KiGGS Welle 2 – Teil 1

2006 vs. 2017: Kinder und Jugendliche nehmen weniger Arzneimittel

Stuttgart - 10.10.2019, 10:14 Uhr

Wie steht es um die Arzneimittelanwendung bei Deutschlands Kindern und Jugendlichen? (b/Foto: svetamart / stock.adobe.com)

Wie steht es um die Arzneimittelanwendung bei Deutschlands Kindern und Jugendlichen? (b/Foto: svetamart / stock.adobe.com)


36 Prozent der 3- bis 17-Jährigen haben in den letzten sieben Tagen mindestens ein Arzneimittel oder Nahrungsergänzungsmittel eingenommen – das ist nur eine der vielen Botschaften der neuen Ergebnisse der KiGGS 2, der Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Das klingt nach viel? Ein weiteres Ergebnis ist, dass Deutschlands Kinder und Jugendliche aktuell weniger Arzneimittel einnehmen als noch zwischen 2003 und 2006. Bei den Nahrungsergänzungsmitteln erscheint die Lage etwas unübersichtlicher. Welche Unterschiede es noch gibt, wie es um die Selbstmedikation steht und welche Arzneimittel am häufigsten eingenommen werden hat sich DAZ.online genauer angeschaut.

Wenn Laien an Arzneimittel und Apotheken denken, dann denken sie häufig an ihre Großeltern – also ältere Menschen, deren Gesundheit sozusagen in die Jahre gekommen ist. Doch wer in der Apotheke arbeitet, weiß, dass auch Kinder beziehungsweise deren Eltern einen Großteil der Beratungsleistung in Apotheken in Anspruch nehmen. Was Apothekenmitarbeiter aber wahrscheinlich auch nicht wissen ist, wie viele Arzneimittel und Nahrungsergänzungsmittel Kinder und Jugendliche letztlich tatsächlich einnehmen – dieser Fragestellung ist eine der neuesten Erhebungen der KiGGS-Studie nachgegangen.

Was ist KiGGS?

KiGGS, die Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland, ist Bestandteil des Gesundheitsmonitorings am Robert Koch-Institut (RKI). Dabei werden für Deutschland repräsentative Querschnitterhebungen bei Kindern und Jugendlichen im Alter von 0 bis 17 Jahren wiederholt durchgeführt. Während die erste Basiserhebung als Untersuchungs- und Befragungssurvey (2003–2006) und die KiGGS Welle 1 als reiner Befragungssurvey (2009–2012) stattfand, erfolgte zuletzt die KiGGS Welle 2 von 2014 bis 2017 als kombinierter Untersuchungs- und Befragungssurvey. Im Bundesgesundheitsblatt, Ausgabe Oktober 2019, sind nun insgesamt elf Beiträge zu den neuen Ergebnissen aus der zweiten Welle der KiGGS-Studie veröffentlicht worden. 

Sechs der elf Beiträge im Bundesgesundheitsblatt gehen auf die körperliche und psychische Gesundheit ein: seltenere Erkrankungen von Kindern und Jugendlichen wie Epilepsie oder Herzerkrankungen, Unfallverletzungen, Schmerzen, Essstörungssymptome und die Lebensqualität bei Heranwachsenden mit chronischen Erkrankungen (Asthma bronchiale, Neurodermitis, Adipositas und ADHS). Außerdem wurden Daten zum Anwendungsverhalten von Arzneimittel und Nahrungsergänzungsmittel einschließlich der Selbstmedikation erfasst. Diese sollen eine wertvolle Ergänzung zu Verordnungsdaten darstellen, heißt es in einer entsprechenden Pressemitteilung des RKI

Die neue KiGGS Welle 2 liefert Informationen dazu, wie häufig Kinder und Jugendliche im Alter von 3 bis 17 Jahren Arzneimittel und Nahrungsergänzungsmittel (NEM) anwenden, und welche das sind. 

Jedes dritte Kind: mehr als ein Arzneimittel oder NEM in der letzten Woche

In der aktuellen „KiGGS Welle 2“ (2014–2017) wurden 3.462 Kinder und Jugendliche im Alter von 3 bis 17 Jahren mittels eines computergestützten persönlichen Interviews zur aktuellen Anwendung von Arzneimittel und NEM in den letzten sieben Tagen befragt. Die Studienteilnehmenden sollten auch sämtliche Originalpackungen der Präparate mitbringen, die sie in den letzten sieben Tagen vor dem Untersuchungstermin angewendet hatten – inklusive der Präparate aus dem Supermarkt oder aus Drogerien. Ebenso sollten Depotmittel angegeben werden, auch wenn das Kind diese zuletzt vor mehr als sieben Tagen eingenommen hatte.

