Update des Artikels vom 18. Dezember 2023

Engpass verschärft sich: Sanofi nimmt seinen Tollwutimpfstoff vom Markt

Stuttgart - 18.12.2023, 17:50 Uhr

Von streunenden Hunden geht in Tollwut-Endemiegebieten die größte Gefahr aus. (Foto: Trsakaoe / AdobeStock)

Von streunenden Hunden geht in Tollwut-Endemiegebieten die größte Gefahr aus. (Foto: Trsakaoe / AdobeStock)


Der Tollwut-Impfstoff Rabipur ist schon seit über einem Monat knapp. Nun fällt auch noch das Alternativpräparat von Sanofi weg. Die STIKO hat daher neue Handlungshinweise veröffentlicht. Diese beschreiben, wer (bevorzugt) eine präexpositionelle Schutzimpfung bekommen sollte und wo Apotheken Impfstoff erhalten können, wenn dieser nach einem riskanten Tierkontakt dringend gebraucht wird.

Ein Blick in die Liste der Lieferengpässe von Human-Impfstoffen des Paul-Ehrlich-Institutes verrät: Bereits seit dem 6. November 2023 ist der inaktivierte Tollwut-Impfstoff Rabipur von Bavarian Nordic A/S knapp. Voraussichtlich wieder verfügbar sein soll er erst nach der Weihnachts-Reisezeit, nämlich ab dem 31. Januar 2024.

Als Alternative zu Rabipur war bislang der (wenngleich ebenfalls nur punktuell bestellbare) Tollwut-Impfstoff (HDC) inaktiviert von Sanofi aufgeführt. Seit dem heutigen Montag wird jedoch lediglich auf aktualisierte Handlungshinweise der STIKO verwiesen. In diesen werden der Leser und die Leserin informiert, weshalb HDC nun keine Alternative mehr darstellt und was das bedeutet:


„Durch Einstellung des Inverkehrbringens von Tollwutimpfstoff (HDC) inaktiviert steht derzeit kein alternativer Tollwutimpfstoff zur Verfügung. Während die Belieferung von Notfalldepots der Landesapothekerkammern sichergestellt wird, kann es in der Peripherie zu Lieferengpässen kommen.“

Aus den „Mitteilungen der STIKO zum Impfen bei eingeschränkter Verfügbarkeit von Impfstoffen“


Gänzlich aus dem Bereich der Tollwut-Prophylaxe zieht sich Sanofi aber nicht zurück. Bereits seit Juni 2023 ist mit Verorab Pulver und Lösungsmittel zur Herstellung einer Injektionssuspension ein neuer Tollwutimpfstoff von Sanofi zugelassen. Dieser enthält inaktivierte Tollwut-Viren vom Stamm WISTAR PM/WI 38-1503-3M. Auf dem Markt ist das Präparat aktuell noch nicht.* 

In den weiteren Hinweisen differenziert die STIKO zwischen der Anwendung von Rabipur zur Postexpositionsprophylaxe (PEP) und zur präexpositionellen Impfung.

Für die PEP-Anwendung sei die Verfügbarkeit gewährleistet, heißt es, und zwar über die öffentliche Apotheke. Kann diese im Akutfall über ihren Großhandel das benötigte Präparat nicht beziehen, kann sie auf die Notfalldepots zugreifen.

Wer benötigt eine Tollwut-Postexpositionsprophylaxe (PEP)?

Eine PEP ist angezeigt, wenn Personen so in Kontakt mit tollwütigen oder tollwut-verdächtigen Tieren gekommen sind, dass eine Übertragung des Tollwutvirus möglich war. Dazu zählt etwa, wenn das Tier an nicht-intakter Haut (Kratzer, Hautabschürfungen) geleckt oder geknabbert hat sowie wenn das Tier gebissen oder gekratzt hat oder Wunden bzw. Schleimhäute mit Tierspeichel in Kontakt gekommen sind. Wurde das Tier jedoch lediglich mit intakter Haut berührt, ist keine PEP erforderlich.

