Interpharm 2013

"Keine Angst vor Vitamin D, sondern vor Vitamin-D-Mangel"

Vitamin D: Update 2013

Seit der Entdeckung seiner antirachitischen Wirkung hat die Fachwelt Vitamin D lange Zeit auf seine Funktion im Knochenstoffwechsel reduziert betrachtet. Diese hat sich in jüngerer Zeit gründlich geändert. Ein Update zu der neuen Bedeutung des Sonnenvitamins in der Medizin und Prävention gab der ausgewiesene Mikronährstoff-Experte Uwe Gröber aus Essen.
5 bis 10 Minuten in der Mittagssonne reichen aus, so Uwe Gröber, um in den Sommermonaten April bis September Vitamin D im Organismus zu bilden. Von Oktober bis März reicht die UV-Strahlung dazu nicht aus.

Wie man heute weiß, ist Vitamin D in seiner hormonaktiven Form 1,25-Dihydroxy-Vitamin D (Vitamin-D-Hormon) nicht nur ein Regulator des Calciumstoffwechsels, sondern erfüllt zahlreiche weitere Aufgaben in unserem Körper. Von besonderer Bedeutung ist hierbei dessen Einfluss auf das Immunsystem, Herz-Kreislauf-System sowie auf die Zelldifferenzierung und das Zellwachstum.

Wie die Forschungsarbeiten des US-amerikanischen Vitamin-D-Experten Prof. Dr. Michael F. Holick gezeigt haben, steuert das Vitamin-D-Hormon über die Wechselwirkung mit Vitamin-D-Rezeptoren (VDR) zahlreiche Gene und Stoffwechselprozesse. Nach aktuellen Schätzungen stehen über 2000 Gene der 20.488 Gene des Menschen unter der Kontrolle von 1,25-(OH)2-D.

Vitamin-D-Mangel als allgemeiner Risikofaktor

Wie Gröber darlegte, gibt es heute breites Datenmaterial dafür, dass das individuelle Risiko für eine Vielzahl von Erkrankungen stark von der Versorgung mit Vitamin D abhängt.


  • Krebsrisiko

Der Entstehung bösartiger Tumoren wirkt Vitamin D entgegen, indem es das Tumorwachstum unterdrückt, die Gefäßneubildung im Tumor und das Risiko der Metastasierung verringert und den programmierten Zelltod einer Tumorzelle fördert. Eine unzureichende Versorgung mit Vitamin D (25-OH-D < 30 ng/ml) ist daher mit einem deutlich erhöhten Risiko für verschiedene Krebsarten, vor allem für Brust- und Darmkrebs verbunden. Es kann darüber hinaus auch Therapie und Verlauf einer Krebserkrankung positiv beeinflussen, und zwar über die Steigerung der Ansprechrate, Verringerung von Nebenwirkungen und eine verbesserte Verträglichkeit. Gröber empfiehlt für Krebskranke, grundsätzlich den 25-OH-D-Spiegel im Serum beim Arzt kontrollieren zu lassen und gegebenenfalls durch die gezielte Supplementierung von Vitamin D (z. B. 3000 I. E./Tag) auszugleichen.


  • Herz und Kreislauf

Nach aktuellen Studien senkt Vitamin D den Blutdruck bei Hypertonikern, wirkt der Arteriosklerose entgegen, verbessert bei Herzinsuffizienz die Herzmuskelleistung und verringert das Risiko für eine periphere arterielle Verschlusskrankheit. Eine unzureichende Versorgung steigert umgekehrt das individuelle kardiovaskuläre Risiko erheblich.

Daneben kontrolliert Vitamin D die Funktion der Nebenschilddrüse. Bei unzureichender Versorgung (25-OH-D < 30 ng/ml) schüttet diese vermehrt Parathormon aus. Erhöhte Parathormon-Spiegel begünstigen wiederum die Verkalkung der Arterienwände und der Herzklappen, erhöhen den Blutdruck, fördern eine Hypertrophie des Herzmuskels und können Herzrhythmusstörungen begünstigen. Um das Risiko für einen Anstieg der Parathormonspiegel zu vermeiden, sind 25-OH-D-Spiegel von ≥ 40 ng/ml notwendig.


  • Atemwege und Immunsystem

Vitamin D senkt die Infektiosität von Erkältungsviren, indem es die Produktion körpereigener Antibiotika steigert. Auch Entzündungsprozesse werden gedämpft und das Immunsystem insgesamt gestärkt. Bei allergischen Erkrankungen steigert Vitamin D die Produktion antiallergischer und entzündlicher Botenstoffe der Immunzellen, wie etwa TGF-beta und Interleukin 10. Vor allem Personen mit Allergien, Asthma bronchiale oder chronisch obstruktiver Lungenerkrankung (COPD) sollten auf eine gute Versorgung mit Vitamin D achten, da ein Mangel bei ihnen das Risiko für Atemwegsinfekte bis zu fünffach erhöht.


