Arzneimittel und Therapie

Noch unsicher: Rifaximin beim Reizdarmsyndrom

In einer aktuellen Veröffentlichung im New England Journal of Medicine wurde die Wirkung von Rifaximin (Xifaxan®) auf die Symptomatik des Reizdarmsyndroms mit Diarrhö nach zweiwöchiger Therapie vorgestellt. Die Ergebnisse der beiden gepoolten Studien zeigen eine signifikante Besserung der Symptome der Verumgruppe gegenüber Placebo. Dennoch ist eine Empfehlung zur Behandlung noch kritisch zu sehen.

Als eine Ursache für das irritable Kolonsyndrom (IBS = irritable bowel syndrome) ohne Verstopfungssymptome wird die Darmflora angesehen. Das komplizierte Gleichgewicht zwischen den Darmbakterien ist bei Patienten mit einem Reizdarmsyndrom gestört. Eine antibiotische Therapie ist eine Option und die Eigenschaften von Rifaximin als lokal wirksames Breitbandantibiotikum schienen ein vernünftiger Ansatz für die beiden vorgestellten Studien TARGET 1 und TARGET 2.

Insgesamt 1260 Patienten mit irritablem Kolonsyndrom, aufgeteilt in zwei parallel stattfindenden identisch durchgeführten randomisierten, doppelt-blind angelegten Studien gegen Placebo wurden eingeschlossen. Das Durchschnittsalter der Patienten lag bei etwa 46 Jahren, der Anteil der Frauen bei über 70%. Die Aufnahmekriterien waren eine bestehende Diagnose, keine Verstopfungsprobleme im Rahmen der Erkrankung, eine in den beiden Jahren vor Teilnahme an der Studie durchgeführte Koloskopie und eine akute Beschwerdephase. Ausgeschlossen waren Patienten mit Diabetes mellitus, instabilen Schilddrüsenerkrankungen, Patienten mit Nieren- oder Lebererkrankungen oder Virusinfektionen sowie, wenn eine entzündliche Darmerkrankung in der Anamnese festgestellt wurde. Auch die Einnahme zahlreicher Arzneimittel führte zum Ausschluss, so z. B. Warfarin, Antibiotika, antipsychotisch wirksame Präparate, Spasmolytika oder Probiotika in den 14 Tagen vor Beginn der Studie. Antidepressiva (Serotonin-Reuptake-Hemmer, trizyklische Antidepressiva), die bereits seit über sechs Wochen in einer stabilen Dosierung angewandt wurden, waren hingegen kein Ausschlusskriterium.


Rifaximin


Rifaximin (Xifaxan®) ist ein halbsynthetisches Derivat von Rifamycin SV. Ebenso wie andere Antibiotika der Rifamycin-Gruppe bindet es irreversibel an die BetaUntereinheit eines bakteriellen Enzyms, der DNA-abhängigen RNA-Polymerase, und hemmt dadurch die RNA-Synthese des Bakteriums. Rifaximin besitzt ein breites antimikrobielles Wirkungsspektrum gegen die meisten grampositiven und -negativen, aeroben und anaeroben Bakterien, die Darminfektionen wie z. B. bakterielle Diarrhö verursachen. Aufgrund der sehr geringen Resorption aus dem Magen-Darm-Trakt wirkt Rifaximin lokal im Darmlumen und besitzt keine klinische Wirksamkeit gegen invasive pathogene Bakterien. Rifaximin ist zugelassen zur Behandlung der durch nicht-invasive enteropathogene Bakterien verursachten Reisediarrhö bei Erwachsenen.

Reduktion des "Aufgeblähtseins"

