Phytopharmaka

Interaktionen von Phytopharmaka mit konventionellen Arzneimitteln

Von Oliver von Richter und Robert Hermann | Extrakte aus dem Sonnenhut sollen das Immunsystem stärken und Erkältungen vorbeugen, Präparate mit getrocknetem Presssaft von Echinacea purpurea als Monotherapie oder in Kombinationspräparaten sind sehr beliebt bei sich anbahnenden Erkältungen mit Halsschmerzen. Gerade in Deutschland werden in der Selbstmedikation pflanzliche Arzneimittel in dem Glauben eingenommen, dass sie "natürlich" und damit "ungefährlich" sind. Vor allem bei älteren und chronisch kranken sowie multimorbiden Patienten, die eine Vielzahl von Arzneimitteln einnehmen, sind Interaktionen zwischen Phytopharmaka und Arzneimitteln prinzipiell möglich.
Foto: Rottapharm | Madaus GmbH

Die Spezies der Echinaceen sind endemisch auf dem nordamerikanischen Kontinent verbreitet und finden dort eine breite Anwendung als traditionelle Arzneipflanzen der indigenen Bevölkerung. Zubereitungen aus der oberirdischen Pflanze und der Wurzel des purpurfarbenen Sonnenhuts (Echinacea purpurea), des blassfarbenen Sonnenhuts (Echinacea pallida) sowie des schmalblättrigen Sonnenhuts (Echinacea angustifolia) bilden die Basis für die heutigen Phytopharmaka mit mehr als 85 registrierten Echinacea-Produkten auf dem deutschen Markt. Echinacea wird unterstützend in der Therapie grippaler Infekte angewendet. Nach Angabgen des Marktforschungsinstituts TDW-Intermedia beträgt der Marktanteil von Echinacea an "Erkältungsmedikamenten" in Deutschland ca. 10%. Die Kommission E hat vier Monographien zu Echinacea veröffentlicht (Echinacea angustifolia, Echinacea pallidae radix, Echinacea purpurea herba und Echinacea purpurea radix). Allerdings werden verschiedene Echinacea-Spezies sowie Extrakte von verschiedenen Pflanzenteilen oft in Echinacea-Produkten kombiniert, was als ein Grund für die ausgeprägte Schwankungsbreite in klinischen Studien zur Wirksamkeit von Echinacea bei der Vorbeugung und Therapie von grippalen Infekten angesehen werden kann [1].

Im Gegensatz zur Popularität und der weitverbreiteten Anwendung von Echinacea-Präparaten in weiten Teilen Europas und den USA existieren nur wenige kontrollierte klinische Studien, welche das Interaktionspotenzial von Echinacea-Präparaten untersucht haben. Insgesamt konnten nur acht klinische Studien identifiziert werden, die den Effekt von Echinacea auf die Aktivität verschiedener Cytochrom-P450-Enzyme, den Effekt auf Substanzen mit enger therapeutischer Breite sowie einen Einfluss auf die Pharmakokinetik von Arzneimitteln zur Behandlung von HIV-Infektionen untersucht haben.


Echinacea


Von Echinacea purpurea, dem Purpursonnenhut, wird in Deutschland vornehmlich der Presssaft bzw. der getrocknete Presssaft aus dem blühenden Purpursonnenhutkraut verwendet (z. B. Echiherb® Tropfen, Echinacea ratiopharm® Liquid, Echinacin® Saft, Esberitox® mono Tropfen, Echinacea® Kapseln, Echinacin® Capsetten).

Vom blassfarbenen Sonnenhut Echinacea pallida kommt ein Trockenenextrakt aus der Wurzel zum Einsatz (z. B. aar vir® Dragees, Lymphozil® Lutschtabletten) zum Einsatz.