Das Ergebnis: In der KiGGS Welle 2 hatten 36,4 Prozent (95%-KI 34,1–38,8) der 3- bis 17-Jährigen mindestens ein Arzneimittel/NEM in den letzten sieben Tagen angewendet. Insgesamt gaben 1.292 Teilnehmende die Anwendung mindestens eines Arzneimittels und/oder NEMs in den letzten sieben Tagen an. Bei den Mädchen waren es etwas mehr (38,5%) als bei den Jungen (34,4%). Der prägnante Befund lautet also: Mehr als jedes dritte Kind hat in den letzten sieben Tagen ein Arzneimittel oder NEM angewendet. Dieses Ergebnis „unterstreicht die Bedeutung der Anwendung von Arzneimitteln und NEM in dieser Altersgruppe“, heißt es in der Schlussfolgerung der Veröffentlichung der Daten zur KiGGS Welle 2. Allerdings: Insgesamt ist die Anwendungshäufigkeit von Arzneimitteln bei Kindern und Jugendlichen gesunken.

Abnahme in den Bereichen „Nervensystem“, „systemische Antiinfektiva“, „systemische Hormonpräparate“ und „alimentäres System“

Zum Vergleich: Gegenüber der KiGGS-Basiserhebung (n = 14.679) zeigt sich ein signifikanter Rückgang der gesamten Anwendungsprävalenz: Sie sank von 46,4 Prozent (95%-KI 44,9–47,8) auf die aktuellen 36,4 Prozent (95 %-KI 34,1–38,8). Weil die Fragen zu beiden Erhebungszeitpunkten allerdings nicht identisch gestellt wurden, wurde in korrigierten, vergleichenden Analysen die ausschließliche Anwendung von Salben, Einreibungen und Homöopathika (in KiGGS Welle 2 nicht ausdrücklich erfragt) in beiden Wellen als „Nichtanwendung“ gewertet. Der so berechnete Rückgang betrug dann nur noch rund sechs Prozentpunkte (38,8 % (95%-KI 37,4–40,2) vs. 32,5% (95%-KI 30,2–34,9), p=<0,001).

Der Rückgang in der Arzneimittelanwendung bezog sich vor allem auf die ATC-Klassen „N Nervensystem“ (7,5 % vs. 5,4 %), „J Antiinfektiva zur systemischen Anwendung“ (2,5 % vs. 1,4 %) und „H Systemische Hormonpräparate exkl. Sexualhormone u. Insuline“ (2,0 % vs. 1,1 %)“. Aber auch für „A Alimentäres System und Stoffwechsel“ war eine Abnahme zu erkennen, während sich aber eine signifikante Zunahme in der ATC-Klasse „V Varia“ zeigte.

Nahrungsergänzungsmittel bedürfen weiterer Analyse

Zu den „V Varia“ zählen Nahrungsergänzungsmittel (NEM) als häufige Gruppe. Zum Teil sollen die Abnahme in Gruppe A und die Zunahme in Gruppe V deshalb durch Änderungen in der Codierung erklärt werden. Denn während in der KiGGS-Basiserhebung Vitamine und Mineralstoffe überwiegend in der ATC-Klasse „A“ codiert wurden, wurden diese Präparate in KiGGS Welle 2 als Nahrungsergänzungsmittel eingeordnet.

Betrachtet man die beiden ATC-Klassen „A“ und „V“ gemeinsam, zeigt sich allerdings zwar, wie bei den Arzneimitteln, auch ein Rückgang im zeitlichen Vergleich – dieser soll aber bedeutend geringer ausfallen. Somit sollen sich die Rückgänge in der ATC-Klasse „A“ und die Anstiege in der ATC-Klasse „V“ nicht ausschließlich über die veränderte Codierung erklären lassen. Es bedürfe weiterer vertiefender Analysen, heißt es in der Veröffentlichung. Zur Einordnung: In der KiGGS-Basiserhebung (2003–2006) wendeten 20 Prozent der 12- bis 17-Jährigen NEM an.

Im zweiten Teil der Artikelreihe zur KiGGS Welle 2 erfahren sie, welche Arzneimittel bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland am häufigsten zum Einsatz kommen.



Diana Moll, Apothekerin und Redakteurin, Deutsche Apotheker Zeitung (dm)
redaktion@daz.online


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