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APV-Symposium Phytopharmaka: Nachhaltige Nutzung pflanzlicher Rohstoffe

Die grüne Welle boomt: Pflanzliche Arzneimittel erfreuen sich ständig wachsender Beliebtheit, Nahrungsergänzungsmittel und Kosmetika auf pflanzlicher Basis erleben weltweit einen ungeahnten Aufschwung. In vielen Regionen der Welt stützt sich das Gesundheitswesen nach wie vor auf eine breite Anwendung von Heilpflanzen. Woher aber kommen all die steigenden Mengen an Arzneidrogen? Stehen sie so unbegrenzt zur Verfügung? Und: Lässt sich dieser Bedarf mit dem Erhalt der Natur und mit dem Artenschutz vereinbaren? Solche und ähnliche Fragen zum Schlagwort "Nachwachsende Rohstoffe" dringen eigentlich erst allmählich - der Rio-Gipfel spielt dabei keine unerhebliche Rolle - in das öffentliche Bewusstsein. Dringlicher stellen sich solche Fragen der verarbeitenden Industrie. Antworten darauf versuchte ein TechnoPharm Side Symposium zu geben, das die APV-Fachgruppe Pharmazeutische Botanik am 5./6. Oktober 1999 in Nürnberg veranstaltete.

Stetig steigender Drogenbedarf

Die weltweite Bedeutung der Handelsware "Pflanzliche Rohstoffe" sei enorm, so Dr. Dagmar Lange, Sachverständige für Heilpflanzen im Sinne des Bundesnaturschutzgesetzes und Organisatorin des Seminars, in ihrem Einführungsvortrag: 1996 wurden über 440000 t als Ausgangsstoffe für Phytopharmaka, Heilmittel und Kosmetika gehandelt. Der Import ist um über 20% in den letzten 5 Jahren gestiegen. Nach Schätzungen werden 28% aller Pflanzenarten weltweit als Volksheilmittel verwendet, etwa 80% der Weltbevölkerung, so eine Studie der WHO, findet Heilung auf traditionelle Art durch Anwendung von Arzneipflanzen.

6000 Phytopräparate sind derzeit auf dem deutschen Markt, ein Viertel aller Verschreibungen sind Präparate auf pflanzlicher Basis. In Europa sind rund 2000 Heil- und Aromapflanzen im Handel, 1500 von ihnen werden in Deutschland verarbeitet. Sie stammen aus allen Regionen der Erde, mehr als die Hälfte der Arten aus Asien - hier spielt das zunehmende Interesse an fernöstlichen Heilweisen (TCM, Ayurveda) eine nicht unerhebliche Rolle. Innerhalb Europas sind die Mittelmeerländer sowie Ost- und Südosteuropa besonders reich an Heilpflanzen, aber auch die heimischen mitteleuropäischen Arten haben einen hohen kommerziellen Stellenwert.

Da überraschte es zu hören, dass nur etwa 130 Arzneipflanzen-Spezies heute großflächig angebaut werden. Sie stellen allerdings den Löwenanteil des Marktgeschehens. Von den 70000 ha Anbaufläche innerhalb der EU sind Frankreich (mit 25000 ha) und Spanien (19000 ha) die Hauptproduzenten, gefolgt von Deutschland (5700 ha) und Österreich (4300 ha); weiterer großflächiger Anbau findet sich in Ungarn und Polen.

Wildsammlung noch immer aktuell

Die Wildsammlung spielt noch immer eine dominante Rolle bei der Beschaffung der Rohware. Die jährlich in Europa wild gesammelte Menge an Drogen - ca. 70 bis 90% der Arten - wird auf 20000 bis 30000 t geschätzt. Die wichtigsten Lieferländer sind Bulgarien, Albanien, Türkei, typischerweise Länder mit einem niedrigen Bruttosozialprodukt.

Auch wenn Pflanzen nachwachsen, steht die Rohware nicht oder nicht mehr unbegrenzt zur Verfügung. Die Gefährdung hat unterschiedliche Ursachen: Der Handel mit wildgesammelter Droge wurde lange Zeit kaum kontrolliert, destruktive Sammelmethoden, hohe Ausbeutung - vor allem in armen Ländern - und die Suche nach potenziellen neuen Heilpflanzen führte zu Habitatzerstörungen. Das machte sich besonders in Osteuropa bemerkbar, wo der Zusammenbruch des staatlich kontrollierten Handels und die Veränderungen der Landwirtschafts- und Handelsstrukturen zu übermäßiger Sammlung und damit zu drastischen Rückgängen der Wildpopulationen führte.

Man schätzt heute, dass von den Heilpflanzen weltweit ca. 9000 Arten, in Europa etwa 150 Arten zumindest regional stark gefährdet sind und dass weltweit eine Abnahme der genetischen Diversität zu verzeichnen ist. In unseren Breiten gefährdet sind z.B. Adonis vernalis, Arctostaphylos uva-ursi, Arnica montana, Enzian- und Gypsophila-Arten.

