Feuilleton

"Kultische Anatomie" der Etrusker

Seit 1989 besitzt das Deutsche Medizinhistorische Museum in Ingolstadt einen antiken etruskischen Torso mit geöffnetem Bauchraum. Diese Terrakottaskulptur steht im Mittelpunkt einer Sonderausstellung über Körperteil-Votivgaben der Etrusker, die bis zum 31. August 2008 im Museum zu besichtigen ist.

Die meisten Exponate sind Leihgaben der Antikensammlung der Universität Gießen, die einst der Anatom Ludwig Stieda (1837–1918) in Italien erworben hatte. Sie stammen aus den Tempeln der Stadt Veji nordwestlich von Rom und sind in das 4. bis 2. Jahrhundert v. Chr. zu datieren, als dort bereits die Römer herrschten.

Die Terrakottaskulpturen sind Votivgaben, die die Stifter den Gottheiten mit der Bitte um Beistand weihten oder mit denen sie den Dank für geleistete Hilfe abstatteten. Die abgebildeten Körperteile weisen meistens auf die jeweiligen Erkrankungen hin. Dabei wurden nur in Ausnahmefällen krankhafte Veränderungen dargestellt, vermutlich weil man diese nicht "verewigen" wollte. Votivgaben in Form von Augen oder Ohren sollten wohl den Wunsch des Stifters nach Erhörung oder Beachtung ausdrücken.

Mit Votivgaben in Form von Geschlechtsorganen und Wickelkindern erbaten die Menschen Fruchtbarkeit und gesunden Nachwuchs. Einige Uterus-Votivgaben sind im Profil mit davor liegender Harnblase modelliert. Die Wickelkinder wurden vor allem in den Heiligtümern von Muttergottheiten und Schutzgottheiten der Kinder gefunden.

In der Ausstellung fällt ein Halbkopf auf, eine etruskische Besonderheit. Ob er, wie Stieda meinte, von einem Patienten mit Migräne oder Hemikranie, also einseitigem Kopfschmerz, geweiht wurde, ist noch ungeklärt.

Weitere Spezialitäten Etruriens und Latiums waren Torsi mit geöffnetem Brust- und Bauchraum sowie Eingeweidetafeln, die wohl auf innere Leiden hinwiesen. Die Eingeweidetafeln zeigen in stilisierter Form das Herz zwischen den Lungenflügeln, darunter die Leber mit der Gallenblase, dann Magen und Darm und ganz unten Nieren und Harnblase, seltener die Milz und den Uterus.

Die Leber mit darauf liegender länglicher Gallenblase zeigen auch Modelle zur Leberschau, einer Art der Wahrsagerei mithilfe geschlachteter Opfertiere. Die etruskischen und römischen Wahrsagepriester (lat. haruspex, haruspices) genossen ein hohes Ansehen.


Deutsches Medizinhistorisches Museum, Anatomiestraße 18–20,
85049 Ingolstadt, Tel. (08 41) 3 05 28 60, Fax 91 08 44
Geöffnet: Dienstag bis Sonntag 10 –12 und 14 –17 Uhr


Der zweite Teil der Sonderausstellung widmet sich dem Sammler Ludwig Stieda. Als Ordinarius für Anatomie in Dorpat und Königsberg verfasste er zahlreiche anatomische, histologische und pathologische Arbeiten und beschäftigte sich außerdem mit Medizingeschichte, Archäologie und Anthropologie. Nach seiner Emeritierung zog er nach Gießen, wo sein Sohn einen Teil seines Nachlasses der Universität vermachte.


Dr. Karin Krämer

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