Eigenproduktion

Coronakrise: Wenn Apotheker zu Desinfektionsmittel-Großherstellern werden

Düsseldorf - 25.03.2020, 17:54 Uhr

Apotheker Dr. Björn Schlittenhelm aus Holzgerlingen hat in den vergangenen Wochen eine groß angelegte Produktion von Desinfektionsmitteln ins Leben gerufen und versorgt nun Arztpraxen in seiner Region. (Foto: privat)

Apotheker Dr. Björn Schlittenhelm aus Holzgerlingen hat in den vergangenen Wochen eine groß angelegte Produktion von Desinfektionsmitteln ins Leben gerufen und versorgt nun Arztpraxen in seiner Region. (Foto: privat)


Dr. Björn Schittenhelm, Apotheker der Alamannen-Apotheke im baden-württembergischen Holzgerlingen, hat in diesen Tagen viel zu tun – er beliefert einen Großteil der Praxen im Großraum Stuttgart mit dringend benötigtem Hand-Desinfektionsmittel, die er in großem Maßstab selbst herstellt.

Seitdem die Landesapothekerkammer Baden-Württemberg gemeinsam mit der Landesärztekammer und der Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg jetzt ihr „Desinfektionsmittel-Bestandsportal“ für Arzte online gestellt haben, steht in der Alamannen-Apotheke in Holzgerlingen, rund 20 Kilometer südwestlich von Stuttgart, das Telefon kaum mehr still. „Wir hatten allein heute Morgen bereits 120 Bestellungen von Arztpraxen aus dem ganzen Großraum Stuttgart“, sagt Apotheker Dr. Björn Schittenhelm. „Die sind regelrecht verzweifelt, weil der Markt so leergefegt ist“, sagt er.

DAZ.online hatte über das Portal bereits berichtet: In dem Verzeichnis hat die Kammer aufgelistet, wo Arztpraxen noch Hand-Desinfektionsmittel bekommen können – Schitthelms Apotheke ist einer dieser Orte. Ihn habe kürzlich gar der Präsident der Kassenärztlichen Vereinigung angerufen, mit der Bitte, Desinfektionsmittel zu produzieren, weil sonst bald die Notfallpraxen schließen müssten, sagt der Apotheker. So habe er damit vor rund vier Wochen angefangen.

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Er ist einer von nur wenigen Apothekern im Bundesland, die in größerem Maßstab viruzide Handdesinfektionsmittel nach der WHO-Mischung aus hochreinem Alkohol, Wasserstoffperoxid, Glycerol und destilliertem Wasser herstellen. Seit Anfang März dürfen das zwar per Ausnahmegenehmigung bundesweit alle Apotheker – doch vor allem der Rohstoff Alkohol in Form von Ethanol oder Iso-Propanol ist schwer zu bekommen, heißt es.

„Eigentlich gibt es den Rohstoff aber in rauen Mengen. Allerdings bekommt man eher was, wenn man wirklich große Mengen bestellt“, sagt Schittenhelm. So große Mengen, dass sie in den meisten Apotheken nicht verarbeitet werden können – und dürfen. „Kaum eine Apotheke darf mit 1000-Liter-Kanistern reinem Alkohol in ihrem Labor hantieren“, sagt der Apotheker. Das darf er auch nicht. Allerdings kooperiert Schittenhelm mit einem Aquaristik-Ausrüster in der Nähe, dessen hochwertig ausgerüstetes Labor in diesen Tagen ohnehin sonst nicht arbeiten könne.

„Für Meeresaquarien benötigt man hochreine Standards – und die können wir nun zur Produktion des Hand-Desinfektionsmittels nutzen“, sagt Schittenhelm. Unter seiner fachlichen Aufsicht produziert er so in mehreren Tausend Liter Maßstäben das dringend in den Arztpraxen benötigte Desinfektionsmittel. „Dabei haben wir auch modernste Analysetechnik vor Ort, mit der der Reinheitsgrad bestimmt werden kann“, sagt der Apotheker, für den die Desinfektionsmittel-Produktion gerade zu einem 24 Stunden, sieben Tage-Vollzeitjob geworden sei. Er wisse nur von noch zwei anderen Apothekern, die in dem Maßstab produzieren könnten, sagt Schittenhelm.

Kauf direkt in großen Mengen beim Großhandel

Alle zwei bis drei Tage verarbeite er derzeit rund 2000 Liter. Bestellen würde er dafür direkt beim Großhandel und würde die Zwischenhändler so umgehen. „Dort bekommen wir dann diese Mengen auch geliefert“, sagt er. Dabei seien auch zwei Großdestillerien, die in der Lage seien, hochreinen mindestens 96-prozentigen Alkohol zu produzieren.

