Linken-Gesundheitspolitikerin Kathrin Vogler im DAZ-Interview

„DocMorris will die Monopolstellung!“

Berlin - 24.08.2017, 07:00 Uhr

Linken-Politikerin Kathrin Vogler im Interview mit der DAZ in Berlin. (Foto: Sket)

Linken-Politikerin Kathrin Vogler im Interview mit der DAZ in Berlin. (Foto: Sket)


Für Kathrin Vogler von der Linken sind Konzepte wie in Hüffenhardt keine Lösung, um die Arzneimittelversorgung auf dem Land zu sichern. Auch dem Versandhandel steht sie kritisch gegenüber und wünscht sich eine neue Initiative für das Rx-Versandverbot. Das Apothekenhonorar würde sie gern um eine Versorgungskomponente erweitern, sieht aber Schwierigkeiten, dass System ohne Schaden umzustellen.

Obwohl Kathrin Vogler dem Versandhandel kritisch gegenübersteht – die Linke fordert schon seit Jahren das Rx-Versandverbot –, hat sie privat schon Arzneimittel bestellt – wenn auch nicht für sich selbst. Mit dem Erlebnis war sie aber sehr unzufrieden. Zum einen sind ihr die Kaufanreize negativ aufgefallen „Ab einem gewissen Mindestbestellwert zahlt man kein Porto mehr – da bestellt man schon mal etwas mehr als man eigentlich braucht.“ Darüber hinaus sei auch die Beratung nicht zufriedenstellend gewesen: „Es hat nie jemand nachgefragt, wenn wir mal fünf Packungen Paracetamol und noch einmal ASS oder Diclofenac dazu bestellt haben“, sagt Vogler. Die Eigenschaften der Apotheke vor Ort schätzt die Politikerin dagegen sehr, sieht aber auch weiteres Potenzial. „Ich denke, die Apotheke kann sich auch weiterentwickeln, sie könnte etwa stärker in Präventionsaufgaben einbezogen werden“, sagt Vogler. Bei der Struktur der Gesundheitsversorgung könne man nicht nur die Apotheken isoliert betrachten, findet sie, da die einzelnen Berufsgruppen aufeinander angewiesen sind. Beginnen will die Bundestagsabgeordnete damit, für Ärzte neue Anreize zu schaffen, sich auf dem Land anzusiedeln. „Und sind die Ärzte vor Ort, können auch die Apotheken erhalten bleiben, fügt Vogler hinzu. Die Versorgung mit Arzneimitteln in die Hände von technischen Systemen zu legen, wie beim Arzneimittelautomat in Hüffenhardt, sei unverantwortlich – „selbst wenn ein Pharmazeut am anderen Ende sitzt.“

Innovativer Versandhandel? „Absoluter Bullshit“!

Mit Sorge betrachtet Vogler das Wachstum von Zur Rose und DocMorris. Scharf kritisiert sie in diesem Zusammenhang auch die Regierung. „Es ist wirklich eine Schande, dass die Bundesregierung es nicht hinbekommen hat, regulierend einzugreifen. Das Versandhandelsverbot für verschreibungspflichtige Arzneimittel hätte kommen können – und kommen müssen.“ Immerhin hätten die Befürworter aus Union und Linke eine Mehrheit im Bundestag gehabt, doch die Union hatte dem Koalitionspartner SPD, der das Verbot ablehnt, die Treue gehalten. Für Vogler ist das Rx-Versandverbot aber auch weiterhin alternativlos. Ein Boni-Deckel, wie von den Grünen und der SPD gefordert, würde „den Prozess höchstens ein bisschen aufhalten“, sagt Vogler. Dass der Versandhandel ein Konzept für Digitalisierung und Innovation sei, bezeichnet die Politikerin als „absoluten Bullshit“. Vielmehr gehe es DocMorris & Co darum, „eine Investitionsmöglichkeit für Kapitalbesitzer zu schaffen und damit den Apothekenmarkt in Deutschland auf­zurollen, zu deregulieren.“ Finales Ziel sei die Monopolstellung in Deutschland, befürchtet Vogler. Aktuelle Zahlen bestätigen ihren Verdacht. So konnte DocMorris den OTC-Umsatz um 42,8 Prozent und ihren Rx-Umsatz um 7,2 Prozent im ersten Halbjahr 2017 steigern.

