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Verantwortung zum Wohle des Patienten übernehmen

ISTANBUL (ck). "Responsibility for the patients outcome". Dieses Thema des diesjährigen Kongress der International Pharmaceutical Federation (FIP) ließ fast 3000 Teilnehmer aus 120 Ländern nach Istanbul reisen. Im Mittelpunkt stand die Frage, wo sich der Berufsstand gerade in seiner Entwicklung befindet und was Pharmazeuten tun können, um auch zukünftig zu einer besseren Versorgung der Patienten beizutragen.

Mit großer Freude wurde in Istanbul festgestellt, dass die Vielfalt der Teilnehmer in diesem Jahr noch größer geworden ist. Nachdem der FIP-Kongress 2007 in Peking stattgefunden hatte, waren in diesem Jahr über 200 chinesische Teilnehmer in die Türkei gereist. Besonders freuten sich die Organisatoren über das große Interesse der internationalen jungen Pharmazeuten: 400 Teilnehmer zählten zu den "Young Pharmacists", das heißt sie sind jünger als 35 Jahre und haben ihren Abschluss innerhalb der vergangenen fünf Jahre beendet; über 600 Teilnehmer besuchten zum ersten Mal den FIP-Kongress.

Während der Eröffnungszeremonie führte der Präsident der International Pharmaceutical Federation, Kamal K. Midha, die vielen Projekte auf, die in den zurückliegenden Jahren initiiert wurden. Er machte deutlich, dass für die Weiterentwicklung des Berufsstandes eine feste Basis mit den Eckpunkten Wissenschaft, Praxis und Bildung benötigt wird. Die Herausforderung in einem komplexen Gesundheitswesen bestehe darin, diese drei Eckpunkte so auszubalancieren, dass im Mittelpunkt der Patient und das Patientenwohl stehen. Ohne eine gute pharmazeutische Praxis kann nicht sichergestellt werden, dass die Menschen angemessenen Zugang zu Arzneistoffen haben und diese auch korrekt anwenden. Ohne eine qualifizierte Ausbildung werden die Apotheker hinter den hohen Erwartungen der Praktiker und der Wissenschaftler zurückstecken müssen und es nicht schaffen, die lokalen und globalen Gesundheitsprobleme zu lösen. Und die anstehenden Aufgaben sind gewaltig: noch immer gibt es zum Beispiel keine Behandlungsmöglichkeit für über 30 Krankheiten, an denen jedes Jahr weltweit über elf Millionen Menschen sterben. Noch immer klafft eine große Lücke in der medizinischen Versorgung: 30% der Bevölkerung der Erde haben keinen Zugang zu einer grundlegenden medizinischen Versorgung. In den ärmsten Regionen Afrikas und auch Asiens sind es sogar über 50%! Nicht einmal die Hälfte der Patienten mit gewöhnlichen Erkrankungen werden entsprechend bestehender evidenzbasierter Leitlinien therapiert, weniger als zwei Drittel der Kinder, die unter einer Diarrhö leiden, werden mit oralen Hydratationsmittel versorgt. Große Beachtung verdienten dabei die Unterschiede in den Gesundheitssystemen der einzelne Nationen. In den Ländern mit hohem Einkommen gilt das Augenmerk primär chronischen Erkrankungen, der Prävention und den Problemen der Arzneimittelinteraktion. Für die Länder mit mittlerem Einkommen spielen die zunehmende Urbanisation und neue westliche Erkrankungen eine große Rolle.

Verstärkte Zusammenarbeit mit der WHO

Seit im vergangenen Jahr auf der Jahrestagung der FIP in Basel einstimmig mit der "2020 Vision" eine neue strategische Ausrichtung der FIP von den Mitgliedern angenommen wurde, baut die FIP ihre Beziehungen und ihre Präsenz auf allen Ebenen aus. Präsident Midha betonte, dass unter maßgeblicher Beteiligung der FIP internationale Experten aus Wissenschaft, Forschung, Bildung, Industrie, Behörden und Banken gemeinsam Szenarien entwickelt haben, wie eine praktische und wissenschaftliche Pharmazie aussehen sollte und könnte und wie sich die Rolle der Pharmazie als Wissenschaft bis zum Jahre 2020 entwickeln kann. Auf der Weltgesundheitsversammlung der WHO (World Health Assembly, WHA) wurden diese Ergebnisse präsentiert und die Position der Pharmazeuten deutlich gemacht. Die FIP sei auch die einzige Organisation, die weltweit pharmazeutisch relevante Daten sammelt und auswertet. Dies ermögliche einen breiteren Blickwinkel auf die Probleme in der medizinischen Versorgung. Basierend auf den Daten aus 56 Ländern zeigte der in Istanbul veröffentlichte "2009 Global Pharmacy Workforce Report", welch eine wichtige Rolle Pharmazeuten in lokalen und nationalen Gesundheitssystemen spielen.