Pharmakokinetische Interaktionen: Effekte von Echinacea auf Cytochrom-P450-Enzyme

Erstmalig wurde eine Studie zur Untersuchung der Effekte von Echinacea auf Cytochrom-P450-Aktivitäten 2004 veröffentlicht. Gurley et al. untersuchte den Effekt eines nicht-standardisierten Echinacea-Präparats bestehend aus E. purpurea herba (800 mg zweimal täglich, 1600 mg/Tag) welches über die Dauer von vier Wochen von zwölf gesunden Probanden (sechs Männer/ sechs Frauen) eingenommen wurde [2]. Vor Einnahme des Echinacea-Präparats und am letzten Tag der Behandlung wurde die Aktivität von vier Cytochrom-P450-Isoenzymen (CYP1A2, CYP2D6, CYP2E1 und CYP3A4) mittels eines Arzneimittel-"Cocktails" bestehend aus Coffein, Debrisoquin, Chlorzoxazon und Midazolam bestimmt. Zur Bestimmung der CYP-Isoenzym-Aktivitäten wurden die metabolischen Quotienten von Paraxanthin/ Coffein (6-Stunden-Serumprobe) als Markersubstanz für CYP1A2-Aktivität, Debrisoquin (Menge in den Urin ausgeschieden) als Marker für CYP2D6-Aktivität, 6-OH-Chlorzoxazon/ Chlorzoxazon (2-Stunden-Serumprobe) als Marker für CYP2E1-Aktivität und 1-OH-Midazolam/ Midazolam (1-Stunden-Plasmaprobe) zur Messung der CYP3A4-Aktivität bestimmt. Es war kein Effekt von Echinacea auf die CYP2D6-, CYP2E1- und CYP3A4-Aktivität nachweisbar. Lediglich für CYP1A2 ließ sich eine geringe Inhibition der Aktivität nachweisen, die jedoch in dieser Studie keine statistische Signifikanz erreichte.

Der Effekt von Echinacea auf die Aktivität von CYP2D6 wurde in einer weiteren Studie an 18 gesunden Probanden (neun Männer/ neun Frauen) untersucht [3]. Das hierbei verwendete standardisierte Echinacea-Präparat aus E. purpurea (276 mg pro Kapsel, dreimal tägliche Gabe, 828 mg/Tag) zeigte keinen Effekt auf die CYP2D6-Aktivität, gemessen als Quotient der binnen acht Stunden im Urin gesammelten Menge 4-OH-Debrisoquin/Debrisoquin.

Die in beiden Studien verwendeten Ein-Punkt-Messungen in Plasma oder Urin sind nur als Signal für etwaige Interaktionen oder deren Fehlen anzusehen und ermöglichen keinesfalls eine genaue Quantifizierung etwaiger Interaktionen. Man kann aufgrund von Ein-Punkt-Messungen keine Rückschlüsse auf mögliche Mechanismen von Interaktionen ableiten und damit keine Erkenntnisse gewinnen, ob eine Interaktion z. B. die Resorption, Verteilung oder Elimination eines Arzneistoffs betrifft, da eben nur an einem Zeitpunkt im Plasma gemessen wird. Des Weiteren sind metabolische Quotienten nicht mit pharmakokinetischen Parametern wie einer Veränderung der Clearance oder der Exposition zu vergleichen, weil durch die gleichzeitige Veränderung von Zähler (der Metabolit) und Nenner (die Muttersubstanz) sich der Zahlenwert des Quotienten in einem größeren Ausmaß ändert. Im Urin gemessene metabolische Quotienten unterliegen neben dem Metabolismus von CYP2D6 außerdem noch Schwankungen in der glomerulären Filtrationsleistung der Niere.

