Kongresse

FIP Virtual 2020 – Gesundheit global

Weltapothekerverband zeigt Entwicklungen in der Pharmazie von heute und morgen

mp | Der Weltapothekerverband (International Pharmaceutical Federation, FIP) mit Sitz in Den Haag wurde dieses Jahr 108 Jahre alt. Ganz schön in die Jahre gekommen, könnte man meinen. Aber von „veraltet“ kann bei der Vereinigung weltweiter Apotheker- oder Forschungsverbände nicht die Rede sein. Sie will den Apothekerberuf zukunftsfähig machen und nachhaltig stärken. Diese Vision vermittelte sie auch in diesem Jahr auf dem FIP-Kongress.

Zunächst war für den diesjährigen Kongress des Weltapothekerverbands ein Treffen in Sevilla vorgesehen. Doch angesichts der COVID-19-Pandemie musste eine andere Lösung gefunden werden: So wurde die physische Veranstaltung schließlich um ein Jahr verschoben und ein digitaler Kongress, der „FIP Virtual 2020“ auf die Beine gestellt. Ab dem 4. September konnten Zuschauer von zu Hause täglich Live-Vorträge, Webinare, Diskussionen und andere Veröffentlichungen verfolgen, die jetzt auf dem offiziellen Youtube-Kanal der FIP angesehen werden können. Am 25. September endete der Kongress mit dem 108. Geburtstag des Weltapothekerverbandes, dem zehnten „World Pharmacist Day“ (s. Blasius H. 10. Weltapothekertag: Apotheker verbessern die Gesundheit. DAZ.online, Meldung vom 25. September 2020).

Quelle: International Pharmaceutical Federation 2020

Weltweites Krisenmanagement

Auf der FIP Virtual 2020 berichteten Apotheker aus vielen Erdteilen, mit welchen Herangehensweisen ihre Kollegen während der Pandemie Solidarität und Durchhaltevermögen zeigten. „Wenn es brennt, rennt die Feuerwehr nicht vom Feuer weg. Dementsprechend sind auch die Apotheker, Pfleger und Ärzte mitten in die Pandemie gerannt“, fasste Scott Knoer von der American Pharmacist Association zusammen. An allen Fronten kämpften Apotheker gegen die Ausbreitung von SARS-CoV-2. Neben der Aufklärungsarbeit stellten Apotheken Desinfektionsmittel her, kämpften gegen Lieferengpässe oder logistische Hürden und entlasteten die staatlichen Labore, indem sie Tests durchführten.

In einem Interview stellte Dr. João Neto, Kurator des nationalen Apotheken­museums in Lissabon, Ausstellungs­objekte vor, die er in den letzten Monaten erworben hatte. Diese aktuellen Zeugnisse (z. B. spezielle improvisierte Rezepturen oder Mund-Nasen-Masken berühmter Persönlichkeiten) sollen später zeigen, wie wichtig Pharmazeuten in der Corona-Pandemie waren.

„Wenn es brennt, rennt die Feuerwehr nicht vom Feuer weg. Dementsprechend sind auch die Apotheker, Pfleger und Ärzte mitten in die Pandemie gerannt.“

Pharm. D. Scott Knoer ­(Cleveland, OH)

Politische Herausforderungen

Auf ihrem Online-Kongress beleuchtete die FIP die zahlreichen gesundheitspolitischen Probleme, die während der Krise deutlich wurden, beispielsweise Arzneimittellieferengpässe. Dazu veröffentlichte sie am 16. September ein international gültiges Dokument, wie Regierungen und alle, die in Arzneimittellieferketten involviert sind, handeln sollten. Engpässe würden sich weiter verschlimmern, wenn ihnen nicht durch eine verstärkte globale Zusammenarbeit entgegengetreten wird (Geschlossen gegen Lieferengpässe, DAZ.online, Meldung vom 17. September 2020, www.deutsche-apotheker-zeitung.de). Im Hinblick auf die Pandemie wurden auch der wirtschaftliche Druck auf Apotheken und deren Rolle für die Volksgesundheit thematisiert. Weltweit bedrohen Sparmaßnahmen in den Gesundheitssystemen den Fortbestand einer hochqualitativen pharmazeutischen Betreuung. International wurde dies am 17. September, dem Welttag der Patientensicherheit, diskutiert. Zu diesem Anlass veröffentlichte die FIP ein Positionspapier, in dem die Wichtigkeit der Apotheker für die Sicherheit und Nachhaltigkeit der Medizin erklärt wird. Am 18. September veröffentlichte die International Pharmaceutical Federation ein Dokument mit Handlungsempfehlungen, wie Entscheidungsträger Lösungen für den globalen Trend finden könnten, Pharmazeuten für ihre Dienstleistung zu honorieren. In erster Linie richtet sich das Schreiben an die Politik. Doch die Autoren formulieren auch Empfehlungen an Apotheker, mit denen sie eine mögliche Lösung unterstützen können. So sollten Pharmazeuten bei der Datenerhebung mitwirken, die pharmazeutischen Dienstleistungen verbessern und deren Nutzen für den Patienten wissenschaftlich stützen. Jeder sollte nach seinen Möglichkeiten daran mitarbeiten, nicht nur die Gesundheit einzelner Patienten, sondern insbesondere die der gesamten Bevölkerung zu verbessern.

