Arzneimittel und Therapie

Hebt Tibolon die Stimmung?

Tibolon ist ein synthetisches Steroid mit einer schwachen östrogenen, gestagenen und auch androgenen Partialwirkung, das in vielen Ländern, beispielsweise den Niederlanden und Großbritannien, bereits seit zehn Jahren zur Behandlung menopausaler und postmenopausaler Beschwerden eingesetzt wird. Unter dem Warenzeichen Liviella® wird Tibolon jetzt auch in Deutschland eingeführt. Tibolon ist für die postmenopausale Patientin ähnlich wie die Östrogen-Gestagen-Kombinationstherapie vorgesehen.


Bei zunehmender Lebenserwartung wird eine Frau in Zukunft etwa ein Drittel ihres Lebens jenseits der Menopause verbringen. Klimakterium und Postmenopause bringen jedoch zahlreiche klinischen Probleme mit sich. Akute Beschwerden wie Hitzewallungen spielen dabei ebenso eine Rolle wie die langfristigen Auswirkungen auf das Herz-Kreislauf-System, die Knochen und den Urogenitaltrakt.
Doch nicht bei allen Frauen verändert sich die hormonelle Situation in gleicher Weise. In und nach der Menopause können unterschiedliche Verteilungsmuster auftreten, die auch eine individualisierte Therapie erfordern. Beispielsweise kann zu viel Testosteron gebildet werden, was sich in einem verstärkten Bartwuchs äußert. Bei einer erniedrigten Testosteronproduktion sinkt die Libido, und die Frau nimmt an Gewicht zu. Auch für die Festigkeit des Bindegewebes ist Testosteron wichtig.

Zu wenig Frauen substituieren Hormone


Obwohl allgemein anerkannt ist, dass viele menopausalen Beschwerden und Gesundheitsrisiken mit einer entsprechenden Hormontherapie wirkungsvoll behandelt werden können, substituieren in Europa nur relativ wenige postmenopausale Frauen. Häufige Gründe für einen Therapieabbruch sind beispielsweise vaginale Blutungen, Schmerzen oder Spannungsgefühl in der Brust, Angst vor Brustkrebs und das Risiko venöser Thromboembolien.

Tibolon als Alternative zur herkömmlichen Hormonersatztherapie


Das synthetische Steroid Tibolon wird in vielen Ländern bereits seit zehn Jahren ähnlich wie die Östrogen-Gestagen-Kombinationstherapie zur Behandlung der postmenopausalen Patientin eingesetzt, bei der die letzte Regelblutung bereits ein Jahr zurückliegt. Es eignet sich als Folgetherapie der zunächst sequentiellen Therapie im Klimakterium oder in der frühen Menopause und als Ersttherapie bei bereits postmenopausalen Patientinnen ohne Hormonerfahrung oder bei Kontraindikationen für Östrogentherapien.

Unterschiedliche Wirkungen


Tibolon und seine drei Hauptmetaboliten entfalten an verschiedenen Organen unterschiedliche Wirkungen. Tibolon selbst besitzt östrogene, gestagene und milde androgene Eigenschaften. Die Substanz wird in der Leber vorwiegend in den 3-alpha- und den 3-beta-Hydroxy-Metaboliten umgewandelt. Diese wirken überwiegend östrogen. Im Endometrium wird Tibolon zum Delta-4-Metaboliten umgebaut. Dieser wirkt stärker gestagen, androgen-anabol und östrogen und bewirkt den typischen Effekt auf das Endometrium.
Da Tibolon infolge seiner gestagenen Wirkung das Endometrium nicht stimuliert, ist die zusätzliche Gabe eines Gestagenpräparates bei Frauen mit einem intakten Uterus nicht erforderlich. Wegen seiner gewebespezifischen Wirkung auf das Endometrium wird Tibolon auch zur Behandlung der Endometriose erprobt. Da Tibolon die Plasmaspiegel von FSH und LH senkt, wird bei prämenopausalen Frauen die Ovulation unterdrückt.
Tibolon ist in einer Dosierung von 2,5 mg täglich ebenso wirksam gegen klimakterische Beschwerden, vor allem gegen Hitzewallungen, Schweißausbrüche und urogenitale Involution wie die koninuierliche kombinierte Hormonsubstitution. Es zeichnet sich durch eine deutlicher ausgeprägte Verbesserung der Stimmungslage, der Libido und des Wohlbefindens aus. Dieser Effekt wird auf die mild androgene Teilwirkung von Tibolon zurückgeführt.
Außerdem kommt es kaum zu unangenehmen Zwischenblutungen. Über 90 Prozent der Anwenderinnen werden innerhalb von drei Monaten nach Behandlungsbeginn blutungsfrei.