Daher ermöglichen serielle Messungen der Pharmakokinetik im Blut über einen längeren Zeitraum eine wesentlich genauere Aussage zu Art und Ausmaß von Interaktionen, vor allem wenn das Ausmaß der Veränderungen nur gering ist. Eine derartige Studie wurde ebenfalls 2004 von Gorski et al. veröffentlicht. Es wurde der Effekt von Echinacea auf die Pharmakokinetik der prototypischen CYP-Substrate Coffein (CYP1A2), Tolbutamid (CYP2C9), Dextromethorphan (CY2D6) und Midazolam (CYP3A4) an zwölf gesunden Probanden (sechs Männern/ sechs Frauen) untersucht [4]. Ein Echinacea-Präparat bestehend aus 400 mg E. purpurea radix pro Tablette (Nature‘s Bounty) wurde über acht Tage viermal täglich verabreicht (1600 mg/Tag). Die Kinetik der vier prototypischen CYP-Substrate wurde jeweils vor und am letzten Tag der Echinacea-Gabe bestimmt. Die CYP2D6-Aktivität war durch Echinacea unbeeinflusst. Die CYP2C9-Aktivität, quantifiziert anhand der Tolbutamid-Exposition, war durch die Einnahme von Echinacea mit einem nicht signifikanten Anstieg in der Tolbutamid-AUC offenbar leicht eingeschränkt/reduziert. Allerdings konnte kein Effekt von Echinacea auf die maximalen Tolbutamid-Plasmakonzentrationen (Cmax) festgestellt werden. Die Gabe von Echinacea führte zu einer statistisch signifikanten Reduktion der apparenten Coffein-Clearance, was auf eine leichte Reduktion der CYP1A2-Aktivität schließen lässt. Die interindividuelle Variabilität dieser Effekte war hoch – in zwei Patienten war die Coffein-Clearance unter dem Einfluss von Echinacea immerhin um 50% reduziert. Die AUC von Coffein wurde durch die Gabe von Echinacea im Mittel um 29% erhöht. In dieser Studie wurde zusätzlich Midazolam oral und auch i.v. verabreicht. Midazolam ist ein sensitives und spezifisches CYP3A4-Substrat, welches nach p.o.-Gabe neben einer ausgeprägten hepatischen Elimination auch in starkem Maße bereits im Dünndarm metabolisiert wird. Fast die Hälfte einer oralen Midazolam-Dosis geht durch CYP3A4-katalysierten Metabolismus in der Dünndarmwand verloren. Daher bildet eine i.v.-Gabe von Midazolam die hepatische CYP3A4-Aktivität ab, wohingegen eine p.o.-Midazolam-Gabe sowohl den durch CYP3A4 vermittelten intestinalen als auch hepatischen First-pass-Effekt beschreibt. Hierbei zeigten sich unterschiedliche Effekte: Nach i.v.-Gabe von Midazolam war die Clearance von Midazolam um 33% statistisch signifikant erhöht, einhergehend mit einer Reduktion der Midazolam-AUC um 25% und einer Verkürzung der Eliminationshalbwertszeit t1/2 von 6,2 auf 3,2 Stunden. Das lässt auf eine Induktion von hepatischem CYP3A4 als Antwort auf die Exposition mit einem oder mehreren Inhaltsstoffen des Echinacea-Präparats schließen. Dieser Effekt war jedoch nach der oralen Gabe von Midazolam nicht zu reproduzieren, die pharmakokinetischen Parameter von Midazolam blieben so gut wie unverändert. Eine mögliche Erklärung dieser Ergebnisse ist in den unterschiedlichen Konzentrationen der Echinacea-Inhaltsstoffe zu suchen. Nach oraler Gabe fluten diese im Dünndarm in hohen Konzentrationen an. Derart hohe Konzentrationen können zur Inhibition von intestinalem CYP3A4 führen. Nach der Resorption der Echinacea-Inhaltsstoffe – weder sind die Bioverfügbarkeiten der Echinacea-Inhaltsstoffe bekannt noch die Plasmakonzentrationen – könnten geringere Konzentrationen derselben Inhaltsstoffe eine CYP3A4-Induktion bewirken, die nach i.v.-Gabe von Midazolam dann die entsprechenden Veränderungen in der Midazolam-Pharmakokinetik bewirkt hat. Nach oraler Gabe hingegen haben sich beide Effekte, die Hemmung des intestinalen CYP3A4-Stoffwechsels und die Induktion des hepatischen CYP3A4-vermittelten First-pass-Effektes, offenbar gegenseitig aufgehoben, so dass im Ergebnis kein Effekt auf Midazolam zu beobachten war.

