Stuttgart

Apotheke schließt nach vier Generationen

Stuttgart - 24.12.2015, 09:30 Uhr


Die Apotheke am Schillerplatz in Stuttgart-Vaihingen gibt es seit 111 Jahren, doch am 30.12.2015 ist Schluss. Inhaberin Eva-Maria Steckkönig konnte keinen Nachfolger finden – die Auflagen zur Barrierefreiheit wurden zu einem nicht kalkulierbarem Risiko.  

Betritt man die Offizin der Apotheke am Schillerplatz in Stuttgart-Vaihingen, so spürt man gleich, dass es „so eine Apotheke“ ist, in der die Kunden mit Namen angesprochen und mehr als nur fachgerecht beraten werden. Eine moderner HV und eine familiäre Atmosphäre – das findet man nicht mehr ganz so oft. Beratung auf Augenhöhe – das ist es auch, worauf die Inhaberin Eva-Maria Steckkönig immer besonders viel Wert gelegt hat. Doch nun ist es vorbei: am 30.12.2015 wird sie den Apothekenschlüssel ein letztes Mal umdrehen, die vielen historischen Gegenstände ihrer Vorfahren aus den Vitrinen nehmen und sich verabschieden – auch von einem Teil ihrer Kindheit.

Angefangen hat alles im Jahr 1904: Willhelm von Dittrich, Besitzer der „Apotheke Möhringen“ eröffnete eine Filiale in Vaihingen. Er war der Urgroßvater der heutigen Inhaberin Eva-Maria Steckkönig. 1913 wird in einem Visitationsprotokoll erstmal der Name des Apothekers Max Moest, späterer Schwiegersohn des Gründers, als Apothekenverwalter erwähnt. 

1925 – nach dem Ersten Weltkrieg und der Inflationszeit – baute Max Moest die Filiale zur Vollapotheke aus. Nach der Eingemeindung nach Stuttgart erfolgte im Jahr 1942 die Umbenennung in „Apotheke am Schillerplatz“. Nach Ausbruch des zweiten Weltkrieges gab es bald ganz erhebliche Schwierigkeiten bei der Versorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln. In den Großhandlungen wurde die Ware knapp und es gelang nur mit sehr viel persönlichem Engagement, das eine oder andere herbeizuschaffen. In der Umgebung wurde bald bekannt: In der Vaihinger Apotheke kann man vielleicht noch etwas bekommen.

Im April 1944 wurde die Apotheke so stark beschädigt, dass die Geschäftsräume für einige Zeit in einen leerstehenden Friseursalon in der Hauptstraße verlegt werden mussten. Nach Ende des Krieges wurde die Lage noch kritischer, da viele Arznei- und Verbandmittel sowie Grundstoffe kaum mehr zu beschaffen waren. Auch das Verpackungsproblem war riesig. Es gab kaum Fertigarzneimittel und vieles musste noch selbst hergestellt werden. Da es an Gefäßen zur Abgabe fehlte, brachten die Kunden leere Bierflaschen, Kaffeetassen oder Schüsseln mit, manchmal auch nur Butterbrotpapier.

Eine große Erleichterung für Max Moest war es, dass sein Sohn Herbert, als einziger seiner drei Söhne aus dem Krieg zurückgekommen, Apotheker werden wollte. Er übernahm 1955 nach dem Tod seines Vaters die Apotheke. Seine Tochter Eva-Maria war damals gerade 6 Jahre alt und oft in der elterlichen Apotheke anzutreffen. Und schon als Mädchen hat sie gelernt „Kunden muss man hegen und pflegen“. Einen Grundsatz, den sie nie vergessen hat. Noch heute kommen Kunden, die sich an ihren Vater Herbert, ja sogar an den Großvater erinnern können. Und so ist Eva-Maria auch mit den Kunden großgeworden. 

Nach ihrem Pharmaziestudium in Tübingen stand sie ihrem Vater noch einige Zeit tatkräftig als Apothekerin zur Seite, ehe sie 1992 die Apotheke übernahm. Gerne erinnert sie sich noch an die früheren Zeiten, in denen sie in der Rezeptur stand. Dort nicht nur mit der Herstellung von Nasensalbe und Pfefferminzplätzchen, sondern auch dem „Vaihinger Gesundheitstee“ befasst. 23 Jahre war sie die Chefin einer Familiendynastie, die nun zu Ende geht.

