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Das Für und Wider – Pro- und Antibiotika

München - 25.02.2019, 14:00 Uhr

Machen Probiotika bei Antibiotika Sinn? (c / Foto: T. L. Furrer / stock.adobe.com)

Machen Probiotika bei Antibiotika Sinn? (c / Foto: T. L. Furrer / stock.adobe.com)


Probiotika prophylaktisch?

Wurden die Präparate zunächst nur bei bestehenden Komplikationen wie Durchfällen, Krämpfen und Blähungen eingesetzt, geht der Trend – proportional zum vorherrschenden Probiotika-Boom – zur präventiven Empfehlung. Wer also ein Antibiotikum auf einem Rezept verordnet bekommt, erhält meist beim Arzt, spätestens aber in der Apotheke, den dringlichen Rat, sich schon prophylaktisch mit einem Probiotikum zu versorgen. Einige Hersteller haben dafür eigens abgestimmte Produkte, randvoll mit Lactobazillen und Bifidobakterien, die die Auswirkungen der antibiotischen Therapie eindämmen sollen. Das leuchtet ein, leidet doch die natürlich Darmumgebung, die eben von diesen Mikroorganismen besiedelt wird, unter dem Antibiotikum. Doch so einfach scheint es nicht zu sein.

Vorsicht bei Immungeschwächten

Die individuelle Zusammensetzung der Darmmikrobiota kann nicht einfach imitiert werden. Folglich erfüllen die Probiotika nicht zwingend den gewünschten Zweck. Neueste Erkenntnisse, veröffentlicht in der Fachzeitschrift Cell, lassen sogar vermuten, dass die unbedarfte Einnahme von Probiotika die selbstständige Wiederbesiedlung der eigenen Darmflora nach – besonders mehrmaliger – Antibiotika-Gabe verzögert. Entgegen früheren Publikationen verweisen diese großangelegten Studien darauf, dass sogar gesundheitliche Schäden durch probiotische Produkte nicht auszuschließen sind. Das Problem bei den vorgefertigten Präparaten liegt im großen Teil darin, dass sie nicht optimal auf den jeweiligen Patienten abgestimmt sind. Einige Bakterienkulturen schaffen es überhaupt nicht an ihren Hauptwirkort, den Dickdarm, sondern werden vorher verdaut. Bei einigen Anwendern greift die Besiedlung von außen nicht, selbst wenn die Mikroorganismen lebend bis zum Darm durchgedrungen sind. Für einen Bruchteil der Patienten, besonders für ältere und immungeschwächte, können sogar ernsthafte bakterielle Infektionen die Folge von Probiotika sein, wenn die Bakterien die Überhand über die „heimischen“ im Darm gewinnen. Das Prinzip dabei ist das gleiche wie bei der CDAD. Hier gilt unbedingt die  Anwendungsbeschränkung: Probiotika? Nur wenn ärztlich abgesegnet! 

Für alle anderen sollte das Probiotikum zu oder nach einem Antibiotikum eine Einzelfallentscheidung bleiben. Der Markt bietet dafür allerhand Produkte, die auch von Kunden mehr und mehr gefordert werden. Wer ansonsten fit und gesund ist und bisher keine Unverträglichkeiten zeigt, kann mit Probiotika – besser noch mit einem Synbiotikum – einen Versuch starten, die unerwünschten Begleiterscheinungen, vor allem die Diarrhö, zu minimieren, obwohl eine fundierte Datenlage zur Wirksamkeit nur in Teilen vorliegt und der Effekt nicht für jeden Menschen zu erwarten ist. Präbiotika bieten dabei eine etwas weniger kräftige, aber sichere Alternative zu Produkten mit lebenden Kulturen. Wenn sich Probleme nicht eindämmen lassen oder wiederkehren, sollte sich der Anwender in ärztliche Obhut begeben.



Sophie Kelm-Worbs, Apothekerin, DAZ-Autorin
redaktion@daz.online


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