Echinacea purpurea ist eine von der Kommission E positiv monographierte Echinacea-Art. Foto: Klosterfrau

Effekte von Echinacea auf die Pharmakokinetik von Warfarin und Digoxin

Abdul et al. haben den Effekt eines standardisierten Echinacea-Präparats auf die Pharmakokinetik und die Blutgerinnungshemmung von (R)- und (S)-Warfarin in zwölf gesunden Probanden untersucht [5]. Verwendet wurden hohe Dosen (1275 mg viermal täglich) eines Echinacea-Präparats bestehend aus 600 mg E. angustifolia radix und 675 mg E. purpurea radix pro Tablette (MediHerb Premium Echinacea Tablets®, MediHerb Pty. Ltd). Die apparente Clearance von (S)-Warfarin wurde dabei durch die gleichzeitige Einnahme von Echinacea geringfügig aber statistisch signifikant um 9% erhöht, (R)-Warfarin blieb unverändert. Die Wirkung von Warfarin auf die Blutgerinnung, gemessen als international normalized ratio (INR) der Prothrombinzeit, blieb entsprechend des geringen Effekts auf die Exposition von (S)-Warfarin ebenfalls unverändert. Da (S)-Warfarin vorwiegend durch CYP2C9 und in einem geringeren Ausmaß über CYP3A4 metabolisiert wird, legen die Ergebnisse nahe, dass Echinacea auch in hohen Dosen (5100 mg/Tag) die Aktivität dieser Arzneimittel-abbauenden Enzyme nicht wesentlich beeinflusst.

Neben Effekten auf Arzneimittel-metabolisierende Enzyme sind in den letzten Jahren Interaktionen bekannt geworden, die auf der Hemmung von Arzneimittel-Transportern beruhen. Das Herzglykosid Digoxin wird unter Einfluss des im Darm gebildeten Efflux-Transporters P-Glykoprotein (P-gp, auch als ABCB1 bezeichnet) resorbiert – eine Hemmung des P-gp-vermittelten intestinalen Auswärtstransports führt zu einer höheren Bioverfügbarkeit von Digoxin. Für das in Europa weitgehend verwendete Digitoxin ist dieser Interaktionsmechanismus von untergeordneter Rolle, da die orale Bioverfügbarkeit von Digitoxin nahezu vollständig ist und eine Veränderung der P-gp-Aktivität keine Folgen auf die Digitoxin-Blutspiegel hat. In den USA ist Digitoxin jedoch nahezu unbekannt. Zur Untersuchung des Effekts von Echinacea auf die Pharmakokinetik von Digoxin erhielten 18 gesunde Probanden eine orale Dosis Digoxin (Lanoxin® 0,25 mg) jeweils vor und am Ende einer 14-tägigen Einnahme eines standardisierten Echinacea-Präparats (267 mg, dreimal täglich, 801 mg/ Tag) bestehend aus 195 mg E. purpurea radix und 72 mg E. angustifolia radix pro Tablette (Gaia Herbs, Inc.) [6]. Die gleichzeitige Einnahme von Echinacea hatte keinen Effekt auf die Exposition von Digoxin und die maximale Plasmakonzentration Cmax. Da Digoxin als prototypisches und sensitives Substrat von P-gp angesehen wird, legen die Daten nahe, dass Interaktionen von Arzneistoffen, deren Resorption durch P-gp beeinflusst wird, mit Echinacea-Präparaten unwahrscheinlich sind.

