Antroposophie

Ganzheitliches Stress-Management

Die Lebensvorgänge auf der Erde sind geprägt von rhythmischen Prozessen. Auch der Funktionsweise des menschlichen Organismus liegt ein rhythmisches System zugrunde. Diese Einsicht ist eine wichtige Maxime in der anthroposophischen Medizin. Insbesondere bei der Behandlung vegetativer Funktionsstörungen, wie sie infolge Stress und Überforderung auftreten, kommt der Regulierung rhythmischer Vorgänge eine besondere Bedeutung zu.

Zu den augenfälligsten Biorhythmen gehört der zirkadiane Rhythmus der Tag-/Nachtaktivität. Beim Menschen besitzt diese endogene Rhythmik eine angeborene Periodenlänge von etwa 25 Stunden. Sie wird jedoch normalerweise auf den 24-Stunden-Tag mit seinem Hell-Dunkel-Wechsel synchronisiert. Lediglich beim Fehlen des äußeren Zeitgebers, zum Beispiel unter andauernder Dunkelheit, läuft die innere Uhr frei und die Aktivitätsphase verschiebt sich jeden Tag ein wenig. Neben zirkadianen Rhythmen bestimmen auch rhythmische Vorgänge mit anderer Phasenlänge unser Leben. Zu den sogenannten infradianen Biorhythmen gehört unter anderem der Menstruationszyklus. Weitere Beispiele sind Jahresrhythmen wie die Stimmung des Menschen, die ihre Maxima im Mai und Juli, ihren Tiefstwert im Dezember erreicht. Noch längere Phasen haben einige Regenerationsvorgänge wie die Erneuerung der Leber (300 bis 500 Tage), des Skelettsystems (ca. zehn Jahre) oder der quergestreiften Muskulatur (alle 15 Jahre). Unter den kurzphasigen – also den ultradianen – Rhythmen ist sind die Herz- und Atemtätigkeit am auffälligsten.

Chronobiologische Erkenntnisse nutzen

Nur in begrenztem Umfang haben die chronobiologischen Erkenntnisse bisher Eingang in die praktische Medizin gefunden. Viele therapeutische Interventionen könnten jedoch chronobiologisch optimiert werden. So ist zum Beispiel die Wirksamkeit von Lokalanästhetika am Nachmittag am stärksten. Die Wachstumsgeschwindigkeit des Mammakarzinoms ist im Frühjahr am höchsten, im Winter am niedrigsten. Das Zervixkarzinom tritt dagegen am häufigsten im Winter auf. Da der menschliche Organismus im Jahresrhythmus während der Monate Juni und Juli den höchsten Anstieg der Befindensbesserung und gleichzeitig die geringste Gewichtszunahme zeigt, scheint diese Zeit geeignet für Abnehm- oder Regenerationskuren.

Rhythmus – universelle Sprache des Lebens

Einen herausragenden Stellenwert haben rhythmische Vorgänge in der anthroposophischen Menschen- und Naturerkenntnis. Der Rhythmus wird hier als universelle Sprache des Lebens und als ordnende Kraft verstanden. Krankheiten können dementsprechend als Ausdruck gestörter Rhythmen gelten. Unter besonderen Belastungen kann die Anpassungsfähigkeit des rhythmischen Systems überfordert sein, so dass es zu Regulationsstörungen und Entgleisungen kommt. Arzneimittel, welche die rhythmischen Vorgänge anregen und harmonisieren, unterstützen die Selbstregulation und tragen damit zur Heilung oder Krankheitsvorbeugung bei. Fieber wird als reaktiver Rhythmus verstanden, der letztlich die Selbstheilung des Organismus anstößt.

Das zentrale rhythmische Organ

Das Zentrum des rhythmischen Systems in der anthroposophischen Menschenkunde bildet das Herz. Es gilt als wichtiges Sinnes- und Kommunikationsorgan, das ins physische wie ins psychische Geschehen des Organismus eingebunden ist. Das Herz integriert die Körperrhythmen wie Atmung, Durchblutung, Blutdruck oder Aktivität. Daher kommt der Pulsdiagnostik in der anthroposophisch-ganzheitlichen Medizin ein besonderer Stellenwert zu. Aus subtilen Pulsveränderungen werden Rückschlüsse auf den Gesundheitszustand des Organismus gezogen. Dabei darf Rhythmus nicht mit Takt – also etwas durchgehend Gleichförmigem – gleichgesetzt werden. Im Gegenteil: Als großes Gesundheitshemmnis gilt die Frequenzstarre des Herzens. Vielmehr ist gerade die Herzfrequenzvariabilität ein Maß für Gesundheit. Wahrnehmbar wird die Dynamik der Herzaktion schon durch die Atemtätigkeit. So wirkt Einatmen Frequenz-beschleunigend, Ausatmen verlangsamend. Die Herzfrequenzvariabilität ist im Alter von zehn Jahren am höchsten und nimmt im Laufe des Lebens immer mehr ab. Eine eingeschränkte Schwingungsfähigkeit des Herzens ist als Hinweis auf eine herabgesetzte Vitalität des Organismus zu werten. Viele Krankheiten sind typischerweise mit einer erniedrigten Herzfrequenzvariabilität verbunden, z. B. Herzinsuffizienz, Diabetes mellitus, Krebs oder Depressionen.

