DAZ Feuilleton

Pharmaziegeschichte: Ritter, Mönche und Arzney

Religion und Heilkunde waren seit jeher eng miteinander verknüpft. So haben sich auch die christlichen Mönchsorden theoretisch und praktisch mit der Medizin und Pharmazie beschäftigt. Die Klöster tradierten die antike Fachliteratur und widmeten sich Ų basierend auf dem Gebot der Nächstenliebe Ų karitativen Aufgaben, nämlich der Versorgung der Armen, der Pflege der Kranken und der Betreuung von Pilgern. Die Landesgruppen Baden und Württemberg der DGGP stellten diese Thematik in den Mittelpunkt ihrer diesjährigen Herbsttagung, die im Deutschordensmuseum von Bad Mergentheim stattfand.

In seinem Grußwort für die Familiaren des Deutschen Ordens betonte Dr. Thomas Richter, dass die Ordensbrüder sich in Mittelalter und früher Neuzeit auch mit naturwissenschaftlich-medizinischen Fragestellungen beschäftigt haben.

Heinrich von Pfalzpaint – Ordensritter und Wundarzt Die Markelsheimer Apothekerin Dr. Claudia Richter stellte das Werk des Deutschordensritters Heinrich von Pfalzpaint vor. Am Anfang des 15. Jahrhunderts in Pfalzpaint im Altmühltal geboren, trat er im Jahre 1450 in den Deutschen Orden ein. Seine Fähigkeiten als Wundarzt stellte er während der dreijährigen Belagerung der Marienburg in Preußen (1454–1457) unter Beweis. 1460 schrieb er dann die Erfahrungen, die er erworben hatte, in seiner "Wündärznei" nieder.

Diese "Wündärznei" beinhaltet innovative medizinisch-chirurgische Anweisungen, wie beispielsweise den Gebrauch der hochwirksamen Schlafschwämme oder die Rhinoplastik, und natürlich viele Rezepte für Salben, Pflaster und Wundtränke. Verwendete Pflanzendrogen waren z.B. Beifuß (Artemisia vulgaris), Pappelknospen (von Populus alba) oder das "Fuchs–krawth" (Fingerhut, Digitalis).

Dem Beifuß wurden – gemäß der Humoralpathologie – wärmende und trocknende Qualitäten beigemessen, weshalb er bei kältebedingten Krankheiten in der Wundheilkunde eingesetzt wurde. Die Pappelsalbe strichen die Wundärzte als "Defensivum" um die Wundränder herum auf. So wollten sie verhindern, dass schlechte Säfte vom Körper in die Wunde gelangen und andererseits krankheitserregende Stoffe von der Wunde in den Körper übertreten.

Pappelknospen enthalten ätherische Öle, Flavonoide und Phenolglykoside, die tatsächlich einen entzündungshemmenden, antibakteriellen und wundheilenden Effekt zeigen. Der Fingerhut, der im 13. Jahrhundert seine erste heilkundliche Erwähnung fand, wurde früher ausschließlich zur Wundbehandlung eingesetzt, wobei man als Wirkstoffe die darin enthaltenen Gerb–stoffe vermuten könnte.

Pfalzpaint besaß ein enormes pharmazeutisch-medizinisches Wissen, ausgehend von der Auswahl der Arzneipflanzen, über die genauen Arbeitsanweisungen bei der Herstellung von Rezepturen bis hin zur genauen Beschreibung der chirurgischen Eingriffe.

Apotheke im Zeichen des Deutschordens-Kreuzes Über das Apotheken- und Medizinalwesen in Mergentheim zu der Zeit, als es Residenz des Hochmeisters des Deutschen Ordens war, referierte Dr. Susanne Tesche aus Ludwigsburg.