Effekt von Echinacea auf die Pharmakokinetik von Arzneimitteln zur HIV-Behandlung

Aufgrund seiner immunmodulierenden Eigenschaften wird Echinacea häufig von HIV-infizierten Patienten eingenommen. Umfragen haben ergeben, dass ca. ein Drittel aller medikamentös behandelter HIV-Patienten Phytopharmaka gleichzeitig zu ihrer antiretroviralen Therapie einnimmt, die meisten davon ohne dies ihrem behandelnden Arzt mitzuteilen. Daher rücken Studien mit dem Ziel, etwaige Effekte von Echinacea-Präparaten auf antiretrovirale Substanzen zu zeigen, in den Vordergrund klinisch-pharmakologischen Interesses. Mólto et al. haben den Einfluss von Echinacea auf die Kombination zweier HIV-Protease-Inhibitoren Darunavir und Ritonavir getestet [7]. Dabei wurde 15 HIV-Patienten, die zuvor mindestens vier Wochen lang mit der Kombination Darunavir/ Ritonavir (600 mg/100 mg zweimal täglich) behandelt wurden, ein Echinacea-Präparat bestehend aus E. purpurea radix (Arkocápsulas® Echinácea, Arkopharma) viermal täglich 500 mg, 2000 mg/Tag über 14 Tage zusätzlich zur antiretroviralen Therapie verabreicht. Die gleichzeitige Einnahme von Echinacea führte zu einer statistisch nicht signifikanten Reduktion der Darunavir-AUC um 10% und einer Reduktion der maximalen Darunavir-Plasmakonzentration um 2%. Die Darunavir-Plasmakonzentrationen am Ende des Dosierungsintervalls, die bevorzugt beim therapeutischen Arzneimittelmonitoring bestimmt werden, sanken etwas stärker, im Mittel um 16% und bei einem Patienten um 37%. Diese Ergebnisse befinden sich in Übereinstimmung mit der von Gorski berichteten Induktion von CYP3A4 in der Leber [4].

In einer vergleichbaren Studie wurde der Effekt eines Echinacea-Präparats bestehend aus E. purpurea (500 mg dreimal täglich, 1500 mg/Tag) auf die Kombination von Lopinavir/Ritonavir (400/100 mg zweimal täglich) getestet [8]. Sowohl Lopinavir/ Ritonavir als auch Echinacea wurden über einen Zeitraum von vier Wochen gleichzeitig eingenommen. Die Einnahme von Echinacea resultierte in einer statistisch nicht-signifikanten Reduktion der Lopinavir-AUC um 4%, eine Reduktion der maximalen Lopinavir-Plasmakonzentration war interessanterweise im Mittel nicht festzustellen.

Die Studien von Mólto und Penzak et al. zeigen konsistent, dass die gleichzeitige Gabe von Echinacea-Präparaten und der Kombination von Ritonavir mit den HIV-Proteaseinhibitoren Darunavir und Lopinavir im Gegensatz zu den Ergebnissen mit dem prototypischen CYP3A4-Substrat Midazolam keinen oder nur einen geringen Einfluss auf die Pharmakokinetik der beiden Proteaseinhibitoren hat. Eine wahrscheinliche Erklärung für das Ausbleiben eines Effekts, das heißt einer Induktion von CYP3A4 durch Echinacea und damit eine Reduktion der AUC-Werte von Darunavir und Lopinavir, ist die zusätzlichen Gabe von Ritonavir. Ritonavir selbst ist ein starker CYP3A4-Inhibitor, der eine moderate Induktion von hepatischem CYP3A4 durch Echinacea maskiert. Damit ist die Gabe von Darunavir und Lopinavir in Kombination mit Ritonavir als wesentliche Limitation der oben genannten Studien zu sehen.

Um diese Einschränkung, das heißt die mögliche Maskierung einer Induktion von CYP3A4 durch Ritonavir zu umgehen, haben Mólto et al. in einer weiteren Studie den Einfluss von Echinacea auf die Pharmakokinetik des nicht-nukleosidischen HIV reverse Transkriptase-Inhibitors Etravirin getestet [9]. Dazu erhielten 15 HIV-Patienten eine Einmalgabe von 400 mg Etravirin, gefolgt von einer 14-tägigen p.o.-Gabe von Etravirin (einmal täglich 400 mg) zusammen mit einem Extrakt von E. purpurea radix (Arkocápsulas Echinácea®, Arkopharma) in einer Dosierung von dreimal täglich 500 mg. An Tag 14 wurde wiederum die Pharmakokinetik von Etravirin bestimmt. Die gleichzeitige Gabe von Echinacea führte im Mittel zu einer minimalen Veränderung der Etravirin-Pharmakokinetik, es kam zur Erhöhung der maximalen Etravirin-Plasmaspiegel (Cmax) um 7% und einer Erhöhung der Etravirin-AUC um 4%. Allerdings hat auch diese Studie ein entscheidendes Defizit, da Etravirin selbst als Induktor von CYP3A4 beschrieben worden ist und somit eine Echinacea-vermittelte Induktion von CYP3A4 durch Etravirin wahrscheinlich überdeckt worden ist.