„So können wir auch noch vernünftige Preise verlangen“, sagt er. Dafür habe er fast schon Drohanrufe bekommen, er würde die Preise kaputt machen, sagt er. Fünf Liter WHO-Mischung kann er derzeit für in der Größenordnung von 100 Euro verkaufen – dennoch mit Gewinnspanne. „Mancherorts zahlt man bereits 250 Euro für diese Menge“, weiß er zu berichten.

Er plant, die Produktion noch rund drei bis vier Wochen aufrecht zu erhalten. „Dann müsste eigentlich die Industrie auch mal wieder einspringen“, sagt er. Deren Produktion wird in diesen Tagen ebenfalls ausgeweitet. In Niedersachsen etwa, so berichtet der NDR, haben nun alle Unternehmen der chemischen Industrie sowie Kosmetik- und Parfümhersteller die offizielle Erlaubnis, Hand-Desinfektionsmittel herzustellen.

(Foto: privat)

Spirituosen-Hersteller spenden hochreinen Alkohol

Andernorts liefern Spirituosen-Hersteller hochreinen Alkohol, wie etwa das Unternehmen Jägermeister, das jetzt 50.000 Liter an das Klinikum Braunschweig lieferte, wie die FAZ berichtet. In Großbritannien spendete der Spirituose-Hersteller Diageo, der sonst Johnnie Walker, Smirnoff und Guinness herstellt, zwei Millionen Liter hochreinen Alkohol – und die Beck‘s Brauerei in Bremen produziert dem Bericht zufolge nun selbst Desinfektionsmittel.

Schittenhelm jedenfalls hat Vorkehrungen getroffen, dass seine derzeit rund 6000 Flaschen a 100 und 500 Millilitern WHO-Mischung, die er pro Tag abfüllt, nicht von Privatpersonen oder auch Arztpraxen gehamstert wird. „Den Arztpraxen liefern wir nur immer eine Wochenration. Die sollen sich damit ja die Hände desinfizieren und nicht darin baden“, sagt er. Für die Kunden, die in seiner Alamannen-Apotheke Hand-Desinfektionsmittel kaufen, hat er das dänische Modell eingeführt. „Die ersten beiden Flaschen gibt es zum ganz normalen Preis. Ab der dritten Flasche muss man dann das drei- bis vierfache bezahlen. Das was wir da mehr einnehmen spenden wir einer Initiative, die hier vor Ort im Zusammenhang mit Corona hilft“, sagt er. Aber auch den Preis seien die Menschen derzeit bereit zu zahlen.



Volker Budinger, Autor DAZ.online
redaktion@daz.online


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1 Kommentar

warum nur vorübergehend?

von norbert brand am 26.03.2020 um 8:29 Uhr

„Dann müsste eigentlich die Industrie auch mal wieder einspringen“ Darauf würde ich mich nicht verlassen. Die (Groß)Industrie hat doch nur noch Interesse an lukrativen Produkten. Warum wird denn inzwischen nahezu jedes Symptom mit TNF-Alpha-Hemmern, Antikörpern und/oder ähnlichen Biologika, allesamt Hochpreiser, behandelt? Denn nur da gibt es richtig Rendite, die auch den Shareholder befriedigt. Die geringe Marge, die ein Paracetamol, Chloroquin, Warfarin und andere kleine Moleküle abwerfen, interessieren bald niemanden mehr. Warum stößt denn jeder globale Pharmakonzern irgendwann seine OTC-Sparte ab? Warum werden denn bei Altpräparaten soviele Zulassungen nicht mehr verlängert? Weil das Verhältnis Aufwand/Ertrag die Industrie nicht zufrieden stellt und - Asche auf das Haupt vieler Arzneimittel-Experten - weil wir ständig nach "modernen Studien" schreien, die bei bewährten Molekülen im Grunde nicht nötig sind. Also lieber Kollege Schittenhelm, warum das wieder aufgeben? Sie setzen den Trend, es müssen nur noch mehr nachziehen und demonstrieren, daß die Apotheke hier eine immer größer werdende Lücke schließen kann. Die Rohstoffseite ist bei vorhandener Nachfrage leichter abzusichern, als wir denken. Der gesetzliche Rahmen läßt sich dann immer noch anpassen, wie die Gegenwart zeigt. Aber wenn wir immer stereotyp sagen, wir können das nicht machen, weil wir es nicht dürfen, dann kann man das auch so interpretrieren, daß wir gar nicht wollen.

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