über jeweils drei Tage dosiert worden ist. Die Studie wurde jedoch randomisiert und placebokontrolliert durchgeführt. Die 20 in die Studie eingeschlossenen gesunden Probanden erhielten 5 mg Warfarin über drei Tage in der ersten Studienwoche. In der zweiten Studienwoche wurden sie dann zufällig dem Studienarm mit amerikanischem Ginseng (zwölf Probanden, 1000 mg Tagesdosis, auf Ginsenoside standardisiertes Panax-quinquefolius-Produkt, Wisconsin Ginseng Board, USA) oder dem Placeboarm (acht Probanden) zugewiesen. Verglichen wurden Veränderungen in den INR-Maxima, INR, die maximalen Warfarin-Plasmaspiegel (Cmax), sowie die Warfarin-Exposition (AUC) zwischen der Placebo- und der Verum(Ginseng)-Gruppe. Die INR-Maxima sanken nach zweiwöchiger Behandlung mit Amerikanischem Ginseng statistisch signifikant im Vergleich mit der Placebogruppe (Unterschied zwischen Ginseng und Placebo, -0,19 [95%-CI, -0,36 bis -0.07]; p = 0,0012). Die INR, Warfarin Cmax als auch AUC waren in der mit Amerikanischem Ginseng behandelten Gruppe verglichen mit der Placebogruppe ebenfalls geringfügig, jedoch statistisch signifikant erniedrigt [11]. Die Mittelwerte der berichteten Studienendpunkte sind allerdings mit Vorsicht zu interpretieren, da sie von den Ergebnissen eines einzigen Probanden abhängen. Dieser Patient hatte einen sehr hohen INR-Wert zu Beginn der Studie (1,32) welcher nach den ersten drei Behandlungstagen ebenfalls das höchste INR-Maximum innerhalb der Studie aufwies. Dementsprechend sank das INR-Maximum dieses Probanden nach der Einnahme von Ginseng von 5,16 auf 2,75. Obwohl die Autoren dieser Studie unterstreichen, dass die Studienergebnisse immer noch statistisch signifikante Unterschiede aufweisen, wenn die Daten dieses Probanden aus der Analyse ausgeschlossen werden, weisen diese Ergebnisse jedoch eindrucksvoll auf die Problematik von Studien mit kleinen Stichprobenzahlen und fehlender Abschätzung von statistischer Aussagekraft hin. Ein Mangel, der bei Interaktionsstudien häufig zu beobachten ist.

Erst in der dritten Ginseng-Interaktionsstudie mit Warfarin wurden die oben angeführten Studiendesign-Mängel beseitigt. Lee et al. haben den Effekt eines Ginseng-Präparats (Tagesdosis von 1000 mg eines nicht näher spezifizierten Ginseng-Extrakts) auf die Pharmakodynamik von Warfarin (INR) in 31 Patienten mit Herzklappenersatz untersucht. In dieser prospektiven, randomisierten Studie wurden die Patienten in zwei Behandlungsgruppen einer dreiwöchigen Behandlung mit Warfarin bei gleichzeitiger Gabe von Ginseng – und nach dreiwöchiger Auswaschphase einer weiteren dreiwöchigen Behandlung mit Warfarin und Placebo in dieser oder der umgekehrten Reihenfolge – zugeführt. Die Gabe von Ginseng führte zu keiner Veränderung der Warfarin-INR nach drei bzw. sechs Wochen [12].