Deutlicher Trend zum Anbau

Nicht nur der Druck auf die Wildpopulationen, auch das Problem der Arzneimittelhersteller, aus einem außerordentlich variablen Rohstoff - unter verschiedensten Klima- und Bodenbedingungen gewachsene und an unterschiedlichsten Standorten gesammelte Pflanzen - ein standardisiertes oder normiertes Endprodukt zu bereiten, führte zum Trend der vergangenen Jahrzehnte: weg von der Wildpflanzensammlung hin zum Arzneipflanzenanbau.

Landwirtschaftliches Know-how und ausgefeilte Technologien ermöglichen heute größtmögliche Chargenhomogenität von Rohdroge, erklärte Dr. A. Plescher, Artern/Thür., jedoch sei die Domestikation von Pflanzenarten auch heute noch ein komplexer und langwieriger Prozess. 10 bis 20 Jahre Entwicklung bis zum effektiven Anbau sei normal, oft habe bis dahin schon wieder eine Umorientierung der Nachfrage stattgefunden. Daher habe sich in den letzten Jahren ein "Abnehmer-kontrollierter Vertragsanbau" herausgebildet, wo der Aufkäufer unmittelbar Einfluss auf Anbau, Sorte und Bedarf nimmt. Hypericum natürlich, aber auch Chelidonium, Solidago, Urtica, Lycopus oder Primula werden nach diesem Prinzip angebaut.

Neu: Richtlinien für das kommerzielle Sammeln

Wo auf Wildsammlung nicht verzichtet werden kann - noch ist sie in vielen Ländern das billigste Gewinnungsverfahren und stellt dort einen wichtigen sozioökonomischen Faktor dar -, solle sie zumindest unter Bedingungen ablaufen, die eine größtmögliche Sicherung der Drogenqualität und bestandsverträgliche, nachhaltige Nutzung gewährleisten. Wildsammlung sollte immer durch ein Monitoring begleitet und ökonomisch mit Anreizen versehen werden, sodass kontrollierte Nutzung von Wildbeständen gleichzeitig wirtschaftlich ist und langfristig Schutz von Wildbeständen und Populationen bietet.

Neben dem international bereits praktizierten "Conservation Management" wurden jetzt detaillierte "Richtlinien für das kommerzielle Wildsammeln von Pflanzenmaterial für medizinische Zwecke" entwickelt. Prof. Dr. G. Harnischfeger, Salzgitter, Mitinitiator dieser Good Harvesting Praxis for Collected Plant Material (GHP), betonte bei ihrer Vorstellung, dass darin vor allem Forderungen berücksichtigt wurden, die sich aus Anwendervorschriften der EU und aus nationalen deutschen Zulassungsvorschriften ergeben haben.

Gebot der Nachhaltigkeit auch bei Medikamenten

Die kommerzielle Nutzung von natürlichen Ressourcen wird dann problematisch, wenn die Nachfrage die Erneuerung übersteigt. Als Konsequenz musste eine Reihe von Heil- und Aromapflanzen national oder sogar international unter Schutz gestellt werden und die Nutzung der Pflanzen sowie der Zugang zu genetischen Ressourcen international durch das Übereinkommen über die biologische Vielfalt (Convention on Biodiversity, CBD) geregelt werden.

Dr. U. Schippmann vom Bundesamt für Naturschutz durchleuchtete die verzahnten und ineinandergreifenden internationalen und nationalen Regelwerke zum Arten- und Ressourcenschutz, allen übergeordnet CITES (Convention on International Trade in Endangered Species of Wild Fauna and Flora, auch Washingtoner Artenschutz-Übereinkommen genannt) mit 140 Signatarstaaten.

Obwohl Konfrontationen widersprechender nationaler und internationaler Interessen manchmal nicht zu vermeiden sind, steht das große Ziel der nachhaltigen Nutzung und des nachhaltigen Handels außer Frage. Schippmann appellierte an die verarbeitende Industrie, durch Forschung und begleitendes Monitoring in die Sicherung der nachhaltigen Nutzung von Heil- und Aromapflanzen zu investieren. Außerdem sollte das Gebot der Nachhaltigkeit ein Kriterium bei der Anerkennung von Medikamenten werden.

Bioprospektion: die "grünen Schätze" heben

Einen Paradigmenwechsel läutete 1992 in Rio die Konvention zur biologischen Vielfalt (CBD) ein, so Dr. Th. Plän vom Institut für Biodiversität, Regensburg. Die Souveränität über das "Common Heritage", die genetischen Ressourcen der Erde, wurde damals in die Hand der Nationalstaaten gegeben. Der Nutzungszugang zu den Ressourcen erfordert nun die Erlaubnis der Eigner-Staaten und deren Beteiligung an zu erwartenden Profiten. Nicht überraschend also die Rekordzahl von 175 Unterzeichnerstaaten bis 1999. Der Gesamtmarkt für alle Nutzungsoptionen biologischer Ressourcen wird heute mit 500 bis 800 Milliarden US-Dollar dem petrochemischen oder dem Computer-Markt gleichgestellt - "und manche tropischen Länder mit hoher Artenvielfalt glauben jetzt, sie sitzen auf einer grünen Goldtruhe".