Stress als Rhythmus-Störfaktor

Auch Stress verändert die Herzfrequenzvariabilität in Richtung Rigidität. Außerdem entkoppelt Stress die miteinander verbundenen Lebensrhythmen. Deutlich wird das zum Beispiel am Verhältnis von Atemrhythmus und Pulsschlag. Eine gute kardiorespiratorische Synchronisation tritt normalerweise in Ruhe und im Tiefschlaf auf. Beim entspannten Menschen ergibt sich im Allgemeinen ein Puls-Atem-Quotient von 4: 1. Unter Stress nimmt die Herzrhythmus-modulierende Wirkung der Atmung ab.


Von Lerchen und Eulen

Ob ein Mensch eher ein Morgentyp (Lerche) oder ein Abendtyp (Eule) ist, wird keineswegs nur kulturell anerzogen, sondern beruht wesentlich auf endogenen Rhythmen der Körperfunktionen. (Allerdings können sich diese im Laufe des Lebens ändern.) So zeigt zum Beispiel der Zirkadianrhythmus der Körpertemperatur deutlich differierende Kurven.


Durch gezielte Lichtexposition kann die Zirkadianperiode verkürzt oder verlängert werden. Die innere Uhr lässt sich so verstellen und damit der Schlaf-Wach-Rhythmus beeinflussen. Wird eine "Lerche" während der frühen Nachtstunden, das heißt vor dem Körpertemperaturminimum um ca. 3 Uhr, Licht ausgesetzt, stellt sich die innere Uhr zurück. Damit fällt es ihr am nächsten Tag leichter, länger wach zu bleiben. Lichtexposition während der späten Nacht, das heißt nach 4 Uhr, stellt dagegen die innere Uhr vor, so dass sich am nächsten Tag die Müdigkeit früher einstellt. Diese Reaktionsweisen kann man sich auch für die Überwindung des Jetlags bei Flugfernreisen zunutze machen. Vermittelt werden die Lichteffekte über Melanopsin-haltige Ganglienzellen in der Retina, welche die Informationen direkt an den Nucleus suprachiasmaticus (SCN) im Hypothalamus – und damit den inneren Zeitgeber des Gehirns – weiterleiten.

Das rhythmische System sichtbar machen

Zur Messung der Herzfrequenzvariabilität wurde ein neuartiges, hochempfindliches computergestütztes EKG-System entwickelt – der HeartMan ("Man" steht für Measurement of the Autonomic Nervous System). Bei diesem MP3-Player ähnlichen Gerät der Firma HeartBalance handelt es sich um ein hochauflösendes Langzeit-EKG mit einer Messgenauigkeit von einer Zehntausendstel Sekunde. Die auf einer Speicherkarte abgelegten Herzaktionen können mittels spezieller Software in einem sogenannten autochronen Bild sichtbar gemacht werden. Aus der Kenntnis darüber, welche Rhythmen zu welcher Tageszeit dominant sind, können Rückschlüsse auf die Intaktheit der biologischen Zeitstrukturen sowie auf Stressphasen und -faktoren gezogen werden.

Auf der Grundlage solcher objektiven Befunde kann auch die Wirkung therapeutischer Maßnahmen auf die vegetative Funktionslage analysiert werden. Unter anderem können gezielt Lebensstiländerungen eingesetzt werden und deren Effektivität nachgeprüft werden. So wird mit der Darstellung der vegetativen Funktionslage im autochronen Bild die Bedeutung eines umfassenden Stress-Selbstmanagements sichtbar, bestehend aus

  • aktiver sportlicher Betätigung;
  • harmonisierender Bewegung (z. B. Eurythmie, Yoga);
  • Ernährungsmaßnahmen (z. B. Reduktion von Alkohol und Kaffee);
  • Sinngebung und Entspannung sowie
  • geeignetem Schlafmanagement.