Effekt von Ginseng auf die Aktivität von Arzneimitteltransportern

Die Effekte eines Ginseng-Produkts auf die Aktivität der Arzneimitteltransporter P-Glykoprotein (ABCB1) und OATP2B1 wurden in einer weiteren Studie untersucht. In dieser Studie wurde an zwölf gesunden Probanden der Einfluss eines Panax-ginseng-Produkts (500 mg eines nicht näher spezifizierten Ginseng-Produkts, Vitamer Laboratories, USA) auf die Pharmakokinetik des H1-Antagonisten Fexofenadin geprüft. Die Resorption von Fexofenadin wird nach oraler Gabe von den im Dünndarm exprimierten Arzneimitteltransportern P-Glykoprotein und OATP2B1 beeinflusst (Tab. 3). P-Glykoprotein wirkt als Effluxtransporter einer Resorption von Fexofenadin entgegen. Eine Inhibition von P-Glykoprotein würde daher die systemisch verfügbare Fexofenadin-Menge erhöhen und einen Anstieg der Plasmakonzentrationen nach sich ziehen. OATP2B1 ist ein Aufnahmetransporter, der die Resorption von Fexofenadin, welches nur sehr langsam durch passive Diffusion im Darm aufgenommen wird, beschleunigt. Eine etwaige Inhibition von OATP2B1 reduziert die systemisch verfügbare Fexofenadin-Menge und hätte ein Absinken der Fexofenadin-Plasmakonzentrationen zur Folge. Unter Ginseng-Behandlung wurden keine signifikanten Unterschiede der maximalen (Cmax) und gesamten Fexofenadin-Exposition (AUC0-∞) festgestellt. Ebenso konnten keine wesentlichen Veränderungen von Resorptionskonstante und der Zeit zum Erreichen von Cmax (tmax), also von pharmakokinetischen Parametern, welche die Resorptionsgeschwindigkeit charakterisieren, festgestellt werden [6]. Die Ergebnisse dieser Studie legen nahe, dass das in der Studie verwendete Ginseng-Produkt keinen Einfluss auf die beiden oben genannten Arzneimitteltransporter hat. Da Fexofenadin jedoch kein prototypisches Substrat für nur einen Arzneimitteltransporter ist und sich eine Inhibition beider Transporter – wenn im gleichen Ausmaß vorhanden – gegenseitig aufheben kann, sind für eine abschließende Bewertung des Interaktionspotenzials von Ginseng-Produkten weitere klinische Studien mit anderen spezifischeren Substanzen, wie z.B. Digoxin notwendig.

Fazit

Die untersuchten Ginseng-Produkte weisen keine relevanten Effekte auf die Aktivitäten der Cytochrom-P450-Isoenzyme CYP1A2, CYP2D6 und CYP2E1 auf. Die Befunde bezüglich CYP3A4 aus einzelnen Studien sind nicht vollständig konsistent, was auf die bereits im Ginkgo-Artikel (DAZ 2013, Nr. 24) diskutierten produktspezifischen Unterschiede oder die Unterschiede der verwendeten CYP3A4-Substrate hinweisen kann. Wie bereits im Artikel über Echinacin (DAZ 2013, Nr. 14) erwähnt, beschränkt sich der in der Midazolam-Interaktionsstudie gefundene Effekt von Ginseng auf wenige Arzneistoffe die

  • 1. vorwiegend durch CYP3A4 eliminiert werden,
  • 2. einem ausgeprägten intestinalen First-pass-Effekt durch CYP3A4 unterliegen und
  • 3. eine enge therapeutische Breite aufweisen (z.B. Cyclosporin, Tacrolimus oder Verapamil).

Bisher existieren wenige Daten zum Interaktionspotenzial von Ginseng-Produkten mit durch UGTs abgebauten Arzneimitteln und Arzneimitteltransportern. Erste Untersuchungen mit dem UGT2B7-Substrat Zidovudin und dem P-Glykoprotein/OATP2B1-Substrat Fexofenadin weisen jedoch bisher auf kein Interaktionspotenzial von Ginseng hin. Zwei von drei bisher durchgeführten Ginseng-/Warfarin-Interaktionsstudien weisen grundlegende Limitationen im Studiendesign auf, wie z.B. einer zu kurzen Warfarin-Behandlungsdauer und sind daher gegebenenfalls nicht prädiktiv für die Langzeitbehandlung von Patienten mit Warfarin. Auf Basis der von Lee et al. publizierten Daten in 31 Patienten kann ein Effekt von Ginseng auf die blutgerinnungshemmende Wirkung von Warfarin bei längerer Anwendung jedoch ausgeschlossen werde.

Die in den diskutierten klinischen Studien vorhandene Evidenz ist weitgehend konsistent und belegt, dass Ginseng-Produkte in den empfohlenen Dosierungen insgesamt nur ein geringes Potenzial für klinisch relevante pharmakokinetische Arzneimittelinteraktionen haben. Allerdings ist wie bei allen klinischen Daten zu Phytopharmaka zu bedenken, dass auch bezüglich der publizierten Ginseng-Interaktionsstudien die Ergebnisse grundsätzlich streng produktspezifisch zu betrachten sind. Dies heißt, dass die Studienergebnisse bestimmter Ginseng-Produkte nicht notwendigerweise auf Produkte anderer Hersteller übertragbar sind, insbesondere wenn diese Studien die Abwesenheit von Interaktionen mit arzneimittelabbauenden Enzymen und/oder Transportern gezeigt haben. Vor diesem Hintergrund und in Anbetracht der wenigen publizierten klinischen Studien zum Interaktionspotenzial von Ginseng bietet in der täglichen Praxis die Verwendung gut untersuchter Produkte naturgemäß das höchste Maß an Sicherheit, um eventuelle Interaktionsrisiken zu vermeiden, und die diesbezügliche Beratung des Patienten durch den Apotheker spielt dabei eine wichtige Rolle. 