  • Diabetes

Da die natürliche Bildung, Ausschüttung und Verwertung von Insulin ebenfalls maßgeblich von Vitamin D abhängig ist, ist ein Vitamin-D-Mangel darüber hinaus ein wichtiger Risikofaktor, an Diabetes mellitus Typ 1 oder Typ 2 zu erkranken. Auch das Risiko für erhöhte Blutfette und Übergewicht wird deutlich gesteigert. Gröber berichtete in diesem Zusammenhang von den Ergebnissen der Ludwigshafen Risk and Cardiovascular Health (LURIC)-Studie, nach der bei Patienten mit metabolischem Syndrom ein guter Vitamin-D-Status (25-OH-D ≥ 30 ng/ml) gegenüber einem schweren Vitamin-D-Mangel (25-OH-D < 10 ng/ml) mit einer 75%-Reduktion der Gesamtsterblichkeit und 66%-Reduktion der kardiovaskulären Mortalität verbunden war.


"Hätten Sie Lust, jeden Tag zum Frühstück einen sauren Hering mit Lebertran runterzuspülen?"

Uwe Gröber

Arzneimittel und Vitamin-D-Bedarf

Da Liganden des Pregnan-X-Rezeptors (PXR), wie etwa Antiepileptika, einen beschleunigten Vitamin-D-Katabolismus auslösen, sollte bei Patienten unter Langzeitmedikation mit diesen Medikamenten immer der Vitamin-D-Status kontrolliert und entsprechend kompensiert werden. Viele Arzneimittel interferieren mit dem Vitamin-D-Stoffwechsel, so steigern folgende Wirkstoffgruppen den Vitamin-D-Bedarf:

  • Antazida und Säureblocker (z. B. Ranitidin, Omeprazol)

  • Antiepileptika (z. B. Carbamazepin, Phenytoin, Valproinsäure)

  • Antiöstrogene (z. B. Tamoxifen)

  • Aromatasehemmer (z. B. Anastrozol, Letrozol)

  • Bisphosphonate (z. B. Alendronat, Risedronat)

  • Cholesterinsenker (z. B. Atorvastatin, Simvastatin)

  • Cortisonpräparate (z. B. Dexamethason, Budesonid)

  • Johanniskraut

  • Zytostatika (z. B. Cyclophosphamid, Paclitaxel)

Gravierende Unterversorgung in Deutschland

Nach aktuellen Daten des Robert Koch-Institutes sind bis zu 90% der Bundesbürger in allen Altersklassen nicht ausreichend mit Vitamin D versorgt, laut Gröber ein Vitamin-D-Mangel in epidemieartigem Ausmaß. Als ersten Grund hierfür führte er die geografische Lage an: Da die UV-Strahlung und der UV-Index in unseren Breiten von Oktober bis März zu gering sind, kann Vitamin D auf natürlichem Wege nur in den wenigen Sommermonaten gebildet werden. Ein weiterer Grund besteht darin, dass sich die Menschen immer weniger an der frischen Luft aufhalten. Darüber hinaus gibt es keine Möglichkeit, den Vitamin-D-Bedarf ausreichend über die Nahrung abzudecken. Zudem blockiert die Verwendung von Sunblockern und Lichtschutzfaktoren die körpereigene Vitamin-D-Synthese nach Holick bereits ab einem LSF ≥ 15 um bis zu 99,5%.

Wie hoch soll der Spiegel sein?

Die Zufuhrempfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) bzw. DACH für Deutschland ab 2012 für Kinder und Erwachsene inklusive Schwangeren und Stillenden liegen bei 20 μg Vitamin D/Tag (800 I.E.). Die amerikanische endokrinologische Gesellschaft geht für die Allgemeinbevölkerung zwar von einer ähnlichen Größenordnung aus (RDA: 600 I.E.), setzt jedoch erheblich höhere Obergrenzen von je nach Altersgruppe zwischen 2500 und 4000 I.E. sowie für Risikogruppen für Vitamin-D-Mangel sogar bis zu 10.000 I.E./Tag an.

Als ideal bezeichnet Gröber unter Berufung auf Holick einen Spiegel von 40 bis 60 ng/ml. Erst ab 40 ng/ml steigt der Parathormon-Spiegel nicht mehr an. Die meisten Patienten brauchen laut Gröber eine Zufuhr von 3000 bis 4000 I.E. Vitamin D/Tag, um diesen Spiegel zu erreichen.


Literaturtipp


Weltweit zählt ein Mangel an Vitamin D zu den häufigsten Gesundheitsproblemen. Wie Sie sich erfolgreich vor Krankheiten schützen, Ihre Lebensqualität mit Vitamin D verbessern und Ihre Therapie optimieren können lesen Sie hier! Mit zahlreichen Tipps, anschaulichen Fallbeispielen und aktuellen Erkenntnissen aus der weltweiten Vitamin-D-Forschung bringen der Mikronährstoff-Experte Uwe Gröber und die Koryphäe der Vitamin-D-Forschung Michael F. Holick Licht ins Dunkel Ihrer Vitamin-D-Gesundheit!




Von Uwe Gröber und Michael F. Holick

Vitamin D

Die Heilkraft des Sonnenvitamins

304 S., 155 Abb., 17 Tab., kart., 39,80 Euro

Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart 2012

ISBN 978-3-8047-3037-3


Dieses Buch können Sie einfach und schnell bestellen unter der Postadresse:

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DAZ 2013, Nr. 13, S. 67

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