Feuilleton

Geschichte der Anatomie von Andreas Vesalius bis Goethe

"Anatomie – Gotha geht unter die Haut" heißt eine Sonderausstellung, die bis zum 24. Oktober im Schlossmuseum Gotha zu sehen ist. Die ausgestellten anatomischen Präparate, Skulpturen, Gemälde und Grafiken geben einen Überblick über die Geschichte der Anatomie von der Renaissance bis zum frühen 19. Jahrhundert.
Der "Gothaer Schlotfeger" Mumifizierter Leichnam eines etwa zwölfjährigen Mädchens, 114 cm lang, Anfang 18. Jh.
Foto: Stiftung Friedenstein

Der Junge ist ein Mädchen

In Gotha erzählt man sich, vor langer Zeit sei ein Schlotfegergehilfe in eine Esse von Schloss Friedenstein hinabgestiegen und dort hängengeblieben. Erst Jahrzehnte später sei zufällig seine völlig ausgetrocknete und durch den Rauch konservierte Leiche entdeckt und der herzoglichen Kunstkammer übergeben worden. Tatsache ist indessen, dass der mumifizierte Leichnam von einem etwa zwölfjährigen Mädchen stammt und dass Herzog Friedrich II. von Sachsen-Gotha-Altenburg (1676 – 1732) ihn in Paris hatte erwerben lassen.

Wie an vielen anderen europäischen Höfen gab es auch in Gotha eine Kunstkammer mit Naturalia, Artificialia und Scientifica. Sie war von Herzog Ernst I. (1601 – 1675) gegründet worden und enthielt unter anderem zahlreiche Sceleta, Monstra und Curiosa, die separat in einem anatomischen Kabinett aufbewahrt wurden und Zeugnisse des damaligen Interesses an biologischen und medizinischen Fragestellungen sind.


Ausstellung


Schloss Friedenstein, 99867 Gotha

Tel. (0 36 21) 82 34 11, Fax 82 34 63

www.stiftungfriedenstein.de

Geöffnet: dienstags bis sonntags 10 bis 17 Uhr

Katalog: 128 S., 129 farb. Abb., kart. 24,90 Euro

ISBN 978-3422-02262-1

Im Mittelalter: Sektionen verboten

Während des Mittelalters und teilweise weit darüber hinaus bildeten die Humoralpathologie (Viersäftelehre) des Hippokrates und das anatomische Werk Galens die Grundlagen der abendländischen Medizin. Eigene anatomische Forschungen waren indessen verpönt. Hatte schon Augustinus Anfang des 5. Jahrhunderts das Sezieren von Leichen verurteilt, so wurde es durch Papst Bonifatius VIII. (reg. 1294 – 1303) per Erlass strikt verboten. Die "unversehrte Auferstehung des Fleisches" sollte nicht durch seine Zerstückelung gefährdet werden. Folglich mussten sich die Medizinprofessoren in den Vorlesungen auf schematische Ansichten beschränken; das aus der Antike überlieferte medizinische Wissen vermischte sich zusehends mit religiösen und abergläubischen Betrachtungsweisen.

So gesehen war die Schule von Salerno (Schola medica Salernitana), die aus einem Hospital für erkrankte Benediktiner hervorgegangen war, verblüffend progressiv. Als älteste medizinische Lehr- und Forschungsanstalt des europäischen Mittelalters erlebte sie im 11. bis 13. Jahrhundert ihre Blütezeit. Ihre Gelehrten ergänzten das von Generation zu Generation überlieferte Schrifttum durch Übersetzungen islamischer und jüdischer Autoren. Durch Sektionen von Schweinen schlossen sie auf die Anatomie des Menschen, wie dies dereinst schon Galen (129 – 216) getan hatte.

