Feuilleton

Wundarzneien des späten Mittelalters

Eine wichtige Quelle für die Verwendung von Arzneipflanzen im späten Mittelalter ist die "Wündärznei" des Deutschordensritters Heinrich von Pfalzpaint aus dem Jahr 1460 [1]. Dieses Werk beschäftigt sich mit der Behandlung chirurgischer Indikationen, die von akuten Verletzungen bis zu chronischen Geschwüren reichen, und enthält eine große Anzahl von Rezepten für entsprechende Arzneimittel*.

Historischer Hintergrund

Der Deutsche Orden wurde während der Kreuzzüge gegen die "Heiden" und zur Rückeroberung der christlichen Stätten im Hl. Land am Ende des 12. Jahrhunderts gegründet. Im 13. und 14. Jahrhundert unterwarf er die heidnischen Prussen; damals residierte der Hochmeister des Deutschen Ordens auf der Marienburg an der Nogat.

Während des Dreizehnjährigen Krieges der preußischen Städte und des Königs von Polen gegen den Deutschen Orden (1454 – 1467) wurde die Marienburg in den Jahren 1454 – 57 belagert; damals war der Wundarzt Heinrich von Pfalzpaint neben dem Physikus Dr. Jakob Schillingholz zuständig für die ärztliche Versorgung der Verwundeten. Nach eigenen Aussagen behandelte er mehr als drei- bis viertausend Ritter und Söldner: "(...) do hab ich mher dan III ader IIII thausenth menschenn geheylt." [2]

Wundtrank als Allheilmittel

Unter seinen Rezepten ist ein bestimmter Wundtrank besonders wichtig, weil er als eine Art Allheilmittel oder Panazee angesehen wurde. Der Hauptbestandteil dieses Wundtranks ist das Kraut vom Beifuß (Artemisia vulgaris L.), welches Pfalzpaint näher beschreibt; dabei verweist er auf den volkstümlichen Brauch, sich in der St. Johannisnacht (23. – 24. Juni) mit Beifußkraut zu gürten und es nach dem Tanz um das Johannisfeuer in die Flammen zu werfen, damit man für das kommende Jahr vor Krankheiten geschützt sei. Demnach ist es nicht nur heilkräftig, sondern besitzt auch apotropäische Kräfte.

Des Weiteren benötigte man für die Rezeptur Beinwellwurzel (Symphyti radix von Symphytum officinale L.) und Gänseblümchen (Bellis perennis L.). Pfalzpaint nannte diese Pflanzen "Schwarzwurz" oder "Großer Beinwell" bzw. "Maßliebchen" oder "Kleiner Beinwell" [3]; das letztere sollte Blüten besitzen, die – teils rot, teils weiß gefärbt – bereits nach dem Maimonat verblüht sind. Auch wenn im ersten Moment die angegebene Blütezeit für das Maßliebchen verwirrt, da wir ihm heutzutage auf den kurz geschorenen Rasen noch im Herbst begegnen, handelt es sich doch um einen Frühlingsblüher, der später auf den hochgewachsenen Wiesen nicht mehr blüht.

Nach der Aufzählung der Bestandteile folgt die Herstellungsanweisung für den Wundtrank: Die Kräuter sollen mit Bier zum Sieden erhitzt werden.

Daran schließt sich im Text erwartungsgemäß die Gebrauchsanweisung mit Angabe der Dosierung an: Der Patient soll morgens und abends einen guten Schluck des erwärmten Trankes zu sich nehmen. Hilfreich sei der Trank bei allen inneren und äußeren Verwundungen sowie bei "geronnenem" Blut. Hierunter ist das extravasierte, gestockte und als giftig angesehene Blut zu verstehen. Darüber hinaus schwemme der Wundtrank vorhandenes Schießpulver aus der Wunde und bringe (als Styptikum) das "Gliedwasser" (die bei Verwundung von Gelenken austretende Synovialflüssigkeit) zum Stillstand [4].