Dies unterstrich auch Dr. Hans V. Hogerzeil, Director Essential Medicines and Pharmaceutical Policies World Health Organization. Er begrüßte, wie sehr sich die Zusammenarbeit der beiden Organisationen in den vergangenen Jahren intensiviert habe. Hogerzeil betonte, dass es auch im Sinne der WHO sei, wenn sich die Positionierung der Apotheker weg vom rein Kommerziellen hin zum Heilberuf bewege, weg von der reinen Abgabe eines Arzneimittels hin zum Monitoring der Patientengesundheit. Ziel darf es nicht sein, nur die eigenen Interessen schützen zu wollen, sondern sich unterstützend in die öffentliche Gesundheitspolitik einzubringen.

A und O: Kommunikation im Gesundheitsbereich

Eine effiziente Kommunikation zwischen allen Partnern gilt in einem patientenorientierten Gesundheitssystem als unabdingbar – im Alltag und ganz besonders in Notfallsituationen, in denen es erforderlich ist, sehr schnell zu reagieren. Die FIP hat die Notwendigkeit einer guten und eindeutigen Kommunikation erkannt: Auf Initiative der Military and Emergency Pharmacy Section der FIP wurde schon vor geraumer Zeit ein Piktogramm-Projekt gestartet. Gemeinsam mit einem Kinderkrankenhaus, dem Children‘s Hospital of Eastern Ontario (CHEO) wurde eine Software entwickelt, die nun auf den neu gestalteten Internetseiten der FIP Apothekern kostenlos zur Verfügung gestellt wird. Mithilfe extra entwickelter einfacher und selbsterklärender Cartoon-ähnlicher Bilder soll in einer kleinen Geschichte den Patienten – unabhängig von Sprache, Bildungsstand, Alter oder Kulturzugehörigkeit – visuell vermittelt werden, wann und wie Arzneimittel korrekt angewendet werden. Auf ihren neu gestalteten Internetseiten bietet die FIP nun auch für ihre eigenen Mitglieder Möglichkeiten, intensiver miteinander zu kommunizieren und sich stärker zu vernetzen.

"World Pharmacist Day"

Die Aufforderung, Verantwortung zum Wohle der Patienten zu übernehmen und sich den Herausforderungen der Zukunft für die pharmazeutischen Wissenschaften weltweit zu stellen, unterstrichen auch der Gesundheitsminister der Türkei Prof. Recep Akdag und der Präsident der Türkischen Pharmazeutischen Gesellschaft Erdogan Colak. Colak betonte, wie wichtig eine verbindende Organisation wie die FIP für den gesamten Berufsstand und für die nationalen Gesundheitswesen sei. So wie der Tagungsort Istanbul Europa und Asien vereint, so solle es auch innerhalb des Apothekerberufs kein Gegeneinander geben. Das gemeinsame Ziel des Berufsstandes ist, die Gesundheit der Patienten zu fördern, egal an welchem Ort in der Welt. Colak hob hervor, wie wichtig es sei, den Weg zu einer zielorientierten und individualisierten Behandlung der Patienten gemeinsam voranzuschreiten und dabei von neuen Entwicklungen der Anderen zu profitieren. Erst das Teilen von altem Wissen und neuen Erfahrungen ermögliche es, den Berufsstand weiterzuentwickeln. Colak schlug vor, einen "World Pharmacist Day" am 25. September einzuführen, dem Tag, an dem die FIP 1912 gegründet wurde. Er hoffe, dass durch solch einen symbolischen Tag die Einheit und die Solidarität innerhalb des Berufstandes gefördert werden könne.

Symbolträchtiges Istanbul Istanbul erstreckt sich sowohl auf der europäischen als auch auf der asiatischen Seite des Bosporus und ist damit die einzige Metropole, die auf zwei Kontinenten liegt. So wie hier Europa und Asien vereint sind, möchte der FIP-Kongress zu Einheit und Solidarität innerhalb des Apothekerberufs beitragen.
Fotos: DAZ/ck
FIP Fellow Award Im Rahmen der Eröffnungsveranstaltung wurden zahlreiche Preise verliehen. Dieses Jahr erhielt Prof. Dr. Martin Schulz eine Auszeichnung als "FIP Fellow Award 2009". Der Award wird seit 2004 an Persönlichkeiten vergeben, die sich nicht nur in ihren Heimatländern, sondern auch international stark für die Weiterentwicklung der Pharmazie engagiert haben und hier eine führende Rolle einnehmen. Prof. Dr. Martin Schulz ist Vorsitzender der Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker (AMK) und Geschäftsführer Arzneimittel der ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände.

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