Pharmakodynamische Interaktionen mit Echinacea

Präklinische Studien haben eine Reihe von immunstimulatorischen Effekten von Echinacea aufgezeigt. Obwohl bis heute pharmakodynamische Interaktionen zwischen Echinacea-Präparaten und anderen Arzneimitteln in klinischen Studien nicht untersucht worden sind [10], wird auf die theoretische Möglichkeit von pharmakodynamischen Interaktionen mit Immunstimulanzien oder Immunsuppressiva hingewiesen.


Fazit


Die in den aufgeführten klinischen Studien erbrachte Evidenz zeigt, dass Echinacea-Produkte in empfohlener Dosierung nur ein geringes Potenzial haben, klinisch relevante Interaktionen mit Substanzen auszulösen, die durch CYP1A2 und/oder CYP2C9 verstoffwechselt werden. Als klinisch relevant definiert sind Interaktionen, die eine Dosis-Anpassung erforderlich machen, um Schaden von Patienten abzuwenden. Ferner konnten keine Effekte von Echinacea auf die Aktivitäten von CYP2D6, CYP2E1 und den Arzneimitteltransporter P-gp festgestellt werden. Ungeachtet der geringen (CYP1A2) bzw. nicht belegten (CYP2D6) Effekte von Echinacea listet und kategorisiert der im Jahr 2012 aktualisierte Entwurf der Arzneimittelinteraktions-Richtlinie der amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA Echinacea-Präparate als schwache Inhibitoren von CYP1A2 und CYP2D6. So soll vermutlich auf ein mögliches und bisher nicht umfassend untersuchtes Interaktionspotenzial von Echinacea mit durch CYP1A2 und CYP2D6 verstoffwechselte Arzneimittel mit enger therapeutischer Breite hingewiesen werden.

Die vorhandenen Studien zeigen viel eher, dass Echinacea-Produkte grundsätzlich in der Lage sind, die Aktivität von hepatischem CYP3A4 zu induzieren. Allerdings ist das Ausmaß dieser Induktion moderat, und es wird bei oraler Gabe von CYP3A4-Substraten zumeist durch die gleichzeitige Inhibition von intestinalem CYP3A4 durch Echinacea kompensiert. Da beide Prozesse unterschiedlichen Zeitabläufen unterliegen, das heißt eine Inhibition von intestinalem CYP3A4 durch Echinacea unmittelbar stattfindet, während eine Induktion von CYP3A4 in der Leber ca. eine Woche benötigt, und der Effekt auf verschiedene CYP3A4-Substrate von deren Bioverfügbarkeit und First-pass-Effekt abhängt, sind keine generellen Vorhersagen zur klinischen Relevanz von Echinacea-Effekten auf CYP3A4-Substrate zu machen. Da bisher keine Untersuchungen mit CYP3A4-Substraten durchgeführt wurden, die 1. einem ausgeprägten intestinalen First-pass-Effekt durch CYP3A4 unterliegen und 2. eine enge therapeutische Breite aufweisen, wird zur Vorsicht bei der Kombination von Arzneistoffen mit diesen Charakteristika und Echinacea-Produkten geraten. Einschränkend muss jedoch gesagt werden, dass es nur wenige derartige Arzneistoffe mit diesen Charakteristika, wie z. B. Cyclosporin, Tacrolimus oder Verapamil gibt, wobei die Kombination von Echinacea mit den beiden erstgenannten Immunsuppressiva bereits aus pharmakodynamischen Gründen kontraindiziert ist.

