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Schulterschluss mit den Apothekern (DAZ-Interview)

ULM (diz). "Gute Preise. Gute Besserung" Ų Deutschlands größter Generikahersteller fällt nicht nur durch einprägsame Werbeslogans und attraktive Zwillinge auf. Ein Pharmaunternehmen dieser Größe und dieses Zuschnitts steht unter besonderer Beobachtung im Markt. Die eine oder andere Marketingaktion und Unternehmensentscheidung gibt bisweilen Anstoß zu Diskussionen. Wir sprachen mit Dagmar Siebert, Geschäftsführerin Marketing und Vertrieb der ratiopharm, Ulm, über die Lage des Unternehmens nach dem GMG, über die Beziehungen zum Apotheker und über zukünftige Aktionen.

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Das GKV-Modernisierungsgesetz ist seit über einem halben Jahr in Kraft. Wie geht es heute dem Generikahersteller ratiopharm? Sind Auswirkungen zu spüren und wenn ja, in welche Richtung?

Siebert:

Die großen Veränderungen durch das Gesundheitsmodernisierungsgesetz haben wir in vielen Facetten zu spüren bekommen. Der 16%ige Herstellerrabatt für nicht unter Festbetrag stehende Arzneimittel führt bei ratiopharm zu einer Rabattabgabe, die wir in diesem Ausmaß nicht in unsere Budgets eingeschlossen hatten. Die neue Arzneimittelpreisverordnung führt dazu, dass preiswerte Generika für den Patienten zum Teil teurer geworden sind, weil er für sein Arzneimittel wesentlich mehr als früher zuzahlen muss. Außerdem stellen wir Rückgänge in den Arzneisegmenten fest, die nicht mehr von der Kasse erstattet werden.

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Ist vor diesem Hintergrund die Gründung des eigenen Generikaverbands Pro-Generika zu sehen? Diese Aktivität sehen einige nicht unkritisch, zumal es bereits einen Generikaverband, den Deutschen Generikaverband, gibt. Warum eine neue Interessensvertretung?

Siebert:

ratiopharm, aber auch andere Generikahersteller, haben sich durch ihren Verband nicht richtig repräsentiert gesehen. Bei den Verfahren zum Gesundheitsmodernisierungsgesetz wurde beispielsweise die Generikaindustrie nicht angehört, jetzt aber muss sie die Konsequenzen tragen. Für uns ist es daher nur logisch, als Marktführer zusammen mit anderen Firmen einen Verband auf die Beine zu stellen, der unsere Interessen nachhaltig repräsentiert.

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Als einen von den drei Geschäftsführern des Pro Generika-Verbandes haben Sie Peter Schmidt ins Team geholt. Schmidt ist bislang als Referent der Arbeitsgruppe Gesundheit und Soziale Sicherung der SPD-Fraktion im Deutschen Bundestag tätig. Welche Gründe waren dafür ausschlaggebend?

Siebert:

Ganz einfach: Sie brauchen jemanden der Sachverstand hat, der kompetent ist und der sich auch in der Materie auskennt. Da war niemand nahe liegender als Herr Schmidt. Im Übrigen bedienen und bedienten sich auch andere Verbände politischen Sachverstands, ich erinnere hier an den VFA mit Frau Yzer oder an die ABDA seinerzeit mit Herrn Hoffacker. Ich denke, Lobbyarbeit ist legitim. Und in diesem Punkt haben wir nach meiner Auffassung Nachholbedarf.

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In Apothekerkreisen stieß auf Kritik, dass sich in diesem Verband die Großen am Markt, nämlich ratiopharm, Stada und eventuell noch Hexal, zusammentun. Geargwöhnt wurde, dies könnte sich zum Nachteil der Apotheker auswirken. Wie stehen Sie dazu?

Siebert:

Der Apotheker ist einer unserer wichtigsten Kunden. Allein schon deswegen wird der Verband die Interessen des Apothekers im Auge haben. Wir sind davon überzeugt, dass alle Leistungserbringer in der heutigen Zeit enger zusammenrücken müssen, um ihre gemeinsamen Interessen zu vertreten, wir suchen den Schulterschluss mit dem Apotheker.

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Das hört der Apotheker sicher gerne. Aber wie verträgt sich diese Aussage und Absicht mit Ihrem Brief an die Apotheker, in dem Sie Rabattkürzungen ankündigen? Sie begründen dies unter anderem mit der Notwendigkeit zu mehr Sparsamkeit, aber auch damit, der Politik zu zeigen, dass man unter den heutigen Bedingungen nicht mehr so hohe Rabatte gewähren kann.

Siebert:

Das ist für Apotheker erst mal nicht so schön. Verständlich. Nach In-Kraft-Treten der Gesundheitsreform haben wir die Apotheker sehr wohl mit Rabatten unterstützt. Aber es gibt zwei Gründe, weshalb man das nach einer gewissen Zeit einstellen sollte und muss. Erstens ist die politische Diskussion um Rabatte noch nicht ausgeräumt und zweitens sind Rabatte auch eine Ertragskomponente, die man sich nicht ohne Ende und auf immer leisten kann. Diese beiden Gründe haben uns dazu bewegt, die Rabatte zurückzufahren.