An diesem Wundtrank zeigt sich auch der prinzipielle Aufbau eines mittelalterlichen Rezepts. Dem Namen und der Beschreibung der Zutaten folgen die Herstellungsanweisung und die Applikationsvorschrift; die Indikation steht meist hinter dem Namen, kann aber wie bei unserem Wundtrank auch an anderer Stelle zu finden sein [5].

Wege zur Identifizierung der Pflanzen

Da in der "Wündärznei" keine Pflanzenabbildungen vorhanden sind, kann nur der Text zur Pflanzenidentifizierung dienen, insbesondere die Namen und Synonyme, die botanische Beschreibung, die Standortkennzeichnung und die zugeteilte Indikation. Da nicht zu jeder Pflanze alle Kriterien vorliegen, wurden sie in dieser Untersuchung in entsprechende Gruppen eingeteilt.

Ein Beispiel für die eindeutige Bestimmung einer Pflanze anhand des Namens ist Anis (Pimpinella anisum L.). Er war im Mittelalter weit verbreitet und galt als allgemein bekannt. Verwendet wurden die Früchte, von denen bereits bekannt war, dass sie erst kurz vor dem Verarbeiten angestoßen werden sollten, damit sie nicht ihre Wirkung verlieren. Heute kann das Hintergrundwissen dazu geliefert werden: Es handelt sich um eine Ätherisch-Öl-Droge, deren Wirkstoffe sich nach dem Anstoßen schnell verflüchtigen.

Solche Drogen wurden auch zur Beschreibung weniger bekannter Pflanzen bzw. Pflanzenteile herangezogen; so beschreibt Pfalzpaint die Samen der "Meerhirse" (eigentlich: die Frucht von Lithospermum officinale L.) durch den Vergleich mit den "Aniskörnern". Häufig werden Heilpflanzen mit Synonymen benannt, wie bereits oben beim Beinwell und Gänseblümchen erwähnt; andere Beispiele sind Immergrün, Epheu (Efeu), Andorn oder Schierling.

In vielen Problemfällen ermöglichen die botanische Beschreibung (z. B. Blütenfarbe, Blätter) oder die Nennung von Standorten, wo die Pflanzen gern wachsen, die Identifizierung. So wird der Odermennig von Pfalzpaint als "adermenig, anders genandt groß eysenn krawth mit gelen blumen" vorgestellt. Durch die Erwähnung der gelben Blüten kann in diesem Fall das Eisenkraut (Verbena officinalis L.) ausgeschlossen werden, denn es ist durch blasslila Blüten gekennzeichnet. Der Odermennig wird durchaus auch als Eisenkraut bezeichnet und besitzt die geforderten gelben Blüten. Dies spricht dafür, dass es sich bei "adermenig" um die zur Familie der Rosaceae gehörende Agrimonia eupatoria L. handelt.

Im Fall der Weißen Seerose (Nymphaea alba L.) entscheiden der Standort "Wasser" und der Hinweis auf die weiße Blütenfarbe. Darüber hinaus konnte bei einem Besuch des ehemaligen Ordenslandes das dichte Vorkommen an den Ufern der Nogat nahe der Marienburg bestätigt werden.

Eine weitere Hilfe bei Zuordnungsschwierigkeiten bietet oft die Indikation. So ist Bertram (Anacyclus officinarum Hayne) in der "Wündärznei" ein Bestandteil eines Mundwassers. Antike und mittelalterliche Schriftsteller begründeten die Wirkung der Bertramwurzel – auch Zahnwurz genannt – humoralpathologisch: Man stellte sich vor, dass Zahnerkrankungen (auch) durch ein Übermaß an "Kälte" entstünden [6].