In der Phase-III-Studie erhielten die Teilnehmer dreimal täglich über 14 Tage 550 mg Rifaximin beziehungsweise Placebo. Im Anschluss an die 14-tägige Therapie folgte eine Nachbeobachtungsphase von zehn Wochen. Neben persönlichen Arztkontakten am ersten, siebten und letzten Tag der Einnahmephase und nachfolgender ärztlicher Untersuchungen nach 28 und zum Abschluss der Studie nach 84 Tagen, wurden die Probanden sechs, acht und zehn Wochen nach Beginn der Einnahme telefonisch befragt. Bei diesen Untersuchungen und Erhebungen wurden zum einen Symptome wie Bauchschmerzen, Völlegefühl, Durchfälle, schleimiger Stuhl und Blähungen erfasst, zum anderen aber auch Nebenwirkungen, Co-Medikationen und die Lebensqualität der Probanden. Primärer Endpunkt war die Reduktion der Symptome. Als sekundärer Endpunkt war eine Reduktion der mit dem Reizdarm assoziierten Blähungen bis zum Abschluss der Beobachtungsphase definiert. Insgesamt beendeten 82 Teilnehmer die Studie nicht, jeweils 41 unter Verum und unter Placebo. Nur acht der Probanden der beiden Verumgruppen hatten die Studie wegen Nebenwirkungen abgebrochen. Die häufigsten genannten unerwünschten Wirkungen – auch in der Placebogruppe – waren Kopfschmerzen, Infekte der unteren Atemwege, Schwindel, Erbrechen und Diarrhö.

41% der Teilnehmer der Verumgruppe erreichten das primäre Endziel, während lediglich bei 32% der Placebo-Probanden in zwei der vier sich unmittelbar an die Therapiephase anschließenden Beobachtungswochen eine Besserung der Gesamtsymptomatik ermittelt wurde. Damit schnitt das Antibiotikum um etwa ein Drittel besser ab als das Placebo. Kam es zu einer Verringerung der Symptome, vor allem Blähungen und Völlegefühl, hielt diese über den gesamten Beobachtungszeitraum an.

Weitere Studien laufen

Rifaximin (Xifaxan®) hat bislang eine Zulassung für Erwachsene zur Behandlung der Reisediarrhö für maximal drei Tage mit einer täglichen Dosis zwischen 600 bis 800 mg. Das Präparat ist verschreibungspflichtig und wird als 200-mg-Tablette angeboten. Fieber, blutige oder länger als drei Tage andauernde Durchfälle sind Kontraindikationen. Durch seine geringe Resorptionsquote von weniger als 1% wirkt das orale Breitspektrumantibiotikum lokal im Darm. Der Wirkstoff bindet irreversibel an die DNA-abhängige RNA-Polymerase. Rifaximin gilt als relativ nebenwirkungsarm, nur bei etwa 2% der Anwender treten Kopfschmerzen, Übelkeit, Bauchschmerzen oder Hautreaktionen auf. Die vom Hersteller Salix Pharmaceuticals geförderte Studie zielt auf eine Erweiterung der Zulassung für das irritable Kolonsyndrom ab. Allerdings, da sind sich sowohl die Autoren der Studie als auch der Kommentator einig, kann aufgrund des derzeitigen Forschungsstands nicht schon heute von einem Fortschritt durch eine möglicherweise intermittierenden Therapie mit Rifaximin für alle Patienten mit irritablem Kolonsyndrom gesprochen werden. Vor allem wäre es wünschenswert im Vorhinein Patienten identifizieren zu können, bei denen eine antibiotische Therapie ein Erfolg versprechender Ansatz ist. Hierfür sind weitere Studien notwendig.


Quelle

Pimentel, M.; et al.: Rifaximin Therapy for Patients with Irritable Bowel Syndrome without Constipation, N Engl J Med (2011) 364: 22 – 32.

Tack, J.: Antibiotic Therapy for the Irritable Bowel Syndrome, N Engl J Med (2011) 364: 81-82.

Fachinformation Xifavan® , Stand Februar 2010.


Apothekerin Dr. Constanze Schäfer



DAZ 2011, Nr. 6, S. 48

Das könnte Sie auch interessieren

Neuigkeiten rund um das Reizdarmsyndrom

Wenn der Darm verrücktspielt

Multi-Matrix-Galenik bringt Rifamycin gezielt an den Wirkort

Neue Option bei Reisediarrhö

Wenn Beschwerden das Leben zur Qual machen

Darm in Aufruhr

CHMP hat Empfehlungen ausgesprochen

Symbioflor® 2 nur noch bei Reizdarm

Beratungstipps für Patienten mit Reizdarmsyndrom

An Symptomen kurieren

0 Kommentare

Das Kommentieren ist aktuell nicht möglich.