Vesalius widerlegt Galen

Um die Ursache für den Tod eines Menschen zu klären, wurde 1302 in Bologna erstmals auf legale Weise dessen Leiche seziert. 14 Jahre später nahmen hier Wundärzte und Barbiere unter der Leitung des Medizinprofessors Mondino de Luzzi (1270 – 1326) eine öffentliche Sektion vor, um die Galensche Lehre zu bestätigen. Noch im selben Jahr publizierte de Luzzi unter dem Titel "Anathomia Mundini" ein Werk mit praktischen Sezierübungen, das zwei Jahrhunderte lang ein Standardwerk bleiben sollte.

Im deutschsprachigen Raum wurde 1480 aufgrund einer Verordnung von Kaiser Friedrich III. (1424 – 1493) an der Universität Köln erstmals eine öffentliche Sektion durchgeführt. Schon bald folgten Tübingen, Wittenberg, Leipzig und andere Universitätsstädte diesem Beispiel.

Akademie der Maler mit menschlichem Skelett und geöffnetem Leichnam (hinten rechts). Stich (Ausschnitt) von Pietro Francesco Alberti (1584 – 1638).

Als Begründer der modernen Anatomie gilt Andreas Vesalius (1514 – 1564), der die anatomischen Schriften Galens zur "Makulatur" erklärte. Der aus Flamen stammende, in Padua lehrende Mediziner hatte erkannt, dass der griechische Arzt seine Kenntnisse allein aus der Sektion von Tieren erworben hatte. 1543 publizierte Vesalius sein reich illustriertes Werk "De humani corporis fabrica", das ausschließlich auf eigenen Beobachtungen beruhte.

Was ist unter der nackten Haut?

Mit dem Studium des menschlichen Körpers haben sich auch Künstler wie Michelangelo, Raffael und Dürer ausgiebig beschäftigt. Schon Leonardo da Vinci wollte sich nicht mit der statischen Darstellungsweise byzantinischen Stils zufriedengeben. Der vielseitig begabte Künstler, Erfinder und Naturphilosoph soll mehr als dreißig Leichen seziert haben, um die Geheimnisse unter der menschlichen Haut zu ergründen. Weil seine Skizzen aber erst viel später publik wurden, trugen sie nicht zum Fortschritt der Anatomie bei.

Neun Jahre nach dem Druck von Vesals "Fabrica" verfasste Bartolomeo Eustachi (um 1500 – 1574) in Rom seine "Tabulae anatomicae", die allerdings erst 1714 gedruckt wurden. Das Werk enthält bemerkenswerte anatomische Zeichnungen, welche die Illustrationen in Vesals Werk an Präzision in mancherlei Hinsicht noch übertreffen. Eustachis Verdienst ist die Erforschung und Beschreibung vieler Strukturen des menschlichen Körpers, so zum Beispiel der nach ihm benannten "Röhre" (eine bei allen Säugetieren, Vögeln und Reptilien vorhandene Verbindung zwischen dem Mittelohr und dem Nasenrachen), der Nieren, des Uterus und – erstmals in der Medizingeschichte – auch der Nebennieren.


Das anatomische Theater der Universität Leiden , um 1610. Stich nach einer Zeichnung von Jan Cornelisz. van ’t Woudt (Woudanus, ca. 1570 – 1615), verlegt von Jacob Marcuszoon in Leiden.

"Spectacula" in "Anatomischen Theatern"

Wurden im 14. und 15. Jahrhundert menschliche Leichen noch im Freien oder in provisorisch dafür hergerichteten Räumlichkeiten seziert, so wurden im 17. Jahrhundert an den medizinischen Fakultäten spezielle Auditorien für Sektionen errichtet. Ihre Vorbilder waren das "Theatrum anatomicum" in Padua und dasjenige in Leiden, die 1594 bzw. 1597 in der Art eines antiken Amphitheaters (aber natürlich in viel kleineren Ausmaßen) errichtet worden waren.