Die erste Apothekerordnung Mergentheims soll bereits im Jahr 1618 erlassen worden sein. Überliefert ist indes nur die Apothekerordnung von 1690, die sich auf die damalige Reichs–polizeiordnung bezog. Sie regelte die Betriebsabläufe in der damals einzigen Apotheke in Mergentheim (nur vorübergehend gab es dort zwei Apotheken). Der Text entspricht dem anderer Apothekerordnungen jener Zeit, etwa der Wormser Apothekerordnung von 1582 oder der Nürnberger Medizinalordnung von 1592. Das gilt auch für die in der Ordnung aufgeführte Taxe (amtliche Arzneimittelpreisliste). Fühlte sich ein Bürger vom Apo–theker übervorteilt, konnte er eine Beschwerde an den Stadtphysikus richten, der sie an den Oberhofrat zur juristischen Überprüfung weiterleitete. Wegen dieser Kontrolle sind nur zwei Fälle innerhalb 200 Jahren bekannt, in denen sich die Mergentheimer Apotheker nicht an die Vorschriften gehalten haben.

Die Apotheke wurde normalerweise einmal jährlich visitiert, wobei ein auswärtiger Apotheker, der Stadtphysikus und ein Schreiber zugegen waren. Zum Teil waren aber auch tägliche Visitationen angeordnet worden. In den Jahren 1650 bis 1680, als in Mergentheim zwei Apotheken existierten, fanden sogar gegenseitige Visitationen zum Zwecke der Kostenreduktion statt.

Die Apothekerordnung gewährte der Apotheke das Monopol für den Arzneimittelhandel, den sie insbesondere den Chirurgen verbot. Zudem verpflichtete sie die Apotheke, Arzneimittel in ausreichenden Mengen vorrätig zu halten, um beispielsweise Seuchen rechtzeitig zu begegnen.

Die Jesuiten und der internationale Heilmitteltransfer Der 1540 von Ignatius von Loyola (1491–1556) gegründete Jesuitenorden besaß eigene Apotheken, die vor allem der ärmeren Bevölkerung kostenlos Arzneimittel zur Verfügung stellten. Wie Dr. Sabine Anagnostou aus Marburg in ihrem Vortrag ausführte, sandte der Orden im Zuge der Missionierung der Neuen Welt und Asiens auch heilkundige Jesuiten nach Übersee, wo sie die dort herrschenden Krankheiten und die entsprechende Volksmedizin studierten und auch die einheimische Flora und Fauna erforschten. In heilkundlichen Kompendien haben sie das erworbene Wissen festgehalten und überliefert.

Um die neu gewonnenen Erkenntnisse nicht nur in den Missionsgebieten, sondern auch in Europa anwenden zu können, etablierte die Societas Jesu vom 16. bis 18. Jahrhundert einen regen internationalen Heilmitteltransfer. Die Jesuiten-Apotheker belieferten sich gegenseitig mit Arzneidrogen und Fachliteratur und tauschten ihre Fachkenntnisse aus. Auf dieser Weise wurden die Ordensapotheken durch außereuropäische Vegetabilien, Mineralien und Animalien bereichert, die nicht selten Auf–nahme in den amtlichen Arzneischatz fanden. So kam beispielsweise die Chinarinde, auch –"Jesuitenrinde" oder "Jesuitenpulver" genannt, als das erste wirksame Malariamittel mit den Jesuiten aus Südamerika zunächst in die Alte Welt und dann nach Asien (sie stammt also nicht aus China). Der Mate wurde als "Jesuitentee" bekannt, weil die Jesuiten in Paraguay den Matestrauch kultivierten und lange Zeit das Handelsmonopol für die begehrte Teedroge besaßen.

Zahlreiche weitere exotische Arzneidrogen wie die Ignatiusbohne (von Strychnos ignatii) und der Amerikanische Mastix (von Schinus molle) sowie Spezialitäten wie der Römische Theriak und künstliche Bezoare traten mit den Jesuiten ihre Reise um die Welt an. Umgekehrt brachten die Ordensmänner zahl–reiche traditionelle europäische Arzneidrogen wie Kamille, Wermut und Rosmarin in überseeische Regionen, wo sie bis in die Gegenwart eine Rolle spielen.

Dr. Martine Strobel

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