Gerne hätte Steckkönig die Apotheke verkauft, sodass es die „Apotheke am Schillerplatz" weiterhin geben kann, doch die 2012 in Kraft getretene Apothekenbetriebsordnung sollte ihr einen gewaltigen Strich durch die Rechnung machen. Die Apotheken-Offizin „soll barrierefrei erreichbar sein“, so sieht es die Apothekenbetriebsordnung vor. Viele Apotheken, die derzeit über eine Treppe zu erreichen sind, stellt dies vor erhebliche Probleme – auch die Apotheke am Schillerplatz musste sich bei einer Revision mit dem Thema Barrierefreiheit auseinandersetzen, bauliche Maßnahmen prüfen und konnte vom Bestandsschutz profitieren.

Doch schon bei einer größeren Modernisierung, spätestens mit Erteilung einer neuen Betriebserlaubnis bei Übergabe des Betriebs in andere Hände, könnte es ernst werden. Das Anbringen einer Rampe an der Apotheke am Schillerplatz würde einen erheblichen finanziellen Aufwand mit sich bringen. Ob die Stadt eine hierzu erforderliche Sondernutzungserlaubnis von öffentlichem Verkehrsraum genehmigen würde, ist auch unklar. Ein unzumutbares Risiko also für jeden potenziellen Käufer der Apotheke.

Außerdem, so Steckkönig, ist es in den letzten Jahren zunehmend schwer geworden, gutes Personal zu finden, vor allem PTA seien derzeit Mangelware. „Und wie wollen Sie eine Apotheke ohne gutes Personal führen?“, sagt Steckkönig. Deshalb hat sie sich entschlossen zu schließen – und zwar für immer.

Anfang November erfuhren ihre Kunden, dass die Apotheke schließt und die Wertschätzung, die sie seitdem erfahren hat, macht Steckkönig sehr glücklich: „Man hat wohl doch vieles richtig gemacht, wenn einem die Kunden so viel Würdigung entgegen bringen“. Es flossen schon die ersten Abschiedstränen. „Ich werde meine Kunden sehr vermissen und hoffe, dass sie in anderen Apotheken auch gut beraten werden, denn die persönliche Beratung war immer das, worauf unsere Kunden so viel Wert gelegt haben. Leider wurde einem das durch die stets steigenden bürokratischen Anforderungen immer schwerer gemacht.“

Ihre neugewonnen Freiheit wird die Pharmazeutin vor allem ihrem Enkelkind widmen. Die 18 Monate alte Tochter ihres Sohns freut sich schon, dass Oma nun viel Zeit hat. Außerdem wolle sie sich musisch weiterbilden und einfach das Leben genießen – auch ohne Apotheke.


Cornelia Neth, Autorin DAZ.online
redaktion@daz.online


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4 Kommentare

Apothekenschließung

von Hubertus M. Lüpschen am 07.01.2016 um 20:25 Uhr

Überall gibt es die Besitzstandswahrung, warum werden Apotheken & Ärzte davon ausgeschlossen ?

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Barrierefreiheit

von Bernd Küsgens am 30.12.2015 um 18:32 Uhr

Hier kann man wieder einmal sehen, wozu die "Barrierefreiheit" führt. Wie viele Arztpraxen müssten geschlossen werden, die nur über Treppen und nicht mit einem Aufzug zu erreichen sind. Warum führt keiner mit Hilfe eines Verbandes den Musterprozess. Die Arzneimittelversorgung ist durch Treppen doch nicht verschlechtert.

» Auf diesen Kommentar antworten | 1 Antwort

AW: Barrierefreiheit

von Holger Goetzendorff am 01.01.2016 um 9:47 Uhr

Es ist nicht richtig, dass Apotheken mit Treppen schließen müssen. Die Apotheke sollte zunächst ein Konzept für die Realisierung der Barrierefreiheit vorlegen. Dabei müssen die Aufwendungen dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit genügen. Bürgersteiganhebungen fallen in der Regel in den öffentlichen Straßenraum und sind wegen des öffentlichen Auftrages der Apotheke von den Gemeinden zu tragen. Wenn keine Möglichkeit besteht, das Apothekenhaus barrierefrei zu gestalten, muss eine Ausnahmegenehmigung erteilt werden. Das gilt auch für eine neue Betriebserlaubnis. Die Klage vor dem Verwaltungsgericht ist für den Inhaber nicht aufwendig, aber unter Umständen für die Behörde sehr teuer. Lieber Herr Küsgens, die Klage ist nicht Sache der Verbände, sondern weil stets Einzelfallentscheidung, Sache des Betroffenen.

Schliessung

von Alexander Zeitler am 26.12.2015 um 20:02 Uhr

Wie befürchtet, trifft es jetzt auch die grösseren Apotheken, sogar in Stuttgart.
ich wünsche meiner Studienkollegin alles Gute. Wahrscheinllich ist es die einzige, mögliche Konsequenz.

» Auf diesen Kommentar antworten | 0 Antworten

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