Foto: beeboys – stock.adobe.com

Unter dem Brennglas der Corona-Pandemie wurde deutlich, dass vielerorts für die globale Gesundheit enger zusammengearbeitet werden muss. Dafür setzt sich auch die International Pharmaceutical Federation ein.

Horizonte praktisch erweitern

Auch für die Praxis relevante Vorträge wurden auf der FIP Virtual 2020 übertragen. Einer der Schwerpunkte war die globale Bedrohung durch arzneimittelresistente Infektionen. In mehreren Vorträgen und Webinaren stellte die FIP Ideen vor, welche Initiativen die Forschung, Politik und Mitarbeiter der Gesundheitssysteme ergreifen sollten. Beim Kampf gegen Resistenzen müsse den öffentlichen Apotheken als Schnittstelle zwischen Ärzten und Patienten eine größere Bedeutung zukommen. Mehr dazu finden Sie in der nächsten Ausgabe der DAZ in der Rubrik „Arzneimittel und Therapie“.

Darüber hinaus erläuterten die Dozierenden den wissenschaftlichen Nutzen sowie den präventiven Charakter von Impfungen für die Weltbevölkerung. Die Vakzination gilt als eine der kosteneffektivsten Präventiv-Maßnahmen in der Medizin und verhütet jährlich den Tod von zwei bis drei Millionen Menschen. Weil es vielerorts an Ärzten und Pflegern mangelt, spielen Apotheker eine immer größere Rolle, wenn es darum geht, die Impfquote zu steigern. Heute können Apotheker in 26 Ländern dieser Erde impfen.

Zusätzlich wurde ein Beratungsthema wissenschaftlich vorgestellt, das in deutschen Offizinen nur selten im Fokus steht: Die Folgen von Luftverschmutzung und deren pharmazeutische Betreuung. Die WHO zählt diese Gefahr zu den weltweit zehn größten medizinischen Bedrohungen. Wenn die lokalen Werte für Luftverunreinigungen hoch und Patienten durch Vorerkrankungen gefährdet sind, können in der Apotheke wertvolle Hinweise zur Prävention und Beratung gegeben werden (Apotheken gegen die verpestete Luft. DAZ 2020, Nr. 39, S. 20).

Die Zukunft der Weltgesundheit

In der letzten Kongresswoche näherte sich die International Pharmaceutical Federation dem Motto des World Pharmacists Day „Transforming Global Health“ an. Dafür erweiterte die FIP ihre 2016 verabschiedeten 13 „Workforce Development Goals“ um acht neue Entwicklungsziele für das kommende Jahrzehnt. Die FIP strebt an, die folgenden Bereiche auszubauen:

  • Arzneimittelkompetenz
  • Patientenzentrierte Pharmazie
  • Vorsorge und Management übertragbarer Krankheiten
  • Antimicrobial stewardship
  • Zugang zu Arzneimitteln, Hilfsmitteln, Dienstleistungen
  • Patientensicherheit
  • Digital Health
  • Nachhaltigkeit in der Pharmazie

Die vollständigen Entwicklungsziele und deren Erläuterungen können Sie einsehen, indem Sie auf DAZ.online in das Suchfeld den Webcode R6CG8 eingeben.

Eines der bereits 2016 verabschiedeten Ziele war Fairness und Gleichberechtigung in der Pharmazie. Gerade im Jahr 2020 spiegelt sich diese Forderung in weltweiten Protesten wider und muss daher auch in der Pharmazie hinterfragt werden. Daher lenkte die FIP in der letzten Veranstaltungswoche das Augenmerk auch auf diese Problematik. In einem Webinar wurde die Initiative FIP-WiSE (Women in Science and Education) vorgestellt, die junge Pharmazeutinnen dabei unterstützen möchte, vermehrt Führungspositionen in der Forschung und Lehre anzustreben. Nach einer Studie der Universität Liverpool sterben während der Krise in Ländern, deren Regierungen von Frauen angeführt werden, halb so viele Menschen an COVID-19 als anderswo. Doch auch heute sind Frauen in der Wissenschaft weltweit unterrepräsentiert. Während des Webinars „FIP WiSE Women’s Leadership Lab“ gaben Frauen, die rund um den Globus wichtige Positionen in der Pharmazie einnehmen, inspirierende Einblicke ihrer Wege in einer von Männern dominierten Welt.

Zusätzlich zum Jahreskongress veranstaltet die FIP alle vier Jahre den „Pharmaceutical Sciences World Congress (PSWC)“. Auch dieser Kongress wird vom 4. bis 6. Oktober 2020 mit dem „Virtual PSWC 2020“ online ­stattfinden. |

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