Blaue Stunde der Gehe

E-Rezept: Große Erwartungen und etwas Sorge

Hamburg - 06.02.2020, 16:30 Uhr

Christian Klose (links) ist beim Bundesgesundheitsministerium für das E-Rezept zuständig. Rechts im Bild: Gastgeber Dr. Peter Schreiner, Vorsitzender der Gehe-Geschäftsführung. (Foto: Hauke Hass/vor-ort-foto.de)

Christian Klose (links) ist beim Bundesgesundheitsministerium für das E-Rezept zuständig. Rechts im Bild: Gastgeber Dr. Peter Schreiner, Vorsitzender der Gehe-Geschäftsführung. (Foto: Hauke Hass/vor-ort-foto.de)


Das E-Rezept soll das Papierrezept nicht digital nachahmen, sondern Mehrwerte bieten. Darum wird es Gewohnheiten der Patienten und Abläufe in den Apotheken verändern. Bei einer Veranstaltung der Gehe am Mittwoch waren sowohl die gespannte Erwartung auf die Neuerungen als auch die Sorge vor unfairen Rahmenbedingungen zu erleben. Doch alle waren sich einig, dass die Zeit für das E-Rezept reif ist. 

Welche Chancen und Herausforderungen das E-Rezept für die Apotheken bietet, hinterfragte der Pharma-Großhändler Gehe in einer „blauen Stunde“ am Mittwochabend in Hamburg. Dort erklärte Christian Klose, Leiter der Unterabteilung Gematik im Bundesgesundheitsministerium, die Digitalisierung werde nur funktionieren, wenn sie den Nutzern einen Mehrwert biete. Analoge Prozesse zu digitalisieren, sei dafür der falsche Weg. Die Frage sei, was eine Anwendung biete müsse, um die Wünsche der Patienten nach mehr Gesundheit und längerem Leben zu erfüllen. Der Datenschutz sei sehr wichtig, aber nicht das „absolut Wichtigste“. Klose erklärte dies mit einem Vergleich aus der Luftfahrt: Eine Fluggesellschaft könne nicht versprechen, dass nie ein Flugzeug abstürze. Doch sie könne alles tun, um einen Absturz zu verhindern. In diesem Sinne sei das System in Deutschland sehr gut. Außerdem müsse die Technik begeistern, die Anwender unterstützen und verständlich sein. Doch entscheidend für die Umsetzung sei die Kultur zu adressieren.

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Frank-Ullrich Schmidt, Referatsleiter beim GKV-Spitzenverband, betonte den erwarteten Nutzen des E-Rezeptes durch den Verzicht auf Medienbrüche und Papier und durch den Gewinn an Informationen für den Patienten, wenn die Daten auch in die E-Patientenakte einfließen. Der GKV-Spitzenverband sei allerdings enttäuscht, dass im jüngsten Referentenentwurf das E-Rezept nicht als Pflichtanwendung vorgesehen sei.

Gewinner und Verlierer unter den Apothekern erwartet

Gehe-Chef Dr. Peter Schreiner prognostizierte, dass das E-Rezept den Apothekenmarkt verändern werde. Es werde Gewinner und Verlierer geben. Schreiner warb dafür, die Chancen für die Patienten und für die Apotheken zu erkennen. Apotheker könnten ihr Fachwissen besser einbringen, wenn die Patientendaten übersichtlich vorliegen. Darum plädierte Schreiner für ein offenes System mit Schnittstellen. Es sei unerträglich, dass jeder auf seinem Datenpool sitze. Zugleich betonte Schreiner, dass die freie Apothekenwahl unbedingt erhalten bleiben müsse. Andreas Thiede, Gehe-Geschäftsführer Marketing und Vertrieb, sensibilisierte dafür, dass sich die Gewohnheiten ändern. Patienten würden Waren vom Sofa aus bestellen.

Peter Menk, Geschäftsführer der Initiative Pro AvO, erklärte, die Initiative wolle, dass die Rezepte weiter in die Apotheke vor Ort kommen. Doch es biete den Patienten keinen Vorteil, statt des Papiers ein Telefon in die Apotheke zu tragen. Vorteilhaft für Patienten und Apotheken sei dagegen, wenn der Patient das Rezept vorab sendet und später die Arzneimittel abholt. Damit würde die für alle ärgerliche Situation vermieden, dass das Arzneimittel nicht vorrätig ist.

Wollen die Patienten AMTS oder Bequemlichkeit?

In der Diskussion mit dem Publikum bekräftigte Klose, eine App solle nicht nur Papier ersetzen, sondern Mehrwerte bieten: „Es geht auch um bessere Versorgung.“ Es böten sich viele Optionen, um die Arzneimitteltherapiesicherheit zu verbessern und damit hoffentlich Todesfälle zu verhindern. Kai-Peter Siemsen, Präsident der Hamburger Apothekerkammer, entgegnete, dass sei für die Gesellschaft vorteilhaft, aber den Patienten gehe es um Bequemlichkeit oder um Boni. Doch wenn Boni möglich seien, entstehe ein teures System, weil zusätzliche Mittel nötig seien, um die flächendeckende Versorgung zu sichern. Auch andere Apotheker im Publikum zeigten sich erfreut über neue Möglichkeiten durch das E-Rezept, aber sie fürchten zugleich einen unfairen Wettbewerb durch Boni aus dem Ausland. Auch das fehlende Makelverbot für Dritte wurde angemahnt. Dafür zeigte Klose Verständnis, aber um den deutschen Markt zu schützen sei auch mehr Zusammenarbeit zwischen den Beteiligten in Deutschland nötig, auch mit den Krankenkassen. Denn „Digitalisierung funktioniert nur gemeinsam“, erklärte Klose.

