Versandapotheke

Zur Rose hat das deutsche Rx-Geschäft im Visier

Berlin - 29.06.2016, 10:20 Uhr

Will Marktführerschaft bei den rezeptpflichten Arzneimitteln ausbauen: Zu Rose-Chef Walter Oberhänsli. (Foto: DAZ/Sket)

Will Marktführerschaft bei den rezeptpflichten Arzneimitteln ausbauen: Zu Rose-Chef Walter Oberhänsli. (Foto: DAZ/Sket)


Mit Hilfe des neuen Ankeraktionärs Corisol will die Schweizer Zur Rose-Gruppe ihr Geschäft in Deutschland erweitern. Der DocMorris-Mutterkonzern will die Marktführerschaft im Versandhandel mit Rx-Arzneimitteln ausbauen und freut sich auf das Urteil des Europäischen Gerichtshofes zum Rabattverbot.

Die Schweizer Unternehmensgruppe Zur Rose strebt zu neuer Blüte – auch in Deutschland. Nachdem der Online-Versandhändler und Großhändler für Ärzte mit der ebenfalls in der Schweiz ansässigen Corisol-Gruppe kürzlich einen neuen Großaktionär gefunden hat, stehen die Zeichen nun auf Expansion. „Erstens möchten wir die Marktführerschaft im Segment der rezeptpflichtigen Arzneimittel in Deutschland mit geeigneten Marketingaktivitäten weiter ausbauen. Zweitens beabsichtigen wir, das Wachstum der rezeptfreien Medikamente in Deutschland durch gezieltes Onlinemarketing zu beschleunigen“, erklärte Vorstandsvorsitzende Walter Oberhänsli im Interview mit schweizeraktien.net. In diesem Geschäftsfeld findet laut Oberhänsli eine starke Marktdynamik statt.

Darüber hinaus will der Manager die Position der Gruppe in der Schweiz stärken. So stehe dort die Omnichannel-Strategie durch die Verknüpfung von Versand- und stationärem Geschäft im Fokus. Nähere Angaben zu den Expansionsplänen machte eine Unternehmenssprecherin auf Anfrage von DAZ.online noch nicht.

Schon in den vergangenen Jahren hatten die Schweizer ihre Aktivitäten hierzulande verstärkt. Ende 2012 hatte Zur Rose von Celesio die Versandapotheke DocMoris übernommen und zur Finanzierung eine Unternehmensanleihe über 50 Millionen Franken begeben. Damit stieg die Gruppe nach eigenen Worten zur größten Online-Apotheke Europas auf. Mitte 2015 übernahm das Unternehmen eine Mehrheitsbeteiligung an BlueCare in Winterthur, einem Anbieter von „vernetzenden Systemen“ im Schweizer Gesundheitswesen. Schließlich nahm die Gruppe im vergangenen Jahr im niederländischen Heerlen ein neues Logistikzentrum in Betrieb.

20 Millionen Franken von Corisol

Corisol wird sich nach Unternehmensangaben zunächst mit 13,3 Prozent am Aktienkapital von Zur Rose beteiligen und in einer ersten Tranche 20 Millionen Franken investieren. Nach Erreichung bestimmter Meilensteine werde Corisol weitere 18 bis 24 Millionen Franken zur Stärkung der Eigenkapitalbasis der Zur Rose-Gruppe einzahlen. Der neue Investor wird dadurch zwar der größte Einzelaktionär von Zur Rose sein, aber nicht die Mehrheit und damit die Kontrolle über die Gesellschaft übernehmen.

Die seit Januar 2016 laufende Suche nach einem Investor begründete Oberhänsli gegenüber schweizeraktien.net damit, dass es ihm wichtig sei, einen Ankeraktionär an Bord zu haben, der zur Philosophie von Zur Rose passe und sich langfristig engagiere. Hinter Corisol mit Sitz in Zug steht die Schweizer Unternehmerfamilie Frey. Vanessa Frey, CEO und Verwaltungsratsmitglied der Corisol Holding AG, soll am 1. September neues Mitglied des Verwaltungsrates der Zur Rose Group AG werden.