Die Bertramwurzel wurde wegen des scharfen Geschmacks als "heiß und trocken in hohem Grad" eingestuft, was den "kalten" Ursachen entgegenwirken sollte. Darüber hinaus fördert die Wurzel den Speichelfluss, weswegen man davon ausging, dass die "kalte" Krankheitsursache (das Phlegma) veranlasst wird, als "Rotz" den Körper zu verlassen. Als dritter Effekt kommt eine Schmerzlinderung hinzu. Aufgrund moderner Forschung wissen wir, dass die Wirkungen der Bertramwurzel auf dem Vorkommen von Alkamiden beruhen, die sich durch ihren scharfen Geschmack, ihren lokalanästhetischen Effekt und die Förderung der Salivation (Speichelfluss) auszeichnen [7].

Allerdings gibt es auch Pflanzen, die sich nicht eindeutig identifizieren lassen, so z. B. das Heidnische Wundkraut, obwohl es häufig in der mittelalterlichen Heilkunde verwendet wurde. Glücklicherweise gibt uns Pfalzpaint Hinweise auf seine gelben Blüten und auf die weidenähnlichen Blätter, wodurch sich die in Frage kommenden Gewächse reduzieren: Es handelt sich wohl um eine Kreuzkraut-Art (z. B. Senecio nemorensis L.) oder die Goldrute (Solidago virgaurea L.), die beide häufig als "heidenisch wundkrawth" benannt und für die traumatologische Indikation verwendet wurden [8]. Abschließend soll festgehalten werden, dass "Wundarzneien" bisher von der Pharmaziegeschichte zu wenig beachtet wurden.

Man findet in diesen Schriften des Mittelalters einen großen Fundus an Arzneidrogen – sowohl pflanzlicher, tierischer und chemischer Natur – und Rezepturen. Diese Salben, Pflaster und andere äußerlich anzuwendende Zubereitungen wurden von Apothekerseite zunächst in geringem Ausmaß hergestellt.

Literatur

[1] Pfalzpaint (1460): Heinrich von Pfolsprundt [!], Buch der Bündth[!]-Ertznei, hrsg. von H[einrich] Haeser und A[lbrecht Theodor] Middeldorpf, Berlin 1868. [2] LexMA III (1986), Sp. 768 ff.; Keil, in: VL III (1981), Sp. 856 – 862; Gundolf Keil, Heinrich von Pfalzpaint und die plastische Chirurgie der Haut, in: Onkologische Dermatologie, hrsg. von Günter Burg, Albert A. Hartmann und Birger Konz, New York, Tokio, London und Paris 1992 (= Fortschritte der operativen und onkologischen Dermatologie, 7), S. 3 – 11. [3] Heinrich Marzell, Wörterbuch der deutschen Pflanzennamen, I – V, Leipzig [1937 –] 1942 – 1972, Bd. III (ab Sp. 481) und IV hrsg. von Heinz Paul, Stuttgart und Wiesbaden 1976 – 1979. [4] M[ax] Höfler, Deutsches Krankheitsnamen-Buch, München 1899, Neudruck Hildesheim 1970 [5] Dietlinde Goltz, Mittelalterliche Pharmazie und Medizin, dargestellt an Geschichte und Inhalt des ,Antidotarium Nicolai'. Mit einem Nachdruck der Druckfassung von 1471, Stuttgart 1976, S. 17 ff. [6] Zur Humoral-Ätiologie von Zahnerkrankungen siehe auch: Wolfgang Löchel. Die Zahnmedizin Rogers und der Rogerglossen. Ein Beitrag zur Geschichte der Zahnheilkunde im Hoch- und Spätmittelalter, Pattensen bei Hann. [jetzt: Würzburg] 1976 (= Würzburger medizinhistorische Forschungen, 4), S. 154 f. u. ö. [7] Eberhard Teuscher, Biogene Arzneimittel, Stuttgart 1997, S. 109. [8] Jörg Mildenberger, Anton Trutmanns ,Arzneibuch'. Teil II. Wörterbuch, Würzburg 1997 (= Würzburger medizinhistorische Forschungen, 56/1 –5), S. 795 f.

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