Raloxifen wirkt nicht gegen die Beschwerden


Östrogene und Gestagene steigern das Risiko für Brustkrebs in geringem Ausmaß. Bei besonders gefährdeten Frauen kann zur Osteoporoseprophylaxe alternativ zur Hormontherapie der kürzlich eingeführte selektive Östrogenrezeptormodulator Raloxifen eingesetzt werden. Raloxifen wirkt an der Brust und am Endometrium antiöstrogen, was im Hinblick auf Brustkrebs und Blutungen wünschenswert ist. Für das klimakterische Syndrom wirkt Raloxifen allerdings als Östrogen-Antagonist, so dass es die typischen klimakterischen Beschwerden nicht bessert oder sogar leicht verstärkt.
Hier könnte Tibolon Vorteile bieten, da es vergleichbar mit Östrogenen und Raloxifen den Verlust der Knochenmasse in der Postmenopause aufhalten kann, aber gleichzeitig auch gegen Wechseljahresbeschwerden wirkt. Allerdings ist Tibolon bisher nur zur Behandlung von Wechseljahresbeschwerden und nicht zur Osteoporoseprophylaxe zugelassen.

Sinkt das Brustkrebsrisiko?


Unter einer konventionellen Hormonersatztherapie nimmt die Dichte des Brustgewebes zu, was die Früherkennung eines Mammakarzinoms erschwert. Dies ist bei einer Therapie mit Tibolon nicht der Fall. Möglicherweise kann Tibolon das Brustkrebsrisiko im Gegensatz zur konventionellen Hormonersatztherapie sogar senken. Darauf weisen einige In-vitro-Untersuchungen und die Daten der Postmarketing Surveillance hin. Umfassende klinische Daten fehlen jedoch bis jetzt. Ein möglicher Wirkungsmechanismus: In der Brust hemmt Tibolon das Enzym, das inaktiviertes Östrogen in das aktive 17-beta-Östradiol umwandelt.

Positive Wirkungen auf das Herz-Kreislauf-System?


Welche Langzeitwirkungen Tibolon auf das Herz-Kreislauf-System hat, ist derzeit noch unklar: Tibolon beeinflusst die Blutgerinnung kaum und steigert die Fibrinolyse, wodurch sich das Risiko für venöse Störungen erniedrigt. Auch wird der Blutfluss verbessert. Die meisten Parameter des Lipidstoffwechsels werden günstig beeinflusst: Die Triglyceride und Lipoprotein (a) werden gesenkt. Unklar ist jedoch die Bedeutung der prognostisch ungünstigen Senkung des HDL-Cholesterins.
Quelle
Prof. Dr. Thomas von Holst, Heidelberg, Prof. Dr. Herjam J. T. Coelingh Bennink, Oss, Prof. Dr. Dr. Johannes Huber, Wien, Dr. med. Beate Leifels-Fischer, München, Pressekonferenz zur Einführung von Liviella -Liviella bringt neue Lust aufs Leben, München, 2. März 1999, veranstaltet von Organon GmbH, Oberschleißheim.
Dr. Bettina Hellwig, Stuttgart

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