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Der Traum von schwedischen Generika-Preisen

BERLIN (ks). Auch in diesem Jahr haben die Autoren des Arzneiverordnungs-Reports (AVR) erkleckliche Einsparpotenziale für den GKV-Arzneimittelmarkt errechnet: 4,1 Mrd. Euro könnten gespart werden, wenn konsequent preiswerte Generika verordnet und auf teure patentgeschützte Analoga sowie umstrittene Arzneimittel verzichtet würde. Mitherausgeber Ulrich Schwabe macht zudem eine weitere Rechnung auf: Würden bei Generika schwedische Preise angesetzt, könnten die gesetzlichen Kassen sogar insgesamt 9,4 Mrd. Euro sparen.
Fröhliche AVR-Autoren Dieter Paffrath (li) und Ulrich Schwabe scheinen angesichts des möglichen Einsparpotenzials, das sie im AVR 2010 für den GKV-Arzneimittelmarkt errechnet haben, gute Laune zu haben.
Foto: DAZ/Sket

Eine Botschaft wurde bei der Vorstellung des AVR 2010 am 14. September in Berlin deutlich: "Es sind nicht die Ärzte, die zu teuer verordnen, nicht die Apotheker, die nur teure Arzneimittel verkaufen wollen und nicht die Patienten, die nur die teuersten Arzneimittel haben wollen", sagte Schwabe. "Es ist die Pharmaindustrie, die so hohe Preise verlangt." Für Schwabe ist es völlig unverständlich, warum in Deutschland so viel für Arzneimittel gezahlt werden muss. In diesem Jahr machte er am Exempel Schweden deutlich, dass die Preislandschaft auch anders aussehen kann: Die 50 führenden Patentarzneimittel seien in Deutschland im Schnitt um 48 Prozent teurer als dort. Noch eklatanter sind die Preisunterschiede im generischen Bereich: Die 50 Top-Generika kosten in Deutschland durchschnittlich 98 Prozent mehr als in Schweden. Omep von Sandoz war bis vor Kurzem ein besonderer Ausreißer: Kosteten 100 Kapseln in Schweden 9,36 Euro (Apothekenverkaufspreis), waren es hierzulande 60,46 Euro. Seit 1. September – als die jüngsten Festbetragsbeschlüsse in Kraft traten – liegt der deutsche Preis für das Präparat bei 43,29 Euro.

Wenige hochpreisige Arzneimittel treiben Ausgaben

Aber auch wenn man Schweden nicht bemüht, sehen die AVR-Autoren noch viel Luft bei den Arzneimittelausgaben – vor allem bei patentgeschützten. Schwabe verwies darauf, dass die Umsätze dieser Arzneimittel seit 1993 von 1,6 Mrd. Euro auf 13,2 Mrd. Euro gestiegen seien. Sie erklärten damit fast den gesamten Anstieg der Arzneimittelkosten in diesem Zeitraum. Im vergangenen Jahr war das Plus vor allem auf einige wenige, aber kostenintensive Arzneimittelgruppen konzentriert: Dazu zählen Angiotensinhemmstoffe (+167 Mio. Euro). Antidiabetika (+102 Mio. Euro), Schmerzmittel (+120 Mio. Euro), Neuroleptika (+153 Mio. Euro), Asthmamittel (+141 Mio. Euro), HIV-Therapeutika (+105 Mio. Euro), Immuntherapeutika (+490 Mio. Euro) und Tumortherapeutika (+177 Mio. Euro). "Sie erklären bereits 80 Prozent des Kostenanstiegs im GKV-Fertigarzneimittelmarkt", so Schwabe. Sein Mitherausgeber, Dieter Paffrath, betonte, dass sich das Generikasegment dagegen positiv entwickle. Dazu trügen insbesondere Festbeträge und Zuzahlungsbefreiungen bei – und nicht zuletzt auch die Rabattverträge. Für das Jahr 2009 hätten die gesetzlichen Kassen Erlöse von knapp 850 Mio. Euro aus Rabattverträgen verbucht, so Paffrath – der als Vorstandsvorsitzender der AOK Schleswig-Holstein naturgemäß ein Freund dieser Verträge sein muss.

VFA: Schnee von gestern

Cornelia Yzer, Hauptgeschäftsführerin des Verbands der forschenden Pharma-Unternehmen (VFA) kommentierte den aktuellen AVR als "Schnee von gestern". Er beschäftige sich mit der Vergangenheit, obwohl gerade der innovative Arzneimittelmarkt in Deutschland aktuell vor seiner größten Zäsur stehe. Die forschenden Pharma-Unternehmen würden durch Zwangsrabatte mit 1,2 Mrd. Euro im Jahr belastet. Die Preise innovativer Medikamente werden künftig stärker durch Verhandlungen zwischen Industrie und Kassen geprägt. Was den Schweden-Vergleich betrifft, wirft der VFA den AVR-Autoren vor, entscheidende Fakten zu ignorieren: So gingen in Schweden 87 Prozent des Endpreises an den Hersteller, in Deutschland gerade einmal 57 Prozent. In Schweden gibt es nämlich nicht zuletzt keine Mehrwertsteuer für Medikamente.

Zum Weiterlesen


Arzneiverordnungs-Report: Politik appelliert an die Verantwortung der Hersteller

DAZ 2009, Nr. 39, S. 34

www.deutsche-apotheker-zeitung.de

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