Jan Cornelisz. van ’t Woudt hat als einer der Künstler die "Spectacula" des anatomischen Unterrichts in Leiden dokumentiert: Er stellte dar, wie Bürger und Studenten auf den überfüllten Rängen den Erläuterungen des hinter einer geöffneten Leiche stehenden Professors lauschen. Der Raum ist mit menschlichen und tierischen Skeletten und Vogelpräparaten dekoriert. Lateinische Sprüche erinnern an die Endlichkeit des Lebens (siehe Kasten "Memento mori"). Nicht nur im Leidener "Theatrum anatomicum" wurden die Sektionen für ein breites Publikum veranstaltet. Erst Ende des 18. Jahrhunderts wurde der Zutritt zu den Sektionssälen auf Mediziner und Studenten beschränkt.


Memento mori


Sprüche im Anatomischen Theater von Leiden*

  • Pulvis et umbra sumus. – Wir sind Staub und Schatten.

  • Omnes eodem cogimur, aequa lege necessitas sortitur insignes et imos. – Wir werden alle dorthin (ins Jenseits) gezwungen. Die Bedeutendsten und die Geringsten sind demselben Gesetz unterworfen.

  • Nosce te ipsum. – Erkenne dich selbst!

  • Homo bulla. – Der Mensch ist eine Seifenblase.

  • Mors ultimum. Vita brevis. – Der Tod ist das Ende. Das Leben ist kurz.

  • Memento mori. - Denke ans Sterben!

* Louis van Delft: Literatur und Anthropologie: menschliche Natur und Charakterlehre. Münster 2005.


Jena – ein Zentrum der anatomischen Forschung

Jena erhielt im Jahr 1612 sein "anatomisches Theater". Werner Rolfinck (1599 – 1673), der ab 1629 dort wirkte, gab der anatomischen Forschung wesentliche Impulse. Er vertrat nicht nur die Lehre Vesals gegen die immer noch zahlreichen Anhänger Galens, sondern lehrte auch als erster deutscher Medizinprofessor die Erkenntnisse von William Harvey (1578 – 1657) über den Blutkreislauf, so in seiner 1632 publizierten Schrift "De chylificatione et circulatione sanguinis".

Anatomisches Modell einer schwangeren Frau Aus dem aufgedeckten Bauch ist das Gedärm herausgenommen; die Gebärmutter ist ebenfalls aufgedeckt. Werkstatt des Stephan Zick (1639 – 1715) in Nürnberg, Elfenbein, 18 cm lang, Anfang 18. Jh.
Foto: Stiftung Friedenstein

Auch die "Anatomischen Tafeln zur Beförderung der Kenntniß des menschlichen Körpers" (1794 – 1803), das bedeutendste und umfassendste Tafelwerk der menschlichen Anatomie seiner Zeit, wurden in Jena verfasst. Ihr Autor war Justus Christian Loder (1753 – 1832), der 1778 an die Alma mater Jenensis berufen worden war. Zwei Jahre nach Amtsantritt reiste der Professor für Medizin, Anatomie und Chirurgie nach Frankreich, England und in die Niederlande, um im Dialog mit den dortigen Gelehrten seine wissenschaftlichen Kenntnisse zu erweitern. Inspiriert durch die Eindrücke im Ausland, errichtete er in Jena ein Kranken- und Accouchierhaus (Gebärhaus).

Als Leiter des Naturalienkabinetts trug Loder eine anatomische Sammlung mit mehr als viertausend Objekten zusammen, die er allerdings im Laufe seiner weiteren Karriere nach Moskau mitnahm, wo der Zar sie für 50.000 Silberrubel kaufte. Während seines 25-jährigen Wirkens in Jena unterhielt Loder enge Kontakte zu Christoph Wilhelm Hufeland (1762 – 1836) und Johann Wolfgang Goethe (1749 – 1832). Der Staatsmann und Dichter hatte durch den Umgang mit Loder umfangreiche Kenntnisse in Anatomie und im Präparieren erworben, die ihn zu eigenen Forschungen anregten.