Die Sonne scheint nicht immer

Trotz des Wachstums der vergangenen Jahre scheint über der Zur Rose-Gruppe nicht immer die Sonne. So ging der Umsatz 2015 gegenüber der Vorjahreszeit um 8,9 Prozent auf 834 Millionen Franken zurück. Dabei fielen vor allem der schwache Euro und der bewusste Verzicht des margenschwachen Grohandelsgeschäfts von DocMorris ins Gewicht. Der Betriebsgewinn (Ebitda) lag mit 15,8 Millionen Franken leicht unter dem Vorjahreswert. Im Geschäftsjahr 2013 hatte Zur Rose einen hohen Verlust gebucht, der unter anderem auf die DocMorris-Integration zurückzuführen war.

Darüber hinaus führt Zur Rose nach einer Einschätzung der Berner Kantonalbank seit Jahren in der Schweiz „einen Kampf“ gegen traditionelle Apotheken, die sich auf juristischem Weg gegen den Wettbewerber wehren. Laufend gebe es Klagen kantonaler Apothekerverbände, die im Versandhandel eine Verletzung des „Selbstdispensationsverbots“ – dem Verbot des Medikamentenverkaufs durch Ärzte – oder in der Zusammenarbeit von Ärzten mit Zur Rose einen Verstoß gegen das heilmittelrechtliche Vorteilsverbot sehen. Mit einer ähnlichen Situation müsse sich auch DocMorris in Deutschland auseinandersetzen. Nach einer Entscheidung des Gemeinsamen Senats der obersten Gerichtshöfe des Bundes im Jahr 2012 müssen sich auch ausländische Apotheken an die deutschen Festpreise halten, wenn sie Rx-Arzneimittel nach Deutschland versenden. Kurz darauf hatte der Gesetzgeber diese Preisbindung auch im Arzneimittelgesetz festgeschrieben.

Auftrieb für Versandgeschäft

Zur Rose-Chef Oberhänsli rechnet nun damit, dass der Europäische Gerichtshof im zweiten Halbjahr 2016 ein Urteil zum Rabattverbot sprechen wird. „Falls das Rabattverbot fällt, würde dies diesem Geschäftsfeld sicherlich starken Auftrieb geben. Bis 2012, das heißt vor der Festpreisverordnung, ist DocMorris rund zehn Prozent im Jahr gewachsen“, so Oberhänsli.

Darüber hinaus sieht die Berner Kantonalbank für Zur Rose weiteres Potenzial in der zunehmenden Anwendung innovativer Technologien bei der Medikamentenabgabe. Elektronische Geräte und neue Absatzkanäle würden die klassischen Kanäle ersetzen, wie dies bereits im Buchhandel und der Musikindustrie der Fall sei. Darüber hinaus seien der Kostendruck im Gesundheitswesen und der demografische Wandel für die Gruppe Wachstumstreiber im Medikamenten-Versandgeschäft. Für Investoren bleibe die Zur Rose-Aktie damit eine große Chance, um von den Trends „elektronischer Handel“, „Kostendruck im Gesundheitswesen“ und der „Überalterung der Gesellschaft in Europa“ profitieren zu können.

Von Ärzten gegründet

Die Zur Rose Group AG wurde 1993 als Großhandelsunternehmen für Arzneimittel von Schweizer Ärzten gegründet. Das ursprüngliche Geschäftsfeld wurde 2001 mit dem Start des Versandhandels für Medikamente in der Schweiz, später auch in Deutschland und Österreich, erweitert. Mit den Marken „Zur Rose“ und „DocMorris“ bedient die Zur Rose-Gruppe heute in der Schweiz, Deutschland und Österreich sowohl Geschäfts- als auch Privatkunden. Der operative Sitz befindet sich in Frauenfeld/Schweiz. In Deutschland und Österreich ist die Gruppe mit Tochtergesellschaften in Heerlen (Niederlande) und Halle an der Saale aktiv. Die Gruppe beschäftigt insgesamt über 800 Mitarbeiter.



Thorsten Schüller, Autor DAZ.online
redaktion@daz.online


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