Wann startet das E-Rezept?

Menk mahnte, die Apotheker müssten sich selbst vernetzen, weil fremde Portale sonst wie bei Hotels hohe Provisionen verlangen würden. Auch über die vielen noch ausstehenden Vereinbarungen zu den auszutauschenden Datensätzen wurde diskutiert. Schmidt gab sich dazu sehr zuversichtlich, aber er erwarte nicht, dass am 1. Januar 2021 E-Rezepte im Regelbetrieb bearbeitet würden. Klose meinte dagegen, es werde schneller gehen, als es jetzt erwartet werde. Für Menk ist es entscheidend, die Zeit zu nutzen, jetzt zu beginnen, sich in den Apotheken auf veränderte Abläufe einzurichten und das Team zu schulen. Schreiner betonte, die Leistungsfähigkeit der Apotheken vor Ort sei ein großer Vorteil. Keiner werde das so gut hinbekommen. Doch die Verknüpfung der Apotheken vor Ort mit dem E-Rezept sei noch nicht in den Köpfen der Menschen. Da sei noch viel zu tun. Der Hamburger Apotheker Holger Gnekow, der mit der Techniker Krankenkasse ein Pilotprojekt zum E-Rezept durchführt, mahnte, sich nicht zu früh mit Ausnahmen zu beschäftigen, sondern einen Anfang zu machen und ein System für 80 Prozent der Fälle zum Laufen zu bringen.

Insgesamt vermittelte die Veranstaltung eine positive Stimmung des Aufbruchs. Auch skeptische Betrachter dürften auf neue Möglichkeiten durch das E-Rezept neugierig geworden sein. Auch die Agenda für die Politik und die Verbände zeichnete sich ab. Doch für die einzelne Apotheke vor Ort bleibt weiterhin die Frage, was in der derzeitigen Phase der Erwartungen und Vorbereitungen dort schon konkret getan werden kann.



Dr. Thomas Müller-Bohn (tmb), Apotheker und Dipl.-Kaufmann
redaktion@daz.online


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3 Kommentare

Träumereien

von Karl Friedrich Müller am 07.02.2020 um 11:53 Uhr

wenn ich täglich sehe, was für einen Dreck mir manche Ärzte auf Rezept anbieten, frage ich mich, wie das funktionieren soll.
Die PZN werden immer älter..... Hauptsache, einen Müll verordnet, dem Apotheker eine Menge Arbeit gemacht.....
Zertifizierte Software? keine Spur!
Die Arbeit haben wir, die Retaxe auch.
Mit wirklich aktueller Software, bzw DATENBESTAND, wäre der Alltag auch einfacher.

Und dann auf E Rezept? wie soll das gehen???

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e-Rezept um Kommunikationsfunktionen ergänzen...

von Christian Timme am 07.02.2020 um 7:22 Uhr

Der Patient steht mit seinem Rezept zwischen dem austellenden Arzt, Krankenhaus und der liefernden Apotheke und dem Versender. Wer in diesem Umfeld stärker kommuniziert kann dadurch diesen Mehrwert schaffen. Digitalisierung sollte zielgerichtete Kommunikation und nicht nur Target-Selling fördern. Wer hier "punktet" ist auch der Gewinner beim Verbraucher...

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Was will das BMG?

von Reinhard Rodiger am 06.02.2020 um 19:42 Uhr

Was sieht dieser Herr Klose eigentlich, wenn er so etwas sagt:

"... mehr Zusammenarbeit zwischen den Beteiligten in Deutschland nötig, auch mit den Krankenkassen. Denn „Digitalisierung funktioniert nur gemeinsam“.


Da hat er recht. Wenn er die KK dazu bringt, ihren Machtmissbrauch abzulegen und die Apotheken integraler Bestandteil des Gesundheitswesens werden dürfen.

Nur ohne Druck machen die Krankenkassen da nicht mit.
Sie verhalten sich nicht als Partner , weil sie von der Politik geschützt werden und beliebig Raubritter spielen können.
Ein Verantwortlicher aus dem BMG müsste wissen, dass ohne politischen Druck mit den Krankenkassen nichts zu erreichen ist.Es ist bequem, Aufgaben zu verschieben, um Verantwortung los zu werden.Das gilt besonders, da vom BMG alle wichtigen Fragen ausgelassen werden.KK sind der Verursacher vieler Probleme, die die Versorgung erschweren.

Es ist Heuchelei, hier ohne Handlungsbereitschaft Zusammenarbeit zu empfehlen.Dazu gehört Machtbalance,
die bewusst seit Jahrzehnten vernachlässigt wird.

Will das BMG wirklich, dass der Machtmissbrauch der KK erhalten bleibt und wirkliche faire Zusammenarbeit ein Phantom? Digitalisierung ist Machtkampf. Was ist daran so schwer zu verstehen? Eigentlich nichts, es sei denn, man will ihn einseitig nutzen.

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