Bislang existieren keine klinischen Studien zum Interaktionspotenzial von Echinacea mit weiteren wichtigen Arzneimittel-abbauenden Enzymen wie beispielsweise CYP2C19, welches eine Reihe von Antikoagulanzien (Clopidogrel/Ticlopidin) mit enger therapeutischer Breite metabolisiert. Ebenfalls fehlen klinische Studien zur Interaktion zwischen Echinacea und Phase-II-Enzymen wie den Glukuronosyltransferasen (UGTs) sowie weiteren wichtigen Arzneimitteltransportern, wie z. B. den hepatischen Aufnahmetransportern OATP1B1 und OATP1B3.


Literatur

[1] Linde K, Barrett B, Wolkart K. Echinacea for preventing and treating the common cold. Cochrane Collaboration Database Syst Rev. 2006;(4): 1-52.

[2] Gurley B, Gardner S, Hubbard M. In vivo assessment of botanical supplementation on human cytochrome P450 phenotypes: Citrus aurantium, Echinacea purpurea, milk thistle, and saw palmetto&ast. Clinical Pharmacology. 2004; 75(2): 2004.

[3] Gurley BJ, Swain A, Hubbard MA, Williams DK, Barone G, Hartsfield F, et al. Clinical assessment of CYP2D6-mediated herb-drug interactions in humans: Effects of milk thistle, black cohosh, goldenseal, kava kava, St. John’s wort, and Echinacea. Molecular Nutrition & Food Research. Wiley Online Library; 2008; 52(7): 755-763.

[4] Gorski JC, Huang S-M, Pinto A, Hamman M a, Hilligoss JK, Zaheer N a, et al. The effect of echinacea (Echinacea purpurea root) on cytochrome P450 activity in vivo. Clinical Pharmacology & Therapeutics. 2004 Jan; 75(1): 89-100.

[5] Abdul MIM, Jiang X, Williams KM, Day RO, Roufogalis BD, Liauw WS, et al. Pharmacokinetic and pharmacodynamic interactions of echinacea and policosanol with warfarin in healthy subjects. British Journal of Clinical Pharmacology. 2010 May; 69(5): 508-515.

[6] Gurley B, Swain A, Williams D. Gauging the clinical significance of P-glycoprotein-mediated herb-drug interactions: Comparative effects of St. John’s wort, Echinacea, clarithromycin, and rifampin on. Molecular Nutrition & Food Research. 2008; 52(7): 772-779.

[7] Moltó J, Valle M, Miranda C, Cedeño S, Negredo E, Barbanoj MJ, et al. Herb-drug interaction between Echinacea purpurea and darunavir-ritonavir in HIV-infected patients. Antimicrobial agents and chemotherapy. 2011 Jan; 55(1): 326-330.

[8] Penzak SR, Robertson SM, Hunt JD, Chairez C, Malati CY, Alfaro RM, et al. Echinacea purpurea significantly induces cytochrome P450 3A activity but does not alter lopinavir-ritonavir exposure in healthy subjects. Pharmacotherapy. 2010 Aug; 30(8): 797-805.

[9] Moltó J, Valle M, Miranda C, Cedeño S, Negredo E, Clotet B. Herb-drug interaction between Echinacea purpurea and etravirine in HIV-infected patients. Antimicrobial Agents and Chemotherapy. 2012 Oct; 56(10): 5328-5331.

[10] Izzo A a, Ernst E. Interactions between herbal medicines and prescribed drugs: an updated systematic review. Drugs. 2009 Jan; 69(13): 1777-1798.


Anschrift der Verfasser

Dr. rer. nat. Oliver von Richter, FCP
Am alten Neckarbett 29
64665 Alsbach

Dr. med. Robert Hermann, FCP
Rossittenstraße 15
78315 Radolfzell



DAZ 2013, Nr. 14, S. 40

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