Interpharm 2011

… aus Sicht der anthroposophischen Medizin

Dr. med. Harald Matthes, Ärztlicher Leiter am Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe, Berlin, gab einen Einblick in die Diagnose und Behandlung von Erkrankungen des Magen-Darm-Traktes, basierend auf dem anthroposophischen Denkansatz.

Grundlage der anthroposophischen Medizin ist das trichotome Menschenbild mit dem Leib-Seele-Geist-Modell. Dabei wird der Mensch gemäß einem Schichtendeterminismus in vier Funktionsebenen unterteilt.

  • Der physische Leib entspricht der unbelebten, mineralischen Welt.

  • Den Lebensleib (oder auch Ätherleib) haben auch die Pflanzen.

  • Der Seelenleib oder Astralleib als dritte Ebene ergibt sich durch den Einfluss der Seele auf den Leib; auch Tiere besitzen ihn.

  • Die vierte Stufe ist die Ich-Organisation, die sich durch die Abbildung und den Einfluss der geistigen Fähigkeiten des Menschen auf seine leibliche Organisation ergibt.


Foto: DAZ/Reimo Schaaf
Dr. med. Harald Matthes

Patho- und Salutogenese

Unter Gesundheit versteht die anthroposophische Medizin ein aktiv erlangtes dynamisches Gleichgewicht polarer Kräftewirksamkeiten, wie etwa Entzündung –

Sklerose, Aufbau – Abbau, Wachen – Schlafen. Krankheit gilt demgegenüber als Unfähigkeit des Organismus, diese einseitig wirkenden Kräfte genügend zum Ausgleich zu bringen. Dabei werden diejenigen polaren Kräfte, die zu einer Vereinseitigung führen, als pathogene Kräfte bezeichnet, und diejenigen, die einen Ausgleich und damit die Homöostase anstreben, als salutogene Kräfte. Während die naturwissenschaftlich fundierte Medizin vorwiegend Interventionen hinsichtlich der Pathogenese im Auge hat, fokussiert die Komplementärmedizin überwiegend auf die Steuerung und Regulation der Salutogenese. Die anthroposophische Medizin ist eine integrative Medizinrichtung, da sie beide Therapieprinzipien zu einem Therapiekonzept vereint.

Dreigliederung des menschlichen Organismus

Aus der Polarität der Kräftewirksamkeiten folgt nach anthroposophischem Verständnis eine funktionelle Dreigliederung des menschlichen Organismus in das Nerven-Sinnes-System (NSS), das dem Stoffwechsel-Gliedmaßen-System (StGS) gegenübersteht. Beide Systeme werden durch das Rhythmische System (RS) ausgeglichen.

Aus der Erkenntnis von Kräfteverschiebungen innerhalb dieser Dreigliederung sollen Krankheitsprozesse erkannt und aus der Pathogenese heraus zu salutogenen Therapiekonzepten entwickelt werden. Anthroposophische Therapie will so die Eigenbefähigung und Selbsthilfe des Kranken verbessern, das heißt laut Matthes, ihn "zum Schwimmen zu befähigen statt vor dem Ertrinken zu retten".

Reizdarmsyndrom

Der Gastrointestinaltrakt als dominantes System für die Aufnahme und Umwandlung von Stoffen läuft rhythmisch rund um die Uhr und funktioniert umso besser, je besser der Rhythmus eingehalten wird. Auch hier kommen die Kräftewirksamkeiten NSS und StGS zum Tragen und können je nach Präponderanz zu Entzündung, Allergie, Tumor oder Sklerose führen.

Den anthroposophischen Therapieansatz in diesem Bereich erläuterte Matthes am Reizdarmsyndrom, einem "eigentlich unsichtbaren Krankheitsbild" ohne somatischen Befund. Anthroposophisch betrachtet wirkt hier das NSS zu stark in das StGS hinein, das heißt, Reizdarm-Patienten haben ein übersteigertes Empfinden für ihren GI-Trakt.

Neben der konventionellen Anamnese werden in der Anthroposophie Konstitutionsmerkmale des Betroffenen in die Diagnostik mit einbezogen und auf deren Basis adäquate therapeutische Strategien entwickelt, die von Patient zu Patient durchaus unterschiedlich ausfallen.

Ein mehrdimensionaler Ansatz beim Reizdarmsyndrom mit einem primär zu schwachen StGS und sekundärer Präponderanz des NSS könnte zum Beispiel wie folgt aussehen:

  • Auf physischer Ebene: Exzitation des StGS mit Bitterstoffen (z. B. Gentiana lutea 5%) präprandial, ferner Stärkung des StGS durch Arsenicum album D4 morgens; abends Silber (Argentit D4), später zur Rhythmusstabilisierung nach anfänglicher Exzitation Digestodoron®.

  • Auf funktioneller Ebene: Anregung des Bewegungsmenschen, etwa durch Joggen, Kneipp-Bäder oder rhythmische Massage.

  • Auf psychischer Ebene: künstlerische Therapie oder Heileurhythmie zum Zwecke der Willensübung.

  • Auf biographischer Ebene: Erarbeiten von Zielen und deren praktische Umsetzung zur Ablenkung der Aufmerksamkeit vom eigenen Körper auf die Außenwelt.


hb



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DAZ 2011, Nr. 14, S. 92

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