Arzneimittel und Therapie

Laut Studie kein Nutzen oder sogar höhere Sterberate

Können beatmete Patienten auf der Intensivstation von Glutamin, Antioxidanzien und Spurenelementen profitieren? Da die bisherige Datenlage uneinheitlich ist, wurde zu dieser Frage eine internationale, randomisierte Studie mit deutscher Beteiligung aufgelegt. Darin hatten Vitamine und Selen keinen positiven Einfluss auf die 28-Tage-Sterberate. Die Verabreichung von Glutamin erwies sich sogar als schädlich – in der Studie nahm die Mortalität zu.
Bei Intensivpatienten konnte die frühzeitige Gabe von Glutamin und Antioxidanzien nicht die Sterberate reduzieren, im Falle von Glutamin nahm sie sogar zu.
Foto: AOK Mediendienst

Schwerkranke Patienten, die auf der Intensivstation betreut werden müssen, leiden unter beträchtlichem oxidativem Stress. Daher liegt der Gedanke nahe, dass sie eventuell von Antioxidanzien profitieren könnten. Doch die Studien, die in den vergangenen zehn Jahren zu dieser These durchgeführt worden waren, hatten keine einheitlichen Ergebnisse erbracht.

Frühzeitiger Beginn der Supplementation

Eine kürzlich veröffentlichte Studie mit 1223 Patienten mit Multiorganversagen, die zwischen April 2005 und Dezember 2011 auf 40 Intensive Care Units (ICU) in Kanada, den USA und Europa unter mechanischer Beatmung betreut wurden, griff dieses Thema erneut auf. Die Autoren vertraten die Hypothese, dass eine frühzeitige Supplementation mit verschiedenen Substanzen die 28-Tage-Mortalität der Patienten (primärer Endpunkt) reduzieren könnte.

Bereits innerhalb von 24 Stunden nach Verlegung auf die Intensivstation war mit der Behandlung begonnen worden. Die Patienten teilte man in vier Gruppen ein:

  • 303 von ihnen erhielten Glutamin, und zwar als Infusion (Alanyl-Glutamin, 0, 35 g/kg KG pro Tag i.v.) sowie oral (30 g Glutamin pro Tag).
  • Einer weiteren Gruppe (n = 308) applizierte man Selen i.v. (500 µg) und oral (300 µg) sowie antioxidativ wirkende Vitamine und Spurenelemente (20 mg Zink, 10 mg Betacarotin, 500 mg Vitamin E, 1500 mg Vitamin C pro Tag oral).
  • Weitere 310 Patienten erhielten sowohl Glutamin als auch die Antioxidanzien-Kombination,
  • der Placebogruppe (n = 302) wurde das Scheinmedikament sowohl oral als auch intravenös verabreicht.

Alle Patienten wurden gemäß den Richtlinien für Intensivpatienten ernährt.

Glutamin eher kontraproduktiv

Die Gesamtmortalität aller Teilnehmer lag bei 30% (95% KI 27,2 bis 32,5). Unter Glutamin-Supplementation zeigte sich ein Trend zu erhöhter Mortalität innerhalb von 28 Tagen, jedoch ohne statistische Signifikanz (32% vs. 27% ohne Glutamin, adjustierte Odds Ratio 1,28, 95% KI 1,00 bis 1,64, p = 0,05). Die Mortalität nach sechs Monaten, die zu den sekundären Endpunkten zählte, war jedoch unter Glutamin signifikant erhöht (44% vs. 37%, p = 0,02), ebenso die Sterberate im Krankenhaus ohne definierten Zeitraum (37% vs. 31%, p = 0,02). Auf die Raten von Organversagen oder Komplikationen durch Infektionen wirkte sich die Glutamingabe nicht negativ aus.

Bei den Antioxidanzien war kein signifikanter Effekt bezüglich des primären Endpunktes zu verzeichnen (28-Tage-Mortalität 31% vs. 29%, adj. Odds Ratio 1,09, 95% KI 0,86 bis 1,40, p = 0,48).

Im Hinblick auf schwere unerwünschte Wirkungen gab es keine signifikanten Unterschiede zwischen den Gruppen. Auch in den prädefinierten Subgruppen, die hinsichtlich Altersstruktur, Schwere der Erkrankung oder Komorbiditäten gebildet worden waren, zeigten sich keine Unterschiede in der Mortalität.


BERATUNGSTIPP

Zeitabstand einhalten!


Das in manchen Selen-Präparaten enthaltene Natriumselenit-Pentahydrat kann bei gleichzeitiger Einnahme mit Mineralstoffen bzw. Spurenelementen deren Wirksamkeit aufgrund unspezifischer Ausfällungen herabsetzen. Die gleichzeitige Einnahme von Vitamin C sollte vermieden bzw. ein Abstand von mindestens einer Stunde eingehalten werden.

Quelle: Fachinfo selenase® 50 AP Tbl

Mechanismus unbekannt

Der mögliche Mechanismus der negativen Folgen einer Glutamin-Supplementation ist nicht bekannt. Die Autoren diskutieren verschiedene Gründe für die Abweichungen ihrer Ergebnisse von denen anderer Studien. So war beispielsweise in anderen Studien nicht unmittelbar nach der Verlegung auf die Intensivstation mit der Behandlung begonnen worden. Patienten vergleichbarer Studien hatte man zudem nur über einen Applikationsweg (oral oder i.v.) Glutamin verabreicht, auch lag die Dosis in anderen Untersuchungen deutlich niedriger. Doch die Autoren hatten absichtlich die höchste für Intensivpatienten empfohlene Glutamindosis gewählt, da in einer anderen Untersuchung beispielsweise niedrige Glutamin-Plasmaspiegel mit einer höheren Sterblichkeit assoziiert waren.

Bezüglich der Antioxidanzien diskutieren die Autoren, dass derartige Substanzen möglicherweise für diese Patientengruppe tatsächlich nutzlos sind. Es könnte aber auch sein, dass der fehlende Benefit durch die Dosis oder die Art der Verabreichung in dieser Untersuchung bedingt war. Eine Stärke ihrer Studie sehen die Autoren unter anderem in der großen Patientenzahl, im verblindeten, randomisierten Design und der hohen Adhärenz.

Die Empfehlung der Autoren: von Glutamin sollte bei Intensivpatienten Abstand genommen werden, auch Selen und antioxidative Vitamine haben wahrscheinlich keinen therapeutischen Nutzen.


Literaturtipp


Omeprazol beeinträchtigt die Vitamin-B12-Resorption, Statine interferieren mit dem Coenzym-Q10-Status, Thiazid-Diuretika steigern den renalen Verlust an Magnesium und erhöhen darüber das Risiko für Kohlenhydrat- und Fettstoffwechselstörungen: Ist uns immer bewusst, dass sich auch Nahrungsmittel, Mikronährstoffe und Arzneistoffe gegenseitig beeinflussen?

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Quelle

Heyland, D, et al. A Randomized Trial of Glutamine and Antioxidants in Critically ill Patients. N Engl J Med 2013; 368: 1489-1497.

Vitamine und Muskelpräparate auf Intensivstation fehl am Platz. Dtsch Äbl online, 18. April 2013, www.aerzteblatt.de


Apothekerin Dr. Claudia Bruhn

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