Sprache moduliert Rhythmen

Selbst die Wirkung kunsttherapeutischer Interventionen auf die Selbstregulation wird mithilfe des HeartMan nachvollziehbar. Interessante Ergebnisse gibt es aus einem noch relativ jungen Forschungsgebiet innerhalb der anthroposophischen Kunsttherapie: der therapeutischen Sprachgestaltung. Diese untersucht die Einflüsse therapeutischer Rezitation auf das vegetative Nervensystem. Besondere Beachtung gilt dabei der kardiorespiratorischen Synchronisation. Zum Einsatz kommen bei der therapeutischen Sprachgestaltung Übungen aus Lauten, Silben und Worten sowie Texten – z. B. in Hexameterform abgefassten klassischen Gedichten –, die mit besonderer Berücksichtigung von Atmung und Gestik gesprochen werden. Untersuchungen zeigen, dass die Rezitation von Hexametern sowie der Silbe OM eine starke Modulation der Herzrhythmik bewirkt. Die Puls-Atem-Synchronisation ist dabei ähnlich der während des Tiefschlafs und stärker als eine durch Taktatmung hervorgerufene Synchronisation. Der Effekt hält noch mindestens 15 Minuten nach dem Ausführen an. Somit leistet die therapeutische Sprachgestaltung einen Beitrag zur Stärkung des rhythmischen Systems und zum Stressabbau.


Hexameter-Rezitation in der therapeutischen Sprachgestaltung

Dicht am Gestade des Sees,
im Kleefeld, steht ein verlassnes
Kirchlein unter den Höhn,
die mit Obst und Reben bewachsen,
Halb das benachbarte Kloster
Und völlig das Dörfchen verstecken,
Jenes gewerbsame, das
weitfahrende Schiffe beherbergt.

[Aus: "Idylle vom Bodensee" von Eduard Mörike]

Mit Arzneimitteln die Rhythmik anregen

In der anthroposophischen Arzneimitteltherapie hat die Beeinflussung des rhythmischen Systems einen wichtigen Stellenwert. Ein Basistherapeutikum bei Störungen der vegetativen Rhythmen ist Cardiodoron®. Mit seiner Zusammensetzung aus den drei Pflanzen Eselsdistel (Onopordum acanthium), Bilsenkraut (Hyoscyamus niger) und Schlüsselblume (Primula veris) stärkt es die Regulationskraft des Herzens. Indiziert ist es insbesondere bei Herz-Rhythmusstörungen, Schlafstörungen, Missempfindungen im Herzbereich, orthostatischer Dysregulation sowie funktionellen Herz- und Kreislaufstörungen nach Infektionskrankheiten. Experimentelle und klinische Untersuchungen haben die normalisierenden Effekte von Cardiodoron® auf die Herzfrequenzvariabilität sowie den Puls-Atem-Quotienten gezeigt.

Auch anthroposophische Goldpräparate sprechen das rhythmische System an. Aurum unterstützt insbesondere den Ausgleich von seelischen und körperlichen Vorgängen im Rhythmus von Herz und Blutdruck (z. B. Aurum metallicum praeparatum).

In Salbenform kann das Edelmetall zum Beispiel mit Weleda Aurum/Lavandula comp. – in der Kombination mit Lavendel- und Rosenöl – bei stressbedingten vegetativen Herz-Kreislauf-Störungen eingesetzt werden. Vor allem bei Herzklopfen ohne organische Ursache hat das Präparat eine tonisierende Wirkung.

Um Verspannungen bei Stress und Unruhe zu lösen und die Schlafbereitschaft zu erhöhen, eignet sich auch die äußere Anwendung von Weleda Lavendelöl 10%. Im Tierversuch senkt Lavendelöl die Motilität, und im EEG konnte die schlaffördernde Wirkung bestätigt werden. Eine beruhigende, schlaffördernde und gleichzeitig kräftigende Wirkung hat Weleda Avena sativa comp. (Avena sativa, Humulus lupulus, Valeriana officinalis, Passiflora incarnata, Coffea tosta).

Um bei Erschöpfung aufgrund von Stress und nervöser Überreizung vor allem eine Stärkung und Stabilisierung des Nerven-Sinnes-Systems zu erzielen, kommen zum Beispiel Neurovital® (früher Kalium phosphoricum comp.) oder Ferrum-Quarz-Kapseln/Kephalodoron® (bei Kopfschmerzen) zum Einsatz. Bei Stressdepression eignet sich Hypericum Auro cultum.

Übrigens kann auch das "Allheilmittel" Arnika (Arnica, Planta tota Rh) im Zusammenhang mit Stress sinnvoll eingesetzt werden, denn Arnika wirkt nicht nur regulierend nach körperlichen Schäden, sondern auch bei seelischen Traumatisierungen.


Quelle

Dr. Frank Meyer, Nürnberg, Paul Wormer, HeartBalance AG, Dr. Jürgen Schürholz, Filderstadt, Claudia Suhr, Weleda AG, Michael Straub, Weleda AG, Dietrich von Bonin, Bern, Birgitt Bahlmann, Welda AG, Alexander Lauterwasser, Überlingen: Weleda Fachtagung für Journalisten "Wege aus dem Stress – die Kraft des Rhythmus".

www.therapeutische-sprachgestaltung.de

www.rhythmen.de

www.heartbalance.com


Dipl.-Biol. Ulrike Weber-Fina

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