Quelle

 [1] Assessment report on Panax ginseng C.A. Meyer, radix. Committee on Herbal Medicinal Products (HMPC), EMA/HMPC/321232/2012 vom 12. März 2013.

 [2] Gurley BJ, Gardner SF, Hubbard MA et al. Cytochrome P450 phenotypic ratios for predicting herb-drug interactions in humans. Clin Pharmacol Ther. 2002 Sep; 72(3): 276–287.

 [3] Gurley BJ, Gardner SF, Hubbard MA,et al. Clinical assessment of effects of botanical supplementation on cytochrome P450 phenotypes in the elderly: St John‘s wort, garlic oil, Panax ginseng and Ginkgo biloba. Drugs Aging. 2005; 22(6): 525–539.

 [4] Anderson GD, Rosito G, Mohustsy MA, Elmer GW. Drug interaction potential of soy extract and Panax ginseng. J Clin Pharmacol. 2003 Jun; 43(6): 643–648.

 [5] Donovan JL, DeVane CL, Chavin KD, et al. Siberian ginseng (Eleutheroccus senticosus) effects on CYP2D6 and CYP3A4 activity in normal volunteers. Drug Metab Dispos. 2003 May; 31(5): 519–522.

 [6] Malati CY, Robertson SM, Hunt JD, et al. J Clin Pharmacol. Influence of Panax ginseng on cytochrome P450 (CYP)3A and P-glycoprotein (P-gp) activity in healthy participants. 2012 Jun; 52(6): 932–939. doi: 10.1177/0091270011407194.

 [7] Andrade AS, Hendrix C, Parsons TL et al. Pharmacokinetic and metabolic effects of American ginseng (Panax quinquefolius) in healthy volunteers receiving the HIV protease inhibitor indinavir. BMC Complement Altern Med. 2008 Aug 19; 8: 50.

 [8] Lee LS, Wise SD, Chan C, Parsons TL, Flexner C, Lietman PS. Possible differential induction of phase 2 enzyme and antioxidant pathways by american ginseng, Panax quinquefolius. J Clin Pharmacol. 2008 May; 48(5): 599–-609.

 [9] Jiang X, Williams KM, Liauw WS, Ammit AJ, Roufogalis BD, Duke CC, Day RO, McLachlan AJ. Effect of St John‘s wort and ginseng on the pharmacokinetics and pharmacodynamics of warfarin in healthy subjects. Br J Clin Pharmacol. 2004 May; 57(5): 592–599.

[10] Jiang X, Blair EY, McLachlan AJ. Investigation of the effects of herbal medicines on warfarin response in healthy subjects: a population pharmacokinetic-pharmacodynamic modeling approach. J Clin Pharmacol. 2006 Nov;46(11):1370–8.

[11] Yuan CS, Wei G, Dey L, et al. Brief communication: American ginseng reduces warfarin‘s effect in healthy patients: a randomized, controlled Trial. Ann Intern Med. 2004 Jul 6; 141(1): 23–27.

[12] Lee YH, Lee BK, Choi YJ, et al. Interaction between warfarin and Korean red ginseng in patients with cardiac valve replacement. Int J Cardiol. 2010 Nov 19; 145(2): 275–276.

 

Autoren

Dr. Robert Hermann studierte Humanmedizin an der Goethe-Universität Frankfurt und ist Facharzt für Anästhesie und Intensivmedizin sowie Facharzt für Klinische Pharmakologie. Er arbeitet als selbstständiger Berater für die klinische Entwicklung innovativer Arzneimittel.

Managing Director Clinical Research Appliance, Rossittenstraße 15, 78315 Radolfzell, robert.hermann@cr-appliance.com

 

 

Dr. Oliver von Richter, Apotheker, studierte Pharmazie in Mainz und Dijon. Nach Promotion und PostDoc ist er seit 2001 in der präklinischen und frühen klinischen Entwicklung von Arzneimitteln, derzeit bei MerckSerono in Darmstadt tätig.

Am alten Neckarbett 29, 64665 Alsbach