Noch ist erst ein geringer Prozentsatz der pflanzlichen oder marinen Arten auf potenzielle therapeutische und andere Nutzwirkungen untersucht worden. Neu eingeführt wurde zu diesem Zwecke die Bioprospektion. Dieser Begriff steht für die Evaluierung biologischer Ressourcen - also wildlebender Arten, deren Biomasse, Inhaltsstoffe und Gene -, biologischer Prozesse und Funktionsprinzipien im Hinblick auf eine potenzielle kommerzielle, biotechnologische Nutzung.

Nur wenige Naturstoffe sind direkt nutzbar. Die Fülle neuer Technologien eröffnet aber ungeahnte Perspektiven im Auffinden neuer biologisch aktiver Komponenten und ihrer Abwandlung zu wertvollen Produkten. Enzymen gilt derzeit das größte Interesse. Durch die Prospektion eröffnen sich für Entwicklungsländer neue Einnahmequellen, jedoch müssten auch die Prospektierungsmaßnahmen auf nachhaltige Weise durchgeführt werden.

Die Praxis am Beispiel von Adonis, ...

Wie solch eine Kooperation mit Ressourcenländern auf der Suche nach neuen Forschungspflanzen in Übereinstimmung mit der CBD realisiert wird, berichtete Dr. W. Schmid von der Fa. Schwabe, Karlsruhe. Bei Schwabe habe man sich für den ethnomedizinischen Ansatz des zielgerichteten Indikationsscreening entschieden. Im Gegensatz zum Robot-Screening seien dabei die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Partnerorganisationen und heilkundigen Einheimischen sowie infrastrukturelle Grundvoraussetzungen entscheidend für den Erfolg.

Die Vergütung nach "Rio-Art" erfolge teils monetär durch Bezahlungen oder Lizenzgebühren, teils durch Beiträge zur Entwicklung des Partners oder durch "benefit sharing", d.h. durch Technologie- oder Know-how-Transfer, Comarketing oder Anbau im Partnerland. Damit sollen in erster Linie die Bevölkerung und die Aktivitäten zur Erhaltung der biologischen Vielfalt im Herkunftsland unterstützt werden.

Dass heute solche länderübergreifenden Reglementierungen und Maßnahmen äußerst dringlich sind, konnten einige Beispiele verdeutlichen: Adonis vernalis - wegen seiner herzwirksamen Glykoside 1996 noch Bestandteil von 140 deutschen Fertigpräparaten, von denen zwei zu den zehn meistverschriebenen pflanzlichen Herzmitteln gehörten - widersetzt sich bisher allen Anbau- und Züchtungsversuchen. Übersammlung und Zerstörung der Habitate in seinen östlichen Verbreitungsgebieten (Bulgarien, Rumänien, Ukraine) gefährden den Fortbestand der Art, aber auch der daraus hergestellten Präparate. Nur in einer konsequenten Anwendung der bestehenden internationalen Artenschutzgesetze sowie einer multilateralen Überwachung des Handels und der Einhaltung konservierender Sammelpraktiken lässt sich dem Aussterben dieser und vieler anderer Arten entgegenwirken.

... von Prunus africana ...

Rindenextrakte von Prunus africana (Afrikanisches Stinkholz) dienen vor allem in Frankreich und Italien der Herstellung von Prostatamitteln (Handelswert von Prunus-africana-Präparaten ca. 220 Mio. US-Dollar pro Jahr). In Madagaskar, einem der Hauptlieferländer, hat man zur Gewinnung der Rinde die Bäume bisher kurzerhand gefällt. Ein internationales Forschungsprojekt in Kamerun versucht nun, in Anbauversuchen und alternativen Schälpraktiken - die Rinde wächst wie bei der Korkeiche wieder nach - zusammen mit nachhaltigen Handelsregulierungen das Aussterben dieser Art zu verhindern.

... und von Arnika

Für Arnika, lange Zeit aus ähnlichen Gründen nahe an der Gefährdungsgrenze, scheint die schlimmste Gefahr gebannt zu sein: Versuche, A. montana anzubauen, waren nach langen Jahren endlich erfolgreich; die Aussetzung von Wildpflanzen an natürlichen Standorten und ökologisches Habitatmanagement konnten die Wildbestände wieder vermehren.

Im Schwarzwald und besonders erfolgreich in den Vogesen initiierte die Fa. Weleda solche wissenschaftlich begleiteten Projekte, wie Agr.-Ing. M. Straub, Schwäbisch Gmünd, berichtete. Arnika könnte ihren Habitaten - meist Magerwiesen - einen kommerziellen Wert verleihen, wenn ihre Blätter wieder gesammelt werden dürfen.

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