„Ich denke, dass wir am bestehenden System festhalten sollten“.

Auch wenn es ähnliche Entwicklungen auch in anderen Bereichen gibt, sei diese für Arzneimittel – gerade für die Akutversorgung – unsinnig. „Und das ist auch DocMorris klar. Sie zielen aufs Rosinenpicken, sie wollen die Chroniker mit regelmäßigen Rezepten und wenig Beratungsbedarf abfischen“, ergänzt Vogler. Für die Apotheken vor Ort bleibe dann nur noch die Akutversorgung, aber „so lässt sich eine Apotheke nicht aufrechterhalten.“ Angesprochen darauf, ob alternative Apothekenformen möglich wären, lehnt Vogler ab. „Ich denke, dass wir am bestehenden System festhalten sollten“. Auch das Fremd- und Mehrbesitzverbot müsse im Kern erhalten bleiben. Einzige Ausnahme: Vogler kann sich Apotheken in öffentlicher Hand vorstellen, wenn sich sonst kein Apotheker findet.




Dr. Mathias Schneider, Apotheker, Volontär DAZ
redaktion@daz.online


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3 Kommentare

lobenswert

von Olaf Rose am 28.08.2017 um 12:22 Uhr

Die geradlinige Vernunft, mit der Frau Vogler im Thema Gesundheitspolitik nachhaltig unterwegs ist, ist schon verblüffend. Man hat fast den Eindruck, dass sie die einzige Akteurin in Berlin ist, der wirklich an der Sache gelegen ist und der es nicht um Proporz und Dünkel geht. Chapeau zu dieser Ehrlichkeit und Kompetenz!

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Die "Linke" und die Deutsche APOTHEKE

von Heiko Barz am 24.08.2017 um 11:07 Uhr

Solange uns deutschen Apothekern die Wirtschaftkriterien der Holländer gesetzlich verweigert werden ( z.B.: Einkaufsbedingungen wie vor 2004 )können wir niemals als eine Konkurrenz zu jenen auftreten. Auch das dümmliche Geschwätz der sog. Boni ringt den Holländern nicht mal ein müdes Lächeln ab. Mit den Einkaufsvorteilen dieser Gruppe könnten wir lässig konkurrieren und es gäbe kaum ein Diskussion über Arzneimittelversorgungen auch auf dem Lande.
Wenn ich als "Kaufmann" 30% und mehr Einkaufsvorteleile erarbeite und auch die Skontofrage nicht dauernd wie ein Damokles -Schwert bedrohlich über uns kreiste, kann auch ich andere "Boni" ausschütten.
Hat irgendjemand schon mal die von uns ein Berufsleben lang mit Zwangsbeiträgen begüterte IHKammer befragt, ob das als eine vergleichbare Wirtschaftlichkeit mit den Holländern anzusehen ist?
Wem haben die KKassen ihren Finanziellen Überbauch denn zu verdanken?
Wir müssen schon eine" linke "Stimme akzeptieren, die das Dilemma eines Ihr eigentlich ungeliebten Berufstandes deutlich aufzeigt.
Die Angst der etablierten Politiker vor der "Schreienden" Presse , wieder Klientel-Politk zu machen, speziell so kurz vor den Wahlen, läßt diese Protagonisten fast aller Parteien argumentativ verstummen.
Die Angst, den Deutschen Apotheker zu schützen, ist so gewaltig, dass man lieber den heilsbringenden Arzneimittelversandpiraten aus Holland jeden Bewegungsraum verspricht.
Von unseren "Leuten"- Schmidt und Co.- dringt zu dieser Thematik aber auch gar Nichts nach außen. Da erwarte ich, wie auch beim letzten DAT, nur flaches Geschwafel, ohne dass irgendeine demonstrative Aktion erfolgt. Siehe letzter DAT, als die Herren Schmidt und Tisch noch fest davon überzeugt waren, dass der polnische EUAnwalt für die Deutsche APOTHEKE entscheide.
Und die Reaktionen darauf????????!

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DoMo

von Anita Peter am 24.08.2017 um 8:58 Uhr

Was DoMo respektive zur Rose will, erzählen sie den Anlegern und Investoren doch sehr genau. Nur den Politikern wird in Robin Hood Manier was anderes erzählt. Und die SPD betet das ganze dann 1:1 nach.

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