Gestreckte Krebsmittel?

„Herr S. geht wieder mit Zytostatika spielen“

Essen - 18.01.2018, 17:55 Uhr

Der frühere Apothekenmitarbeiter und Whistleblower Martin Porwoll (rechts) mit seinem Zeugenbeistand vor seiner mehrstündigen Aussage vor dem Landgericht Essen. (Foto: hfd)

Der frühere Apothekenmitarbeiter und Whistleblower Martin Porwoll (rechts) mit seinem Zeugenbeistand vor seiner mehrstündigen Aussage vor dem Landgericht Essen. (Foto: hfd)


Mehrere Dutzend Millionen Euro Jahresumsatz

Das Zyto-Thema sei für ihn „vollkommen in den Hintergrund gerückt“, erklärte der Kaufmann. Es war Porwoll anzumerken, dass ihm die Arbeit in der Apotheke eigentlich sehr gefiel: Zusammen mit S. sei es darum gegangen, die Apotheke „zukunftsfähig“ zu machen – es seien sehr viele neue Projekte angeschoben worden. Er selber habe knapp 100.000 Euro brutto verdient, der Apotheke sei es wirtschaftlich gut gegangen. Den genauen Gewinn habe er zwar nicht gekannt, doch seien Jahresumsätze von mehreren Dutzend Millionen Euro normal gewesen. Die Eltern des Apothekers, die beide selber Pharmazeuten waren, hatten die Apotheke zuvor geführt – und sich weiterhin in die Geschäfte eingemischt. Dies habe er jedoch von anderen Familienunternehmen schon so gekannt, sagte der Zeuge. Die Mutter sei auch über das Tagesgeschäft „sehr, sehr gut informiert“ gewesen.

Nachdem laut Porwoll Ende 2014 die „beiden zentralen Mitarbeiter im Zyto-Labor“ gekündigt hatten, habe er lange Gespräche mit ihnen über ihre Gründe geführt. An erster Stelle hätten sie die Arbeitsbelastung angeführt, doch auch, dass die Zustände im Zyto-Labor „nicht tragbar“ gewesen seien – was beispielsweise hygienische Mängel anbelangte. Er habe diese aber nicht verifizieren könnten, erklärte Porwoll. Eine Zyto-PTA habe ihm geraten, sich insbesondere einen Wirkstoff anzusehen: Sie hätte den Eindruck, dass maximal die Hälfte aller hiermit bestückten Spritzen richtig produziert worden sei, erinnerte sich Porwoll an das Gespräch.

Wie haben die Mitarbeiter vom vermeintlichen Betrug erfahren?

Auf der Weihnachtsfeier 2014 hätten andere PTAs, die in die Zyto-Abteilung nachgerückt waren, erneut das Thema angesprochen. Im Frühjahr 2015 kam außerdem die PTA Marie Klein hinzu, mit der es gleichfalls Gespräche hierzu gab. Zunächst hätten sie aber eine „gemeinsame Sprache“ entwickeln müssen, „um über einen Themenbereich zu sprechen, über den man eigentlich gar nicht sprechen kann“, erklärte Porwoll vor Gericht.

Einige PTAs hätten gesagt, S. habe die Wirkstoffe „reingezaubert“. In einem Labor, das bis vor gut zwei Jahren betrieben wurde, habe er den Apotheker selber in Straßenkleidung gesehen. „Es war nicht zu übersehen, wie er arbeitet“, erklärte Porwoll. Er habe den Apotheker selber nicht darauf angesprochen, sagte er, da er die Autorität von S. „akzeptiert“ hätte. Es habe in seiner Zeit nur eine angekündigte Kontrolle durch die Amtsapothekerin gegeben – sowie die Abnahme eines neuen Zyto-Labors.



Hinnerk Feldwisch-Drentrup, Autor DAZ.online
redaktion@daz.online


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