Arzneimittel und Therapie

Erbliche Brust- und Eierstockerkrankungen

Hohes Risiko durch Funktionsverlust wichtiger Gene

Bestimmte Gene wie etwa BRCA1 und BRCA2 haben eine Schlüsselfunktion bei der Zellzykluskontrolle und bei der Aufrechterhaltung der genomischen Integrität. Mutationen an solchen Hochrisikogenen führen zu einem Funktionsverlust und erhöhen das Risiko für bestimmte Tumorerkrankungen wie Brust- und Eierstockkrebs um ein Vielfaches. Betroffenen Frauen werden eine Gendiagnostik sowie eine intensivierte Früherkennung angeboten.

Etwa 80% der Mammakarzinome entstehen sporadisch, bei den restlichen 20% besteht oder wird eine genetische Ursache vermutet. Bei 5% liegt eine Genveränderung in den Hochrisikogenen BRCA1 und BRCA2 vor, ein weiteres Hochrisikogen ist RAD51C. Bei weiteren 5% der Familien mit Brustkrebsfällen wird eine Veränderung an bislang noch nicht bekannten Genen vermutet. Wie Priv.-Doz. Dr. Kerstin Riehm, Universitätsklinikum Köln, beim diesjährigen NZW in Hamburg-Harburg erläuterte, erhöhen genetische Veränderungen an Hochrisikogenen das Brustkrebsrisiko um ein Vielfaches. So liegt die Wahrscheinlichkeit, an einem Mammakarzinom zu erkranken, bei Frauen ohne familiäre Belastung für Brust- oder Eierstockkrebs bei etwa 10%, bei Mutationsträgerinnen steigt es auf 60 bis 85% (Mammakarzinom) bzw. auf 20 bis 40% (Ovarialkarzinom) an. Aus diesen Zahlen geht hervor, dass für diese Frauen eine umfassende Beratung und Betreuung notwendig ist.

Verbundprojekt Familiärer Brust- und Eierstockkrebs


Für erkrankte und ratsuchende Angehörige von Risikofamilien wurde 1996 das "Verbundprojekt Familiärer Brust- und Eierstockkrebs" initiiert. Das von der Deutschen Krebshilfe unterstützte Konzept umfasst die genetische Beratung und Gentestung, engmaschige Früherkennungsmaßnahmen, prophylaktische Operationen und individuelle Therapien. Seit 2005 werden diese Leistungen im Rahmen spezieller Verträge mit den Kostenträgern in 15 spezialisierten Zentren in Deutschland angeboten.

www.krebshilfe.de/brustkrebszentren.html

www.brca-netzwerk.de

Intensive Früherkennung und prophylaktische Operationen

Früherkennungsmaßnahmen sollten bei Frauen mit einem erhöhten Risiko früh eingeleitet werden, da sie im Gegensatz zu Frauen mit keinem erhöhten Risiko im Durchschnitt knapp zwanzig Jahre früher erkranken. Die Früherkennung umfasst ab dem 25. Lebensjahr (oder früher) alle sechs Monate eine Tastuntersuchung und Sonographie der Brust, ab dem 30. Lebensjahr eine jährliche Mammographie sowie ein MRT der Brust alle zwölf Monate bis zum 55. Lebensjahr. Die Empfehlungen zu prophylaktischen Operationen (beidseitige Mastektomie, beidseitige Salpingo-Oophorektomie) richten sich nach dem Mutationsstatus und dem aktuellen Gesundheitszustand (gesunde Mutationsträgerin oder unilateral erkrankte Mutationsträgerin, siehe Tabelle). Nutzen und Risiken prophylaktischer Operationen müssen multidisziplinär sorgfältig abgewogen und mit der Betroffenen ausführlich besprochen werden.

Empfehlungen zur prophylaktischen Operation bei gesunden und an einem unilateralen Mammakarzinom vorerkrankten Hochrisikopatientinnen mit und ohne Mutation in den Genen BRCA1 oder BRCA2.

BRCA-Mutationsstatus
Eigenanamnese
prophylaktische
Mastektomie
prophylaktische
Salpingo-Ovarektomie
positiv
gesund
indiziert auf Wunsch, ab dem 25. Lebensjahr
indiziert und ausdrücklich
zu empfehlen; um das
40. Lebensjahr
unilaterales
Mammakarzinom
möglich; insbesondere bei jungen Erkrankten in Abhängigkeit vom betroffenen Gen, dem Ersterkrankungsalter und der Prognose
in Abhängigkeit von der
Prognose zu empfehlen
negativ
unilaterales
Mammakarzinom
in der Regel nicht indiziert;
in Abhängigkeit von Prognose und individuellem Risiko nur im Einzelfall zu erwägen
in der Regel nicht indiziert; nur im Einzelfall bei Ovarialkarzinom in der Familie zu empfehlen
gesund
in der Regel nicht indiziert;
nur im Einzelfall und bei hohem statistischem Erkrankungsrisiko zu erwägen
in der Regel nicht indiziert; nur im Einzelfall bei Ovarialkarzinom in der Familie zu erwägen

Auf der Suche nach neuen Therapien

Derzeit erhalten Patientinnen mit BRCA-assoziiertem Brustkrebs die übliche Standardtherapie. Dies könnte sich ändern, da vermutet wird, dass Tumorzellen mit BRCA-Mutationen besonders gut auf DNA-interkalierende Substanzen wie etwa Cisplatin ansprechen. Der durch das Zytostatikum Cisplatin verursachte Schaden kann bei der BRCA-mutierten Zelle nicht mehr durch eigene Reparaturmechanismen (in diesem Fall durch eine homologe Replikation) behoben werden. Die Zelle sucht also einen anderen Reparaturweg und aktiviert die Einzelstrangreparatur. Wird diese nun medikamentös gehemmt, gehen die BRCA-mutierten Tumorzellen zugrunde. Zur Hemmung dieses Schrittes können PARP-Inhibitoren (PARP = Poly(adenosindiphosphat [ADP]-ribose polymerase) eingesetzt werden. Erste vielversprechende Daten aus klinischen Studien liegen bereits vor, weitere Untersuchungen sollen den Stellenwert von PARP-Inhibitoren klären.


Apothekerin Dr. Petra Jungmayr

Zum Weiterlesen


20 Jahre NZW: Vom Workshop zum großen pharmazeutisch-onkologischen Fachkongress.

In dieser DAZ berichten wir in der Rubrik "Aus Kammern und Verbänden" vom Norddeutschen Zytostatika Workshop, der vom 27. bis 29. Januar in Hamburg stattfand.

DAZ 2012, Nr. 5, S. 88– 89



DAZ 2012, Nr. 5, S. 60