Hat der Mensch einen Zwischenkieferknochen?

1784 verkündete Goethe, er habe gemeinsam mit Loder an einem Säuglingsschädel den einen Zwischenkieferknochen entdeckt. Offenbar war beiden zu diesem Zeitpunkt nicht bekannt, dass das Os intermaxillare humanum schon in früheren Zeiten mehrmals beschrieben worden war, zuletzt 1780 durch den französischen Arzt Félix d‘Azyr. In der christlich begründeten Annahme, dass der Mensch als besonderes Geschöpf nicht mit diesem allen Wirbeltieren eigenen Knöchelchen ausgestattet sei, hatte man entsprechende Berichte immer wieder ignoriert.

Muskelmann ("L‘Écorché") mit ausgestrecktem Arm. Lebensgroßes Gipsmodell von Jean-Antoine Houdon (1741 – 1828), 1767.Foto: Stiftung Friedenstein

Selbst Peter Camper (1722 – 1789) bestätigte nach der Sektion eines Orang-Utan-Weibchens noch einmal die überlieferte Lehrmeinung, der Mensch unterscheide sich grundsätzlich vom Affen, weil er keinen Zwischenkieferknochen besitze. Hätte Camper jemals den Schädel eines Säuglings untersucht, so wäre ihm aufgefallen, dass auch beim Menschen ein Os intermaxillare vorhanden ist. Anders als bei Tieren schließen sich dessen seitliche Nähte allerdings schon im Säuglingsalter.

Frühe Irrwege der Hirnanatomie

Nicht minder kontrovers diskutierten Wissenschaftler die Schrift "Über das Organ der Seele" von Samuel Thomas Soemmerring (1755 – 1830). Der Anatom, Anthropologe, Paläontologe und Erfinder hatte 1778 in seiner Dissertation die zwölf Hirnnerven beschrieben und nummeriert; diese Nummerierung setzte sich durch und ist noch heute gültig. Zudem hat er den "gelben Fleck" (Macula lutea) in der Netzhaut entdeckt. Seine Hypothese, die Seele befinde sich in den mit Hirnwasser gefüllten Hohlräumen des Gehirns, war aber nicht haltbar.

Etwa zu gleicher Zeit entwickelte der Wiener Arzt Franz Joseph Gall (1758 – 1828) die Theorie, dass die seelischen Anlagen auf der Oberfläche des Gehirns angesiedelt seien und die Schädelform beeinflussen. So wie es für jede Körperfunktion ein zuständiges Organ gibt, sollten die geistigen Fähigkeiten in bestimmten Arealen des Gehirns lokalisiert sein. In seiner Schädellehre (Phrenologie) beschrieb Gall 27 Hirnareale, von denen aber nur die Lage des Sprachzentrums wissenschaftlich bestätigt werden konnte.

Kopf mit nummerierten Hirn­arealen gemäß der Schädel­lehre (Phrenologie) von Franz Joseph Gall. Lebensgroßes Gips­modell, 1828.Foto: Stiftung Friedenstein

1804 erwarb der damals in Jena lehrende Anatom Jakob Fidelis Ackermann (1766 – 1815) einige Objekte zur Schädellehre Galls für das anatomische Kabinett des Großherzoglichen Museums in Gotha. Sie spiegeln den alten und allzumenschlichen Wunsch wider, den Charakter eines Menschen an seinem Äußeren zu erkennen. Zwei Jahre später publizierte Ackermann – nunmehr in Heidelberg – sein Werk "Die Gall‘sche Hirn-, Schedel- und Organenlehre vom Gesichtspunkte der Erfahrung aus beurtheilt und widerlegt", in der er als einer der ersten Anatomen Deutschlands die Theorie von den "Organen für die Fähigkeiten" ad absurdum führte.


Reinhard Wylegalla

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