In Deutschland sind Fledermäuse das einzige Reservoir von Tollwutviren, sodass nur nach Fledermauskontakt, nach Kontakt mit auffälligen Heimtieren (Hund, Katze, Frettchen), deren Herkunft und Impfstatus unbekannt ist bzw. mit Tieren, die aus Tollwut-Endemiegebieten mitgebracht wurden oder nach Kontakt zu Tieren in Tollwut-Endemiegebieten eine PEP-Indikation besteht.

Die PEP besteht je nach Impfstatus und Grad der Exposition aus insgesamt zwei bis drei Impfdosen, ggf. kombiniert mit Tollwut-Immunglobulin.

Für die Anwendung als präexpositionelle (Reise-)Impfung heißt es unterdessen, die Indikation solle streng gestellt und das Expositionsrisiko genau geprüft werden. Die Indikation bestehe in erster Linie bei Personen, die in Tollwut-Endemiegebieten „längere Zeit, insbesondere in ländlichen Gebieten ohne ausreichende medizinische Versorgung und unter einfachen Bedingungen reisen“ sowie wenn dort ein Umgang mit Säugetieren geplant sei. Planbare Auffrischimpfungen sollen derzeit bis zur Wiederverfügbarkeit der Impfstoffe verschoben werden. Eine Tollwut-Antikörperbestimmung kann „in begründeten Einzelfällen“ hilfreich sein.

Für Personen, die ihre präexpositionelle Impfserie bereits begonnen haben, gilt, dass „in Ausnahmefällen bei mangelnder Verfügbarkeit von Impfstoffen und dringender Impfindikation […] das 2-Impfstoffdosen-Schema der WHO angewendet werden“ kann. Hierbei wird eine Impfdosis am Tag 0, die zweite frühestens am Tag 7 verabreicht. Gemäß den Angaben der Fachinformation sowie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist dieses Impfschema bei immunkompetenten Personen ausreichend. Die STIKO empfiehlt jedoch standardmäßig die Gabe von insgesamt drei Impfdosen an den Tagen 0, 7 und 21-28. Wer nun nur zwei Dosen erhält, „sollte nach einem Mindestabstand von 1 Jahr eine 3. Impfstoffdosis“ verabreicht bekommen.

Zugriff auf die im Notfalldepot gelagerten Vakzinen haben Apotheken bei der präexpositionellen Anwendung nicht, da die hier gelagerten Medikamente und Impfstoffe ausschließlich zur Versorgung in lebensbedrohlichen Notfällen vorgesehen sind. 

* Dieser Abschnitt wurde am 21.12.2023 ergänzt.

Literatur:

Lieferengpässe von Human-Impfstoffen. Übersicht des Paul-Ehrlich-Institut. Stand 18.12.2023, www.pei.de/DE/arzneimittel/impfstoffe/lieferengpaesse/lieferengpaesse-node.html

Tollwut. RKI-Ratgeber. Stand: 29.09.2022, www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Merkblaetter/Ratgeber_Tollwut.html#doc2392880bodyText15

Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) und der Deutschen Gesellschaft für Tropenmedizin, Reisemedizin und Globale Gesundheit e.V. (DTG) zu Reiseimpfungen. Epid Bull 2023;14:1–193 | DOI: 10.25646/11201.3, www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2023/14/Art_01.html

Verorab Pulver und Lösungsmittel zur Herstellung einer Injektionssuspension. Informationen aus dem öffentlich zugänglichen teil der AMIce Datenbank. Dokumentausgabe. Abgerufen am 21.12.2023. https://portal.dimdi.de/amguifree/am/docoutput/jpadocdisplay.xhtml?globalDocId=CB46783C22FF4DE09D6310F9F6550FDD&directdisplay=true&docid=1


Dr. Gesa Gnegel, Apothekerin und Redakteurin, Deutsche Apotheker Zeitung (gg)
redaktion@daz.online


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