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Schauen wir uns die Preisentwicklung bei den Generika im Markt an, auch die der OTCs. Stellen Sie große Abweichungen fest oder hält man sich weitgehend an den empfohlenen Herstellerpreis?

Siebert:

Wir haben keine Untersuchungen dazu gemacht. Wir sehen zwar durchaus regionale Ausreißer, aber in der Summe wird der empfohlene Arzneimittelverkaufspreis eingehalten.

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Mit dem GMG ist der Versandhandel mit Arzneimitteln in Deutschland offiziell möglich geworden. Welche Position bezieht ratiopharm zu diesem Thema?

Siebert:

Wir sind nicht der Meinung, dass jetzt in Deutschland die großen Versandhandelsaktivitäten ausbrechen. Aus unserer Sicht ist der Apotheker vor Ort der beste Ansprechpartner für Arzneimittel. Er kennt seine Kunden, er kann seine Kundenbeziehung pflegen. Wenn er die Zustellung von Arzneimitteln in sein Marketing mit aufnimmt, dann hat er eine große Chance, seine Kunden auch auf diesem Weg stärker zu befriedigen.

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Was schätzen Sie: Welchen Anteil wird der Versandhandel in Deutschland erreichen?

Siebert:

Unserer Einschätzung nach weniger als 10 Prozent. Wenn Länder wie die USA mit einer schwachen Infrastruktur in sehr großen Regionen einen Versandhandelsanteil von 11 Prozent aufweisen, dann kann man in Deutschland mit einer sehr guten Infrastruktur von einem Prozentsatz unter 10% ausgehen. Ich glaube allerdings nicht, dass der Umsatz über den Versandhandel merklich zu steigern ist.

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Ein leidiges Thema für die Apotheker: die Importe. Nach den neuen Importvorgaben durch das GMG ist es für die Apotheker nicht immer leicht, die Importquote erfüllen zu können. Statt eines Generikums muss ein Import abgegeben werden. Inwieweit tangiert sie dies als Generikahersteller?

Siebert:

So manches Rezept könnte heute besser mit einem preiswerteren Generikum beliefert werden als mit einem Importpräparat. Da sehe ich durchaus Änderungsbedarf.

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Können Sie sich vorstellen, gemeinsam mit den Apothekern für die Abschaffung der Importquote zu kämpfen?

Siebert:

Durchaus. Die Leistungserbringer sollten in ihren gemeinsamen Interessen zukünftig viel enger zusammenrücken und sie auch gemeinsam vertreten.

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Schauen wir in die Zukunft. Wo sehen Sie die Schwerpunkte in der Kooperation mit dem Apotheker?

Siebert:

Wir weichen von unserer Strategie in keiner Weise ab. ratiopharm ist Marktführer. Wir werden auch in Zukunft in der Fernsehwerbung die Apotheke als Ort für die Abgabe von Arzneimitteln herausstellen – ein Signal unserer Partnerschaft. Wir können uns vorstellen, das Image von ratiopharm, nämlich eine der beliebtesten und bekanntesten Marken zu sein, in unserer Kommunikation in Zukunft noch wesentlich konkreter auf das Apothekenmarketing zu übertragen.

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Apropos Zukunft. Was ist in Zukunft von ratiopharm zu erwarten? Von einem Unternehmen, das in diesem Jahr sein 30-jähriges Bestehen feiert?

Siebert:

Unser Firmenjubiläum haben wir zum Anlass genommen, darüber nachzudenken, wie wir uns nicht nur auf dem Gebiet der Therapie, sondern auch der Prävention darstellen können. Welche Rolle kann unser Industriezweig dabei spielen, dem Bürger zu vermitteln, wie er sich gesund erhalten und gesund leben kann? Wir wollen uns stark dafür einsetzen, wie man Krankheiten präventiv vermeiden kann, wie man dies dem Bürger bewusster machen kann.

Wir werden diese Idee im Herbst mit einer "Gesundheitsbox" transportieren, in der wir den Bürgern in Deutschland Prävention nahe bringen wollen. In dieser Box werden wir den Besucher mit simplen Fragen konfrontieren, zum Beispiel: "Wie ernährst du dich, wie bewegst du dich, kennst du deine Risikofaktoren?" Letztendlich wollen wir darauf hinweisen: tu was für Deinen Körper - nutze Die Chancen!

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Wie sieht diese Box konkret aus?

Siebert:

Die Gesundheitsbox hat die Form einer übergroßen Arzneischachtel, 34 Meter lang, 14 Meter breit, achteinhalb Meter hoch. Im Innern findet der Besucher einzelne Stationen zu verschiedenen Themen wie Herz-Kreislauf, Krebs, Asthma, Diabetes. Gezeigt werden Risiken und v. a. die Chancen, präventiv etwas dagegen tun zu können. Es ist eine Mischung zwischen einer Ausstellung und einem anspruchsvollen didaktischen Museum, eine Box, in der Gesundheit steckt. Premiere ist vom 1. bis 4. Oktober in Ulm, danach geht die Gesundheitsbox ein Jahr auf Tour durch Deutschland.

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Frau Siebert, vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg mit der Gesundheitsbox.

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